Das Zauberhaus



Früher, so behauptet der Erzähler, lebten Kinder und Erwachsene noch in zwei verschiedenen Welten, völlig voneinander abgeschottet.

Die einzige Ausnahme war jener Lieblingsmensch, um dessen kleines Zauberhaus und die wahren, darin verborgenen Schätze es im Titel geht.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Unnamed Song“ von The Freak Fandango Orchestra / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Je älter ich werde, desto genauer erinnere ich mich an die Kindheit. Die liegt so lange zurück, dass meine Enkel mir kein Wort glauben, wenn ich ihnen erzähle, dass es damals nicht nur eine Welt gab, sondern zwei.

Ich meine damit nicht Gegenstände. Natürlich gab es noch keine Smartphones oder Computer. Es gab ja nicht einmal Fernseher in jedem Haus. Wenn jemand im Dorf ein Auto gekauft hatte, dann war das ein Symbol dafür, dass er oder sie es „geschafft“ hatte.

Marmelade machte man noch selber, genau wie Blutwurst oder Kräutertee. Wenn ich für meine Mutter einkaufen war, dann gab ich den Einkausfzettel brav der Frau Griebel. Der gehörte der blitzsaubere Kramerladen, wo alle Begehrlichkeiten der Welt in Reih und Glied in Regale sortiert waren. Sie stapelte dann die Einkäufe in meinen Korb; gezahlt haben meine Eltern einmal im Monat.

Nein, keine Angst, dass wird keine Liste von Dingen, die früher besser waren. Mir sind bloß wieder ein paar Erinnerungen in den Weg gekommen – die Frau Griebel hatte ich schon vergessen gehabt – aber ich erzähle schon weiter!

Der wichtigste Unterschied war nicht an der Oberfläche, es war ein tiefer Graben. Der wichtigste Unterschied war: Damals gab es nicht eine Welt, sondern zwei! Und diese waren nicht verbunden.

In der einen Welt, da wohnten die Riesen und in der anderen wir Kinder. Die Riesen waren die Erwachsenen und sie waren eine andere Spezies als wir. Es galt für beide Gattungen: Die Welten durften sich nicht berühren, denn das war für alle Beteiligten zu gefährlich.

Alles, das wir Kinder anfingen, war in den Augen der Riesen Unfug, Unsinn und völlig unwichtig. Was wir wollten, spielte keine Rolle! Wir waren einfach kleine Erwachsene, die noch repariert werden mussten. Die noch zu sehr Tier waren und noch nicht richtig Mensch.

Und für uns war alles, was die Riesen machten, dröge, langweilig und banal. Wir wussten, was die Erwachsenen von uns wollten und so lebten wir – wenn möglich – das Gegenteil. Riesen waren Kinder, die kaputt gegangen sind.

Wir lebten in einer Welt, in der es Zwerge gab und Feen und natürlich und selbstverständlich das Böse! Das Böse war ein Riese mit Knickerbockern, der uns manchmal beim Spielen überraschte und uns dann laut beschimpfte. So heftig, dass der Geifer von seinem Maul spritzte! Wir rannten panisch fort, aber manchmal erwischte er einen von uns und verteilte Ohrfeigen. Klaus hatte er zum Beispiel einmal erwischt und der behauptete sein Leben lang, dass es in seinem linken Ohr klingelt.

Keiner der anderen Riesen kümmerte sich darum! Das jeder Erwachsene jedes Kind jederzeit ohrfeigen durfte, gehörte zu den Spielregeln. „Er wird schon ‚was angestellt haben“ oder „Er wird schon einen Grund gehabt haben“ – das bekamen wir zu hören, wenn wir heulend nach Hause liefen.

Entschuldigung, jetzt habe ich mich schon wieder in Details verloren! Aber Klaus und das Klingeln im Ohr hatte ich schon vergessen. Eigentlich wollte ich ja von wahren Schätzen berichten.

Die beiden Welten waren getrennt und beide Welten waren voller Gewalt, wenn ich einmal ehrlich bin. Wir gingen miteinander nicht gerade zimperlich um, aber in den meisten Fällen ging die Gewalt von den Erwachsenen aus. Beide Welten waren beschädigt, aber die Welt der Riesen war noch kaputter, noch herzloser als unsere.

Es kam nicht vor, dass ein Erwachsener uns behandelte, als wären wir Menschen. Niemals hörte jemand wirklich zu, niemals redete jemand auf Augenhöhe mit uns, niemals würde ein Riese mit uns spielen! Höchstens er war betrunken, wie der Schweinebauer manchmal. Aber das war befremdlich, besonders kaputt und machte uns Angst.

Das alles veränderte sich erst, als mein Großvater aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Es klingt paradox, aber die Gefangenschaft hatte ihn nicht kaputt gemacht, sondern sie hatte ihn repariert.

Er war auf der einen Seite älter als die meisten Erwachsenen und sie zollten ihm aus irgendwelchen Gründen Respekt. Er lächelte immer zufrieden vor sich hin und er grüßte immer alle freundlich. Und alle grüßten zurück, aber viele Riesen wirkten dabei verlegen.

Auf der anderen Seite aber war er wie wir! Er hörte jedem Kind zu. Zu jedem Zeitpunkt. Er erzählte uns tolle Tricks, die er von den Indianern gelernt hatte. Wenn man zum Beispiel im Schnee rückwarts ging, dann lockten diese Spuren die Verfolger genau in die falsche Richtung!

Eines Tages versteckte er sich an dem Tümpel, wo das Böse am häufigsten auftauchte und er verpasste dem Knickerbocker eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hatte! Wie gesagt, beide Welten waren voller Gewalt – aber den wütenden Mann sahen wir auf jeden Fall nie mehr wieder.

Mein Großvater war einfach anders als alle anderen Riesen. Er war gertenschlank, obwohl er ständig nur an Essen dachte! Wegen der Gefangenschaft sei das, sagte er. Alles war ihm eine Delikatesse: Er konnte ein Radieschen voller Erde verspeisen, als wäre es Kaviar – er schloss dabei die Augen und brummte wie ein Bär.

Wie wir Kinder sammelte er Schätze. Eigentlich sammelte er sogar alles. Federn, Knöpfe, Zigarren, Strohhüte, Bibeln, seltsame Flaschen, Spielkarten, Bierdeckel, Wanderabzeichen, Karl-May-Bücher, Teppiche, Fahrradklingeln, Haselstecken, Backrezepte, Briefmarken, Münzen, Schnupftabaksdosen, Bilder mit Engeln, Mausefallen, Aschenbecher und Autogramme von Fussballern.

Sein kleines Häuschen war für uns Kinder eine Welt der Wunder. Ein heiliger Ort voller Reliquien und Reichtümer. Ein verzauberter Platz, den wir besuchen durften, wann wir wollten. Wir Kinder mussten nicht einmal klingeln oder klopfen! Das mussten nur die Riesen.

Er sammelte mit uns und er tauschte mit uns – und er interessierte sich für einfach alles! Sogar für Plastiksoldaten, Quartettkarten, Pfefferminzschokolade oder außergewöhnliche Astgabeln. Wenn wir ein paar Groschen für Brause brauchten, dann kaufte er uns einzelne Sammelstücke sogar ab.

Wie gesagt: Dieses Haus war ein sakraler Platz für uns. Aber die Dinge, die mein Opa sammelte, waren ihm nicht heilig. Wir Kinder durften mit allem spielen. Er pflegte zu sagen: „Das Sammeln ist nur so ein Steckenpferd, das ist nur Kram. Das kann man alles nicht mitnehmen in den Himmel.“

Jetzt ist es mir schon zum dritten Mal passiert: Ich habe mich wieder verquatscht! Wirklich, ich sollte das alles aufschreiben, dann könnte man diesen ganzen Unsinn zusammenkürzen! Dann wäre das eine kleine Erzählung von zwei Minuten! Es tut mir leid!

Mein Großvater wurde leider nicht sehr alt. Die lange Gefangenschaft und die verschiedenen Kriegsverletzungen kosteten ihren Preis. Ich war damals gerade dabei, selber ein Erwachsener zu werden. Seltsame Dinge geschahen mit mir – Mädchen zum Beispiel waren von heute auf morgen keine Spielkameraden mehr.

Das widerfuhr mir einfach, gegen meinen Willen. Doch ich wehrte mich, so sehr ich konnte! Mit Elvistolle, Rock’n-Roll-Musik und meinem unwiderstehlichen, tiefsinnigen Augenaufschlag – den ich natürlich bei James Dean abgekuckt hatte.

Ich kann mich leider zu gut an den Tag erinnern, als ich mich zum ersten Mal wieder zum Häuschen von meinem Opa getraut habe. Ich stieg in der Stadt auf meinen Roller und fuhr in mein Heimatdorf zurück. Ich musste. Es war der Tag der Beerdigung und die Verwandschaft aus ganz Österreich war gekommen.

Während ich meinen Roller abstellte, schaute ich dem Spektakel zu. Die Sache mit dem Nachlass regelte meine Familie, wie es Hyänen mit dem toten Löwen hielten: Wer zuerst kommt, bekommt die leckersten Stücke!

Alle im Dorf vermuteten, dass in der Menge an Kram, den mein Großvater gesammelt hatte, Reichtümer verborgen waren. Und damit hatten sie natürlich recht.

Alle hielten meinen Großvater für einen heimlich reichen Mann. Es musste ja ein Grund haben, dass er immer zufrieden war! Und auch damit hatten sie natürlich recht.

In dem Kram gab es wahre Reichtümer und mein Großvater war der reichste Mensch im Dorf.

Ich betrachtete meine Aasfresser-Familie mit Ekel. Mein Cousin aus Klagenfurt war mit einem mintfarbenen Auto gekommen; der Kofferraum füllte sich rasch. Er grüßte mich mit einem Nicken, während er einen Teppich durch den Flur bugsierte.

Ich betrat das Wohnzimmer, dass nach dem kalten Rauch von Opas Zigarren roch. Es war ein Bild der Verwüstung! Achtlos wühlten überall Menschen durch Regale und Schränke. Die meisten hatte ich noch nie gesehen.

Ich erfuhr erst, dass ich eine Cousine mit Namen Erika habe, als mein Onkel sie mir vorstellte, während selbige gerade schnell mit drei Münzalben unter dem Arm an uns vorbeihuschte.

Klar, die Münzen waren am schnellsten fort – fast genauso schnell wie die Zigarren übrigens. Dicht gefolgt von den Briefmarken, den Karl-May-Büchern und den Bibeln. Aber selbst Fahrradklingeln könnten einen Wert haben, selbst wenn es nur Altmetall wäre.

Ich setzte mich auf den durchgescheuerten Ledersessel meines Großvaters und sah ins wahre Gesicht der Riesen. Ich erkannte, warum sie verbittert waren und feindselig. Sie waren Wesen, durch die nicht Blut floss, sondern Neid. Sie hatten anstatt eines Herzens Besitzgier in der Brust.

Die Verwandschaft aus Graz kam etwas spät, aber versuchte so zu wirken, als hätten sie Kunstverständnis. Sie rissen die Engelbilder von den Wänden und stapelten sie wie Bretter auf ihren Anhänger.

Als die Glocken der Dorfkirche zur Totenmesse läuteten, einigten sich die Hyänen stumm auf einen Waffenstillstand. Ihre Mimik schaltete – klick – um auf Traurigkeit. Ich blieb alleine im Haus meines Großvaters.

Mir liefen stumm die Tränen über die Wangen, während ein Stück Paradies meiner Kindheit demontiert wurde. Das magische Haus wurde abgerissen und ich war machtlos.

Ich bewegte mich nicht und hörte durch die offenen Türen und Fenster, wie man in der Kirche Lieder sang für meinen Opa. Und ich sah aus dem Wohnzimmerfenster, wie sie meinen Lieblings-Menschen in einer Holzkiste zum Friedhof trugen. Ich hörte unseren Pfarrer Worte sprechen, verstand aber keinen Ton.

Ich konnte immer noch nicht aufhören zu weinen, bis mir einfiel, dass – sobald die Beerdigung vorbei war – die Aasgeier wieder einfallen würden! Wenn ich hierbliebe, dann würde ich der Schändung weiter beiwohnen müssen.

Kurz hatte ich den Einfall, das Haus zu verrammeln, alle Türen zu vernageln und jeden Verwandten, der durch die Ritzen schlüpfen wollte, mit einem der Haselstecken grün und blau zu prügeln – als wäre er der Knickerbocker!

Das machte ich natürlich nicht. Lieber wollte ich fliehen. Kein Riese musste mich so verheult sehen, keiner aus dieser kalten Welt, zu der ich noch nicht gehören wollte.

Und so stand ich auf einmal unschlüssig im Wohnzimmer herum.

Sollte ich mir vielleicht auch etwas mitnehmen?

Die Eichelhäherfeder, die mein Opa eine Zeitlang stolz auf dem Hut trug, nachdem ich sie ihm geschenkt hatte?

Die seltsame Flasche in Form eines Schädels, laut meines Opas eine unrechtmäßig entwendete Reliquie der Azteken?

Die Mausefallen, die er im ganzen Dorf einsammelte, damit den armen Tieren nicht das Genick gebrochen wird?

Die japanische Bibel, die man falschrum lesen musste, weil sie sonst bei der Offenbarung anfängt und mit der Geburt Jesu endet?

Das Backrezept für die Kekse, die bei uns „Goldtaler“ hießen und die einen stark wie Herkules machten?

Den Kompass ohne Nadel, der angeblich prima funktionierte, weil er immer in den Himmel zeigte?

Der Bierdeckel, den der Teufel höchstpersönlich unterschrieben hatte wegen seiner Spielschulden?

Den Haselstecken, mit dem er dem Knickerbocker den Buckel blau gehauen hatte?

Die Zigarren, die angeblich in Kuba extra für ihn gedreht wurden, um böse Geister zu vertreiben?

Den Aschenbecher, der, wenn man die richtigen Worte sprach, keinen Boden mehr hatte und durch den man mit den Eingeborenen in Australien reden konnte?

Die Kiste mit den Fleißbildchen, die er in der Stadt bestellt hatte und heimlich an uns verteilte, obwohl wir gar nicht fleißig waren?

Die Pistolenkugel, die ihm den rechten Lungenflügel durchbohrt hatte?

Den schwarzen Kiesel, der in Wirklichkeit das verschrumpelte Herz seines bösartigen Feldwebels war?

Oder den großen blauen Knopf, von dem er behauptete, dass er ihn Petrus gestohlen habe, als er ihm – damals – noch einmal entwischte?

Nein. Ich ließ alles an seinem Platz liegen. Ich nahm nichts mit. Selbst diese scheinbar wertlosen Dinge, die die wahren Schätze waren, ließ ich im Zauberhaus zurück. Um meinen Opa niemals zu vergessen, brauchte ich keinen Kram.

Auf dem Friedhof war es ruhig geworden. Ich wusste, in diesem Moment würden all‘ die Riesen so tun, als wären sie sehr traurig und jeder würde das Schäufelchen nehmen, etwas Erde auf den Sarg werfen und dann die Lippen bewegen, als würde er oder sie irgendein Gebet auswendig können.

Das Letzte, was mein Großvater mir im Krankenhaus erzählt hatte, war, dass er den Bestatter aus der Wehrmacht kannte und mit ihm ausgemacht hatte, ihn falsch herum in den Sarg zu legen! Damit die Leute am Tag der Beerdigung an seinen geputzten Schuhen vorbei defilieren müssten.

Aber der Bestatter war natürlich auch nur ein Riese. Und mein Opa und ich wussten insgeheim, dass es nicht so kommen würde.

Auf dem Weg zu meinem Roller weinte ich sogar noch mehr. Es tat weh, aber ich musste mir schwören, niemals in meinem Leben wieder hierher zu kommen. Nie mehr das Zauberhaus zu betreten, einfach, weil ich den Anblick der leeren Hülle nicht ertragen würde.

Das Symbol für das Ende der Magie.

Als ich auf dem Roller dann mein Dorf verließ, da schwor ich mir: Wenn ich meine persönliche Gefangenschaft in der Welt der Riesen hinter mir hatte, dann würde ich wieder ein Kind werden!

Wie mein Großvater! Ich würde so werden, wie der wertvollste Mensch in meinem Leben es war!

Klappt noch nicht besonders gut. Aber, wer weiß, vielleicht kann ich eines Tages sogar einmal gut Geschichten erzählen…