Dreck, Dreck, Dreck

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Lilli hat eine sehr enge Freundin. Die beiden wachsen zusammen auf, als wären sie nicht nur Freundinnen, sondern quasi als wären sie siamesische Zwillinge! Erst als die Schulzeit beginnt, zeigen sich erste Risse in dem Kitt, der die beiden zusammenhält.


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Download der Sendung hier.

Clip im Closer: “Gummitwist” von Herr Fuchs

Musiktitel: „Imaginary Friend“ by Brynn / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Wir spielten immer das, was Lilli wollte. Immer. Es war nicht so, dass sie das forderte. Sie hätte wahrscheinlich keine Probleme damit gehabt, auch etwas zu spielen, was ich vorgeschlagen hätte.

Aber ich habe nie etwas vorgeschlagen. Einfach, um Lilli glücklich zu machen, glaube ich. Wenn sie etwas vorschlug und ich damit einverstanden war, freute sie sich immer. Und ich freute mich, weil sie sich freute. So war das!

Wir waren die allerbesten Freundinnen. Wie Pech und Schwefel! Es hat kein Blatt zwischen uns gepasst – sagt man doch so? Wir spielten oft, dass wir Zwillinge sind; wir spielten nie Mutter und Kind. So dicke waren wir! Das waren unsere besten Zeiten! Ich brauchte Lilli und Lilli brauchte mich.

Es war nämlich so, dass ich keine anderen Freundinnen hatte außer Lilli. Und Lilli ging es genauso. Wir waren beide nicht besonders sozial, aber das war in Ordnung. Wir brauchten nicht unbedingt andere Kinder. Wir waren in unserer Kindheit einfach zufrieden damit, nur zur zweit zu sein!

Ich erinnere mich besonders gerne daran zurück, wenn wir mit Lego die tollsten Sachen gebaut haben! Lilli hatte viele Spielsachen – ihr Papa und ihre Mama kauften ihr praktisch alles, was sie sich wünschte: einer der wenigen Vorteile, ein Scheidungskind zu sein.

Sie hatte zum Beispiel an die hundert verschiedenen Schlümpfe! Wir haben sie jeden Abend gezählt: Ob auch alle wieder nach Hause gekommen waren. Und wir bauten den Schlümpfen die tollsten Behausungen! Einmal einen Turm aus Lego, der genauso hoch war wie wir selber!

Natürlich wurden wir auch gemeinsam größer, ich hatte einen Tag vor Lilli Geburtstag. Wir fieberten beide sehr der Schule entgegen: Ein Schulkind ist einfach viel erwachsener als ein Kindergartenkind!

Wir freuten uns beide, endlich einen Schulranzen zu haben und Wachsmalkreiden und Stifte und besonders darauf, ein Federmäppchen zu haben. Das ist etwas sehr Erwachsenes, so ein Federmäppchen! Da hat alles einen festen Platz!

Und natürlich freuten wir uns darauf, gemeinsam Hausaufgaben zu machen! Wir würden uns gegenseitig so viel beibringen, dass die Lehrerin immer große Augen bekommen würde, so viel würden wir wissen!

Doch es kam anders. Die Schule machte Lilli keinen Spaß. Wir waren Banknachbarn und ich konnte ihr Leid jeden Tag zu jeder Stunde in ihrem Gesicht lesen. Sie konnte einfach nicht damit umgehen, dass sie mit so vielen Kindern so lange in einem Raum eingesperrt war!

Schule war für Lilli wie Gefängnis und sie erduldete diese Vormittage, die für sie so unendlich lange waren. Ich beobachtete sie, wie sie zur Uhr blickte und wie sich – regelmäßig – die Hoffnung in ihrem Gesicht zu bitterer Enttäuschung wandelte.

Schlimmer als im Zimmer eingesperrt zu sein, waren für Lilli die Pausen. Ich sah, dass es sie schmerzte, immer nur mit mir an ihrem Pausenbrot zu nagen und immer nur mit mir zu spielen.

Das zu beobachten, tat ganz schön weh. So wie ich mich freute, wenn sie sich freute; so schmerzte mich auch ihr Schmerz. Wir waren einfach immer noch wie siamesische Zwillinge – auch, wenn mir ihre Gesellschaft völlig genügt hätte.

Es war nicht so, dass Lilli in der Schule schlechte Zensuren oder Bewertungen bekommen hätte. Natürlich machten wir die Hausaufgaben zusammen und natürlich fielen wir nicht unangenehm auf. Wir fielen überhaupt nicht auf.

Nach dem ersten Schuljahr waren die großen Ferien erst einmal eine große Erleichterung für Lilli und wir verbrachten den Sommer so miteinander, als hätte es das gesamte Schuljahr nicht gegeben! Als wären wir beide wieder fünf Jahre alt! Als gäbe es nie wieder Schule! Was für ein Segen, dass man das als Kind noch kann!

Schon in der letzten Ferienwoche war es mit der Freude vorbei und ihr Gesicht verdüsterte sich wieder. Die Angst nagte innerlich an ihr und ich wusste mir keinen Rat.

Ich war ja selber auch nicht älter als sie!

„Vielleicht wird es dieses Jahr anders!“, schlug ich ihr gut gelaunt vor.

„Vielleicht“, antwortete sie zurück. Aber da war keine Faser an ihr, die das glaubte.

„Vielleicht freundest Du Dich mit jemandem an dieses Jahr?“. Ich ließ nicht locker, doch ihr „Vielleicht“ blieb wieder zaghaft.

„Ich bin mir sicher, Du schaffst das! Wenn die anderen Kinder und die Lehrerin erst erkennen, wie toll Du bist, dann geht das ruck-zuck! Wirst sehen!“

Dieses Argument säte doch leichte Zweifel. Vielleicht hatte ich ja doch recht? Vielleicht?

Natürlich hatte ich recht! Dieses Jahr wurde anders! Das mag verschiedene Gründe haben. Vielleicht, weil die Klasse neu zusammengesetzt wurde und deshalb viele neue Kinder in der Klasse waren? Vielleicht die neue Lehrerin?

Ich weiß es nicht, aber ich denke mir heimlich: Vielleicht ist es auch so geschehen, weil ich ihr Mut gemacht habe! Könnte auch sein, oder?

Jeder unbekannte Weg beginnt schließlich mit dem ersten, mutigen Schritt, oder?

„Lilli, wollen wir gemeinsam auf der Bank unser Pausenbrot essen?“, sagte ich zu ihr. Erst dann bemerkte ich, dass sie gar nicht mehr neben mir stand. Stattdessen stand sie noch am Tor und unterhielt sich mit der neuen Lehrerin.

Frau Wagner lächelte Lilli an. Und sie meinte es so. Das war ein echtes Lächeln und keines aus Mitleid, so wie bei der Frau Baumann in der ersten Klasse.

Ich hatte keine Ahnung, was die beiden da besprochen haben, aber Lilli lächelte zurück! Und als ich sie lächeln sah, da musste ich auch lächeln. Das war vielleicht ihr erster mutige Schritt!

Das muss ziemlich genau an dem Tag gewesen sein, als ich krank wurde. Es begann mit Müdigkeit und einem leichten Schwindel. Ich atmete tief durch und war wieder die Alte, als Lilli – immer noch lächelnd – zu mir aufschloss.

Sie meinte: „Nein, heute nicht. Zwei von den Neuen haben mich zum Gummi-Twist eingeladen. Weißt Du, wie das geht? Ich habe das noch nie gemacht!“

Ihr hättet das Strahlen in ihren Augen sehen sollen! Sie war so aufgeregt und so glücklich, mir wurde ganz warm im Bauch. Und ehe ich antworten konnte, hopste sie, mit ihrem Pausenbrot in der Hand, schon von mir weg.

Die Wärme in meinem Bauch verschwand, stattdessen spürte ich eine Übelkeit in mir hochsteigen. So sehr ich mich für Lilli freute – ich freute mich wirklich – so sehr kam ich mir auch abgelehnt vor.

Na ja, wir hatten ja immer noch die Nachmittage! Gemeinsam machten wir die Hausaufgaben und gemeinsam spielten wir bis zum Abendessen, als wären wir immer noch die beiden Zwillinge, die niemand auf der Welt hätte trennen können!

Ich sehe Lilli zu, wie sie mit ihren Freundinnen spielt. Sie heißen, glaube ich Anne und Sabine und sie sind sehr nett. Natürlich sind sie völlig anders als ich. Natürlich kennen sie Lilli nicht so gut wie ich, die ich mit ihr groß geworden bin. Natürlich nicht.

„Beim Bäcker hat’s gebrannt, brannt, brannt,

da bin ich schnell gerannt, rannt, rannt.

Da kam ein Polizist, zist, zist,

der schrieb mich auf die List, List, List.

Die List fiel in den Dreck, Dreck, Dreck,

da lief ich ganz schnell weg, weg, weg!“

Ich kann sehen, dass Lilli lacht vor Freude. Ich kann sehen, dass sie wirklich gut ist beim Gummitwist. Wie die anderen Kinder sich mit ihr freuen! Sie hat keinen einzigen Fehler gemacht! Sie hat den Gummi nicht berührt, ist nie hängen geblieben, hat alle Sprünge richtig gemacht und ist nicht ein einziges Mal im falschen Feld gelandet!

Wie laut Lilli lacht! Meine Lilli!

Kennt ihr die Alpträume, wo man denkt, man würde sich bewegen, aber man bewegt sich gar nicht? Man muss durch den Tunnel durch, man sieht am Ende des Tunnels schon die Sonne und man rennt und rennt und rennt, weil das Nichts hinter einem her ist, aber man kommt nicht vom Fleck? Man kommt einfach um’s Verrecken nicht vom Fleck?

(Pause)

Ich stehe verlassen auf dem Pausenhof, ich kucke nicht einmal auf mein Pausenbrot und ich komme mir völlig unnütz vor. Ich fühle mich auf einmal, als wäre ich hundert Jahre alt und … als würde ich mich auflösen.

Ich lache Lilli an, als sie zu mir blickt! Ich lache, weil sie lacht! Ich bin glücklich, weil sie glücklich ist. Dabei will ich so gerne laut rufen: „Lilli! Komm schnell! Hilf mir!“

Damit sie wieder zu mir kommt und wieder mein Zwilling ist. So wie früher.

Es ist wie in dem Albtraum! Ich kann nicht rufen. Ich kann nicht um Hilfe rufen, während ich von der Angst ergriffen werde, mich plötzlich aufzulösen wie Rauch im Wind.

Als ich wieder zu Lilli blicke, da sehe ich, dass sie mir etwas sagt. Ich kann es nicht mehr hören, ich kann nicht mehr hören. Ich glaube, sie sagt „Danke!“ Oder aber sie ruft „Lebewohl!“. Ich wünsche mir, dass beides stimmt!

Ich schaue hinunter auf meinen Körper und er ist fast durchsichtig. Ich spüre, wie ein Kind durch mich hindurch rennt, als wäre ich nicht da. Als wäre ich nur ein Geist.

Als ich endlich annehme, dass ich mich wirklich auflöse, fällt die Angst von mir ab.

Und dann bin ich … weg. Fort!

Vielleicht blieb kurz eine Wolke Dankbarkeit auf dem Pausenhof, als ich mich von meiner Freundin Lilli verabschiedet habe.

Als sie mich nicht mehr brauchte.

Vielleicht. Ich glaube schon.


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