Die Nosine

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Wenn man unsichtbar wäre, wenn also die Photonen durch den Körper dringen, ohne reflektiert zu werden, wäre man da nicht auch blind? Nur so am Rande gefragt, denn Annabelle ist die Entdeckerin des Geheimnisses echter Unsichtbarkeit – und sie kann durchaus sehen!


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Download der Sendung hier.
Zwischenmusik: “Glenn Gould – 5 Short Pieces
Musiktitel: „Into the Woods“ von THE KYOTO CONNECTION / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Was soll man schon groß über Annabelle berichten? Sie ist mittelgroß, hat mittelbraune Haare, die sie mittellang in einem Mittelscheitel trägt. Ihr Anorak ist durchschnittlich, ihre Jeans sind durchschnittlich und ihre Turnschuhe auch.

Annabelle hat das Geheimnis der Unsichtbarkeit entdeckt und es perfektioniert. Keiner ihrer Mitschüler auf der Berufsfachschule könnte sich daran erinnern, ob sie auf einer Veranstaltung oder Party war oder nicht.

Gerade jetzt, in diesem Moment wünscht sich Annabelle, sie hätte nicht mit dem Rauchen aufgehört. Nicht wegen des Nikotinkicks, sondern weil das Rauchen zu ihrem Rezept der Unsichtbarkeit gehört. Keiner wundert sich, wenn Raucher schnell einmal verschwinden.

Sie öffnet die Terrassentür und schlüpft hinaus. Als sie die Tür hinter sich zuzieht, hört sie das Geplärre ihrer Mutter kaum noch. Die ist, wie an jedem Geburtstag, hackedicht und schreit ihrem Vater, wie an jedem Geburtstag, ins Ohr, dass sie sich scheiden lässt.

Annabelle hasst den kleinen Garten. Weil hier der Weg in die wahre Welt war. Und sie diesen Weg nicht mehr gehen kann. Sie hasst den Garten, weil das der Weg wäre zu Nosine. Und zur wahren Welt. Vor den Verletzungen.


Als Annabelle ein kleines Kind war, zog die Familie in dieses Haus, obwohl es noch nicht einmal fertig war. Der Garten war damals ein Berg Humus – mehr nicht. Ein kleiner Trampelpfad führte vom Wald zum Garten. Oder vielleicht vom Garten in den Wald.

Mit drei Jahren spiele Annabelle im Garten. Wenn ihr Vater nicht da war und er war nie da und ihre Mutter den Nachmittag auf dem Sofa verpennte und sie verpennte jeden Nachmittag auf dem Sofa, bietet ein Berg Erde Spielmaterial genug.

Mit sechs Jahren traute sie sich zum ersten Mal an den Waldrand, blieb aber andächtig davor sitzen. Es war dunkel im Wald und ein Regiment mannshoher Brennnesseln bewachte den Eingang. Das Unterholz war dicht und stachelig und seltsame Stimmen drohten in einer fremden Sprache: „Hau ab, Kleines! Geh weg! Lass uns in Ruhe!“

Mit neun Jahren traute sie sich zum ersten Mal in den Wald. Mit einem Stock kappte sie die Brennnesselsoldaten, stampfte durch den kleinen Graben und schlüpfte ins Unterholz. Annabelle benötigte viel Zeit, um den Wald kennenzulernen. Aber sie hatte viel Zeit.

Mit elf Jahren fand sie die Lichtung. Und den Bach. Und den großen Ahornbaum. Und die Tiere! Lauter Lebewesen, die sie noch nie gesehen hatte. Mit elf Jahren entdeckte sie endlich die wahre Welt.


Annabelle kann sich nicht erinnern, wann genau sie Nosine zum ersten Mal traf. Aber es war ein stürmischer Herbsttag. So stürmisch, dass ihr verboten wurde, das Haus zu verlassen.

Und es war ein Tag, an dem sie sich nach der Schule erst einmal von ihrer Mutter erklären lassen musste, dass aus ihr nie etwas werden würde – bei diesen Noten! Also war es wahrscheinlich ein Zeugnistag.

Nachdem sich ihre Mutter hingelegt hatte, um ihren zweiten Rausch des Tages auszuschlafen, schlüpfte Annabelle in ihre Gummistiefel und trapste entschlossen los. Sie fühlte sich so verletzt, dass sie beschloss, nie wieder zurückzukommen!

In der Lichtung rührte sich kaum die Luft, so vollständig war der Schutz durch die alten Bäume. Es war, als hätte sich auch der Sommer hierher zurückgezogen, genau wie das kleine Mädchen, das gerade fröhlich barfuß durch das Bächlein stapfte.

Doch auch in der wahren Welt gibt es Gefahren. Auch in der wahren Welt kann man sich verletzen. Annabelle dachte: „Wie wohl die Glasscherben in meinen Bach kommen?“, während sie beobachtete, wie sich im Bach eine rote Schliere bildete. Das Rot entsprang ihrem rechten Fuß.

Als sie am Ufer sitzt und entsetzt bemerkt, wie ihr Fleisch fingerbereit auseinanderklafft, beginnt sie vor Angst zu weinen. Darum bemerkt sie nicht, wie ihr jemand sanft die Hand auf die Schulter legt.

Eine kleine Frau lächelt ihr plötzlich ins Gesicht und vor Schreck schreit Annabelle auf. Alles Leben auf der Lichtung verharrt, kein Vogel singt, als sie in ein faltiges Gesicht blickt. Ein Gesicht das älter war als der Ahorn.

Es braucht nur eine sanfte Berührung. Eine warme Hand legt sich auf ihre Wunde. „Alles wird gut!“, denkt Annabelle. Die Vögel singen wieder, die Lichtung atmet auf. Sie fühlt sich geheilt, sie fühlt sich heil.

Die Frau streichelt ihr über die Haare, nimmt ihren riesengroßen Rucksack wieder auf die Schultern und geht ihres Weges. Sie stützt sich auf einen knorrigen Wanderstock und summt ein Liedchen.

„Wie heißt Du?“, ruft ihr Annabelle hinterher.
Ohne anzuhalten, antwortet die bucklige Gestalt: „Ich bin die Nosine!“


Mit vierzehn Jahren kommt Annabelle ins Heim. Fremde Menschen standen eines Tages nach der Schule im Haus. Dem Haus, das immer noch nicht fertig war. Ein Mann mit einem Klemmbrett machte sich Notizen und kreuzte Kästchen in einem Formular an.

Eine Frau beugte sich zu ihr hinunter und erklärt ihr, als wäre sie ein Kindergartenkind, das sie jetzt zu guten Menschen kommen wird. Keine Sorgen soll sie sich machen. Jetzt würde alles gut werden, grinst die Frau. Doch das sind Worte, nur Worte – nicht Heilung.

Mit sechzehn Jahren stiehlt sie ihrer Mutter beim wöchentlichen Besuch eine Packung Schlaftabletten aus dem Badezimmer. Als sie alle Pillen geschluckt hat, wartet sie darauf, einzuschlafen. Mit Sicherheit würde sie in der wahren Welt aufwachen und dann bei Nosine leben.

Mit achtzehn Jahren hatten sie die Psychiater überzeugt, dass die wahre Welt nur eine Fluchtwelt war, in die sie sich als Kind geträumt hat, um mit den Misshandlungen ihrer Mutter zurechtzukommen.

Mit zwanzig Jahren ist ihre Medikation so eingestellt, dass sie traumlos schlafen kann. Keine Alpträume stören ihre Ruhe, aber auch keine Träume von der wahren Welt. Doch Heilung ist das nicht. Annabelle beginnt ihre Ausbildung zur Ergotherapeutin. Sie will heilen. Sie entdeckt das Geheimnis der Unsichtbarkeit.


Jetzt steht sie in dem Garten, der kein Berg mehr aus Humus ist, sondern ein Gefängnis, umgeben von Wänden aus grünem Beton. So winzig klein ist der Garten, dass sie sich nicht vorstellen kann, als Kind hier herumgeturnt zu sein.

Annabelle quetscht sich durch die Thujen, die ihr mit ihrem strengen Geruch die Luft nehmen. Sie öffnet das winzige Gartentor und kann den Trampelpfad kaum erahnen, der sie als Kind jahrelang jeden Nachmittag in den Wald geführt hat.

Die Brennnesseln, die ihr mannshoch erschienen, reichen ihr jetzt knapp zur Hüfte. Und sie erkennt die Stimmen, die sie eins aus dem Wald vertreiben wollten. Ringeltaube, Käuzchen, ab und zu ein Eichelhäher.

Es scheint, als hätte das Wäldchen kein Mysterium mehr, sondern wäre einfach ein mittelmäßiger Wald. Mit durchschnittlichem Bewuchs. Ein Stück Natur, dass – wie sie – das Geheimnis entdeckt hat, niemals aufzufallen.

Lange irrt sie durch das Unterholz, lange findet sie ihren Weg nicht. Doch dann steht sie, wie vom Donner gerührt, doch auf ihrer Lichtung. Und da ist der alte Ahorn, immer noch. Und da fließt das Bächlein, immer noch. Und die Vögel singen, immer noch.

Und am Rande des Bächleins sitzt, neben einem riesigen Rucksack, die älteste Frau der Welt. Und sie lächelt Annabelle zu. Immer noch.

Als die Nosine sagt: „Da bist Du ja endlich. Ich habe lange gewartet. Wir müssen los, Kleine!“, weiß Annabelle sofort:

Sie ist in der wahren Welt angekommen. Dieses Mal würde sie wirklich nicht mehr zurückkommen.

Die Heilung kann beginnen.


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