Pfefferminzbonbons

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Anne hat einen Fluchtplan! Sie flüchtet vor der Unterdrückung ihrer tyrannischen Mutter in den Süden! Und ihren Opa befreit sie bei der Gelegenheit gleich aus dem Knast! Oder dem Altersheim, um genau zu sein. Die Geschichte endet aber anders. Und wunderlich.


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Brokenhearted Motherfuckers“ von Egor Budenny / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

HW: Ha! Endlich sind wir aus diesem Regen raus!
FA: Ja, sorry. Die Wetter-App hat eigentlich nur eine Regenwahrscheinlichkeit von 12% vorhergesagt.
HW: Wer ist denn die Wetter-App?
FA: Na hier, so ein Programm auf dem Smartphone.
HW: Dein Telefon kann das Wetter vorhersagen?
FA: Ja, klar. Oder eben nicht, wie man ja sieht.
HW: Na ja, wenigstens regnet’s nicht ins Bushäuschen rein. Ich mag keinen Regen. Bei Regen schmerzen meine Hüften.
FA: Ja, ich weiß. Tut mir leid!

HW: Na ja, Deine Wetter-App wird den Regen ja nicht in Deinem Auftrag gemacht haben, oder?
FA: Nein. Aber es wäre für unseren Fluchtplan besser, wenn es nicht regnen würde.
HW: Wegen dieses Plans übrigens: Kann ich den komischen Hut jetzt ausziehen?
FA: Nein, besser nicht! Wir wollen doch nicht erkannt werden!
HW: Wer sollte uns denn erkennen, bitteschön?
FA: Ein Pfleger aus dem Altersheim? Eine Besucherin? Man muss auf alle Fälle vorbereitet sein! Keiner, der uns sieht, soll sich an uns erinnern können! Das ist wichtig!

HW: Ach, und Du meinst, wenn ein alter Mann mit Rollator und einem Zylinder mitten in der Nacht mit einem kleinen Mädchen mit …
FA: Ich bin kein kleines Mädchen!
HW: Tut mir leid, Du hast recht, Sophie.
FA: Ich bin Anne, nicht Sophie. Sophie ist Deine Tochter.
HW: Tut mir leid! Aber ich will den blöden Hut nicht mehr tragen! Der ist das Gegenteil von unauffällig!

FA: Ja, Du hast recht. Das war dumm. Den habe ich aus der Theatergruppe geklaut. Ich dachte, das wäre immer noch besser als ein Cowboyhut!
HW: Da hast Du wahrscheinlich recht. Besser Johannes Heesters als John Wayne hierzulande.
FA: Besser wer als wer?
HW: Schon gut. Aber Du brauchst Dir keine Sorgen machen. Bei diesem Mistwetter geht sicher niemand von der Villa Seerose vor die Tür!
FA: Und ich habe gerade gekuckt. Der nächste Bus kommt in 14 Minuten. Bis dahin wird das schon klappen. Wird uns schon keiner sehen.

HW: Und das ist wichtig, weil …
FA: Oh, Mist! Da steht, um diese Uhrzeit gilt mein Schülerausweis nicht. Und für Dich müssen wir auch eine Karte kaufen! Hast Du zufällig Geld dabei?
HW: Meinst Du Bargeld?
FA: Na klar, wieso? Hast Du keines?

HW: Nein. Bargeld habe ich nicht. Aber mein Scheckbuch.
FA: Was ist denn ein Scheckbuch?
HW: Da kann man Schecks mit ausstellen. Ist wie Bargeld.
FA: Das hab‘ ich noch nie gehört. Das kannste vergessen. Der Busfahrer nimmt sicher keinen Scheck!

HW: Ich habe nie Bargeld.
FA: Warum? Kaufst Du nie was ein?
HW: Nie. Das machen die von der Villa Seerose für uns.
FA: Oh, Mann! Du Armer! Nicht einmal Geld erlauben sie Dir!
HW: Na ja, eigentlich …
FA: Was hast Du denn sonst in Deiner Handtasche?

HW: Das ist doch keine Handtasche!
FA: Was ist das denn?
HW: Eine Herrentasche! Das ist modern!
FA: Das war vielleicht einmal modern, aber da war ich noch nicht auf der Welt. Was hast Du da drinnen?
HW: (Off) Lass mal kucken. Also, das Scheckbuch. Und Taschentücher, wenn ich weinen muss. Und Pfefferminzbonbons.
FA: (Off) Verdammt viele Pfefferminzbonbons!

HW: Willst Du eins, Sophie?
FA: Anne. Und nein, ich hasse Pfefferminzbonbons.
HW: Ach? Das muss in der Familie liegen. Ich auch!
FA: Aber warum hast Du denn so viele?
HW: Die liegen an der Rezeption aus. Kostenlos. Und nach dem Frühstück nehme ich immer eines mit.
FA: Aber warum?
HW: Weil sie nichts kosten!

FA: Und das ist alles in Deiner Handtasche?
HW: Ja.
FA: Keinen Pass?
HW: Einen Pass? Nein. Wohin willst Du denn abhauen?
FA: Ich weiß nicht genau. Nach Südfrankreich?
HW: Ach! Regnet es da oft? Weil, wenn es regnet, dann tun mir immer …
FA: … die Hüften weh. Ich weiß. Da regnet es fast nie, Opa! Das ist das beste Wetter der Welt da! Und da ist auch das Meer, das ist besonders gut für alte Leute!
HW: Ach! Das ist ja schön! Und was gibt es da für junge Leute so?

FA: Das ist egal. Hauptsache, da gibt es keine Mütter!
HW: Verstehe.
FA: Es tut mir leid, Opa, aber Du hast ein Monster aufgezogen!
HW: Oh. Wie kommst Du darauf? Fürchtet Deine Mutter sich vor Knoblauch?
FA: Häh? Ah, ja. Ich glaube schon …
HW: Und hat sie denn ein Spiegelbild?
FA: Ist das wieder so ein Witz von Dir? Natürlich ist sie kein Vampir! Sie ist nur der faschistischste Kontrollfreak auf der ganzen Welt! Wenn es nach ihr gehen würde, dann müsste ich für jedes Ein- und Ausatmen erst einmal einen schriftlichen Antrag stellen!
HW: (lacht)

FA: Da gibt’s auch nichts zu lachen, Opa! Seit Papa weg ist, darf ich praktisch gar nichts mehr! Ich muss jede Nacht um 22:00 Uhr zu Hause sein. Und wenn ich wieder komme, dann muss ich sie anhauchen. Und wenn ich nach Alkohol rieche, dann bekomme ich Haus arrest. Dabei bin ich 16 Jahre alt! Du solltest mal sehen, wie SIE mit ihrem Gorilla die Weinflaschen nur so weghaut! Das ist so ungerecht!
HW: Ihr ‚Gorilla‘?

FA: Ja, ihr schrecklicher Freund! Der ist am ganzen Körper behaart!
HW: Oh. Das wusste ich nicht. Woher weißt Du das?
FA: Das hat sie Dir nicht erzählt, oder? Ja, sie hat einen Freund! Obwohl sie noch verheiratet ist! Eine Ehebrecherin, das ist sie!
HW: Aber, Liebling, Deine Eltern sind doch geschieden!

FA: Nein, sind sie nicht! Der Gerichtstermin war noch nicht! Sie sind noch verheiratet!
HW: Aber sie leben doch schon seit vier Jahren getrennt!
FA: Das spielt doch keine Rolle! Offiziell sind sie verheiratet. Offiziell ist sie eine Ehebrecherin!
HW: Ach, Du bist aber streng, Sophie!

FA: Opa, ich bin Anne! Sophie ist Deine Tochter. Sophie ist die Ehebrecherin!
HW: Tut mir leid, Anne. Ich bin nur ein alter Mann. Und mir tun die Hüften weh.
FA: Schon gut, Opa. Ich muss auf jeden Fall weg. Und weil ich nicht volljährig bin und Du hier im Knast sitzt, dachte ich, wie fliehen beide nach Südfrankreich!

HW: Kannst Du Französisch?
FA: Nein. Du?
HW: Deux ou trois mots.
FA: Das ist gut. Aber man kommt da auch mit Englisch durch, habe ich nachgekuckt.
HW: Ach, wirklich? Dann hat sich Frankreich aber geändert!

FA: (wichitg) Alles ändert sich, Opa!
HW: Ja, alles ändert sich. Wusstest Du übrigens, dass Deine Oma mich betrogen hat?
FA: Was? Im Ernst?
HW: Ja. Hat sie.
FA: Und das sagst Du ganz ruhig und lächelst selig? Wenn mein Mann mich betrügen würde, dann würde ich ihm im Schlaf die Eier abschneiden!

HW: Au! Das ist aber ziemlich brutal!
FA: Die Ehe ist ein Schwur, oder? Man schwört sich, zusammen zu halten, oder? Das macht doch keinen Sinn, wenn jeder rumvögelt, wie er will!
HW: Na, na, na! Vögeln sagt man aber nicht!

FA: Ach, Opa! ‚Vögeln‘ ist total normal! Da gibt’s viel härtere Sachen heutzutage!
HW: Ach, was denn? Erzähl!
FA: Warte, warum hat Oma Dich betrogen?
HW: Ach. Weil der Tennislehrer sexy war, wahrscheinlich?
FA: Das reicht Dir als Erklärung?
HW: Das war ja noch nicht alles. Ich war ein sehr wütender und ungerechter junger Mann, musst Du wissen.

FA: Du hast sie geschlagen?
HW: Was? Nein! Natürlich nicht! Aber ich habe meine schlechte Laune an ihr ausgelassen. Psychische Gewalt. Das war nicht richtig von mir. Das war fies.
FA: Und warum habt ihr nicht darüber geredet?
HW: Das haben wir ja dann auch gemacht. Wir waren ja bis zu ihrem Tod zusammen.

FA: Siehst Du? Das beweist es doch wieder! Die Ehe ist ein Schwur! Und ihr habt das ernst genommen! Ist doch was Anderes als mit Gorillas rumvögeln!
HW: Nein, Anne, so einfach ist das nicht. Ich bin ganz froh, dass Deine Mutter nicht mehr alleine ist, um ehrlich zu sein.
FA: Was? Aber Du magst doch Papa!
HW: Oh, ich mag Deinen Vater sehr! Ich war wirklich traurig, als das nichts wurde mit der Ehe. Aber Deine Mutter mag ich auch sehr. Ich hoffe, ihr geht es dieses Mal besser in der Beziehung.

FA: Du findest also, mein Vater und meine Mutter sind gute Menschen und trotzdem klappt das nicht und meine Mutter muss sich einen Gorilla raussuchen?
HW: Wieso weißt Du eigentlich, dass der am ganzen Körper behaart ist?
FA: Das willst Du nicht wissen.
HW: Oh, doch! Das will ich wissen.
FA: Gut, das erzähle ich Dir auf der Busfahrt. Oder, besser noch, wenn wir in Frankreich ein Haus gefunden haben!

SFX: Piepen.

FA: Was piepst denn da?
HW: Ach das? Das … ist ein … Inkontinenzalarm.
FA: Ein was?
HW: Das willst Du nicht wissen!
FA: Oh, doch. Das will ich wissen.
HW: Gut, das erzähle ich Dir, wenn wir wieder in meinem Zimmer sind.

FA: Was? Nein, Opa, Du musst doch nicht wieder in diesen Knast!
HW: Aber ich kann das nicht alleine!
FA: Was kannst Du nicht alleine? Ich bin doch auch noch da!
HW: Ich will nicht, dass Du das machst!
FA: Was denn?
HW: Ich will wieder in die Villa Seerose, Sophie!
FA: Anne! Warum denn?
HW: Weil ich nicht will, dass sich meine Familie darum kümmern muss, wenn ich mir wieder in die Windel gepisst habe! So! Wolltest Du das wissen?
FA: Oh!

(Pause)

FA: Ich habe ein Video gesehen.
HW: Du hast ein Video gesehen, wo jemand einem alten Mann die Windel wechselt?
FA: Nein. Schlimmer.
HW: Ach, ich verstehe.
FA: Bei uns auf dem Küchentisch. Auf dem Küchentisch, kannst Du Dir das vorstellen? Mama war ganz nackt und Gorilla auch und dann haben sie ein Video gemacht und Mama hat es nicht einmal gut versteckt auf dem iPad. Die haben da keine Hemmungen, die Schweine!
HW: Oh! Auf dem Küchentisch?
FA: Ja, eklig! Du brauchst nicht glauben, dass ich von dem Tisch jemals in meinem Leben je wieder etwas essen werde!
HW: Und deswegen willst Du nach Frankreich?
FA: Ja. So weit weg, wie Dein Scheckbuch reicht.
HW: Tja. Und wer wechselt meine Windeln?

FA: Du bist da ja freiwillig, oder?
HW: Ja.
FA: Das ist kein Knast für alte Leute?
HW: Nein.
FA: Schaut aber so aus.
HW: Wieso?
FA: Na, Gitter vor den Fenstern!

HW: Na ja, manche sind so alt, die hauen genauso gerne ab wie Du.
FA: Und Du kannst da gehen, wann Du willst?
HW: Ja. Ich will aber nicht.

FA: Warum bist Du dann überhaupt mitgekommen? Mit dem Rollator und dem Zylinder auf dem Kopf?
HW: Klang nach viel Spaß!
FA: Im Ernst? Du wolltest nicht fliehen?
HW: Nein. Aber ich würde Dich auch nicht alleine nach Frankreich fliehen lassen.

FA: Du meinst, das ist nicht schlimm, das mit dem Küchentisch, dem Gorilla und dem Vögeln?
HW: Bitte! Vögeln sagt man nicht!
FA: Ach, Opa, Du bist so altmodisch!

HW: Pah! Erzähl mir mal von Deinen modernen Schimpfwörtern, die noch viel schlimmer sind.
FA: (leise) Fuck!
HW: Fack? Was soll das denn sein?
FA: Fuck? Das heißt Vögeln!
HW: Klingt aber viel, viel nobler! Fuck? Fuck, Fuck! Fuck!
FA: Opa! Wenn Dich einer hört!

HW: Und was noch?
FA: (leise) Shit.
HW: Kenne ich. Das ist ja norddeutsch. Schiet haben wir gesagt. Geht’s ein bisschen härter?
FA: (leise) Motherfucker …
HW: Mutter-Vögler? Wie passend!
FA: (lacht) Ja, stimmt! Der Gorilla ist ein Shit-Motherfucker!
HW: Motherfucker, Motherfucker, Motherfucker!

FA: Opa, hör auf! Sag‘ Du lieber wieder ‚Dunnerlittchen‘ oder „JesusMariaundJoseph‘.
HW: Nein. Ich glaube, ich finde Fuck und Shit und Motherfucker viel besser. Dabei bleibe ich jetzt. Du hast mich verdorben!

FA: Opa?
HW: Ja, meine liebe, kleine Anne?
FA: Ich habe Oma nie kennengelernt, stimmt’s?
HW: Ja, das ist wirklich traurig.
FA: War sie wirklich so toll, wie Du immer sagst?

HW: Die dritt-tollste Frau der Welt! Nur ein Beispiel: Sie hat mir vergeben. Das können nicht viele Menschen. Viele tun so, aber tragen das ein Leben lang als Last mit sich. Vergebung ist sehr, sehr hart. Braucht man ein großes Herz. Sie hat das gekonnt. Und da habe ich mir das dann einfach abgekuckt und konnte auch vergeben. Toll, oder?

FA: Nur die dritt-tollste Frau der Welt?
HW: Nach Dir und Deiner Mutter, meine Liebe. Ihr seid einfach die cooleren Motherfucker!
FA: Opa, jetzt lass das!
HW: Wollen wir zurück in die Villa Seerose und Deine Shit-Mother anrufen? Die macht sich wahrscheinlich schon Sorgen!

FA: Nur, wenn Du das Schimpfen aufhörst!
HW: Okay, wenn Du mich SO erpresst, Du faschistischer Kontrollfreak!
FA: Nicht witzig!

HW: Ich werde ihr einfach erzählen, Du musstest mir noch die Windel wechseln!
FA: Igitt, wieder nicht witzig!

HW: Pfefferminzbonbon?
FA: Ich hasse Pfefferminzbonbons!
HW: Ich auch. Aber wer weiß? Alles ändert sich, hat meine Enkelin gesagt.
FA: Das nicht, Opa!
HW: Ja, Shit-Motherfucker-Pfefferminzbonbons!


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