Lesbenmusik

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„Mach‘ jetzt die Musik aus!“, lautete die Anweisung meiner Eltern. Doch ich verstand nur: „Verwende ab jetzt Kopfhörer!“ – ich musste meine Musik halt unbedingt weiterhören.

Für den Erzähler der heutigen Geschichte war der Weg zu seiner Musik aber viel abenteuerlicher und kurvenreicher. Denn die Musik, die zu ihm sprach, war Lesbenmusik.


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Inspiriert von „My Inner Lesbian“ von Ty Mahane

Download der Sendung hier.

Hintergrundmusik: “Man in the Window“ von Michael Ellis / CC BY-SA 3.0

Musiktitel: „Boogie ogiee Oggie“ von DISCO INFERNO / CC BY-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Viele Menschen lebten in unserem Haus. Meine Großeltern, meine Eltern, meine Tante, mein Onkel, meine Geschwister und ich. Ein Mehr-Generationen-Haus. Heute eine romantische Idee, doch wir hatten damals ein anderes Wort dafür: Notlösung. Ist nur vorübergehend, das beteuerten alle Beteiligten.

Es war dann meine Tante, die jüngste aus der Generation der Alten, die als erste einen Weg fand, dem Familienhaus zu entkommen. Sie war, wie wir alle wussten, lesbisch und zog zu ihrer Freundin, die schrille bunte Bilder von Menschen verkaufte, die selber nicht wussten, dass sie Kunst produzierten.

Es geschah also etwas Undenkbares: Ein Zimmer im Haus war auf einmal frei! Eine Sensation! Mein zehnjähriges Ich würde sich auf Schatzsuche begeben. Und etwas finden, dass mein Leben komplett in andere Bahnen lenken würde.

Etwas so schockierend Neues, dass es mich erst zu dem machte, was ich jetzt bin!

Ich weiß nicht, wie ich es anstellte, ungestört stöbern zu können, aber ich sehe mich noch, wie ich mit der Taschenlampe nachts ins leere Zimmer schleiche und die Tür super-duper-langsam hinter mir ins Schloss drücke, um niemanden zu wecken.

Im Zimmer war nur noch ein Bettgestell und der leere Schreibtisch meiner Tante und in der Ecke stand ein einziger Karton mit der Aufschrift „Privat. Nicht öffnen!“

Ich würde mich aber nicht nach dieser Beschriftung richten. Ich würde sie öffnen, weil ich einfach nicht anders konnte.

In der Kiste waren lauter Dinge, die mich nicht interessierten, aber ganz unten lag der Schatz! Vier Langspielplatten. Mit Covers, die gestaltet waren, als wollten sie absichtlich hässlich sein.

Ein Mann zertrümmert eine Gitarre und um ihn nur der Schriftzug: „London Calling“. Ein knallgelbe Platte, auf der eine pinke Banderole war mit dem Logo der Band und darüber in hässlichen Buchstaben: „Never mind the Bullocks“. Die Köpfe von vier Männern, alle verschmiert mit Torte und darüber nur die Typo: „Damned“. Und die vier Jungs in Schwarzweiß, alle mit zerrissenen Jeans und schäbigen Lederjacken.

Ich packte meine Beute ein und schlich in mein Zimmer. Nachts konnte ich sie nicht anhören, aber ich war so gespannt auf die Musik, dass ich kaum schlafen konnte.

Erst am nächsten Vormittag, es muss ein Sonntag gewesen sein, konnte ich erforschen, was sich in den hässlichen Plattenhüllen verbarg.

Und was ich hörte, haute mich vollkommen um!

Irgendwas war in dieser Musik eingebaut, was für den kleinen frustrierten Zehnjährigen, der ich war, eine Befreiung bedeutete. Da waren noch andere Menschen, die eine ähnliche Wut in sich fühlten.

Vor allem war da Musik, die ehrlich und einfach und laut und direkt war!

Die Musik, die man damals im Radio hörte, war Schlager oder Disko. Für mich das reinste Theater. Geheuchelte Gefühle in das immer gleiche Gestampfe gepresst, vorgetragen von Menschen, die sich verkleidet hatten.

Aber die Sex Pistols, The Clash, The Ramones, The Damned: Das war anders. Das konnte man sofort verstehen! Das war, ohne jede Harmonielehre und ohne jede Verkleidung sofort meine Musik!

Meine Finger zitterten vor Aufregung, als ich mir alle vier Platten aus der Schatztruhe meiner Tante heimlich auf Kassetten zog. Während der Aufnahme zeichnete ich die Cover ab, denn ich musste mich ja wieder von den Originalen trennen, damit mein Diebstahl nicht aufflog!

Ist das nicht eine unglaubliche Sache, wenn man jung ist und zum ersten Mal die Musik hört, von der man weiß, sie gehört nur einem? Sie gehört nur dieser einen Generation? Dass die Alten und die noch Älteren diese Kunst niemals verstehen werden können?

Nun hatte ich also meine Musik entdeckt! Doch ich hatte ein klitzekleines Problem …

Wie gesagt, war ich zehn Jahre alt oder vielleicht elf. Ich wusste, meine Tante war lesbisch. Das war nichts, was in der Familie groß diskutiert wurde, das war einfach so.

Auch meine Großeltern hatten kein Problem damit. Darum erklärte mir auch niemand so ganz genau, was das bedeutete.

Das Prinzip war mir schon klar. Erwachsene fanden sich immer zu Pärchen zusammen. Ein Männchen und ein Weibchen. Manchmal waren das aber auch zwei Weibchen oder zwei Männchen. Warum das so war, verstand ich nicht, denn meine eigene Sexualität war noch im Schlummerzustand.

Ich fand es aufregend, manchmal den Blick auf eine weibliche Brust zu erhaschen, aber im Großen und Ganzen waren Mädchen in der Schule noch ein lästiges Übel und auf keinen Fall das Ziel meiner feuchten Träume.

Ich war also wahrscheinlich normal sexuell. Das war mir ganz recht. Mit zehn Jahren ist es wichtig, dass man eben nicht anders ist. Da hat man noch keinerlei Energien, das Establishment abzulehnen. Da fällt man lieber nicht auf.

Blöd, wenn man dann, als Normaler, völlig abhängig ist von dieser Musik. Von dieser Lesbenmusik. Von dieser geheimen Musik, die man nur in den Schatzkisten von Lesben fand.

Alle hörten Schlager und Disko, nur die Lesben hatten im Geheimen erkannt, was wirklich gute Musik ist!

Und das versteckten sie vor anderen Menschen, besonders vor Normalen. Darum stand auf der Kiste natürlich: „Privat. Nicht öffnen!“

Ich war erst elf, wie gesagt und ich war wohl nicht der Hellste. Sonst wären mir mehrere Dinge aufgefallen. Zum einen war zwar die Kiste so beschriftet, doch hatte meine Tante sie ja nicht mit umgezogen. Das wäre eigentlich ein Indiz, dass es sich nicht um ihr persönliches Heiligtum handelte.

Und zum anderen gab es weder bei den Ramones, noch bei den Sex Pistols, noch bei The Damned oder bei The Clash auch nur ein einziges weibliches Mitglied! Eine offensichtliche Tatsache, die mir aber entging, denn in den Texten ging es natürlich um Frauen und irgendwie auch um Sex – soviel gaben meine spärlichen Englischkenntnisse durchaus her.

Ich musste also meine Leidenschaft für lesbische Musik verheimlichen. Ich beschriftete meine Kassetten völlig unauffällig. Aus den Sex Pistols wurde Donna Summer. Aus Clash wurde ABBA, aus The Damned die Bee Gees und – das tut mir heute noch besonders weh – aus den Ramones die Village People.

So konnte ich unbehelligt in meinem Walkman hören, was ich wollte. Und meine Musik begleitete mich durch ein sonst ereignisloses Schuljahr. Sicher, ich fragte mich manchmal, wie mein Erwachsenenleben wohl aussehen würde als männliche Lesbe, aber die Musik war wichtiger als alle Gedanken an eine ungewisse sexuelle Zukunft.

Mitten im Schuljahr kam Peter in unsere Klasse. Ich hörte ihn in einer Pause leidenschaftlich darüber schimpfen, dass mittlerweile alle das Diskogestampfe nachahmen würden, selbst Bands wie die Stones oder Queen könne man nicht mehr anhören!

War Peter eine verwandte Seele? War er vielleicht, ohne es zu wissen, auch lesbisch?

Wir wurden tatsächlich Freunde und ich fand seine Musik nicht schlecht. Die frühen Sachen von The Who oder The Kinks oder selbst den Beatles hatten durchaus Gemeinsamkeiten mit meiner Musik. Ehrlicher, lauter Rock mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch.

Ich spielte ihm bald meine „Best of Lesbenmusik“ vor. „White Riot“, „Anarchy in the UK“, „Blitzkrieg Bop“ oder „Smash it Up“. Ich konnte sehen, wie sich beim Hören seine Augen weiteten und ich wusste: Vor mir sitzt ein Konvertit!

Ich schlich also noch einmal ins Zimmer meiner Tante, stahl noch einmal die vier heiligen Lesbenplatten und zog noch einmal vier Kopien auf Kassette.

Auch diese Kassetten beschriftete ich falsch. Und ich schärfte Peter ein, dass er keinem Menschen ein Sterbenswörtchen davon erzählen durfte, dass wir, ganz im Geheimen, beide männliche Lesben waren!

Für ganze herrliche neun Tage waren wir der kleinste Geheimbund an der Schule. Die beiden einzigen männlichen Lesben an der Schule oder vielleicht in der Stadt oder vielleicht in der ganzen Welt!

Nach diesen neun Tagen eröffnete uns Peters großer Bruder, der mit den bunten Haaren und der Sicherheitsnadel im Ohr, dass wir schlicht und einfach nur Punks waren. Und er gab uns eine Ausgabe der Zeitschrift „Sounds“, die voller Fotos von den Männern war, die auch auf den Covern meiner vier Lesbenplatten waren.

Ich blätterte mit zitternden Finger durch die Zeitschriften. In mir tobte ein Wirbelsturm an neuen Gefühlen, denn in diesem Moment endete ein Stück meiner Kindheit.

Ich wurde sofort von einer schmerzvollen Melancholie überwältigt, nicht einer der beiden einzigen männlichen Lesben auf dem Planeten zu sein. Aber: Ich war auch sehr aufgeregt und neugierig und froh. Die Tatsache, dass es da draußen irgendwo ganz viele Menschen gab, die wie ich empfanden, roch nach Abenteuer. Anders sein war auf einmal völlig in Ordnung.

Das geschah alles gleichzeitig in mir. An diesem Tag tat sich eine ganze Welt für mich auf! Man stelle sich das vor: Sogar in unserer Stadt gab es Bands, die Punkmusik machten! Und man konnte auf deren Konzerte gehen! Wow!

Noch heute gehört mein Herz der Punkmusik und auch jetzt, vierzig Jahre später, denke ich gerne an die Schatzkiste zurück und an diesen einen Sommer.

Würde man mich fragen, was Pubertät bedeutet, was ein passendes Symbol wäre für Pubertät, ich würde diese Umzugskiste nennen.

Diese Kiste, die man öffnen muss. Weil man nicht anders kann. Weil man eben anders ist.

Eine männliche Lesbe.


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