Heldin mit Hut

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Wie wir ja schon aus „The Incredibles“ wissen, tragen Heldinnen besser kein Cape. Im echten Leben kann es sogar vorkommen, dass sie Hüte tragen – was in der achten Klasse auch in den Achtzigern reichlich Mut bedarf! Hope Lehmann aber macht das, daher also diese Heldinnenhymne!


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Heroes“ by Wendigo / CC BY-NC-SA 3.0


Die Geschichte zum Lesen

Wir nannten unsere Schule einfach „Die Baustelle“. Wenn man nachmittags Unterricht hatte, sagte man: „Ich muss noch einmal auf die Baustelle!“ Auch wenn man das tausend Mal gehört hatte, war es immer noch die treffendste Beschreibung dieses Gebäudes.

Als wir geburtenstarken Jahrgänge an die Schulen kamen, war die Politik überrascht. Demographie ist, wie Astrologie, wohl eher so eine Glaubenssache. So ähnlich wie die Sache mit Weihnachten, ihr wisst schon, was …Weihnachten? Nächste Woche?

Die Schulen sprossen hier auf einmal aus dem Boden wie Schimmel auf feuchtem Toastbrot.

Wir waren der erste Jahrgang der Baustelle und von Anfang an galten hier die Gesetze des Dschungels. Der gesamte Schulbetrieb war ein Wunder der Improvisationskunst, nichts funktionierte verlässlich.

Im ersten Jahr gab es zum Beispiel im Winter keine Heizung; nach drei Jahren funktionierte in den Physik- und Chemielabors der Strom nach dem Zufallsprinzip.

Die Lehrerschaft war jung und unerfahren und von den Schülerhorden überfordert. Unser Jahrgang hatte sechs Klassen, die immer neu zusammengewürfelt wurden, die Klassenstärke lag konstant bei über vierzig Schülern.

Als Fünftklässler waren wir noch alle brav und fügig, aber in der achten Klasse machten alle, was sie wollten.

Speziell die Pausen waren erwachsenfreier Raum. Die Referendare, die hilflos über die Baustelle taperten, um für Recht und Ordnung zu sorgen – von uns „Hilfssheriffs“ genannt – waren menschlich überfordert.

Sie hätten wie Dirty Harry das Recht unter uns Tieren durchsetzen müssen, hatten in der Ausbildung aber nur den Diskurs mit Menschen gelernt.

Hier herrschte das Recht des Stärkeren! Die Hackordnung wurde mit brutalen Methoden jede Pause ausgefochten. Entweder Du warst oben, so wie Pia oder Marietta – oder Du warst ganz unten, so wie Sabine oder Hope.

Ich hatte eine eigene Nische für mich, ich war Typ „Unsichtbar“. Andere Kinder machten mir Angst, jeder Schultag war für mich die Hölle.

Also suchte ich mir eine Nische unter irgendeiner Bauplane oder in den Bereichen, die für uns gesperrt waren und wartete den Kampf da draußen einfach ab.

Hope hieß übrigens mit vollem bürgerlichen Namen „Hope for Mankind Lehmann“ – ihre Hippieeltern waren extra nach Amerika geflogen, um sie so zu taufen. Sie war unter uns Gänseblümchen die Orchidee.

Sie kleidete sich wie eine Indianerin, aber mit riesigen Hüten vom Flohmarkt. Sie hörte andere Musik, kannte kein Fernsehen und las freiwillig Bücher.

Außerdem war sie ein Jahr entwickelter als die Mädchen unserer Klasse und ungefähr so lang wie unsere Klassenlehrerin. Sie hätte wahrscheinlich auch Pia und Marietta einfach zusammenfalten und in einem Päckchen verschicken können, aber ich habe nicht einmal erlebt, dass sie auch nur gereizt war.

Die Orchidee der Klasse, Hope, was macht die also? Von allen Mädchen, die sich um ihre Freundschaft bewarben, wählte sie Sabine! Das Nesthäkchen mit der Zahnspange! Das Mauerblümchen, die in der Schule die Garderobe ihrer Mutter aus den Fünfzigern auftragen musste.

Weil das Leben immer Mist auf Mist stapelt, hatte sie auch eine dicke Brille und war schulisch ein Schlusslicht. Wenn man ein Mobbingopfer auf dem Reißbrett entwerfen würde, käme am Ende Sabine heraus.

Hope wiederum glänzte im Unterricht hauptsächlich damit, dass sie mit Selbstbewusstsein die dümmsten Fragen stellte. Sie folgte dem Unterricht anscheinend mit fünf Minuten Verspätung und ihre Fragen waren von so einem fundamentalen Unverständnis jeder Materie geprägt, das selbst Pia und Marietta – selbst eher unterbelichtet – die Augen 360 Grad verdrehten.

Lehrer und Lehrerinnen gehen davon aus, dass Dinge, die im Lehrerzimmer gesagt werden, dieses nicht verlassen: Aber das Gegenteil ist wahr. Hope, das „Hippiekind“ war auch unter den Lehrern ein stetiger Quell der Häme!

„Das kommt raus, wenn man Kinder statt mit Haferflocken mit Haschisch großzieht!“, wäre so ein Satz. Oder: „Für Hope habe ich eine Sauerstoffflasche im Physiksaal. Falls sie aus Dummheit das Atmen vergisst!“

Im Dschungel unserer Pausen zogen sich Hope und Sabine aber in kein Versteck zurück, so wie wir Unsichtbaren, sondern sie setzten sich dem Spott aus.

Wie mir aus sicheren Quellen mitgeteilt wurde, waren speziell Hopes Hüte ein beliebter Ersatz für Frisbees, die an unserer Schule verboten waren.

Ein Schüler hatte den Nachweis erbracht, dass sich Colaflaschen auch mit Sabines Brille öffnen lassen – beide Mädchen durften die Wirkung von Milch, Kakao und Joghurt zur Haarpflege mehrfach erproben.

Keine Pause verging, ohne dass sich jemand über sie lustig gemacht hätte. Die Frage, wie weit man die Demütigungen treiben konnte, bevor Hope ihre Engelsgeduld verliert oder ein Hilfssheriff eingreift, beschäftigte die Täter mehr als der Unterrichtsinhalt.

Ich muss zugeben, dass ich es Hope und Sabine verdanke, dass ich mich aus der Deckung wagen konnte.

Es war deswegen in der achten Klasse, dass ich zum ersten Mal am Kiosk einen Kakao kaufen und in Ruhe auf der Schulhoftreppe trinken konnte, ohne gehänselt zu werden.

Denn die Hyänen unseres Jahrgangs versammelten sich verlässlich um Hope und Sabine.

Mein Respekt für das Hippiemädchen wuchs mit jedem Monat. Mir war es ein Rätsel, wie ein einzelner Mensch solche Folter erleiden konnte – ich wäre an ihrer Stelle in jeder Pause aus Peinlichkeit gestorben.

Als ich mich mehr und mehr aus meinem Versteck wagte, begann ich wohl auch Hope aufzufallen. Während sie und Sabine ihre tägliche Folter erlitten, folgte ich dem Geschehen aus sicherer Entfernung.

Hope entdeckte mich in der Menge, lächelte mich an und zwinkerte, während die Alphaweibchen sich wieder ausgiebig über ihre Dummheit lustig machten. Irgendetwas an ihr verunsicherte Pia und Marietta so gründlich, dass sie auch nach Monaten ihre gesamte sadistische Energie über den beiden ausschütten mussten.

Vorbilder zu haben ist ja unmodern. Die Postmoderne hat sich systematisch jede Heldin und jeden Helden vorgenommen und dekonstruiert. Gandhi hat Hitler Briefe geschrieben, Mutter Theresa ihre Patientinnen grundlos Schmerzen leiden lassen, die Weiße Rose hat mit ihren Todesopfern niemanden erreicht. Wir haben keine Heldinnen mehr!

Hope war meine Heldin! In ihrem passiven Widerstand zeigte sich eine menschliche Größe, die man mit dreizehn noch nicht erreicht haben kann. Ich hatte mehr als nur Respekt für sie, ich wollte so sein wie sie! Im Geheimen war die Unsichtbare in Hope verliebt.

Die Wahrheit ist: Noch heute ist sie meine Heldin! Das wird sie immer bleiben. Ich bin damals furchtbar traurig gewesen, als sie nach einem Schuljahr mit ihren Eltern nach Amerika auswanderte. Obwohl das auf der anderen Seite nur ihren Mythos in der Baustelle verstärkte.

Ein großer Teil des Mythos Hope liegt in ihren schulischen Leistungen begründet. Unsere Klassenlehrerin war erschüttert, als sie bei der Zeugnisvergabe verkündete: „Und das beste Zeugnis hat Hope Lehmann. Nicht nur das beste Zeugnis der Klasse oder des Jahrgangs, sondern das beste Zeugnis in ganz Hamburg!“

Unbemerkt hatte es meine Heldin geschafft, in jedem einzelnen Fach mit Abstand die Beste zu sein! Die Fachschaften hatten sich im Lehrerzimmer nicht über schulische Leistungen ausgetauscht; alle Lehrerinnen und Lehrer nahmen an, dass Hope zufällig gerade in ihrem Fach Ausnahmeleistungen erbrachte.

Es klingt seltsam, aber diese Leistung war das Ende aller Hänseleien. Es waren nach dem Zeugnis immerhin noch ein paar Wochen Schule, aber in dieser Zeit machten die Hyänen einen Bogen um Hope und Sabine.

Ihr Zeugnis hatte sie noch einmal rätselhafter gemacht und die Verwunderung kannte keine Grenzen. Hope war für Pia und Marietta so etwas wie die Sphinx von Gizeh: Ein Wunder, dass man sehen konnte, aber nicht im Ansatz verstehen.

Den Status als meine Heldin aber erreichte Hope erst, als ich ihr einmal auf dem Schulweg begegnete. Ihr Vorbild hatte mich mutig gemacht und ich sprach sie an! Das hatte ich noch nie getan!

Nach ein wenig Smalltalk fasste ich meinen neugewonnenen Mut zusammen und fragte sie in ihr hübsches Lächeln:

„Wenn Du so gut in der Schule bist, warum stellst Du dann immer so dumme Fragen?“

Sie antwortete: „Fragen sind doch nicht dumm!“

„Aber, wenn Du alles so gut verstehst, warum fragst Du dann überhaupt?“

Und dann verriet mir Hope ihr Geheimnis! Ihr denkt jetzt sicher, dass sie irgendwie geschummelt hat! Oder, dass ihre Eltern dem Direktor heimlich Haschisch verkauften. Dass sie die achte Klasse vielleicht schon zum fünften Mal macht und in Wirklichkeit schon zwanzig war?

Ich gebe es offen zu, Derartiges habe ich auch gedacht! Aber meine Heldin hat mich noch einmal überrascht. Sie sagte – und das waren exakt ihre Worte, das hat sich unauslöschbar in mein Gehirn gebrannt:

„Weißt Du, meine Freundin Sabine hat viel zu viel Angst, um in der Klasse etwas zu fragen. Also haben wir ausgemacht: Sie schreibt mir ihre Fragen auf kleine Zettel, schiebt sie rüber und dann stelle ich die halt! Die Zettel sind übrigens wunderschön, die habe ich alle gesammelt!“

Boom! Da ist es! Hope hat ein Jahr die Häme und die Schmach einer ganzen Jahrgangsstufe lächelnd überdauert, nur um ihrer Freundin zu helfen! Habt ihr so eine Freundin? Ich nicht!

Damals konnte ich das nicht auf einen Haps verdauen und schwieg leider den Rest des Weges. Danach fand sich keine Gelegenheit mehr, jemals wieder mit ihr zu sprechen.

Hope for Mankind Lehmann, die Du mittlerweile irgendwo in den Staaten lebst, wenn Du diese Sendung hörst, dann lass Dir sagen:

„Du bleibst für alle Zeiten meine Heldin!

Ich bin nun schon fünfzig Jahre alt, aber: Wenn ich doch noch wider Erwarten einmal groß werde, dann … dann möchte ich genauso werden, wie Du damals schon warst!“


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