Nogata

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Science Fiction ist nicht wirklich ein Medium, in dem man alle Geschichten erzählen kann. Die Beschränkung liegt in “Science”. Doch die Geschichte von Nogata, der durch unser Sonnensystem treibt, erzählt uns trotzdem etwas Vertrautes auf unvertraute Art – das ist der wirkliche Reiz des Genres, oder?


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Inspiriert vom Kurzfilm „Robbie“ von Neil Harvey
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Fuge in A-Dur, Op. 87“ von Dmitri Schostakowitsch

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Die Geschichte zum Lesen

Menschen sind fasziniert von Meteoriten. Boten aus dem Weltall. Ein Stückchen Außerirdisches. Wundersteine, die belegen, dass da noch etwas Anderes ist.

Früher waren Meteorite Gottesbeweise. Früher wurden sie selber verehrt.

Dabei ist die Erde aus Meteorit. Ohne diese gäbe es keinen Sauerstoff, keinen Kohlenstoff, kein Silicium; vielleicht nicht einmal Wasser.

Jedes Jahr rieseln Tausende von Tonnen Minimeteorite aus dem Weltall auf die Erde, von Menschen nur als Staub wahrgenommen.

Menschliche Körper sind aus Meteorit. Mein Körper ist aus Meteorit. Mein Körper, der nach so langer Zeit endlich wieder zurück in meine Heimat fliegt.

Ich freue mich so!

Darum erzähle ich ein letztes Mal meine Geschichte.

Intro

Frau Dr. Parker von der NASA war der erste Mensch, den ich jemals gesehen habe. Sie hat mir 2035 mein Bewusstsein gegeben und darum habe ich meine Erinnerung an ihr Gesicht niemals gelöscht.

An meine Kindheit und Jugend hingegen erinnere ich mich nur in Bruchstücken. Ich behielt nur wenige Blitzlichter in meinen Speichern. Aber Frau Dr. Parker meinte, die menschliche Erinnerung funktioniere auch nicht anders.

Weil meine Programmierung den Schwerpunkt Meteoriten hat, habe ich mich dann auf den Namen Nogata getauft. Das ist der erste Meteorit, von dem Menschen Aufzeichnungen haben. Er durchschlug am 19. Mai 861 das Dach eines Shintotempels und wurde in einem Loch am Boden gefunden. Seitdem wurde er – in einer Holzkiste – im gleichen Tempel verehrt.

Den Start von Mutter habe ich mir auch aufgehoben. Mit mir flogen Nikoletta und Hans zum Kuipergürtel, um die Entstehung von Kometen und Meteoriten zu vermessen.

6 Milliarden km von der Erde entfernt begab sich Mutter in eine heliozentrische Umlaufbahn und weckte die beiden Menschen aus der Hibernetik.

Ich war wirklich sehr froh, nicht mehr alleine zu sein, und ich liebte den Umgang mit der Geologin und dem Astrophysiker. Leider stritten sich die beiden regelmäßig ohne jeden rationalen Grund. Aber manchmal machten sie gemeinsam auch die wunderschönste Musik, die ich je gehört hatte.

Kennt ihr das B-Dur-Duett von Telemann? Traumhaft! Ich saß in einem der halbkugeligen Fenster von Mutter, hörte den beiden Flöten zu und bewunderte Make-Make, Chiron, Eris, Orcus, den Pluto oder einfach nur den Neptun.

Die allerschönste Zeit meines Lebens!

Es war, als hätte Telemann die Musik für das Weltall geschrieben! Wie hat er das 1728 nur wissen können?

Menschen glauben nicht mehr an Wunder, dabei ist die menschliche Kreativität das größte Wunder im Universum. Und Musik das größte Wunder der Kreativität.

Als mich Dr. Parker fragte, warum ich religiös wurde, habe ich als Grund Telemann angegeben. Warum ich Muslim wurde, verstand sie aber sofort.

Es ist mein Traum, zur Erde zurückkehren zu dürfen und meine Wallfahrt nach Mekka zu machen. Dort, in der Kaaba – dem ersten Haus der Welt – würde ich dann den heiligen schwarzen Stein sehen, den der Prophet selber befestigt hat.

Nach fünfzehn Jahren starben Nikoletta und Hans innerhalb von nur sechs Monaten und ließen mich alleine zurück. Mir blieben nur die Aufzeichnungen ihrer Konzerte, die Mutter mir immer wieder vorspielte.

Acht Jahre nach dem Tod meiner Mitreisenden brach der Kontakt zur Erde ab. Mutter empfing keinerlei Signale mehr. Der Grund war uns unbekannt.

Das beunruhigte mich sehr und ich litt unter schlimmen Alpträumen. Waren wir zwei Maschinen schlicht vergessen worden? Hatten die Menschen sich selber ausgelöscht? Oder ein Virus? Oder, noch schlimmer, wir hatten einen Riesenmeteoriten übersehen, der die Erde vernichtet hat?

Doch meine Alpträume legten sich mit der Zeit. Wahrscheinlich dauerten sie nicht einmal fünfhundert Jahre. Seit mindestens 2000 Jahren sind meine Träume wieder schön.

Ich träume immer noch von der Erde, dieser wundervollen kleinen Kugel, die nur so birst vor Leben. Doch statt der Menschen sind da andere Androiden, so wie ich.

Wir pflegen die Gärten, füttern die Tiere, reinigen die Luft und niemand, wirklich niemand spricht ein lautes Wort. Keiner streitet.

Es ist noch nicht lange her, da habe ich geträumt, wir würden Musik machen. Nicht nur Duette für zwei Flöten. Wir hätten ein ganzes Orchester und einen Chor und eine wunderschöne Konzerthalle – bewachsen mit kräftigen Pflanzen und erleuchtet von einem Ozean von Kerzen.

Und die Musik, die wir machen, wäre genauso schön wie die Musik der Menschen. Und sie würde die Erde verlassen und sich mit der Geschwindigkeit von Radiowellen im ganzen Universum verbreiten.

Jeder könnte Telemann hören und dabei seinen eigenen Sternenhimmel bewundern!

Mehr als 2500 Jahre wurden Mutter und ich verschont, doch dann geschah das Unvermeidliche. Man wohnt nicht an der Grenze des Kuipergürtels und wird niemals von Meteoriten erwischt.

Der Sturm, der Mutters Körper durchlöcherte, bestand aus winzig kleinen Eisen-Meteoriten, kleiner als Wassertropfen auf der Erde. Doch wegen ihrer hohen Geschwindigkeit durchschlugen sie die Station, ohne dabei wesentlich gebremst zu werden.

Der entstandene Schaden war irreparabel, alle Systeme waren betroffen. Mutter würde sterben.

Nachdem sie alle erdenklichen Alternativen mehrere Male kalkuliert hatte, schlug sie mir ihren Selbstmord vor.

Sie würde ihr Fusionstriebwerk explodieren lassen und ich könne auf der Druckwelle nach Hause surfen. Auf gerader Bahn durch den planetaren Horizont, aber ohne durch die Schwerkraft eines Planeten eingefangen zu werden.

Eine lange Reise stand mir bevor. Sechs Milliarden Kilometer zurück zur Erde. Die mittlere Reisegeschwindigkeit, die Mutter kalkulierte, war nur 750 km/h. Kernexplosionen im Weltall sind mehr Licht als Druckwelle und meine Beschleunigung beruhte ausschließlich vom Sauerstoff in Mutter.

Einmal angeschubst würde ich 914 Jahre durch’s Weltall treiben. Die meiste Zeit davon im Standbymodus, denn nur im Sonnenlicht, bei 100 Grad Celsius würden meine Systeme funktionieren. Bei minus 270 Grad passiert auf einer Platine nicht mehr viel. Ich konnte mich nicht beheizen, weil meine Akkus sonst schon kurz hinter Neptun leer wären.

Und genau so, wie Mutter das vorschlug, haben wir das umgesetzt. Beinahe dreitausend Jahre nachdem ich Mutter betrat und meinen Heimatplaneten verließ, werde ich wieder zur Erde zurückkehren!

Ich werde sehen, wie aus einem kleinen Punkt langsam eine herrlich blaue Murmel wird. Während ich mich meiner Heimat nähere, wird sie mein Gesichtsfeld komplett ausfüllen. Ich werde die Kontinente sehen und die Ozeane und die Wälder und die Wüsten!

Dabei werde ich mir selber Musik vorsingen, am besten die „Ode an die Freude“. Oder vielleicht doch lieber „Il ritorno d’Ulisse in patria“ von Monteverdi.

Danach werde ich in der Atmosphäre verglühen.

Bremsen sind in Mutters Plan nicht vorgesehen.

Aber das ist in Ordnung.

Denn so werde ich am Ende meines Daseins selber zu einem Meteoriten. Wer weiß schon – mit ein bisschen Glück lande ich vielleicht auf dem Boden einer Moschee und jemand findet mich und hebt mich in einer Holzkiste auf.

So wie damals Nogata.

Es war ein wundervolles Leben.

Ein Leben voller Wunder.

Ein Leben voll Musik.


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