Krüppelschnecke

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Es ist sicher ein tolles Gefühl, wenn man jung, wohlhabend und erfolgreich ist. Nina meint, es wäre so, als wäre man unbesiegbar und unsterblich.

Doch, als sie den Verstand verliert, schenkt ihr das Schicksal damit noch eine Chance und sie kann sich davon erholen – happy End!


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Download der Sendung hier.

Inspiriert vom Blog „Mindpop“ von Nina Mitchell

Musiktitel: „Cool & Calm“ von Cassandra Hegazy / CC BY-NC-ND 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Stell Dir vor, Du bist 26 Jahre alt, erfolgreich, hübsch, beliebt und laut IQ-Test sogar hochintelligent. Du sitzt auf einem Bett und jemand zeigt Dir ein Bild von einer Schnecke. Dann schaut diese Person gütig und fragt Dich, wie ein Kleinkind: „Was ist das?“

Du schaust auf das Bild und schaust auf die Therapeutin und überlegst panisch. Dein Herz rast, Deine Hände schwitzen, aber Du weißt beim besten Willen nic, was für ein seltsames Tier das ist!

Du hast keine Ahnung, wie diese seltsame Kreatur von der Venus auf unseren Planeten gekommen ist. Du weißt einfach nicht, was eine verdammte Schnecke ist.

Was meinst Du, wie sich das anfühlt?

Wie sich das anfühlt, den Verstand zu verlieren?

Ich kann Dir sagen, wie sich das anfühlt: Echt extrem scheiße!


Mein Leben verlief 26 Jahre lang eigentlich bilderbuchmäßig. Wohlhabende, liebevolle Eltern, einen talentierten Bruder, gute Noten, viele Freunde und ein glückliches Händchen bei der Berufswahl.

Mein Job in einer aufstrebenden jungen Firma war Human Ressources. War nicht wirklich schwierig; wir kamen, bei unserer Wachstumsrate, nicht mit den Anstellungen hinterher. Ich verdiente gutes Geld und lebte ein prima Leben.

Wir waren genau die jungen Leute, die von allen beneidet wurden. Die Menschen, die es von Natur aus geschafft hatten. Die mit einer guten Startposition auf die Spitzenplätze im Leben. Wir hielten zusammen. Wir würden uns sicher nicht überholen lassen!

Wir waren unbesiegbar!

Wir waren unsterblich!

Bis mir eines Tages leider – schwupps – mein Verstand abhandenkam. Von einem Tag auf den anderen wurde ich vom Glamourgirl zur Krüppelschnecke.

Auch mit 26 kann man einen Schlaganfall haben. Das kann ich behaupten, weil mir genau das passiert ist. In einem Moment noch sexy Hexy und nur ein paar Künstliche-Wimpernschläge später eine empfindliche Störung im Betrieb eines Nobelrestaurants.

Ich wachte in einem Krankenhaus auf und war kaputt. Den rechten Arm konnte ich nicht mehr bewegen. Der war ständig an meinem Körper gepresst, als würde sich die rechte Seite für mich schämen. Die Hand war ständig zu einer Faust geballt. Ich konnte keinen Finger bewegen. Wahrscheinlich war die rechte Seite auch wütend.

Die Rumpfmuskulatur war nicht wirklich betroffen und das rechte Bein beugte sich meinen Befehlen, wenn auch ungern. Aber, immerhin, ich konnte humpeln. Man musste mich halb tragen, aber es ließ mir ein bisschen Selbstbewusstsein.

Am kaputtesten war der Kopf. Oft fand ich keine Wörter. Das waren nicht so harmlose Wortfindungsstörungen, über die viele Menschen so klagen. Es war nicht so, dass mir der lateinische Gattungsbegriff für Schnecken entfallen wäre. Ist übrigens Gastropoda, also Bauchfüssler.

Nein, mir fiel dann kein Wort ein. Überhaupt kein Wort. Ich machte dann halt Grunzgeräusche. Wie das Gastropode halt machen. Machen die das?

Manchmal aber fielen mir ganze Sätze ein, die dann zusammenhanglos aus meinem Verstand fielen. In den Aufzeichnungen aus der Klinik finden sich so Perlen wie: „Ich habe eine magische Gebärmutter“ und „Ich besuche heimlich okkulte Messen.“

Die Logopädin, eine grauhaarige, liebevolle Frau zeigte mir geduldig Bild für Bild. Jeden Tag die gleichen, um festzustellen, ob sich mein Gehirn erholt. Immer wieder fiel mir nicht ein, was denn eine Harfe ist oder eine Zange oder eben eine dumme Schnecke.

Ich war kaputt. Kopf kaputt, Körper kaputt, Geist kaputt. So komplexe Konzepte wie ‚Selbstwertgefühl‘ waren mir abhandengekommen.

Ich hatte den Verstand verloren.

Ich war ein Bauchfüssler. Kein Mensch mehr, sondern eine Schnecke.

Eine Krüppelschnecke.

Es folgte ein chirurgischer Eingriff und der brachte deutliche Besserung. Ich schlief nicht mehr 20 Stunden am Tag, sondern nur noch zehn. Ich konnte besser gehen, besser reden und meinem rechten Arm wieder Befehle erteilen.

Die Chirurgen hatten auf der linken Seite meines Schädels eine Tür aufgesägt, die sie benutzten, um Zugang zu meinem Gehirn zu bekommen. Ein rechteckiges Stück Schädel musste erst einmal wieder anwachsen.

Ich trug mittlerweile, wie alle Profipatienten keine Klinik-Klamotten mehr, sondern meine eigenen Schlaf-T-Shirts und kurze Hosen. Weil die Ärzte Angst hatten, dass sich neue Thromben lösen konnten, hatte ich immer Kompressionsstrümpfe an, in diesem Hansaplast-Pseudo-Hautton.

Doch ich hatte in der Klinik 20 Kilo abgenommen und sah aus wie Kate Moss, als sie so aussah, als wäre sie heroinabhängig. Die Gummistrümpfe hingen mir also, wie bei Pippi Langstrumpf, immer lose um die Knie. Auf einem Stuhl zu sitzen ist übrigens ohne Fett schmerzhaft, ohne Polsterung sitzt man auf den Knochen – eine der wenigen Lehren dieser Zeit als Supermodel.

Die Dinge besserten sich … langsam. Wirklich super-duper-langsam. Ich blieb ein Krüppel und ich blieb eine Schnecke, aber ich hatte ein Ziel vor Augen. Ich wollte meinen Verstand wieder.

Eines Abends saß ich im Bett und kuckte „Indiana Jones and the Temple of Doom“, als mich überraschend Tina und Hilli besuchten, zwei Freundinnen aus der Arbeit.

Bei Tim sei heute eine Riesenparty, weil er seinen Dreißigsten feierte und ich wäre jetzt doch fit genug, um da vorbeizuschauen. Damit alle mich mal wiedersehen könnten und ich alle mal wiedersehen könnte.

Klar, es ist natürlich verboten, das Krankenhaus zu verlassen, aber was sollte schon passieren? Sie würden mich doch eh bald entlassen und was sollten sie tun, wenn eine Kranke vor der Tür stand? Nicht reinlassen?

Es dauerte nicht lange und ich war überredet. Ich setzte Tina und Hilli vor die Tür, um Schmiere zu stehen, und zog mich im Krüppelschneckentempo um, so dass ich für eine Besucherin gehalten wurde.

Weil das noch nicht aufregend genug war, tat ich das zur Indiana-Jones-Melodie im Hintergrund.

Ich war eine echte Heldin! Ich war wieder da! Ich war wieder gesund!

Ich würde wieder unsterblich sein!

Um 20:00 Uhr endete die Besuchszeit und in dem Strom der Angehörigen, der die Klinik verließ, fielen wir nicht auf. Wir entwischten ohne Probleme und Hilli fuhr den Fluchtwagen, als wäre die gesamte Polizei Berlins hinter uns her.

Auf der Party setzte ich mich auf einen der Lehnstühle und ließ meine alten Freunde nacheinander vorbeischauen. Ich stahl dem armen Tim vielleicht ein bisschen die Show, als ich jedem die Tür in meinem Schädel zeigte und von meinen Verkrüppelungen berichtete.

Ich war der Mittelpunkt der Party, aber ich fühlte mich mit jedem Gespräch unwohler.

Es war seltsam. Vor nicht einmal acht Wochen hatte ich die Schnecke auf dem Bild nicht erkannt und jetzt saß ich auf einer Party und erkannte meine Freunde alle ohne Probleme wieder, aber …

Ich kannte sie mit Namen und erinnerte mich an viele Details, die ich über sie wusste, aber ich hatte keine Ahnung, warum ich mit diesen Menschen befreundet war!

Vielleicht war es der viele Alkohol oder andere Drogen, die meine Freunde intus hatten, aber ich hatte keinerlei Probleme, diesen ‚normalen‘ Menschen geistig zu folgen.

Null! Vor acht Wochen hatte ich die Schnecke nicht erkannt, aber jetzt wusste ich genau, was Peter, ein alter Ex, bezwecken wollte, wenn er von seiner Verlobung erzählte.

Was meine Vorgesetzte von mir wollte, wenn sie sich detailliert erkundigte, wie belastungsfähig ich wäre.

Was mein Oberboss wirklich sagen wollte, wenn er meinte, ich solle mich nicht stressen, sie würden meinen Job für mich freihalten.

Und ich verstand genauso gut, warum Tina mich unbedingt auf diese Party schleppen wollte – es fiel genug Aufmerksamkeit in meinem Schatten für sie ab.

Alle diese Menschen hatten mir furchtbar viel bedeutet und ihre Meinung von mir war mein Glück oder Unglück an jedem Tag! Einige hatten mich besucht, aber die meisten hatten mich gemieden wie die Pest. Selbst jetzt, wenn sie um mich herumstanden, hatten sie Angst, dass Kompressionsstrümpfe ansteckend sind!

Mein Krüppelschneckendasein stellte den Lebensentwurf meiner ‚Peer Group‘ in Frage. Denn ich war einmal unbesiegbar und unsterblich: Dann bin ich vom Podest gefallen und beinahe gestorben. Da will man lieber nicht genauer hinkucken.

Damals, als ich in dem Stuhl saß, war ich überfordert von den Eindrücken, die auf mich einstürmten und froh, wieder in meinem Zimmer in der Klinik zu sein.

Was natürlich nicht ohne Probleme wieder hinzubekommen war. Unsere Fluchtwagenfahrerin Hilli machte den Fehler, genau vor einer Überwachungskamera zu parken. Und als mich der Typ von der Sicherheit anquatschte, fiel mir nichts Besseres ein, als zu lallen – was dazu führte, dass die Ärztin der Nachtschicht dachte, ich hätte einen weiteren Hirnschlag.

Es gab also richtig Ärger für den Ausbruch der Krüppelschnecke – aus guten Gründen. Die Ärzte kuckten mich bei der Visite an, als wollten sie mir mein Todesurteil mitteilen. Sogar meine Lieblingsschwester Magda war für Tage auf mich sauer. Nur der Apoplex-Therapeut freute sich und meinte, das wäre doch ein deutliches Zeichen für meine langsame Gesundung.

Ich gesundete weiter. Heute, drei Jahre später, kann ich wieder joggen gehen und völlig normal reden. Oder wenigstens so normal, wie ihr gerade gehört habt.

Aber diese Party hatte mir deutlich gezeigt, wohin sich Indiana Krüppelschnecke entwickelt hat. Was es für mich bedeutet, gesund zu sein. Richtig gesund zu sein.

Für mich bedeutete es, meinen alten Job aufzugeben und etwas Anderes zu machen. Für mich bedeutete es, meinen Freundeskreis zu verlieren und sich dabei sogar gut zu fühlen.

Ich habe meinen Verstand verloren.

Und dann habe ich ihn wiedergewonnen.

Aber ich war nicht mehr die Gleiche.

Ich war eine völlig Andere geworden.

Das war die eigentliche Gesundung. Die Party war genauso wichtig dafür wie die Tür in meinem Kopf. Ich hatte ich schon vor dem Schlaganfall eine düstere Diagnose: Ich war unbesiegbar und unsterblich!

Keine Kleinigkeit. Ist terminal. Schlechte Prognose.

Hat schwere Auswirkungen auf die seelische Gesundheit.

Führt ziemlich sicher zu Depressionen und Imposter-Syndrom und Burn-Out und Sucht.

Die meisten erholen sich nicht mehr von „Unbesiegbar und unsterblich“.

Aber Krüppelschnecken… haben ganz gute Chancen!


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