Mind the Gap!

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Jede Geschichte, die wirklich wichtig ist, steht am Ende einer ganzen Reihe von Ketten von Ursache und Wirkung. Wir stöbern heute, in unserer Weihnachtsgeschichte, mal einer solchen Geschichte nach. Die Geschichte vom Mann, der andere auf die Lücke aufmerksam macht. Die Geschichte eines Liebespaars und einer Lautsprecherdurchsage.


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Episodenbild: „Embankment Tube station Northern line southbound platform looking North“ von Sunil060902 CC BY-NC-SA 3.0
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „London again“ von The League / CC BY 3.0


Die Geschichte zum Lesen

Für unsere Weihnachtsgeschichte mussten viele Dinge zusammenkommen. Viele Details, die erst das Bild zeichnen, dass wir betrachten können.

Aber das ist eigentlich nicht erstaunlich. Alles, was uns widerfährt, ist das Ergebnis einer nahezu unendlichen Kette von Ursache und Wirkung.

Wenn wir auf die Geschichten zurückblicken, die unser Leben geschrieben haben, dann entsteht kein linearer Lebensentwurf. Wenn wir uns bewerben müssen, erdichten wir solche Lebensläufe – aber wir wissen alle, dass wir schummeln.

Die wichtigen Momente haben dort keinen Platz. Die wirklich wichtigen Momente entstehen aus einer unermesslich großen Anzahl von Ereignissen, für die wir nur das Wort „Zufall“ haben, um sie zu beschreiben.

So auch in unserer Geschichte, die in London spielt. Im Unterschied zu anderen Geschichten kann man diese an jedem Tag hören.

An einer einzigen U-Bahn-Station, die „Embankment“ heißt. Hier vielleicht am besten übersetzt mit „Am Damm“.


Beginnen wir also mit dieser U-Bahn-Station. Weil die Londoner U-Bahn die älteste der Welt ist, ist auch diese Station schon sehr alt. Eröffnet wurde sie am 30. Mai 1870, das sind nur sieben Jahre, nachdem die erste Stammstrecke eröffnet wurde.

Man kann sich nur schwer vorstellen, warum damals in der U-Bahn Rauchverbot herrschte. Denn, was da vor 150 Jahren unterirdisch durch London fuhr, waren stinkende Dampflokomotiven.

Betrieben wurde die Londoner U-Bahn von mehreren verschiedenen privaten Linien, die um die attraktiveren Strecken rangelten. Alles musste schnell und preisgünstig gebaut werden, um sich in berechenbarer Zeit zu amortisieren.

Darum entstanden die meisten Tunnel in offener Bauweise. Das bedeutet, eine Straße wird aufgerissen, eine Grube gegraben und die Röhre geziegelt. Danach schüttet man die Straße wieder zu – fertig ist die U-Bahnlinie!

Das klingt wie ein unwichtiges Detail, ist aber wichtig. Die alten Linien der London Underground verlaufen aus diesen technischen Gründen parallel zu den Straßen über ihnen.

Straßen aber haben Kurven und so liegen manche Bahnhöfe in kurvigen Stücken. Waggons sind gerade, der Bahnsteig nicht, ergo: Es entstehen Lücken.

Zum Teil so große Lücken, dass ein sehbehinderter oder geistig abwesender Mensch hineintreten oder ein Kind hindurchfallen könnte.

Die Lösung für dieses Sicherheitsproblem war rationell und sparsam. Zum einen ziegelte man die Mahnung „Mind the Gap“ auf den Boden und zum anderen wurde das Zugpersonal angehalten, eben diesen Hinweis an jeder Station auszurufen. Über den Krach der Dampflok hinweg!

1969 war es an der Zeit, diese Ansagen zu automatisieren. Es hatte sich herausgestellt, dass es den meisten Fahrern zu doof wurde, diese Warnung jeden Tag mehrmals an jeder Station zu wiederholen.

Man setzte auf die brandneue Solid-State-Technologie, der Auftrag erging an die Firma Telefunken.

Nun ertönte beim Einfahren einer U-Bahn automatisch eine Mahnung, dass man auf die entsprechenden Lücken zu achten habe. Die verschiedenen U-Bahn-Linien setzten auf verschiedene Stimmen. Wie zum Beispiel die von Peter Lodge oder von Emma Clarke oder von Oswald Laurence.

Hier knüpft sich nun ein Faden an einen anderen.

Oswald hieß nicht sein ganzes Leben lang „Laurence“. Diesen Namen hat er sich 1948 zugelegt, als er offiziell britischer Staatsbürger wurde. Geboren wurde er als Oswald Richard Loeser in Hamburg. Und zwar am 25. März 1929.

Das bedeutet, dass er zum Beispiel 14 Jahre alt war, als Hamburg in der Operation „Gomorrha“ faktisch komplett verbrannt wurde.

Oswald hatte aber das seltene Glück, das von England aus zu erleben, denn er gehörte zu den mehr als zehntausend jüdischen Kindern, die im sogenannten „Kindertransport“ 1938 von Deutschland aus nach Großbritannien auswandern durften.

Wie auch Oswald sahen die meisten dieser Kinder ihre leiblichen Eltern nie mehr wieder.

Die Nachkriegsjahre waren schwierig, besonders in Großbritannien wurden Lebensmittel noch bis weit in die fünfziger Jahre rationiert, während sich der ehemalige Kriegsgegner seines Wirtschaftswunders erfreute.

Oswald war ein gut aussehender junger Mann geworden mit einer sonoren Stimme und selbstbewussten Auftreten. Er war an der „Royal Academy of Dramatic Art“ zum Schauspieler ausgebildet worden und versuchte nun sein Glück im neuen Medium „Fernsehen“.

Die Internet Movie Database verzeichnet ihn zum Beispiel als Nebendarsteller in der Serie „The Saint“. Die Serie, die Roger Moore, lange vor James Bond, in Großbritannien berühmt machte. Bei uns hieß sie „Simon Templar.“


Dann spielte er in der noch vergesseneren Serie „Sierra Nine“ in zwei Episoden eine arabische Wache und in einem Fernsehfilm zur Serie „The Saint“ namens „The Fictionmakers“ einen Reporter.

Oswald hat seinen Eintrag in der IMDb, aber man muss weit scrollen, um seine Einträge zu finden.

Anders ausgedrückt: Seine Karriere kommt nicht ins Laufen. 1990 beschließt er enttäuscht, seine schauspielerischen Ambitionen einzustellen. Er wird ein beliebter Reiseführer und verbringt seine Arbeit in Gegenwart von Menschen, die an ihrem Urlaubsort auch noch etwas lernen wollen.

So wie zum Beispiel im Jahre 1992, als die britische Allgemeinärztin Dr. Margaret McCollum bei einer Kreuzfahrtgesellschaft eine Reise nach Marokko gebucht hat. Im Bus sitzt sie eine Reihe vor Oswald und verliebt sich, ohne den Mann gesehen zu haben, sofort in diese Stimme.

Oswald und Margaret fassen noch einmal Mut und werden ein Liebespaar. Beide hatten schon Partnerschaften hinter sich und kamen sich behutsam näher. Es dauert seine Zeit, bis sie zusammen ziehen. Und es dauert seine Zeit, bis die beiden den Entschluss fassten, doch noch einmal zu heiraten!

Es waren wahrscheinlich gerade die Enttäuschungen, die ihre Ehe zu einer glücklichen Erfahrung für beide machte. Bis Oswald im Jahre 2005 seinen ersten Herzinfarkt erleidet.

Die Diagnose der Ärzte ist nicht günstig: Die kardiovaskuläre Erkrankung, an der er leidet, ist nicht heilbar, das ganze Kreislaufsystem ist betroffen. Die beiden müssen sich damit abfinden, dass ihre gemeinsame Zeit jederzeit ein jähes Ende finden könnte.

Aber gerade dieses nahende Ende machte das letzte Lebensjahr noch intensiver, sagt Margaret. Sie genossen das Leben noch einmal in vollen Zügen! Denn, wenn man eines über Oswald sagen konnte, meint Margaret, dann, dass er genau das mit dem Genießen wirklich konnte.

Auch wenn sich ein Unheil ankündigt, kann es einen schwer treffen. Und so ist Margaret nach dem Tod ihres Mannes oft sehr einsam. Ihn nie mehr zu sehen, ist ein herber Verlust. Besonders seine Stimme nie mehr zu hören, in die sie sich doch einst verliebt hatte, macht ihr zu schaffen.

Darum verlässt sie, wenn ihr besonders schwer ums Herz wird, auf ihrem Arbeitsweg manchmal den Zug. An der Station „Embankment“ setzt sie sich dann für ein paar Minuten auf eine Bank und wartet.

Denn, jedes Mal, wenn ein Zug einfährt, ertönt Oswalds Stimme vom Band. Seine eindrucksvolle Stimme, voller Selbstbewusstsein.

Ganz spartanisch sagt er nur „Mind the Gap“, kein Wort mehr oder weniger. Nicht „Mind the gap between the train and the platform“ wie in Athen oder „Please, mind the step between the train and the platform“ wie in Frankfurt oder gar „Denken Sie an den Abstand zwischen Wagen und Plattform, wenn Sie aussteigen“ wie in Stockholm.

Nein, das brauchte Oswald nicht. Er sagt nur „Mind the Gap“. Das reicht. Und seine Witwe sitzt an der U-Bahn-Station und freut sich. Sie denkt bei sich: „Hallo Oswald. Schön, Dich zu hören. Ich sehe die Lücke. Ich spüre die Lücke. Und ich werde sie berücksichtigen. Vielen Dank!“

Es wirkt jedes Mal.

Jedes Mal bis ins Jahr 2012. Denn da führt die London Underground ein neues System ein. Psychologen hatten erkannt, dass immer die gleiche Stimme die Fahrenden dazu verführt, den Hinweis gar nicht mehr wahrzunehmen.

Über alle verschiedenen Linien hinweg wird eine neue Software installiert, die nun die Sprachaufnahmen einer ganzen Riege von Sprechern gleichmäßig auf allen Bahnhöfen verteilt und austauscht. Bis heute.

Weswegen Margaret eines Tages an ihrer U-Bahn-Station sitzt und nicht mehr ihren Oswald hört, sondern die Stimme einer Frau, die freundlich dazu auffordert, dass man doch bitte die Lücke zu beachten habe.

Margaret ist den Tränen nahe. Jetzt ist auch noch Oswalds Stimme aus ihrem Leben gerissen. Eine neue Lücke. Also schreibt sie einen Brief an die London Underground, in dem sie ihr Problem schildert.

Die Antwort ist sachlich und knapp. Erstens wisse man überhaupt nicht, wo die Aufnahme zu finden sei und zweitens wäre es völlig unmöglich, an einer einzigen U-Bahn-Station eine andere Stimme zu verwenden als an allen anderen.

Weswegen Margaret im nächsten Schritt ihren Brief an die Redaktion der Daily Mail schickt. Und eine junge Reporterin namens Francesca Infante sie so rührend findet, dass sie daraus eine kleine Homestory bastelt.

Darauf reagiert die London Underground nun doch und versichert pressetauglich, dass sie die alte Aufnahme suchen und sie Margaret zukommen lassen wird. So könne sie dann „Mind the Gap“ wenigstens daheim auf ihrer Stereoanlage hören.

Natürlich geschah das nicht. Gar nichts geschah. Die Geschichte war wieder vergessen. Scheinbar. Bis zu diesem einen Morgen im Jahre 2013.

Margaret ist wieder unterwegs in ihre Arbeit, als sie auf einmalä die Stimme von Oswald hört. „Mind the Gap“, sagt sie. Zuerst mag sie gedacht haben, sie hätte eine Sinnestäuschung, aber als sie am Bahnsteig verbleibt, kann sie bei jedem einfahrenden Zug die Stimme hören, in die sie sich einstmals verliebt hatte.

Denn, es stellt sich heraus, dass es noch mehr Menschen gab, die jeden Tag an der Station „Embankment“ ein- und ausstiegen und im Laufe ihres Lebens einen geliebten Menschen verloren hatten.

Und diese Menschen hatten sich alle, unabhängig voneinander, vorgenommen, an die London Underground zu schreiben, um auf diese Art möglicherweise wenigstens das Herz einer einzigen Person, die sie nicht einmal kannten, zu trösten.

Und mehr als das: Archive wurden durchkämmt und Menschen gefunden, die im Jahre 1969 die Originalaufnahmen gemacht hatten. Und dann noch die Personen, die diese Aufnahmen viel später digitalisiert hatten.

Und noch mehr als das: Programmierer untersuchten den Code der Software, die verwendet wurde für die Ansagen an den Bahnhöfen und ergänzten diese, vollkommen kostenlos, um die Möglichkeit, dass an diesem einen, ganz besonderen Bahnhof eine andere Aufnahme abgespielt wird als an allen anderen.

Hunderte Menschen hatten zusammengearbeitet, um Oswalds Stimme nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Nur damit Margaret, wenn sie der Schmerz zu sehr peinigt, sich auf eine Bank setzen kann, um ihrem geliebten Oswald zu lauschen.

Und so endet unsere Weihnachtsgeschichte 2019. Noch heute sagt Oswald zu seiner Margaret jedes Mal, wenn ein Zug einfährt:

„Pass auf die Lücke auf, meine Liebe! Pass bitte auf die Lücke auf! Mind the Gap!“


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