Jar Jar Binks

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Ahmed Best hat ein Video veröffentlicht, in dem er detailliert davon berichtet, wie ihn der Hass auf seine Rolle „Jar Jar Binks“ bis hin zu einem Selbstmordversuch getrieben hat. Wir haben das heute – sehr frei – für unsere Hörenden übersetzt und in Szene gesetzt.


Wenn Dir die Geschichte gefallen hat, solltest Du vielleicht Mitglied in unserer Sekte werden: Hier lang, bitte sehr!


Sehr frei nach: That Moment I Opened Up About Suicide

Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Me’sa Gungan You’sa Not“ von Randy Turnbow

Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum. (Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Ich bin in Brooklyn groß geworden. Ich liebe New York. Und ganz besonders die Brooklyn Bridge. Als ich ein junger Mann war, bin ich regelmäßig nachts über diese Brücke spaziert. Dann habe ich mich umgedreht und habe auf die City geschaut. Auf die vielen Lichter in Manhattan und auf die Towers. Damals standen die noch.

Und ich habe mir gedacht: Schau Dir das an! Das haben Menschen gemacht. Das war alles einmal nur eine Idee, nur ein Plan. Menschen können solche Dinge schaffen!

Das hat mir immer wieder die Kraft gegeben, um weiter zu machen. Das hat mich immer motiviert.

Ich liebe diese Brücke. Und New York.

Neulich war ich wieder in New York und habe meinem Neunjährigen aufgeregt die City gezeigt. Und natürlich auch die Brooklyn Bridge.

Bis wir zu dem Punkt gekommen sind, an dem ich vor 18 Jahren stand, um zu springen.

Um mein Leben zu beenden.

Und diese Geschichte ist die Geschichte von dem Foto, das ich damals gemacht habe.


Vor 20 Jahren habe ich in einem Film mitgespielt. Meine Rolle war die von Jar Jar Binks. Vor 20 Jahren habe ich einen Shitstorm in den Medien erlebt, den man sich kaum vorstellen kann. Jeder hasst Jar Jar Binks!

Vor 20 Jahren war, von einem Tag zum anderen, mein Leben vorbei.

Angefangen hat das in einem kleinen Club. Ich habe damals Stand-up gemacht und bin in Improv-Theatern aufgetreten. Eines Abends, als ich meine Nummer in einem kleinen Club vorgetragen habe, sprach mich diese Frau an.

Sie war rein zufällig da. Rein zufällig hat sie mich gesehen. Und rein zufällig war es ihr Job, das Casting für die neuen Star-Wars-Filme zu machen und sie meinte, ich solle unbedingt vorsprechen.

Der nächste Schritt war es, dass ich bei Industrial Light & Magic stehe und George Lucas persönlich mir Regie-Anweisungen für mein Vorsprechen gibt!

Und, was soll ich sagen: Ich habe die Rolle bekommen.

Das war für mich wie Magie! Aus reinen Zufällen passiert plötzlich etwas, was wie ein Wunder ist. Wir reden da nicht gerne drüber, aber, um Erfolg zu haben, braucht man vor allem verdammtes Glück.

Ich liebte die Arbeit an dieser Rolle und an diesem Film! Jeden Tag davon!

Mein Ideal beim Schauspielern ist es, dass ich komplett in der Rolle verschwinde. Das ich jemand anderes werde und man mich nicht erkennt.

Und Jar Jar war genau das. Hundert Mal genau das! Ich verschwand, ich war nicht einmal in dem Film. Für mich ist das der Gipfel der Schauspielkunst. Mehr kann man nicht erreichen!

Man darf auch eines nicht vergessen, heute, wo CGI-Figuren im Kino eine Selbstverständlichkeit sind: Damals gab es keine Regeln und keine festgelegte Methode, wie man so einen Part filmt. ILM hat mit Jar Jar erst das Verfahren erfunden, wie man einen CGI-Darsteller filmt. Und ich war ein entscheidender Teil dieses Prozesses!

Während der Dreharbeiten war die Stimmung ausgelassen. Alle waren begeistert von meiner Arbeit, alle waren voller Lob. Wir waren uns alle sicher, dass wir die Art, wie man Filme macht, für immer verändern werden.

Und Jar Jar, eine Figur, die komplette Phantasie ist – Jar Jar war das Symbol unserer Anstrengung. Wir waren alle völlig euphorisch, wir waren alle Fanboys von Star Wars und besonders von „Phantom Menace“ – unserem Werk.

Ich war ein 24 Jahre junger Mann und ich war mir sicher: Meine Karriere wird explodieren! Mit dieser Arbeit wird jeder von mir reden. Das würde mir in Hollywood alle Türen öffnen. Ich hatte den Durchbruch praktisch schon vor meinen Augen!

Dann erschien der Film. Und schon am Tag drauf begann es.

Schon am nächsten Tag begann der Hass. Begann das Gift. Und diese unerklärliche Wut. Die Wut verstehe ich heute noch nicht.

Und sie richtete sich: Gegen mich!

Ich nahm das sehr persönlich.

Klar, meine Freunde meinten: Die meinen nicht Dich, die hassen nur Jar Jar BInks!

Aber die sind halt keine Künstler. Es hat mich viel gekostet, diese Rolle zu spielen. Viel von mir steckt in Jar Jar. Fragt irgendeinen Künstler: Keiner kann seine Arbeit von seiner Person unterscheiden!

Besonders brutal war der unterschwellige Rasssismus an der Kritik. Jedes rassistische Stereotyp fand sich im Hass gegenüber Jar Jar.

Es ist doppelt hart für Afro-Amerikaner erfolgreiche Künstler zu werden als für Weiße. Bei jedem Schritt wird man angeklagt, käuflich zu sein und seine Wurzeln zu verraten. Und natürlich besonders, wenn man eine Figur spielt, der man die Hautfarbe des Schauspielers nicht einmal ansehen kann.

Ich würde den jamaikanischen Dialekt verarschen, haben die Kritiker geschrieben. Dabei ist das der Dialekt meiner Eltern und Großeltern von den Westindischen Inseln, das hat mit Jamaika überhaupt nichts zu tun.

Da war ich nun. Ich war 26 Jahre alt. Ich hatte keinen Manager, keine Agentin und keinen Herausgeber – was Andere halt so haben in diesem Beruf. Ich war ganz alleine.

Die Depression erwischte mich mit voller Wucht.

Ich war kaputt, zerbrochen, am Ende.

Aus alter Gewohnheit lief ich eines Abends wieder über meine Brooklyn Bridge. Aber ich sah heute nicht die Lichter von Manhattan. Nicht die Towers. Ich sah überhaupt nichts, nur dichten Nebel. Kein Trost am Horizont in dieser Nacht.

Ich war so müde. Ich war so müde, mich die ganze Zeit zu erklären. Mich die ganze Zeit zu rechtfertigen, meine Arbeit zu verteidigen gegen diesen unerklärlichen Hass, diesen abgrundtiefen Rassismus.

Ich wollte doch nur meine Rolle spielen, so gut, wie ich es eben konnte! Verdammt!

Ich war so erschöpft.

Also kletterte ich über das Geländer, hinaus auf einen der Stahlträger. Und da stehe ich und balanciere wackelig und ich schaue nur hinab. Runter auf den East River. Nur runter.

Ich dachte an Fallschirmspringen. Ein Jahr zuvor war ich zum ersten Mal Fallschirmspringen. Und wie ich da so falle, da dachte ich mir: Wenn der Schirm jetzt nicht aufgeht, dann … Dann habe ich eigentlich ein tolles Leben gehabt.

Und genau dieser Gedanke ging mir wieder durch den Kopf. Ich habe eigentlich ein gutes Leben gehabt. Doch jetzt ist es halt vorbei.

Da erwischte mich eine eiskalte Böe, die den Fluss herunterkam und ich verlor das Gleichgewicht und fiel auf alle Viere und ich hielt mich mit aller Kraft fest!

Das war wie eine Ohrfeige!

Auf einmal war ich wieder wach!

Wenn ich wirklich, ganz tief im Inneren, mein Leben hätte beenden wollen, wenn ich das wirklich gewollt hätte, dann hätte ich mich doch nicht festgehalten!

Ich hätte dem Wind einfach erlaubt, mich von der Brücke zu fegen! Wäre leichter gewesen, als selber springen zu müssen, oder?

Das Leben hatte mich wieder. Ich dachte mir: Einen zusätzlichen Tag wirst Du schon noch schaffen und dann sehen wir weiter!

Auf allen Vieren krabbelte ich den Träger wieder zurück. Auf einmal hatte ich eine Scheißangst! Und dann kletterte ich wiedr über das Geländer. Und ich ging zurück in mein Apartment und dann habe ich mich einfach um den nächsten Tag gekümmert. Und dann um den danach.

20 Jahre später stehe ich wieder an genau diesem Ort auf der Brücke und ich schaue genau auf diesen Punkt.

Und ich erzähle meinem Sohn von dieser Nacht. Ich mache ein Foto. Und ich schaue auf das Display und eigentlich habe ich keinen Plan, was ich mit dem Bild machen soll. Ich habe viel zu viel Angst, dass zu teilen. Denn …

Hey, wir ziehen alle jeden Tag eine Rüstung an, oder? Wir versuchen alle, so zu wirken, als könnten uns die Dinge nicht erschüttern.

Aber ich kann das nicht mehr. Ich muss sagen: Hey, DAS ist mir passiert.

Also habe ich das Bild auf Twitter gestellt. Und ich habe dazu geschrieben:

„Vor 20 Jahren hat mich ein Shitstorm erwischt, der meine Karriere noch heute beeinflusst. An diesem Ort hätte ich beinahe mein Leben beendet. Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu reden. Aber ich überlebte. Und nun ist dieser kleine Kerl meine Belohnung dafür.“

Dieser Tweet, der ging überall hin. Internet, Fernsehen, Radio. Wildfremde Leute haben mich angerufen, jeder sprach davon – alle waren berührt.

Und ich dachte, keinen würde das interessieren. Ich dachte, ich wäre alleine.

Wir sagen heute: Tweets, Videos oder Texte werden viral. Und wie der Virus eben, ist das negativ gemeint.

Mein Tweet war nicht viral, er war eher gemeinschaftlich.

Schon wegen der Unterstützung der vielen Leute da draußen. Für so viele Menschen, die in ihrem Leben auch schon an genau so einem Punkt waren und das mit mir geteilt haben. So viele Menschen, die genau das Gleiche erlebt haben wie ich.

Und wir sind alle trotzdem hier. Jetzt. Wir haben es durch den nächsten Tag geschafft. Und durch den Tag danach.

Weil ich diese Nacht auf der Brücke mit meinem Sohn geteilt habe … und mit dieser … Gemeinschaft.

Also darum glaube ich: Ich kann es auch noch durch die nächsten 20 Jahre an nächsten Tagen schaffen.


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