Der König ist tot



Es gibt manche Momente der Geschichte, die schon fast zu gut dokumentiert sind. Die Filmschnipsel verdrängen die Realität und man stellt sich die Welt vor wie im Film. In den Fünfzigern schwarz/weiß, in den Sechzigern rosa und beige und in den Siebzigern quietschbunt.

Unsere heutige Erzählerin hat alle diese Zeiten miterlebt und berichtet von der kalten Welt, aus der sie kam, genauso ehrlich wie von ihrer Ehe mit dem König der Welt. Und dem plötzlichen Ende. (Nichts für schwache Nerven)


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „I Have A Boyfriend“ von The Chiffons


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Die Geschichte zum Lesen

Wenn Du meinen schlimmsten Tag verstehen willst, dann brauchst Du viel Phantasie. Sehr viel Phantasie. Die Geschichte ist so wie die alten Märchen waren. Auf den ersten Blick zuckersüß und verführerisch, aber in dem Lebkuchenhaus wartet der Tod. Keiner kann sich diese Geschichte vorstellen, aber wir können es ja einmal versuchen.

Stelle Dir zuerst einmal eine kalte Welt vor. Eine Welt in schwarz und weiß. Vielleicht noch rosa und beige. Mehr Farben gibt es auf dieser Welt noch nicht.

Sie ist in der Mitte durch zwei tiefe Gräben geteilt, die ganze Welt ist in der Mitte geteilt. Die Gräben führen parallel einmal rund um den Globus und teilen sie. Im einen Graben sitzen die Guten und zielen mit riesigen Kanonen auf die Bösen im anderen Graben. Die haben die gleichen Kanonen.

Wenn man tiefer in die Gräben hinabsteigen würde, dann würde man sehen, dass am Grund des Grabens ein Strom aus grauem Blut pulsiert. Das Blut von Menschen, die zu arm sind für Gut oder Böse. Menschen, denen Gut und Böse egal ist. In einer Welt aus schwarz und weiß ist „egal“ aber verboten.

Als Du auf die Welt gekommen bist, da hatten sie schon begonnen, diese Gräben auszuheben. Und in Deiner Kindheit haben sie die Kanonen aus grauem Stahl gebaut, die sie jetzt aufeinander richten.

Die Welt in schwarz und weiß und rosa und beige ist eine Welt des Wegschauens. Alle wissen von den Gräben und den Waffen und dem Strom aus grauem Blut, aber jeder dreht sich im Leben so hin, dass er die Gräben nicht sehen muss. Das ist für alle sehr, sehr anstrengend.

Ach, ich habe Dir ja noch gar nicht erzählt, dass Du die Königin dieser Welt bist. Du bist die Frau des strahlenden Sonnenkönigs dieser Welt. Der König der Guten.

Alles, was Du sagst, wird tausend Mal wiederholt. Alles, was Du anziehst, ziehen tausende Frauen dieser Welt an. Wenn Du Deine Frisur änderst, dann ändern tausende Frauen dieser Welt auch die Frisur.

Als Du noch ein klitzekleines Prinzesschen warst, da hast Du manchmal noch getanzt. In Deinem großen Garten, mit Deinem Pony. Weiße Söckchen hast Du angehabt und schwarz glänzende Lackschühchen. Einen Strohhut hast Du auf dem Kopf und Du drehst Dich und lachst! Wie Du lachst!

Du hörst auch nicht auf zu lachen, als Du bemerkst, dass Du verloren bist. Das alle völlig verloren sind. Dein Papa macht einen Schritt aus dem Erinnerungsfoto und verschwindet mit einer anderen Frau. Und Deine Mama führt Dich in einen noch größeren Garten mit einem Pferd statt einem Pony, aber Du lachst immer noch. Weil Du noch verlorener bist.

Es gibt in diesem Reich der Guten auch noch andere Prinzenfamilien wie Deine. Andere Familien, die auch an denselben Gott glauben wie ihr. Man trifft sich und man lacht gemeinsam! Wie man lacht!

Im Hintergrund die Gräben, in denen das Blut Unschuldiger pulsiert und die Kanonen, die auf die lachenden Familien gerichtet sind und im Vordergrund junge Menschen mit Pferden und Autos, die sich anlachen.

„Bist Du auch so verloren wie ich?“, sagt das eine Lachen.

„Fühlst Du diese Kälte?“, sagt das andere Lachen.

„Willst Du auch nur weg von hier?“, sagt das dritte Lachen.

„Es gibt keinen Ausgang!“, sagt der Chor der Prinzen und Prinzessinnen.

Kannst Du Dir diese Welt vorstellen, in der meine Geschichte handelt? Die Welt, in der ich die Königin war? Die Frau des Sonnenkönigs? Des Generals der Guten?

Spürst Du, wie kalt die Welt ist? Und magst Du das verblichene Rosa? Oder das verblichene Beige? Nicht? Was wäre Dir denn lieber? Rot? Gelb? Orange?

Nein, warme Farben gibt es hier nicht. Wenn Du willst, darfst Du Dir aber ab jetzt auch noch Blau vorstellen. Denn diese andere Familie, die Familie des Sonnenkönigs, zu der passt nur blau. Aquamarin oder Cyan. Am besten Cyan. Wie das Gift.

Diese Familie wollte so sein wie Deine Familie. Viele Freunde haben die und viel Geld haben die auch. Aber sie sind nicht fein. Die lachenden Kinder dieser Familie riechen nach Grasflecken auf den Knien und nach der Sorte von bitterem Schweiß, der von Ehrgeiz und Wettkampf herrührt. Eine Meute sind sie. Eine Meute beißender, kläffender Hunde. Fein sind sie nicht.

Alle kleinen Hunde in der Meute schauen zu dem hübschesten Prinzen auf. „Das wird einmal der König der Welt“, sagen sie und bellen begeistert. Der hübscheste Prinz riecht besonders bitter und er ist ein Krüppel. Um ihn ist ein Gestell aus Eisen geschmiedet, das ihm hilft, ganz gerade zu stehen.

Er sagt zu Dir: „Willst Du die Königin der Welt werden? Ich werde aus jedem Foto mit einer anderen Frau herausschleichen. Wie Dein Papa, aber dafür werde ich Rot in Dein Leben bringen. Magst Du Rot?”

Du magst Rot. Du weißt alles über Rot, aber hast es noch nie wirklich gesehen. Darum wird die Ehe zwischen Dir und dem Prinzen arrangiert. Ihr braucht keine Hilfe, ihr arrangiert eure Ehe selber. Alles ist gut geplant und alles ist geheim. Die Art von geheim, dass es jeder und jede weiß.

Es gibt ein schwarzes und weißes Foto von eurer Hochzeit. Du stehst neben dem hübschen Prinzen mit dem Metallgestell und der schaut schon, wie er das Foto verlassen kann. Aber jetzt, jetzt lacht ihr noch. Wie ihr lacht!

Dann machst Du alles, wie es euer Arrangement vorsieht. Du wirst schwanger, um dem zukünftigen König der Welt Kinder zu gebären. Aber Du hast eine Fehlgeburt, da ist Dein Prinz gerade unterwegs, damit die Menschen ihn zum König machen. Und Du hast eine Totgeburt, da ist Dein Prinz mit anderen Prinzen im Mittelmeer unterwegs.

Doch Du gebierst auch zwei lebende Kinder. Deine Tochter heißt Caroline und sie bekommt Deine weißen Söckchen und Deine glänzenden Lackschuhe. Und Dein Sohn heißt John und alles, was Du willst, ist, dass er einmal kein Metallgestell braucht, um gerade zu stehen.

Dein Prinz ist gerade mit einer anderen Frau aus dem Foto geschlichen, da machen Dich die Menschen im Reich des Guten zur „Bestgekleideten Frau der Welt“. Und im gleichen Jahr Deinen Prinzen zum König der Welt.

Du kommst Deinen Aufgaben als Königin nach. Du besuchst mit Deinem König alle Grafen und Fürsten auf eurer Seite des großen Grabens. Und ihr schaut beide in die Kamera, auch wenn man auf dem entwickelten Foto nur noch euer Lachen sieht. Wie ihr lacht!

Aus dem Palast machst Du ein Museum und für Deine Kleider holst Du Dir aus Hollywood einen Schneider mit Namen Oleg Cassini. Wenn der König und Du ein Fest veranstalten, dann gibt es nur feinstes französisches Essen und es spielen nur die besten Musiker und es kommen nur Menschen, die lachen.

Die Untertanen lieben ihren König und sie lieben Dich. Die Frauen tragen Pillboxhüte wie Du und Kostümchen wie Du und Schühchen wie Du und lachen wie Du. Weil die Frauen glauben, dass Deine Welt nicht nur schwarz und weiß und rosa und beige ist und nicht so kalt wie ihre.

Ihr müsst im Auftrag aller Untertanen funkeln wie Diamanten und strahlen wie die Sonne und nach Erdbeeren riechen und sprudeln wie Champagner und springen wie Zirkuspferde und lachen müsst ihr. Für alle. Stellvertretend für alle. Ihr müsst lachen wie alles Glück der Welt. So müsst ihr lachen.

Es ist der 22. November und Du bist mit Deinem König in einer Grafschaft, in der man die Meute Deines Mannes nicht mag. Diesen bitteren Geruch nach Ehrgeiz und die Grasflecken auf den Knien. Darum musst Du heute noch mehr strahlen, so dass die Untertanen im Glanz die Flecken nicht sehen und in Deiner Aura der Geruch verbrennt.

Du kommst die Treppen herunter in Deinem rosa Kleid und Deinem Pillboxhütchen und der König sagt zu Dir: „Du schaust umwerfend aus!“ Und ihr lacht und eine Kamera klickt und alle merken sich diese Worte, sie sollen einmal die letzten Worte des Sonnenkönigs sein. Sagen alle. Stimmt aber nicht.

Und Hand in Hand schreitet ihr zu dem offenen Wagen, der euch durch die Grafschaft fahren wird. An Bord der Graf und die Gräfin und der Kutscher. Eure Aufgabe ist es zu winken und zu lachen. Zu winken und zu lachen. Zu winken und zu lachen. Zu winken und zu lachen.

Siehst Du diese Welt vor Dir? Kannst Du meine Geschichte verstehen? Siehst Du auch die Bilder in rosa und beige und in schwarz und weiß? Siehst Du das Auto und die Straße und Dallas und uns in dem Auto? Siehst Du uns winken und lachen? Siehst Du uns?

Der Graf sagt: „Mr. President, man kann nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt!“ Und Dein König sagt: „Nein, das kann man ganz sicher nicht sagen.“ Das sind in Wahrheit seine letzten Worte. „Nein, das kann man ganz sicher nicht sagen.“

Mit dreimal Knallen wird jetzt alles anders. Beim ersten Knall werden alle Menschen wach und das Lachen hört auf. Alle schauen sich an, als wären sie aus einem Traum erwacht. Alle schauen sich alle an und spüren zum ersten Mal die ganze Kälte und sehen die Gräben. Nur Du weißt, dass jetzt alles vorbei ist.

Beim zweiten Knall sackt der Graf in sich zusammen und auf Dein Kostüm spritzt Blut. Es ist das Blut des Sonnenkönigs neben Dir. Du siehst zum ersten Mal die Farbe Rot. Der König bleibt aufrecht sitzen, weil sein Metallgestell ihn festhält wie eine Faust aus Stahl.

Er sitzt aufrecht da und blutet als der dritte Knall ertönt und ein Teil seines Kopfs auf das Auto spritzt. Ohne nachzudenken springst Du auf den Kofferraum und sammelst den Teil des Kopfs ein, der jetzt am König fehlt.

Und Du sagst zu dem Sonnenkönig: „Jack, ich liebe Dich!“ Aber der Sonnenkönig sagt nichts mehr. Er wird nie wieder etwas sagen. Er wird nie wieder seine Kinder sehen und nie wieder aus Deinen Fotos schleichen und Dich nie wieder mit anderen Frauen betrügen.

Sie bringen den sterbenden König der Welt in ein Krankenhaus, aber Du weißt, dass es keine Rettung gibt. Man kann einen Kopf nicht einfach zusammenkleben.

Der König ist tot, es lebe der neue König. Als der neue König einen Eid schwört, ein guter König zu sein, stehst Du daneben und trägst immer noch das Kleid mit den roten Flecken. Rote Flecken. Rot.

Für eine kurze Zeit ist die Welt farbig.

Alle sind aufgewacht. Im Fernsehen weinen die Nachrichtensprecher, die Werbelichter werden ausgeschaltet, die Konzerte abgesagt; in Berlin versammeln sich 250.000 Menschen.

Auf der Straße weinen die Leute und sie beginnen sich gegenseitig zu helfen und sich zu berühren und miteinander zu sprechen. Für eine kurze Zeit ist die Welt farbig, für eine kurze Zeit hört die Kälte auf, für eine kurze Zeit muss keiner mehr lachen. Die Waffen in den Gräben werden gesenkt! Der Strom aus Blut versiegt! Alle weinen! Wie sie weinen!

Für kurze Zeit ist die Welt von ihrer Krankheit verschont und fühlt. Es musste nur der hübscheste Sonnenkönig sterben. Es musste nur Dein Leben zerstört werden.

War das Opfer zu groß für diese Minuten und Stunden und manchmal Tage, in denen die Menschen sich zum ersten Mal anschauen und in denen die Welt zum ersten Mal bunt ist? Du musstest dieses Opfer bringen und das war die Geschichte Deines schlimmsten Tages.

Das bedeutet, ICH musste dieses Opfer bringen und es war meine Geschichte.

Erkennst Du jetzt, wie schwierig meine Geschichte zu verstehen ist?

Hat Deine Phantasie gereicht?

Bitte sag‘, dass Deine Phantasie gereicht hat! Bitte!

Sag‘, dass Du die Geschichte verstehst, die alle falsch erzählen!

Sag‘, dass Du mich verstehst!

Sag‘ es! Bitte!

Siehst Du mich? Wie ich tanze? Mit den weißen Söckchen? Und den schwarzen Schühchen? Siehst Du mich?