Dachbodengeruch

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Obwohl es unserem Erzähler immer noch unwohl ist, traut er sich wieder in den Dachboden. Dort sind so viele Erinnerungen aufgehoben, dass es manchmal wunderschön ist, wenn man in den Kisten wühlt! An anderen Tagen wird aber nur der Schmerz verstärkt, weil man spürt, wie alleine man nun ist.


Download der Sendung hier.

Intermezzi: „Julius Weißenborn: Fünf kleine Stücke“ von www.bassoonsolos.com

Musiktitel: „Attic Song“ von Water Color Weekend

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Die Geschichte zum Lesen

Unser Haus hat im ersten Stock eine Falltür. Man kann einen Stock mit einem Haken benutzen, um diese Klappe aufzuziehen. Sie quietscht dann müde. Schon beim Aufklappen überfallt einen der Dachbodengeruch.

In die Falltüre ist eine Leiter zum Ausziehen geschraubt. Doch die wehrt sich hartnäckig, man muss geduldig hin- und herwackeln, bis der Widerstand einschnappt. Dann kann man auf den Dachspeicher klettern.

Vier Stufen die Leiter hoch kann man schon einen ersten Blick riskieren. Aus der Perspektive einer Maus spähe ich in den Raum. Seit Jahren war ich nicht mehr hier, jetzt erinnere ich mich wieder an die vielen Kisten, die Koffer und an die vielen zu vergessenden Gegenstände.

Im Giebel ist ein kleines, kreisrundes Fenster das Licht wirft in die Strudel aus Staub, die ich gerade aufgewirbelt habe. Dieser Raum ist so voll mit unseren Erinnerungen, ich wäre nicht überrascht, wenn der Staub Dein Gesicht formen würde. Mit einem Lächeln, so stelle ich mir das vor.

Da, vorne rechts, steht der Kinderwagen, den wir geschenkt bekommen haben zur Geburt unserer Tochter. Ein Klassiker, wie aus den Fünfzigern, der dann auch noch unseren Sohn aushalten musste.

Und hier links verstaubt das Puppenhaus, das wir gebastelt haben, weil wir natürlich kein Geld hatten für ein „richtiges“. Ich habe alle Möbel gebastelt, aus alten Kartons, Wellpappe, Papiermaché und mit viel Kleber. Und Du hast Dich um die Teppiche, Gardinen, Tapeten und den Anstrich gekümmert.

Wir haben sogar elektrisches Licht installiert! Die alte 9V-Blockbatterie ist wahrscheinlich schon seit zwanzig Jahren völlig ausgetrocknet. Und warum eine Neue kaufen? Unsere Kinder haben schon Kinder, die zu alt sind für dieses Puppenhaus.

Musik

Ich bleibe bei der Klappe stehen und warte, bis die Luft sich beruhigt hat. Auch damit ich schnell die Flucht ergreifen kann. Denn das hier ist eine Folterkammer. Jeder Gegenstand erinnert mich an Dich. Ich kann mich von keinem trennen, aber ertrage auch die Anwesenheit nicht, die Erinnerung.

In letzter Zeit habe ich wieder Alpträume, die mich an Dich erinnern, Milli. Ich höre Deine Stimme, wie sie mir zuflüstert. Meistens beginnt es mit einem Picknick nach Milli-Art. Entspannt lege ich mich zurück auf die weiße Baumwolldecke, mitten im kniehohen Gras einer sonnigen Lichtung in einem Märchenwald

Doch ich kann nicht entspannen, weil Du nicht da bist. Du solltest neben mir liegen, aber Du bist nicht da! Wo bist Du? Ich versuche, mich zu erinnern, warum Du nicht bei mir bist, als sich die Sonne verdunkelt. Schwarze Wolken ziehen auf, die Temperatur fällt, ich kann meinen Atem sehen.

Verzweifelt blicke ich mich um, weil ich Dich suche. Dann kann ich Dich hören! Ich höre Deine Stimme, die meinen Namen ruft. Ganz leise ist sie und ich weiß nicht, aus welcher Richtung sie kommt. Wo bist Du? Und dann schreist Du! Und ich muss zu Dir! Wo bist Du?

Dann wache ich auf.

Musik

Jetzt stehe ich also in unserem alten Speicher. Die Luft ist heiß und trocken. Es riecht nach altem Holz, Schimmelschutzfarbe und Vergessen. Wenn wir Europäer uns von etwas nicht trennen können, dann sperren wir es fort und warten, bis die Erinnerungen absterben. Es kann Monate dauern oder Jahre oder aber es passiert nie, aber Keller und Speicher sind nur dazu da, dass endlich die Erinnerung verblasst.

Ich habe das Gefühl, Du wolltest, dass ich hierher komme. Ich glaube, Du willst mir etwas demonstrieren, dass Du mir in den Träumen nicht zeigen kannst. Darum stehe ich jetzt hier, Milli. Wegen Dir. Denn ich habe Angst, hier zu sein. Ich sollte nicht hierher kommen. Ich bin noch nicht soweit, hierher zu kommen.

Ich gehe auf eine Kiste zu, auf der Du mit Deiner wunderschönen Handschrift „Vermischtes“ geschrieben hast. So wie auf die meisten der Umzugskisten – ich erinnere mich, dass ich deswegen furchtbar geschimpft habe.

Ich öffne die Kiste und finde darin tatsächlich das erwartete Chaos. Blind greife ich hinein und taste mich vor, bis ich die glatte Oberfläche eines Fotos fühle. Es ist ein verbleichtes Polaroidfoto. Orange, hellbau, grau.

Ein Foto von uns beiden. Von einem Picknick. Einem Deiner Nobel-Picknicks, perfekt geplant, edel ausgestattet. Weiße Decke, englische Gurkensandwichs, Weintrauben, Champagner und Dein herzliches Lachen.

Im Hintergrund sieht man, als Kontrast, meinen alten, rostigen Kadett quer in die Landschaft geparkt.

Es ist ein Foto von dem Tag, als Du auf meine Frage mit „Ja“ geantwortet hast. Ja, Du könntest Dir vorstellen, mit mir Kinder zu haben. Ja, Du könntest Dir vorstellen, auf immer mit mir zusammen zu sein.

Komisches Foto, ich erinnere mich gar nicht, wer das geschossen hat.

Musik

Ich höre wieder Deine Stimme in meinem Kopf, aber ich weiß, dass es nur der Wind ist, der durch die Dachschindeln bläst und sich in der Isolierung verliert.

Weiter krame ich in der Kiste herum, auf der Suche nach überlebenden Erinnerungen. Es sind noch genug.

Da ist die kitschige Brosche, die ich Dir geschenkt habe. Ein knallbunter Schmetterling mit falschen Strasssteinen. Ich sehe Dein Gesicht noch genau vor mir: Du gibst Dir alle Mühe, Dich zu freuen – aber diese Brosche ist einfach deutlich zu hässlich. Wertvoll ist sie nur, weil wir gemeinsam so lange darüber gelacht haben.

Und da ist ein Schuh. Ein einzelner, abgelatschter Tennis-Schuh. Ich habe keine Erinnerung mehr an die Bedeutung dieses Gegenstands. Und mein rotes T-Shirt mit dem Anti-Kernkraft-Aufdruck. Auch komisch, ich dachte, das wäre dunkelblau gewesen.

Komisch, wie einem die Erinnerung Streiche spielt, oder?

Musik

Ich greife in die Kiste, bis zum Boden. Bis ich ihn fühle. Den Ring. Deinen Ring. Deinen Ehering, mitten zwischen den vergessenen Erinnerungen.

Genau davor hatte ich Angst, sofort wird mir unwohl. Es ist jetzt viele Jahre her, aber ich kann es immer noch nicht verkraften. Ich atme in meine Hände hinein, denn ich spüre, wie die Panik in meinem Bauch Kräfte sammelt.

Dann höre ich dieses Geräusch, dieses Piepsen. Ich erschrecke und halte die Luft an. Ein durchdringlicher Ton war das, wie ein Alarm. Es kann doch nicht sein, dass hier noch irgendein Gegenstand über funktionierende Batterien verfügt?

Das kam eindeutig von hinter mir. Aus der Ecke. Da steht diese eine, kleine Kiste. Ich werde das Piepsding finden, sage ich zu mir. Die Wut auf das Piepsding lenkt mich von der Panik in mir ab.

Ich gehe zu der kleinen Kiste, reiß‘ ihr den Deckel ab, drehe sie auf den Kopf und schüttele, damit alles auf einen Blick zu sehen ist. Damit ich der Gefahr ins Auge sehen kann!

Aber da ist nur ein elektrisches Gerät drinnen, dimensioniert wie eine Zigarettenschachtel. Schwarzem Plastik, mit einer Digitalanzeige. Drei Knöpfe an der einen Längsseite. Ein geriffelter, weißer Schlauch aus Plastik an der anderen. Mit einem Mundstück, das man auswechseln kann.

Während ich das Ding untersuche, piepst es wieder. Ich erschrecke mich so arg, ich lasse es fallen.

Auf einmal ist mir schwindelig, so lange schon ist mir immer schwindelig! Bilder schießen durch meinen Geist. Erinnerungsfragmente, Stroboskoplichtblitze, Gerüche, Erregung, Lachen, der Geschmack von Champagner, das Gaspedal und mein Auto so schnell und ich so langsam! So langsam!

Mit einem Klack schnappt hinter mir die Klappe zu. Die Leiter hat sich selber eingezogen. Die große Stahlfeder hat die Falltür zugezogen und ist eingerastet.

Ich habe keine Ahnung, wie man die von innen öffnet. Die ist nicht so gebaut, dass man sie von innen öffnen könnte. Wenn ich hier nicht rauskomme, dann ist alles aus. Ich höre das Pfeifen in der Isolierung des Dachs und spüre diese eine eiskalte Gewissheit.

Fakt: Wenn ich nicht jetzt hier rauskomme, dann komme ich nie mehr hier raus!

Aber von innen führt kein Weg nach Aussen. Warum auch? Die Erinnerungen sollen hübsch hier eingesperrt bleiben und verblassen.

Musik

Milli: Ich habe gesagt, dass sich Deine Augenlider bewegen. Aber sie haben gesagt, das ist nur eine Art Muskelkrampf.

Dann habe ich ihnen gesagt, dass Du immer wieder an der Decke nestelst. Aber sie haben gesagt, das wäre typisch. Keinerlei Bedeutung hat das.

Sie haben gesagt, dass bedeute vor allem nicht, dass Du da drinnen irgendwie wach bist. Das Du hörst, wenn ich mit Dir rede. Oder, dass Du verstehst, was ich sage.

Dass Du überhaupt noch da bist.

Sie sagen, Du bist nur noch Reflex und nicht mehr Bewusstsein. Nur noch ein Körperautomat, der nicht sterben kann, weil wir ihn nicht lassen.

Das sagen sie schon lange, aber jetzt glaube ich es auch.

Jetzt, nach fünf Jahren, glaube ich es auch.

Sie werden die Maschinen jetzt abschalten.

Sie haben auch gesagt, ich muss nicht dableiben, wenn sie das machen. Aber ich werde dableiben. So lange Du Dich noch bewegst, bleibe ich da.

Ich werde Dich niemals vergessen. Und ich werde diesen Ring niemals ausziehen. Ich werde unseren Ehering immer tragen.

Leb‘ wohl!


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