Das Stadtgespenst


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Die heutige Geschichte ist unsere erste und wahrscheinlich einzige Weihnachtsgeschichte. Aber, keine Angst: So kitschig wie die Geschichten, die unsere Erzählerin in ihrem Altersheim ertragen muss, wird es ganz sicher nicht.

Denn ihre Geschichte spielt im Jahre 1945, kurz nach dem Krieg, in einer kleinen Stadt in der Normandie. In diesem kalten Winter kommen unangenehme Dinge zum Vorschein und die Dinge nehmen eine andere Wendung, als man als Hörender vermutet.


Download der Sendung hier.

Musik in der Sendung ist vom fabelhaften Lucas King!
Der freut sich sicher über Patreon-Unterstützung oder ein Trinkgeld.

Musiktitel: “Look for me among the Missing” von Barefoot McCoy / CC BY-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Das hier wird die Weihnachtsgeschichte, die ich jedes Jahr erzählt habe, als meine Kinder noch im Hause waren. Und später habe ich sie manchmal in Kalifornien erzählt und manchmal in Paris und manchmal in Neuseeland. Denn da wohnen meine Kinder und dort leben ihre Kinder.

Mittlerweile bin ich aber viel zu alt und müde zum Reisen und verbringe meine Weihnachten hier im Altersheim. Da will keiner meine Geschichte hören. Stattdessen sitzt da eine strenge Frau und erzählt mit verbitterten Augen Weihnachtsgeschichten, die rührend sein sollen.

Manchmal, wenn ich im Spiegel meine grauen Augen sehe, die so müde sind, dann denke ich wieder an meine Weihnachtsgeschichte, die völlig anders ist als der sentimentale Unfug, der uns erzählt wird. Ich hoffe, ich langweile euch nicht damit. Wir Alten neigen dazu, viel zu viele Details zu erzählen. Dafür möchte ich mich schon vorher entschuldigen.

Meine Geschichte beginnt nach dem Krieg. Im Jahre 1945. In einer wirklich kleinen Kleinstadt in der Normandie. Man hatte uns erzählt, der Krieg wäre vorbei. Und wir hätten sogar gewonnen. Aber so sah unsere Stadt nicht aus. Aus keinem Fenster hing die Trikolore und niemand hatte vor Freude auf der Straße getanzt.

Unsere Stadt war zerstört und die Häuser der meisten Familien auch. Zweimal wurde um unser Dorf gekämpft. Einmal, als die Deutschen kamen und das zweite Mal, als sie gingen. Zum Abschied sprengten sie noch das Rathaus und alle Brücken und die Markthalle. Auch die Kirche sollte gesprengt werden, aber die dicken Mauern hielten wohl aus Protest stand.

In jedem zerstörten Haus fehlten Menschen. Die Überlebenden hatten alle mit dem herben Verlust von geliebten Menschen zu ringen. Unser Haus blieb einigermaßen verschont, die eingetretene Tür war repariert und das Loch im Dach, das der Blindgänger geschlagen hatte, war geflickt.

Wir hatten auch keine Toten zu beklagen, weil mein Vater Deutsch konnte. Er hatte den Offizieren der Deutschen einige Fragen beantworten können und so wurden er, meine Mutter und ich verschont.

Seit dem Kriegsende im Mai hatte der Ort den Wiederaufbau begonnen. Aber es war zu spät, um alle Felder zu bestellen und das Erntedankfest 1945 fiel mager aus. Dann traf uns auch noch ein unbarmherziger Winter.

Die Kirche war ein Symbol für unsere Stadt. Sie war im Mittelalter aus den Steinen gebaut worden, die man vor Ort gefunden hatte und so hatte sie den Krieg überlebt. Der Dachstuhl war komplett verbrannt, alle Fenster und alle Türen von der Wucht der Bombe zerdrückt, die Wände überall schwarz verkokelt.

Aus der Stadt kamen die Menschen zur Messe geströmt, so wie an jedem Sonntag vor dem Krieg und an jedem Sonntag während des Kriegs. Als wir uns an unseren Plätzen einfanden, begann es sanft zu schneien. Auf uns.

Pater Levallier führte seinem Ritus durch wie eine Spieluhr und der alte Messner hatte an seinen Tätigkeiten in all den Jahren sowieso nie eine Geste geändert. Das bedeutete uns Sicherheit.

Während der üblich langweiligen Predigt blickte ich mich um. Alle froren. Um alles noch bedrückender zu machen, trugen alle mehrfach geflickte Mäntel in schwarz, grau oder beige vor den rußschwarzen Wänden. Ich blickte in hagere Gesichter, in traurige Augen und auf gebückte Gestalten. Wir füllten nur noch ein Drittel der Kirche, so hoch waren die Verluste gewesen.

Keiner sprach nach der Messe ein Wort, bis der alte Charles von der Mühle zu meinem Vater kam. Er hatte einen Brief erhalten und konnte ihn nicht verstehen. Ob mein Vater vielleicht einen Blick…

Auf dem Kuvert war kein Absender und keine Briefmarke, das konnte ich erspähen und als Empfänger stand auf der Vorderseite nur „Monsieur“. Mein Vater las stumm den Brief, reichte ihn meiner Mutter, aber beide schüttelten nach der Lektüre ratlos ihre Köpfe.

Charles nuschelte weiter: In letzter Zeit würde er immer im Wald um die Mühle seltsame Geräusche hören. Und manchmal würde ihm Essen gestohlen. Am Anfang dachte er noch, er wäre verwirrt, aber vielleicht hat dieser unsichtbare Gast ja etwas mit der seltsamen Botschaft zu tun?

Stumm gingen wir nach Hause. Ein kalter Tag wurde vom nächsten, kälteren Tag abgelöst. Bis am Mittwoch Mittag, ich kam von Besorgungen nach Hause, als ein genauso blütenweißer Umschlag in unserer Tür steckte wie der vom alten Charles.

Natürlich durfte ich den Inhalt nicht lesen oder den Brief öffnen. Er war ja eindeutig an Madame und Monsieur gerichtet. Die waren über dessen Inhalt genauso ratlos wie über das Anschreiben an Charles.

Es war genau in dieser Nacht, dass auch bei uns rund um das Haus seltsame Geräusche zu hören waren. Zuerst dachte ich, der Wind würde an den Fenstern rütteln, aber es war immer nur ein einzelnes, eines nach dem anderen, reihum ums Haus.

Ich bildete mir das auch nicht ein, denn plötzlich hörte ich die Füße meines Vaters die Treppen hinunter patschen und ich hörte, wie er in seine Stiefel schlüpfte, die Tür öffnete und rief: „Hallo, ist da wer?“

Nach einer Runde Stampfen rund ums Haus war es kurz totenstill, bis mein Vater seine Stiefel in den Flur schmiss, die Türe schloss und die Treppen wieder hochpatschte.

Am nächsten Sonntag schwiegen die Menschen nicht mehr, als sie in unsere Kirche gingen. Jeder im Dorf schien den gleichen, anscheinend unheimlichen Brief bekommen zu haben. Den meisten machte der Inhalt scheinbar Angst. Umso mehr, als unser Briefträger versicherte, sie alle nicht ausgeliefert zu haben.

Doch die nächtlichen Störungen machten den Menschen noch mehr Angst. Irgendwie brachten sie das miteinander in Verbindung und die Stimmung in der Messe wurde so aufgeheizt, dass Pater Levallier sogar seine langweilige Predigt abbrach und fragte, was denn hier, bitteschön, los sei.

Erst einmal herrschte Schweigen. Die Bewohner fühlten sich beim Schwätzen ertappt wie als Kinder in der Schule. Dann riefen alle wild durcheinander!

Ein versprengter Trupp deutscher Soldaten wäre gesehen worden im Wald. Und die würden sich nun auf einen neuen Angriff vorbereiten, um sich zu rächen. Das nächtliche Fenster- und Türenrütteln waren die Späher, die mögliche Schlupflöcher von Widerständlern suchen. Das war eine Theorie.

Die Wölfe in der Gegend wären genauso verhungert wie wir. Ein besonders großer, grauer Wolf war in der Nähe der Stadt gesehe n worden. Es wäre sicher besser, nicht mehr im Wald nach Beeren oder Brennholz zu suchen, im Nachbardorf wären schon die ersten Menschen verschwunden. Das war eine zweite Theorie.

Es ist der Teufel! Der Teufel höchst persönlich wäre gekommen, um sich an den Bewohner der Stadt zu rächen, weil wir nicht am Widerstand beteiligt waren. Und den Briten am D-Day nicht geholfen hätten. Dritte Theorie.

Es war die Rache des Herrn persönlich, vierte Theorie. Ein dunkler Dämon; die Witwe Resinétte hatte ihn selbst gesehen, fünfte Theorie.

Und dann begann die zweite Stufe der Angst und mit ihr jene Sorte von Vermutungen, deren Objekt der eigene Nachbar war. Vielleicht war der noch hungriger? Vielleicht neidete er einem das Brot?

Man muss es unserem Pfarrer hoch anrechnen, dass er sich mit seinem sonoren Bass sehr gegen alle Thesen stemmte. Und jede Theorie von Geistern, Dämonen, Engel oder gar Teufeln in den Wind schlug. Leider war keiner der Anwesenden nach dem Krieg noch so religiös, dass er einem Pfaffen zuhörte.

Die Stimmung im Dorf wurde noch gespenstischer, als sich die Menschen wieder zu verbarrikadieren begannen. Es war, als wäre der Krieg noch nicht zu Ende. Als würde uns kein Feind von außen mehr bedrohen, sondern etwas Unheimliches aus unserer Mitte.

Auch in unser Haus zog die Unruhe ein und ich erinnere mich an eine Nacht besonders. Wir saßen um den Kamin versammelt und tranken heißen Rotwein mit Kräutern. Die Kerzen hatten wir aus Sparsamkeit gelöscht und mein Vater erzählte im Flüsterton davon, wie Paris vor dem Krieg gewesen war. Wie international, wie fröhlich und wie lebensfroh! Wir träumten!

Doch plötzlich hörten wir ein Geräusch. Etwas rüttelte am Küchenfenster! Kurze und heftige Stöße, um es nach innen aufzustoßen. Und dann ein hölzerne s Klappern. Die Fenster hatten die Gegenwehr aufgegeben.

Meine Mutter presste sich beide Hände auf den Mund, um kein Geräusch zu machen. Mein Vater fasste den Schürhaken und wir schlichen in Richtung Küche.

Wir sahen noch, wie dürre Spinnenfinger am Fensterrahmen erschienen. Und sich eine Kreatur unter Stöhnen hochzog, um unmenschlich abgemagerte Arme durchs Fenster zu stecken und sich dann in unsere Küche fallen zu lassen. Nur ganz langsam richtete sich das unheimliche Wesen auf.

Mein Vater schrie und schlug gleichzeitig mit dem Schürhaken zu! Und, zu unser aller Verwunderung, fiel das Wesen mit einem Schmerzensschrei um und begann leise zu wimmern.

Meine Mutter zündete eine Kerze an und wir sahen vor uns einen schmächtigen Jungen. Sein ganzer Körper war voller Schorf und Schrammen und er war höchstens acht Jahre alt. An ihm war kein Gramm Fett und kein Gramm Muskeln. Es war, als hätte jemand Papier über ein Skelett gezogen. Da, wo mein Vater ihn getroffen hatte, blutete er aus der Seite.

Sofort verarztete meine Mutter das Kind, so gut wir nur konnten, denn der nächste Arzt war in Lisieux, sechzig Kilometer von hier. Mein Vater holte ein frisches Bettlaken, um daraus Bandagen zu schneiden, meine Mutter setzte heißes Wasser auf und begann den Kleinen zu reinigen. Und ich gab ihm etwas von unserem Brot und den Rest von unserem Käse. Alles verschlang er, ohne auch nur zu kauen.

Wir betteten ihn auf unser Sofa, deckten ihn zu und heizten für ihn noch einmal ein. Und so standen wir Wache über dem Jungen, der kein Wort zu uns sprach. Nur seinen Namen. Jerome.

Als ich am Morgen aufwachte, war er fort. Ich war auf dem Teppich eingeschlafen, mein Vater auf dem Stuhl und meine Mutter auf dem Sofa. Wie ein Gespenst war er in unser Leben gekommen und wie ein Gespenst war er wieder gegangen.

Aber er war kein Gespenst gewesen. Was aber unsere Nachbarn nicht abhielt, genau diese Version der Geschichte zu verbreiten. Und beim nächsten Nachbarn war unser Besucher schon der untote Körper eines deutschen Soldaten und beim übernächsten schon übermenschlich groß.

Und wir, die wir dem Bösen Unterschlupf gewährt hatten, kamen gleich auf die Liste der Kollaborateure und Verräter. Hatte mein Vater nicht letzten Winter den Deutschen gute Dienste geleistet? Stand er vielleicht sogar mit den Geistern der Deutschen in Verbindung?

Als ich am nächsten Vormittag wieder in die Stadt lief, um verschiedene Besorgungen zu machen, stand ich vor verschlossenen Türen. Weder der Apotheker, noch der Kramer oder der Schreibwarenhändler hatten geöffnet. Ich hatte das Gefühl, dass sie nur für mich nicht geöffnet hatten und drückte mich in eine kleine Gasse und wartete.

Und richtig: Nach ein paar Minuten schob unser Kramer seinen fetten Kopf durch die Ladentür und hielt Ausschau. Und schon drehte sich der Schlüssel in der Tür und sein Geschäft öffnete wieder.

Ich versuchte mein Glück nicht noch einmal, sondern schlich durch die kleinen Gassen nach Hause. Bis ich an einem Haus etwas bemerkte: Da steckte noch das blütenweiße Kuvert mit der Botschaft; die gleiche, die keiner mit einem Mädchen wie mir teilen wollte.

Schnell griff ich danach, versteckte das Kuvert in meinem Einkaufskorb und rannte zurück nach Hause. Auf dem Weg machte ich kurz Halt, um den geheimnisvollen Brief zu lesen.

„Wir sind auf der Suche nach unserem geliebten Sohn und Bruder, der in ihrer Stadt ein Antiquariat betrieb. Von seinem Schicksal und seinem Verbleib fehlt uns jede Spur. Auch von offizieller Seite gibt es weder auf deutscher noch auf französischer Seite Hinweise. Für jede Art von Information sind wir dankbar! Mit Verlaub, Familie Finkelstein.“ Und darunter eine sehr lange Telefonnummer.

Ich erinnerte mich durchaus an Monsieur Finkelstein und an sein Antiquariat. Ich hatte da nicht wenige Stunden mit Stöbern und Schmökern verbracht und wurde nicht ein einziges Mal aufgefordert, eines der Bücher zu kaufen. Während des Kriegs war der Laden auf einmal geschlossen und er selber wurde nie mehr gesehen.

Eine Verbindung zwischen diesem Brief und unserem Gespenst konnte ich aber nicht herstellen. Mir blieb völlig unbegreiflich, warum unsere Stadt so eine Angst ergriffen hatte.

An diesem Abend klopfte zum ersten Mal der Suchtrupp an unsere Tür. „Bürgerwehr“ nannten sich die Männer stolz. Mit Taschenlampen bewaffnet wollten sie Wälder durchsuchen, die Stadt beschützen und dem rätselhaften Fensterrüttler endgültig den Garaus machen.

Sie forderten auch meinen Vater auf, der aber diesen und jeden weiteren Versuch einfach in den Wind schlug. Diese Weigerung und der Verdacht, dass wir deutschenfreundliche Kollaborateure seien, machte uns in der Stadt endgültig zu Außenseitern.

Wir mussten mit dem Rad in die 12 km entfernte Nachbarstadt fahren, um uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Und wir hörten auch auf, in die Kirche zu gehen und änderten diese Absicht auch nicht, als uns Pater Levallier bei einem Besuch vom Gegenteil überzeugen wollte.

Vor unserer Tür stellte die Bürgerwehr bald eine Wache ab, die unser Kommen und Gehen protokollieren sollte.

Trotz dieser unheimlichen Bedrohung wurde es unweigerlich Weihnachten. Wir feierten alleine in unserem Häuschen. Ohne Weihnachtsbaum, ohne Geschenke, nur mit Glühwein, guten Geschichten und der Bibel. Als die Kirchen glocken läuteten, nahm mein Vater diese und begann uns die bekannte Geschichte aus dem Lukas-Evangelium zu erzählen.

Intermission V

Doch dieses Mal berührte mich das auf einmal. Wie wir da saßen, mitten in der Angst um uns herum, bekam die Geschichte auf einmal einen anderen Charakter. Als mein Vater vorlas und die Engel zum zweiten Mal sagten: „Fürchtet euch nicht“, war ich gebannt.

Es war, als würden alle Geräusche um mich verstummen, als würde die Zeit angehalten und sich nichts mehr bewegen und als würde es nur diese eine Botschaft geben: „Fürchtet euch nicht!“. Dieser Satz galt mir, ich war mir sicher.

Bald verabschiedeten wir uns alle ins Bett. Ich konnte natürlich nicht schlafen und schlich die Treppe hinunter und brach auf in die Finsternis. In den nahen Wald. „Fürchtet euch nicht!“

Ich würde den kleinen, armen Jungen finden und ihn nach Hause bringen. Es war nicht gerecht, dass ich ein Zuhause hatte und er nicht. Dass ich essen konnte und er nicht. Er war kein Gespenst und kein Dämon und auch kein deutscher Soldat!

Doch ich hatte die Wache vor unserer Tür vergessen. Sie rief mir ein „Halt! Stop!“ hinterher und bald, nachdem ich kein bisschen langsamer wurde, hörte ich sie „Alarm! Alarm“ schreien. Jetzt hatte ich die Bürgerwehr auf meinen Fersen!

Trotzdem eilte ich durch den Wald. „Fürchtet euch nicht!“ Meine Weihnachts-Botschaft! Ich rannte kreuz und quer durch das Unterholz und rief mit aller Kraft: „Jerome! Ich bin es, Bernadette! Komm heraus! Du musst keine Angst haben!“

Ich weiß nicht, wie lange ich schon durch die Kälte stolperte, als ich, auf einem Waldweg, auf einmal Jeromes gebückte Gestalt erblickte. Alleine stand er da und starrte mich an. Sekunden vergingen, während ich genauso fassungslos zurück starrte.

Dann hörte ich die Bürgerwehr. Ich wusste, dass das keine gute Nachricht war. Wer weiß, was sie mit dem stummen kleinen Wesen machen würden? Bevor sie erkannten, dass in diesem Knäuel Stoff ein Mensch steckte, hätten sie ihn wahrscheinlich schon erschlagen.

So nahm ich den Buben an die Hand und wir flüchteten gemeinsam. Wenn wir schnell genug waren, dann würden wir bis zum Morgen die Nachbarstadt erreicht haben. Da waren die Leute ja, Gott sei Dank, noch bei Trost.

Stattdessen stand auf einmal die halbe Ruine unserer Kirche vor uns. Wir waren genau in die falsche Richtung gelaufen! Die Lichter hinter uns hatten sich schon zu einem Halbkreis aufgefächert: Zurück führte kein Weg mehr.

Also stürzten wir in die Kirche. Da drinnen würden sie ihn schon nicht erschlagen. Wir rannten zum Altar und ich zündete mit zittrigen Fingern die Kerze an. Ich schlug ein Kreuz, kniete nieder und betete zum ersten Mal seit Anfang dieses Krieges. Laut.

„Der Herr möge diese Hölle beenden und aus uns Überlebenden wieder Menschen machen“, so betete ich. „Er möge in die Herzen unserer Verfolger Gnade und Demut einkehren lassen!“ So betete ich. Laut und eindrücklich. Mit aller Kraft, die meine Mädchenstimme sammeln konnte. „Herr Jesus, der Du für uns am Kreuz gestorben bist, vergib’ den Sündern, die uns verfolgen! Denn sie wissen nicht, was sie tun!“ So betete ich.

Ich sprach „Amen“, stand auf und drehte mich zu unseren Verfolgern um. Geblendet blickte ich in ein Dutzend Taschenlampen. Ich konnte niemanden erkennen und schrie an der Grenze der Panik: „Verschwindet! Ihr Mörder! Ihr Monster!“

Keine Antwort von der Meute. Stattdessen kamen sie langsam auf uns zu. Ich stellte mich vor den verhungerten Jungen. „Fürchtet euch nicht!“ War d as nicht meine Weihnachts-Botschaft? Ich fürchtete mich aber. Um Jerome und um mich.

Plötzlich blieb die Bürgerwehr stehen. Sie wandten sich um und leuchteten auf einmal eine andere Person an. Einen Mann in Lumpen. In Fetzen. Ein Gesicht, das ich entfernt erkannte.

Der Mann kam auf uns zu und die Bürgerwehr ließ ihn passieren. „Papa!“ rief Jerome und rannte auf die Figur zu. Diese Person war Herr Finkelstein, ich erkannte ihn jetzt. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte, war er ein korpulenter Mann gewesen, jetzt war er genauso ausgemergelt und abgemagert wie sein Sohn.

Jerome Finkelstein! Der war keine drei Jahre alt, als ich seinen Vater das letzte Mal in seinem Bücherladen gesehen hatte. Damals war ich zehn. Also war Jerome jetzt acht.

„Papa, ich habe Dich überall gesucht! Auf einmal warst Du weg!“

„Ich weiß, mein Kleiner. Es tut mir leid. Böse Menschen haben mich gefesselt und von Dir fort gebracht. Und dann haben sie mich noch böseren Menschen übergeben. Ich konnte nicht bei Dir sein.“

„Papa, keiner hat mir geholfen. Nur das Mädchen da. Und ihre Eltern. Keiner hat mir etwas zu Essen gegeben. Ich war so alleine!“

„Das tut mir furchtbar leid, mein Kleiner. Du warst sehr tapfer. Und ich bin froh, dass Du noch lebst. Ich glaube, Du kannst bei dem Mädchen bleiben. Es hat keine Angst vor Dir.“

„Gehst Du wieder weg? Warum bleibst Du nicht bei mir?“

„Meine Geschichte ist schon zu Ende, mein Kleiner. Ich bin nur für Dich noch einmal gekommen, aber ich muss wieder gehen. Ich wollte Dir nur sagen: Was auch immer passiert, Du musst nie wieder Angst haben. Keiner wird Dir etwas tun.“

Und dann drehte sich Herr Finkelstein um und schaute jedem Mann der Bürgerwehr einzeln in die Augen, bis jeder einzelne sich beschämt abwandte.

„Und ihr: Es ist Angst, die all das hier angerichtet hat. Alles, was dieser Stadt angetan wurde, was ihr mir angetan habt und meinem Sohn und was ihr mit euren Seelen angerichtet habt – das ist alles das Ergebnis dieser Angst! Fürchtet euch nicht!“

Danach wandte sich Herr Finkelstein ab und blickte mich an. Ich sah, wie er lächelte und ich sah in seine Augen. Diese grauen Augen waren von so einer tiefen Müdigkeit, dass mein Herz vor Mitleid kurz aufhörte zu schlagen.

Dann schritt er wieder langsam durch die Reihen der Männer hindurch, verließ die Kirche und wurde nie mehr von einer Menschenseele gesehen.

Tja. So. Das war meine Weihnachtsgeschichte. Sie ist furchtbar lange geraten! Ich habe euch ja gewarnt.

Und übrigens: Wir nahmen Jerome bei uns auf. Und wir haben die lange Telefonnummer angerufen, was ein Abenteuer für sich war. Jemand in New York ging ans Telefon. Bei uns war es Vormittag und dort noch nachts. Das fand ich sehr verrückt.

Sein Onkel und seine Tante besuchten ihn bald bei uns, aber er zog es vor, bei uns zu bleiben, statt nach Amerika zu gehen.

Mittlerweile ging es ihm ja auch nicht schlecht hier. Er war zum Hätschelobjekt jeder Frau in der Stadt geworden. Alles Böse, was die Bewohner in ihrer Angst ihm und seinem Vater angetan hatten, wollten sie nun überschwänglich an ihm wieder gutmachen.

Er wuchs zu einem attraktiven jungen Mann heran und brach vielen Mädchen das Herz, als er mit achtzehn Jahren nach Israel ging. Dort studierte er deutsche Literatur und wurde später als Autor ziemlich berühmt. Und, nein, ich werde seinen Namen nicht sagen. Schon „Jerome“ und “Finkelstein” sind eine falsche Fährten, verzeiht mir!

Na ja, jetzt habe ich, glaube ich, alles erzählt. Mir fiel die Geschichte gerade heute Morgen wieder ein, als ich in den Spiegel schaute. Meine Augen waren beinahe so müde, wie die von Herrn Finkelstein, als er unsere Kirche verließ…

Frohe Weihnachten! Und – fürchtet euch nicht!


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