Oskars Puppe


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Pressewirksam sind die Eröffnungen von Etablissements, in denen Menschen mit Sexpuppen verkehren können, auf jeden Fall immer. In ganz Europa entstehen solche Bordelle und die Diskussion wird hoch emotional geführt.

Eines der Argumente ist die Objektifizierung vor allem des weiblichen Körpers. Eine Puppe ist ein willenloses Ding und gibt keine Widerworte. Da gibt es wohl kaum Diskussionsbedarf.

Genau das dürfte auch die Absicht von Oskar Kokoschka gewesen sein, als er eine lebensgroße Puppe seiner Verflossenen Alma Mahler fertigen ließ. Die erste Sexpuppe der Welt. In unserem Hörspiel läßt Alma sich heute von einem gemeinsamen Freund die näheren Details erzählen.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Alma“ von Systopia / CC BY-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

HW: Frau Werfel, schön Sie wieder zu sehen, nach all‘ den Jahren. Ihr gnädigster Diener!

FA: Jetzt tu‘ nicht so, Reiserl! Ich bin immer noch die Alma!

HW: Das freut mich zu hören, aber nach dem Krieg hat sich so vieles verändert. Und am meisten haben sich die Menschen verändert. Und wenn man jetzt jemandem begegnet, dass weiß man nicht mehr, ob es der gleiche Mensch ist wie vor dem Krieg.

FA: Das ist eine gute Beobachtung. Ich habe manchmal den Eindruck, die Zivilisationen Europas haben in diesem Drama ihre Unschuld verloren.

HW: Ihre Kindheit, so kommt mir vor.

FA: Du meinst, wir wären vor dem Krieg noch Kinder gewesen?

HW: Meine Neffen waren vor dem Krieg vom Krieg besessen. Sie gossen sich Armeen aus Zinn, das der ganze Esstisch bei meiner Schwester belegt war. Und dann stürzten sie ihre Männer ins Gefecht. Sie machten die Geräusche von Kanonen und Gewehren und von Bomben. Dann diskutierten sie, welche der Zinnsoldaten jetzt tot waren und warfen die um.

FA: Das dürften viele Kinder so gespielt haben.

HW: Im Schützengraben habe ich oft an den Esstisch meiner Schwester gedacht. Und mich wie ein Zinnsoldat gefühlt. Und mir vorgestellt, dass irgendwo zwei kleine Jungs sich über Sieg oder Niederlage streiten.

FA: Ein Bild, das schon beinahe schmerzhaft wahr ist.

HW: Nicht? Wir waren alle wie Knaben, die mit Soldaten spielen. Vor dem Krieg. Und jetzt? Keiner will mehr Spielzeugsoldaten. Und gut ist das.

FA: Und keiner will mehr Krieg. Vielleicht wird Europa erwachsen.

HW: Vielleicht. Ich habe mich oft gefragt, ob Europa sich nach Napoleon so ähnlich gefühlt hat. Wissen Sie darüber mehr?

FA: Reiserl, können wir bitte beim wienerischen Du bleiben?

HW: Wenn Du meinst, Alma.

FA: Gut. Und, was Deine Frage betrifft: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Du hältst mich nur für gebildet, aber außerhalb von Musik und Malerei bin ich eine Idiotin.

HW: Stimmt, Du bist ja nicht einmal zur Schule gegangen!

FA: Nur im Winter. Mein Vater hatte einen Hauslehrer für uns angestellt. Aber mit dem haben meine Schwester und ich gemacht, was wir wollten.

HW: Das passt ins Bild der Femme Fatale!

FA: Jetzt lass den Unfug, Reiserl! Weißt Du, warum ich Dich sehen wollte, nach den langen Jahren?

HW: Warum?

FA: Dass Du mir von Dresden berichtest und vom Oskar!

HW: Warum? Willst Du ihm nie mehr schreiben?

FA: Ich? Niemals mehr! Warst Du nicht dabei, als er mich köpfte und in den Müll stopfte?

HW: Alma, das war doch nur eine Puppe!

FA: Gemeint war ich! Das hat er auch so gesagt!

HW: Alma, reg‘ Dich nicht auf! Wir waren alle betrunken. Und Oskar hatte mehr Champagner getrunken als die gesamte Gesellschaft zusammen!

FA: Das ist keine Entschuldigung! Er musste mich rituell köpfen, bevor er seinen Frieden mit mir machen konnte. Das war seine Art, unsere Beziehung zu beenden.

HW: Mag sein. Aber es ist ja niemand zu Schaden gekommen, oder?

FA: Das wird die Zeit zeigen. Wenn man etwas über die Beziehung von zwei Menschen sagen will, dann muss man sich die Trennung anschauen. Man kann sich erst ein Bild machen, wenn man das Ende kennt. In der Trennung zeigt sich das wahre Gesicht.

HW: Und die Puppe und ihr grausamer Tod zeigen, dass Oskar im Herzen ein Mörder ist?

FA: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber alleine die Erschaffung einer Alma-Mahler-Puppe zeigt, was seine tiefste Sehnsucht war.

HW: Und die wäre gewesen?

FA: Besitz. Beherrschung. Macht, natürlich. Er wollte, dass ich ihm gefügig bin. Ihm zu willen.

HW: Ach, Alma. Da ist sicher etwas Wahres dran, aber die ganze Geschichte ist es auch nicht.

FA: Dann können wir gleich dem auf dem Grunde folgen, indem Du mir die ganze Geschichte erzählst.

HW: Und wo soll ich anfangen? In euren drei Jahren voller Drama, Tragödie und Gewalt?

FA: Das wäre ein Anfang, aber schon im Ansatz wieder nicht die ganze Geschichte.

HW: Wie würdest Du die drei Jahre Oskar Kokoschka denn überschreiben in Deiner Autobiografie?

FA: Die ich übrigens zweifellos schreiben werde! Ich würde…. vielleicht „Amor und Psyche“? …nein, das ist zu gewollt humanistisch. Ich denke „Leidenschaft“ wäre genug als Titel.

HW: Ich hätte „Sex und Eifersucht“ als Titel vorgeschlagen.

FA: Das würde kein Verlagshaus drucken, Reiserl.

HW: Jawohl, Frau Verlegerin. Nachdem Du aus dem Werfel einen Erfolgsautor gebaut hast, wirst Du wohl recht haben.

FA: Diese Zeit war wirklich die leidenschaftlichste meines Lebens. Unsere Beziehung war sehr, sehr intensiv. Und tatsächlich war auch die körperliche Liebe der wichtigste Faktor. Das war es, was uns zusammen geschweißt hat. Und natürlich auch die Kunst. Oskar war damals auf dem besten Wege, ein großer Expressionist zu werden.

HW: Sein Weg ist noch nicht zu Ende gemalt.

FA: Er ist Herr Professor Kokoschka – sein Weg IST zu Ende gemalt.

HW: Und dann wurdest Du schwanger…

FA: Nicht ganz so schnell. Schon in diesen drei Jahren haben wir uns ja dauernd getrennt…

HW: …und dauernd versöhnt!

FA: Genau. Aber seine Eifersucht war einfach nicht zu ertragen. Schon in der Anfangszeit, als wir nicht ständig zusammenlebten, zeitigte sie sehr seltsame Blüten. Er verbat es mir zum Beispiel, jemals über die Ehe mit Mahler zu sprechen. Geschweige denn zu Beziehungen zu anderen Männern. Und er verbrachte ganze Nächte und Tage in unserem Treppenhaus, um darauf zu achten, dass ja kein anderer Mensch männlichen Geschlechts in die Wohnung kommen kann.

HW: Das sieht Oskar ähnlich. Wahrscheinlich hatte er seinen Prügel dabei.

FA: Genau so war es. Und auch während der Beziehung bestand er darauf, dass ich alle meine Gedanken auf ihn zu richten habe. Wenn ich ihm stundenlang Modell saß, dann unterbrach er das Schweigen manchmal mit: „An welchen Mann denkst Du schon wieder?“ Und wenn ich antwortete: „Ich denke an Essen, ich habe Hunger!“, dann glaubte er mir kein Wort und redete sich selbst in ein Eifersuchtsdrama.

HW: Kann ich mir auch gut vorstellen.

FA: Und dann wurde ich tatsächlich schwanger. Ich konnte dieses Kind aber nicht bekommen.

HW: Weil es Dich für immer an Oskar binden würde.

FA: Das und auch die Tatsache, dass dieses Kind für immer dieser Eifersucht ausgesetzt wäre. Das Kind wäre mit Haut und Haaren diesem Wahnsinnigen ausgeliefert gewesen.

HW: Mag sein. Oskar hat das aber das Herz gebrochen. Und das hat seine Liebe zu Dir in etwas Hässliches verwandelt. Er ist dann freiwillig zu den Dragonern. Hat er sogar „Die Windsbraut“ dafür verkauft, um sich ein Pferd kaufen zu können.

FA: „Die Windsbraut“? Wirklich? Das war sein allerschönstes Bild von uns zwei. Warum ist er überhaupt in den Krieg? Ein Kaiserlicher war er ja nun wirklich nicht.

HW: Ich denke, er wollte den Heldentod sterben. Er hatte sich schon ausgemalt, wie er in Wien mit militärischen Ehren begraben wird und wie Du dann an seinem Grab verzweifelst und nie wieder glücklich wirst.

FA: So ein Esel! Ein Kind! Ein eifersüchtiges Kind!

HW: Schon in den ersten Auseinandersetzungen wurde er aber am Kopf getroffen, stürzte vom Pferd und erhielt eine Bajonett-Wunde.

FA: Ich wusste nicht einmal, dass er reiten konnte.

HW: Konnte er ja vorher auch nicht. Die Kugel ist ihm ins Ohr gefahren und seinen Gleichgewichtssinn zerstört. Er ist zurück zu seinen Leuten gekrochen und war für den Rest des Kriegs offizieller Kriegszeichner.

FA: Das wusste ich. Die Lithographien habe ich gesehen.

HW: Genau. Und dann ist er nach Dresden, als Professor. Das hat ihm gut gefallen. Es war kleiner als Wien und dort konnte er noch mehr als bunter Hund aus dem Rahmen fallen. Und die Architektur war Wien nicht unähnlich. Dort hat er dann die Puppe in Auftrag gegeben.

FA: Bei einer Schneiderin in München?

HW: Genau. Die hieß wohl Hermine Moos und die hatte er bei Walter und Käthe kennengelernt. Im Juli 1918 bestellte er also eine lebensgroße Puppe von Dir. Erst einmal fertigte er minutiös ein Kopfmodell, dass er dann, als er endlich mit der Ähnlichkeit zufrieden war, nach München schickte.

FA: Das war wahrscheinlich schwierig genug…

HW: Nein. Ich meine, mehr als zwei Wochen machte er nichts anderes, aber dann ging es doch zügig. Aber dann fing der – mit Verlaub und in Wienerisch ausgedrückt – dann fing das Gschiss erst so richtig an.

FA: Wieso das denn?

HW: Jeden Tag fertigte er Skizzen und Zeichnungen von Deinem Körper an und schickte die alle an die arme Hermine Moos. Er führte Buch über jede Körperfalte und über jedes Grübchen und beschrieb in großer Ausführlichkeit und Detailgetreue jedes Körperteil.

FA: Jedes?

HW: Jedes. Alleine die Abhandlung zu den Brüsten und deren Form, Ausmaße und Festigkeit wären einer Doktorarbeit würdig gewesen. Wo genau zum Beispiel die – verzeih‘, wenn ich das so offen sage – wo genau die Brustnippel waren und welche Form und Farbe sie haben.

FA: Wegen so etwas musst Du Dich nicht schämen, Reiserl. Ich hänge nackt in vielen Galerien und Museen. Meine Frage war aber: Wirklich jedes Körperteil?

HW: Jedes, Alma, jedes. Erspare mir weitere Ausführungen!

FA: Nein, nein, so kommst Du mir nicht davon! Verstehst Du nicht, dass das eine wichtige Sache ist? Es ist ja die Frage, ob er der Puppe so beiwohnen wollte, wie er das mit einer Frau aus Fleisch und Blut auch getan hätte.

HW: Alma, auch die dafür nötigen Körperregionen ließ er fertigen und beschrieb sie mit der gleichen Leidenschaft wie alle anderen!

FA: Oh, mein Gott! Dieser Perverse! Du musst wissen, dass das eine Frage ist, die mich wirklich beschäftigt hat.

HW: Kann ich verstehen. Ich fand das auch alles andere als gesund, soviel kann ich Dir verraten. Aber die Puppe bekam später eine andere Funktion. Aber in dem halben Jahr, wo sie in München in der Fertigung war, plante Oskar nichts anderes als seine eigene Olympia zu schaffen.

FA: Wie in Hoffmanns Erzählungen.

HW: Genau. Die perfekte Kopie von Alma. So dass er sich niemals der Trennung stellen musste.

FA: Siehst Du, was ich meine? Auf diese Idee konnte nur Oskar kommen! Denn es ging ihm nie um eine Verbindung zweier Seelen, auch wenn er anderes behauptete. Und auch nicht um ein Künstlerpaar, denn für meine Werke hat er sich in keiner Weise interessiert. Ihm ging es darum, mich zu besitzen. Mit Haut und Haaren. Und Sex war für ihn der Ausdruck der Machtausübung. Darum musste die Puppe das auch können. Das war mein Verdacht die ganze Zeit.

HW: Ja, schon. Wahrscheinlich war das der Plan. Aber es kam ja ganz anders…

FA: Wieso?

HW: Na ja, als die Puppe dann im Februar 1919 ankam, da war er alles andere als zufrieden. Auch wenn Hermine Moos da wahrscheinlich ein Meisterstück geschaffen hatte. Auf das sie auch sehr stolz war.

FA: Sah die Puppe mir nicht ähnlich?

HW: Na ja, weißt Du, so genau und körperlich kenne ich Dich ja nicht. Aber die Puppe war alles andere als menschenähnlich. Sie war ausgesprochen unheimlich. Ihr unbewegliches Gesicht sah einfach nur nach Puppe aus und war in keinster Weise ansprechend. Die Nase war spitz, die Augenbrauen reichten bis fast zu den Ohren, die Haare waren halt nur eine schlecht sitzende Perücke, aber der Körper erst…

FA: Aha. Hast Du die Puppe eingehend untersucht, Reiserl?

HW: Natürlich. Die begleitete ihn ja lange genug. Wenn man ins Atelier gekommen ist, dann saß da Deine Puppe auf dem Sofa und glotzte einen an!

FA: Hast Du einmal mit ihr…

HW: Nein! Natürlich nicht! Und ich bin mir sicher, nicht einmal Oskar selber! Was denkst Du? Die hatte Hände und Füße aus Porzellan und der Rest war einfach eher wie ein Sack, mit Holzwolle gefüllt und mit Drähten, damit man die Gliedmaßen verbiegen kann. Und alles war bezogen mit weißem Plüsch! Es sah aus, als hättest Du Fell!

FA: Aha! Also sah sie schon aus wie ich.

HW: Wieso? Habe ich das gesagt?

FA: Du hast gesagt: Es sah aus, als hätte ICH Fell!

HW: Du warst eine Mischung aus Porzellanpüppchen für kleine Mädchen und einem lebensgroßen Teddy-Bär!

FA: Siehst Du! Schon wieder sagst Du, ich wäre das gewesen.

HW: Deine Puppe natürlich!

FA: Sag‘ die Wahrheit: War die Puppe erotisch?

HW: Nein. Es sei denn, man wäre ein Teddy-Bär-Männchen.

FA: War die Puppe für Dich erotisch?

HW: Nein!

FA: Sag‘ die Wahrheit, Reiserl! Du warst schon immer ein lausiger Lügner!

HW: Na ja, sie hatte schon eine erotische Ausstrahlung. Die Brüste waren sehr erotisch geformt und die Hüfte war… Aber es ist nicht so, dass ich mich körperlich angezogen gefühlt hätte!

FA: Das wäre ja auch noch schöner!

HW: Weißt Du, die Puppe hat bei mir keinerlei körperliche Reaktionen hervorgerufen, so wie…

FA: So wie ich?

HW: Ach, Alma! Warum lässt Du mich hier um Kopf und Kragen reden? Natürlich warst Du wunderschön…

FA: War ich?

HW: …und manchmal, wenn Du im Atelier dem Oskar Modell gestanden bist, da hab‘ ich schon…

FA: Hör‘ auf, Reiserl! Reicht schon! Tut mir leid, dass ich Dich in diese Situation gebracht habe. Das war sehr dumm von mir. Ist schon gut. Aber siehst Du jetzt, was diese Puppe ist?

HW: Sie ist ein Objekt, auf das der Oskar seine Gefühle werfen konnte.

FA: Das ist völlig widernatürlich, siehst Du das nicht?

HW: Alma, mach Dir keine Sorgen! Als Oskar die Puppe sah, war er erst einmal sehr verzweifelt. Und dann eher belustigt.

FA: Ich habe andere Dinge gelesen. Er würde jeden Tag stundenlang mit der Puppe reden. Und nur noch Bilder von sich und der Puppe malen. Und er hätte der Puppe eine Opernloge gemietet und würde mit ihr im Fiaker durch Dresden fahren. Und bei Gesellschaften würde er die Puppe allen als Alma Kokoschka vorstellen…

HW: Aber das schreiben doch nur die Zeitungen!

FA: Stimmt das, oder stimmt das nicht!

HW: Natürlich stimmt das! Aber das haben wir doch nur inszeniert! Das war doch nur, um Oskar in Dresden als das verrückte Künstlergenie bekannt zu machen! Das sollte für Aufregung sorgen!

FA: Dann hat er das nicht gemacht?

HW: Er hat sicher nicht stundenlang mit der Puppe geredet. Allerdings, die Droschkenfahrt und die Opernloge und das mit dem Vorstellen auf seiner Gesellschaft – das haben wir schon gemacht.

FA: Aber, Reiserl, das ist doch völlig verrückt!

HW: Das wollte er doch sein! Das verrückte Malergenie von Dresden! Verrückt ist gut für den Verkauf von Bildern, liebe Alma!

FA: Wie bitte? Ihr habt das Theater nur inszeniert?

HW: Natürlich! Das gehört zu dem Vorurteil vom Genie dazu! Ein Genie muss ein bisserl verrückt sein! Das weißt Du doch besser als jede andere.

FA: Der Mahler war ein Genie, sagten manche. Aber der hat einfach jeden Tag gearbeitet wie ein Beamter. Ich mochte seine Musik ja nie, aber sie war sicher nicht das Werk eines Besessenen, sondern das eines Berechnenden.

HW: Ich kannte Deinen Mann ja auch. Und ich glaube, Du hast recht.

FA: Der Nur-Besessene wird nie ein Künstler, Reiserl. Die reine Inspiration reicht nicht, um Großes zu schaffen. Zu Kunst gehört Spannung und Entspannung, Kunst ist ein Balance-Akt.

HW: Disziplin ist sicher nicht Oskars Stärke.

FA: Darum wird er nie ein ganz Großer. So wie auch mein Mahler nie zur ersten Riege gehörte, denn dem fehlte wiederum oft die Leidenschaft.

HW: Ich finde die Achte ein sehr leidenschaftliches Werk.

FA: Die Achte schon, da hast Du recht. Die mag sogar ich.

HW: Weil sie Dir gewidmet ist.

FA: So eitel bin ich auch nicht. Aber ich bin doch so eitel, wissen zu wollen, warum ich geköpft wurde.

HW: Ach, Alma. Wir bleiben dabei, dass Deine Puppe nur eine Puppe war, einverstanden?

FA: Erzähl‘ schon!

HW: Da gibt’s nichts Besonderes zu erzählen! Es war eine sehr feucht-fröhliche Feier und alle waren betrunken. Und dann packt den Oskar ein Gedanke, er nimmt die Puppe, schlägt ihr den Kopf ab, zerbricht eine Flasche Rotwein über ihr, damit das wie Blut aussieht und wirft sie vom Balkon in den Garten.

FA: Und Du findest das alles geistig völlig normal?

HW: Und er ruft, nur um den Bericht zu vervollständigen: Jetzt bin ich über Dich hinweg!

FA: Na, das ist ja erfreulich. Nachdem er mich ermordet, findet er sich großzügig mit meinem Tod ab!

HW: Sozusagen.

FA: Eine völlig Verrückter. Ich habe ihm nie mehr geschrieben nach der Abtreibung. Wusstest Du das?

HW: Natürlich. Aber eine Sache gehört noch zu der Erzählung vom Ritualmord an der Alma-Puppe.

FA: Und die wäre?

HW: Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür. Denn die Polizei wurde gerufen.

FA: Ward ihr zu laut?

HW: Das wahrscheinlich auch. Aber gemeldet wurde ein Mord. Und die Leiche würde, schlecht versteckt, im Mülleimer stecken.

FA: Dann war die Puppe wohl doch lebensähnlicher als Du sagtest.

HW: Vielleicht. Zeig‘ mal, ob Du weißes Plüsch-Fell hast!

FA: Reiserl, Du Depp! Du, tust Du mir einen Gefallen?

HW: Natürlich, Alma.

FA: Erzähl‘ niemandem, dass wir uns getroffen haben. Hast Du mich verstanden?

HW: Mach‘ ich, Alma. Ich glaube, es ist am besten für alle, wenn die Zeit diese Geschichte vergessen macht.

FA: Das finde ich auch.

HW: Wollen wir etwas zu Essen bestellen? Die haben hier keine schlechte Kopie einer Sacher-Torte.

FA: Erst, wenn Du mir erzählst, wie das so war, als Du mich nackt im Atelier überrascht hast…

HW: Ach? Auf einmal doch wieder eitel?

FA: Immer eitel, Reiserl!

HW: Gut. Aber dann zahlst Du!

FA: Ausgemacht!


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