Hope Lehmann

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Die heutige Geschichte mag geneigte Hörende am Ohr von Ramstein in den Siebzigern bis in einen kleinen Ort namens Paradis entführen, beinahe im Bayou von New Orleans. Und das verdanken wir nur Hope For Mankind Lehmann, dem ganz besonderen Hippiekind.


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Dallas Rag“ von Tuba Skinny

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Die Geschichte zum Lesen

HW: Für mich noch einmal einen Latte und für die Dame noch einmal … Wie hieß das?
FA: Sazerac.
HW: Dings …

FA: Okay. Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Du machst dieses Interview wegen meines Namens. Nicht wegen dem Teil ‚Lehmann‘, sondern, weil ich ‚Hope‘ heiße. ‚Hope For Mankind Lehmann‘. Ist doch so. Oder?

Habe ich mir schon gedacht.

‚Wie kommt man zu so einem Namen? Du Arme! Bist Du ein Hippiekind?‘

Ich kenn das schon. ‚Hope‘ und ‚Lehmann‘, das ist einfach zu drollig. Ein Brüller! Und es stimmt ja auch. Mein Vater war ein Bilderbuch-Hippie. Aber den Namen habe ich von meiner Mutter. Und die war mehr als nur ein Hippie. Mein Dad sagte immer:

„Deine Mutter war kein normaler Mensch. Sie kam von irgendwo in unsere kleine Stadt und sammelte Menschen um sich wie Jesus. Alle liebten sie und sie liebte alle. Sie gehörte zu niemandem und folgte nur ihrem Instinkt. Darum war sie mit Deinen Geschwistern eines Tages einfach weg. Ich hatte das erwartet. Und ich war fast nicht traurig. Denn sie schenkte mir ja Dich. Sie schenkte mir Hoffnung. Hope.“

Schnulzig, oder? Ist aber schon schön, finde ich. Vor allem, weil es mehr bedeutet, als mein Vater damit meint. Ansonsten ist es keine ungewöhnliche Geschichte. Gerade in Ramstein, Anfang der Siebziger: Kommt ein Amerikaner, schwängert eine Deutsche, haut ab und lässt ein Kind da. Bloß, dass in meiner Geschichte die Geschlechter vertauscht sind.

Ich wurde also als ‚Hope Lehmann‘ groß. Und auch, wenn ich viel gehänselt wurde, wegen meines Namens, ich hatte immer einen großen Freundeskreis. Wir waren nicht die Coolen oder die Alphatierchen. Eher eine verschworene Gemeinschaft von Außenseitern, Einsamen, Kreativen oder schlicht nur Spinnern.

Bestimmte Menschen suchten meine Nähe. Und ich fühlte mich auch bei diesen Menschen am wohlsten. Sie gaben mir Freundschaft und ich gab ihnen dafür Hoffnung. Ich musste sie nur berühren und ich konnte sehen, wie sich ihr Wesen veränderte.

Ja, ja, ich sehe schon Deinen Blick! Das ist für Dich nur esoterischer Hippie-Scheiß! Ist schon gut. Bilde ich mir vielleicht nur ein. Aber, wie wäre es? Soll ich Dich einmal berühren, Herr Journalist? Du kuckst so skeptisch! Sollte das nicht Teil Deiner Recherche sein?

Na gut. Kannste Dir ja noch überlegen. Ich erzähle einfach meine Geschichte weiter, in Ordnung? Aber wenn Du Hoffnung brauchst, Du hast ja jetzt meine Nummer! One Touch!

Wo war ich? Ah ja: Aufgezogen vom Oberhippie am Ort, der dann der größte Öko wurde. Wenn die Leute heute von Nachhaltigkeit reden: Ich habe das schon vor vierzig Jahren gelebt. Kein Strom bei Lehmanns und keine WCs. Mehr sage ich nicht.

Aber mir fehlte die Mutter. Mir fehlte meine Mutter. Und die Tatsache, dass sie angeblich so eine Art Halbgöttin war, machte es auch nicht einfacher. Als kleines Mädchen wollte ich nur jemanden haben, der mich tröstete, in der Pubertät suchte ich einfach Rat in Fragen, die nur Frauen betreffen, aber als junge Frau wollte ich nur noch wissen: Warum? Warum hast Du mich alleine gelassen? Warum hast Du mich verlassen? War ich Dir nicht genug?

Also machte ich mich auf die Suche. Es hieß, sie wäre weiter gezogen nach Süden. Dann hieß es, sie wäre in den Osten, den Fernen Osten, nach Indien oder China oder Japan.

Ich reiste ihren Spuren hinterher, immer den Aussagen der Augenzeugen nach. An jedem neuen kleinen Ort gab ich eine Kleinanzeige auf und suchte Menschen, die ihr begegnet waren. Und überall meldeten sich welche, die sich noch genau an sie und die vielen kleinen Kinder erinnern konnten. Immer wieder konnte ich die Fährte aufnehmen. Bis in die Türkei hinein, als mir das Geld ausging.

Viele Jahre später versuchte ich die Recherche einfach in die andere Richtung. Beim Standesamt war sie ja mit vollem Namen und Geburtsort registriert. Da stand ‚Paradis‘. Ohne Witz! Ist ein Kaff in Louisiana, ganz in der Nähe von New Orleans.

Also flog ich ins ‚Paradies‘. Das ist ein Loch, kann ich Dir sagen! Vor hundert Jahren einmal als Modellstadt auf dem Reißbrett entworfen, stehen da hauptsächlich Trailer in der Gegend. Es gibt einen McDonalds und dann noch „Grumpy‘s Family Diner“ in einer halbverschimmelten Baracke. Neben der Reklame für eine Hellseherin. Trostlos.

Ich fand ein Motel in der Nähe und kehrte zu meinen alten Recherchemethoden zurück. Ich schaltete eine Kleinanzeige mit dem Namen meiner Mutter und meiner Adresse. Viel Hoffnung hatte ich nicht. Wer würde freiwillig zurückziehen in ein Bayou-Kaff ohne Perspektive?

Doch schon am nächsten Abend sagte mir Frau Lockenwickler am Empfang, ein feiner Herr hätte nach mir gefragt und eine Nachricht hiergelassen. In der stand in gestochen scharfen Buchstaben:
„Hallo, Hope! Ich bin traurig, nicht getroffen zu haben Dich. Komm‘ morgen um 2 p.m. zum Restlawn Park Cemetary. Ich werde da sein.“

Und dann stand da noch eine Grabnummer und eine angeberische Unterschrift, die die halbe Seite beanspruchte.

Trotzdem bin ich dahin. Der Friedhof lag sehr schön auf einem Hügelchen mit Blick auf den Mississipi. Gehört zur Gemeinde Waggaman, aber eigentlich waren das nur die billigen Suburbs von New Orleans.

Als ich mich dem Grab näherte, sah ich den Lackaffen schon dastehen in einem feinen Anzug! Sieht man hier in der Gegend nie. Aus gutem Grund, bei Temperaturen um die 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit wie in einem Badeschwamm.

Ich lief auf das Grab zu und ballte schon meine Hände zusammen. Keine Ahnung, warum, aber ich konnte diesen Menschen nicht leiden.

„Hi. Da bin ich!“

„Hallo! Du bist Hope?“

„Ja. Liegt da meine Mutter?“

„Ach so – nein. Und ja. Also hier liegt das Grab, das unsere Familie angelegt hat, seitdem sie im Outback von Australien verschollen ist. Ihre Eltern meinten, sie bräuchten einen Platz zum Trauern. Ist natürlich Quatsch.“

„Wieso ist das Quatsch? Und warum hast Du mich hierher beordert? Wenn ich nun nicht gekonnt hätte um die Uhrzeit? Eine Telefonnummer wäre echt nicht schlecht gewesen!“

„Ich wollte Dich kennenlernen, Schwesterchen.“

„Wir sind Geschwister?“

„Ja. Ich kann mich an Dich erinnern, als Du noch ein Baby warst.“

„Und warum wolltest Du mich jetzt plötzlich kennenlernen? Vierzig Jahre suche ich meine Familie, aber von euch hat sich niemals jemand gemeldet!“

„Ja, so funktioniert das normal auch nicht. Aber ich dachte, wir können uns helfen.“

„Na, das ist ja toll. Kaum hier angekommen und kaum das Grab gefunden, kaum den ersten Verwandten gefunden und schon wird meine Hilfe gebraucht! Das kannst Du vergessen!“

„Ach. Schade. Ich dachte, Du wärst immun. Aber ich habe mich wohl geirrt.“

„Wer denkst Du, dass ich bin? Hm? Ich tanze hier an und spiele für Dich die Seelentrösterin, oder was?“

„So, wie sich das jetzt darstellt, kannst Du eher etwas von mir lernen.“

„Ich verzichte auf Lektionen, sehr verehrter Herr Bruder! Warum sollte ich etwas von Dir lernen wollen? Wie Du schon aussiehst! Wie ein Gockel von der Wall Street! Und dann Dein Ami-Deutsch oben drauf! Ich will echt nichts von Dir lernen, echt nicht!“

„Meine ganze Verwandtschaft kann mich mal kreuzweise! Mein Leben lang habe ich meine Mutter gesucht und jetzt kommt so ein Lackaffe und will meine Hilfe!“

„Ihr seid doch alle egoistische Schweine! Lasst mich da alleine zurück und zieht weiter, wahrscheinlich in irgendein Scheiß-Ashram nach Indien! Die ach so tolle Mama und die hübschen Kinderchen und alle haben sich ganz dolle lieb! Aber Hope soll schön in Ramstein bleiben! Ist schon klar!“

„Ich habe die Nase so was von voll! Jetzt habe ich einmal in meinem Leben – einmal nur – versucht, etwas für mich und mein Seelenheil zu tun, und dann kommen schon die nächsten Pflichten auf mich zu!“

„Kann es nicht irgendetwas geben, was mich nicht total leer zurücklässt? Das könnte ich gut gebrauchen, denn ich sage Dir: Ich bin so etwas von erschöpft! Ich bin so am Ende! Du kannst Dir nicht vorstellen, wie mein Leben war!“

„Ich habe nur nach meiner Mutter gesucht, damit ich einen Menschen finde, der mich einfach annimmt, ohne etwas von mir zu wollen! Ich dachte, vielleicht gibt es EIN Wesen, das mich liebt!“

„Weißt Du was? Fick Dich! Und fick die ganze Verwandtschaft! Ich kann einfach nichts mehr geben! Ich kann nicht mehr! So!“

„Wow. Das klingt, als hätte sich da sehr lange etwas angestaut!“

(Nicht zu zerknirscht, eher gereizt) „Äh. Vielleicht. Tut mir leid. Ich bin eigentlich kein Mensch, der schnell die Fassung verliert. Ich weiß nicht, was da gerade passiert ist.“

„Ist schon okay, Hope. Ich weiß, was da passiert ist. Ich halte mich kurz, weil jedes meiner Worte Dich wütend macht. Aber ich weiß, wie es Dir geht!

Ich weiß, dass Du Dein Leben damit verbracht hast, anderen Menschen zu helfen. Das weiß ich. Das ist Deine Art. ‚Hope‘. So funktioniert das mit der Hoffnung.

Darum dachte ich, wenn wir uns sehen, können wir zwei uns helfen. Du brauchtest auf jeden Fall ein Ventil. Das war das, was gerade geschehen ist. Und von allen Wesen kann ich Dir das am besten geben.

Wie gesagt, ich halte mich kurz. Hier meine Karte. Ruf‘ mich an, wenn Du mit mir nach unserer Mutter suchen willst oder nach unseren Geschwistern!“

„Halt, geh‘ noch nicht!“

„Doch. Bis bald, Hope!“

„Hey, ich habe gar nicht gefragt, wie Du heißt!“

„Steht auf der Karte. Ich bin Rage.“

So ist das geschehen, Herr Journalist. Ich habe heulen müssen, als er gegangen ist. Denn zum ersten Mal habe ich selber gespürt, wie sich das anfühlt.

Nein, ich meine nicht Wut, ich meine: Hoffnung.

Ist alles gerade einmal einen Monat her. Sein Name stand übrigens wirklich auf der Karte. Er heißt ‚Rage‘. Oder, auf Deutsch: Wut.

In zwei Wochen kommt er her und dann suchen wir unsere Geschwister. Und wir haben schon einen Verdacht, wo wir eine Schwester finden können. Envy soll in Paris in einem Modehaus arbeiten. Passend für Neid, oder? Ein Modehaus?


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