Die Frau auf dem Mond

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Die Erforschung des Weltraums hat schon vielen Menschen große Opfer abverlangt und einigen gar das Leben. Die Forscherin, die wir heute kennenlernen, war der Meinung, dass ihr solche Schmerzen bei ihrer siebenjährigen Mission erspart bleiben würden. Aber, zu ihrem persönlichen Glück, kommt es anders als geplant. Anders und wunderlich!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Get Lonely“ von The Mountain Goats

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

FA: „Gut, das war also der offizielle Teil. Im inoffiziellen Teil hätte ich gerne dokumentiert, dass mir … Wie soll ich sagen? Dass mir scheißelangweilig ist! Tut mir leid, wenn ich das nicht eleganter ausdrücken kann, aber ich habe hier oben echt wenig Übung im Reden! Mir gehen die Wörter langsam aus.

Und dass, obwohl ich ununterbrochen lese. Aber so langsam langweilen mich auch meine Lieblingsgenres. Mit Science Fiction und Fantasy bin ich durch.

Ich habe mir selber mittlerweile drei Sprachen beigebracht aus Langeweile. Auch wenn ich nicht weiß, wer sonst noch Klingonisch, Elbisch oder Dothraki spricht. Ki fin yeni!

So scheißelangweilig ist mir! Aber, wenn ich mich beschäftige, dann kucke ich in den Weltraum und überlege wo die Erde ist und dann werde ich sentimental.

Na ja, ich habe halt Heimweh. Ich bin nicht depressiv, so ist es nicht: Ich habe den Eindruck, wir erreichen hier etwas! Von den 64 Biosphären, die ich pflege, machen ganze vierzehn einen guten Eindruck!

Na ja.“

„Wollte nur mitteilen, dass ich unter Langeweile leide. Und nicht glauben will, dass es noch fünf Jahre so weitergehen soll!

Egal. Sagt allen ein Hi, falls das jemals jemand sieht, den ich kenne. Und: Wenn ich wiederkomme, dann habt ihr gefälligst dafür gesorgt, dass ich eine verdammte Heldin bin! Das ist das Mindeste!“

Sie beendete die Aufnahme, blieb aber noch sitzen und glotzte in das kleine Objektiv. Der heutige Eintrag in ihrem Videotagebuch war gemacht. Senden konnte sie das Video nicht. Nur der kurze, offizielle Teil am Anfang würde von der KI in Text verwandelt und dann komprimiert per CFDP ins interplanetare Netz gesendet.

Durchschnittliche Zeit für einen Ping: 160 Minuten. Zeitfenster für die Übertragung: Alle 15,9 Erdtage. Durchsatzrate: 9600 Baud.

In Nicht-Techno-Babble: Sie war auf ihrem Saturnmond komplett von der Kommunikation abgeschnitten! Nur die allernötigsten Informationen wurden mit der Basis ausgetauscht und kamen per Email. Alle zwei Wochen täglich mindestens eine, dann für zwei Wochen völlige Stille.

Zwei Wochen nur Klingonisch, Elbisch oder Dothraki.

Zwei Wochen nicht an ihn denken.

In der Abdeckung eines Heizaggregats spiegelte sich kurz ihr Gesicht. Sie sieht die Narbe auf ihrem Kinn. Und mit einem Schlag ist sie zwei Jahre in die Vergangenheit katapultiert. In das komische Pub in Kourou in Französisch-Guyana. Wo sie im Damenklo im Spiegel diese Narbe studiert. Denn je brauner ihre Haut, desto weißer wirkt die Narbe.

Genau in diesem Moment kam ihre Freundin und Kollegin Dana ins Damenklo und klopfte ihr auf die Schulter. Sie war, untertreiben wir höflich, nicht mehr nüchtern. Dana schaute ihr tief in die Augen, schwieg bedeutungsschwanger und lallte dann:

„Du blöde Kuh fliegst in einer Woche auf diesen blöden Mond und dann werden wir sieben Jahre nichts von Dir hören! Das ist die blödeste Idee Deines Lebens, so viel ist schon einmal sicher.

Aber, ich schwöre Dir, wenn Du nicht da rausgehst und Dich zum ersten Mal in Deinem blöden Leben amüsierst, dann werde ich Dich so verprügeln, dass sie Dich gar nicht erst an Bord lassen! Dann ist es vorbei mit Deinem Ruhm!

Hast Du mich verstanden, Frau Doktor Doktor Klimatologin? Das ist keine blöde Empfehlung, das ist ein Befehl!”

Sie hickste: “Ich bin doch Deine Vorgesetzte, oder?”

Also schlich sie sich zurück an den Tisch, an dem ihr Team den Abschied feierte. Alle diese vertrauten Gesichter würde sie bald für geplante 1584 Tage nicht mehr sehen.

Sie verstand, dass das ein Grund war, um sich zusammenzusetzen und zu reden. Vielleicht sogar ein Grund, sich den Geist mit Tequila zu vernebeln. Und sie verstand, dass sie das dem Team schuldig war.

Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie sich zu jeder Minute dieser Veranstaltung zwingen musste. Socialising war ihre Achillesferse. Sie machte einen Bogen um jede Ansammlung von Menschen mit mehr als … einer Person.

Um alles zu verschlimmern: Heute drehte sich alles nur um sie!

„Warum machst Du das?“

„Was wirst Du wohl am meisten vermissen?“

„Was machst Du nur in Deiner Freizeit?“

„Wirst Du nicht den Sex vermissen?“

„Warum willst Du Deine besten Jahre alleine in einem Bunker im Eis verbringen?“

Als ob sie auf nur eine dieser Fragen eine Antwort wüsste! In einer Woche startete ihre Rakete. Das war Fakt.

Sie fischte ihre Zigarettenschachtel aus der Handtasche und signalisierte allen, dass sie mal raus müsste, eine rauchen. Wie üblich wurde sie von allen gerügt, aber verschwand trotzdem in die Raucherecke vor der Hintertür des Pubs.

HW: Ach, schön, dass doch noch jemand kommt. Ich dachte schon, es gibt in ganz Guyana keinen einzigen Menschen mehr, der noch raucht!

FA: Wie bitte?

HW: Sorry, klingt jetzt nach sehr billiger Anmache, aber hast Du Feuer?

FA: Ich? Nein, ich rauche nicht.

HW: Aber Du hast eine Schachtel Luckies in der Hand.

FA: Das sind meine Alibi-Zigaretten. Die habe ich nur, um auf Veranstaltungen fliehen zu können. Die habe ich schon seit fünf … nein, seit sechs Jahren. Vor sechs Jahren habe ich bei der ESA angefangen. Da habe ich zum letzten Mal eine geraucht.

HW: Du bist die, wegen der die an Deinem Tisch alle so aufgeregt sind?

FA: Ja. Das bin ich. Und Du hast ein „Mountain Goats“-T-Shirt.

HW: Ja, habe ich. Bin ein Fan.

FA: Ich auch. Ich wusste nicht, dass jemand das hört. Außer mir.

HW: Doch. Wußtest Du, dass John jetzt auch einen Podcast hat?

FA: Ja, aber das ist mir too much. Ich lass mir lieber nicht jede Zeile erklären.

HW: Genau! So geht es mir auch!

FA: Lieblingsalbum?

HW: Sunset Tree. Und Du?

FA: Sunset Tree ist ziemlich gut. Meine Nummer drei. Mein Lieblingsalbum ist „Get Lonely“.

HW: Bester Song darauf?

FA: Auch „Get Lonely“.

Sie waren beide ungeübte Tänzer. Man sah ihnen an, wie unwohl sie sich fühlten, aber so machte man das doch, wenn man sich kennenlernte? Dann tanzt man, stimmt’s?

Danach setzten sie sich an einen kleinen Tisch und unterhielten sich. Beide klammerten sich aus Gewohnheit an ihre Gläser wie an Rettungsringe, doch beide hatten sich in Gegenwart einer Person des anderen Geschlechts noch nie so wohl gefühlt.

Sie zahlten und verließen das seltsame Pub. Ihre Freundinnen und Freunde zeigten Verständnis und verabschiedeten sie mit einem Schwall unanständiger Bemerkungen.

FA: Ich … Ich mach‘ das wirklich ungern, dieses soziale Interagieren. Weggehen, Trinken, Tanzen, Leute kennenlernen. Das ist nicht meine Welt. Aber mit Dir …

HW: Pscht! Nicht darüber reden! Nicht in die Meta-Ebene gehen! Nicht das Denken anfangen!

(Pause)

FA: Ich arbeite für die ESA. Und Du?

HW: Ich nicht. Ich bin hier Lehrer.

FA: Ohne Witz?

HW: Ja. Ohne Witz.

FA: Ich fliege in einer Woche fort. Für sieben Jahre.

HW: Ach, Du heilige Scheiße! Wohin denn?

Dieser Pieps startete jeden Arbeitstag. Sie sprang in ihren schweren Raumanzug, der direkt neben ihrem Bett leer auf sie wartete. Auf Titan herrscht nur ein Siebtel der Schwerkraft der Erde, hier war sie eine geborene Akrobatin.

In der Schleuse überprüfte sie mit dem Tablet auf ihrem Unterarm das Funktionieren aller Systeme und schloss zwei lange Schläuche an die Luftversorgung der Basis an.

Dann sprang sie hinaus auf die Oberfläche des Monds. Die orange Atmosphäre war heute von einem türkisen Nebel durchzogen, die Sonne brachte dessen Ionen zum Glühen. Darum regnete es heute auch kein Methan.

Symmetrisch in 8 Reihen verteilt waren 64 transparente Kunststoffhalbkugeln, mit einem Durchmesser von jeweils zwei Metern. Unter jeder dieser kleinen Biosphären lief ein anderes Terraforming-Experiment.

Pro Experiment brauchte sie ungefähr fünf Minuten, um die Messwerte zu nehmen, die Temperatur zu messen, eine winzige Bodenprobe abzufüllen, den Zustand zu bewerten und alle Anschlüsse zu prüfen.

In sechs Stunden war der anstrengende Teil ihrer Arbeit getan. Es freute sie, dass so viele ihrer „Kinder“ gut gediehen. Titan war kein lebensfeindlicher Mond, sondern von Haus aus voller organischer Moleküle.

Sechs Stunden Arbeit waren auch sechs Stunden, in denen sie nicht daran denken musste, dass in 1,4 Milliarden Kilometer Entfernung jemand lebte, der vielleicht der Mann ihres Lebens sein könnte.

Damals, als sie ihn vor zwei Jahren nach Hause begleitete, wusste sie, dass er vielleicht der Mann ihres Lebens war. Weil sie sich noch nie so gefühlt hatte wie jetzt, in seiner Anwesenheit.

Aber das Timing war denkbar schlecht. So erstarrten sie vor der Treppe, die hoch führte in seine kleine Wohnung und schwiegen. Weil so vieles zu sagen war, dass keiner reden konnte.

Um ein Haar wollte sie einen völlig fremden Menschen bitten, sieben Jahre auf sie zu warten. Und dass, nachdem sie ihn vor – kleiner Blick auf die Uhr – drei Stunden und vierzig Minuten – kennengelernt hatte!

Ein Ding der Unmöglichkeit!

FA: So. Und jetzt? Was ist jetzt mit uns beiden?

HW: Ich weiß es nicht … aber … Du weißt, dass es völlig unrealistisch ist …

FA: Ja. Klar. Aber Du musst wissen, das ist nicht etwas, dass mir dauernd passiert. Ich war mein Leben lang eine Außenseiterin. Ich hatte mich eigentlich schon damit abgefunden, mein Leben alleine zu verbringen. Alle Männer waren so … aufgeblasen.

Aber bei Dir, in Deiner Gegenwart, fühle ich mich wie … ich. Weil wir uns verstehen, wenn wir miteinander reden. Weil nicht die ganze Zeit dafür draufgeht, Missverständnisse auszuräumen. Weil Du weißt, wer John Darnielle ist.

HW: So geht es mir auch! Ich wusste nie, wie ich mich in Gegenwart von Frauen verhalten sollte und habe mich wohl meistens zum Affen gemacht. Ich habe immer eine Nummer gespielt, darum hat es auch nie geklappt. Aber bei uns ist das anders!

FA: Aber sieben Jahre sind sieben Jahre.

HW: Es ist ja nicht so, dass ich nicht sagen wollen würde: Ja, ich warte sieben Jahre auf Dich! Im Gegenteil, eigentlich möchte ich das hinausschreien, dass es alle hören können: „Ich werde sieben Jahre auf diese Frau warten, ohne jeglichen Kontakt, weil sie einfach die Frau für mich ist. Auch wenn ich sie erst seit drei Stunden kenne!”

Aber das ist natürlich kindisch. Am Ende hat immer die langweilige Stimme recht.

Das kann niemals gut enden für uns beide. Das gibt nur Leid und Schmerz. Für Dich. Und für mich.

FA: Ja, ich glaube, Du hast recht. Es ist kindisch. Es wäre einfach zuviel verlangt vom Leben.

Sie kommt zurück in die Schleuse. Sie stöpselt den Anzug von der Luftversorgung ab und trägt die Proben in das winzige Labor. Sie klettert aus dem Anzug und setzt sich an ihr Laptop, um alle Ergebnisse zu erfassen.

Als sie den Rechner aufklappt, erscheint als Startbildschirm ein Foto von diesem einen speziellen Lehrer, der gerade irgendwo in Guyana Unterricht gibt.

HW: (Telefon) Wie lange bist Du noch auf diesem Planeten?

FA: Sechs Tage und drei Stunden.

HW: Ich habe mir das alles noch einmal überlegt …

FA: Was alles?

HW: Das mit Dir und mir. Es tut mir leid, was ich gestern gesagt habe.

FA: Du meinst, es war gelogen, dass Du Mountain Goats magst?

HW: Quatsch! Das mit der Vernunft und dem Schmerz, meine ich.

FA: Aha. Du sprichst in Rätseln.

HW: Natürlich warte ich auf Dich! Natürlich! Wenn ich die Wahl habe zwischen Schmerzen, weil ich nicht vernünftig bin oder aber lieber gar keinen Gefühlen, so wie bisher, dann nehme ich die Schmerzen! Ich warte auf Dich! Und wir werden jede freie Minute, die Du noch auf dieser kleinen blauen Kugel hast nutzen, um Dir Erinnerungen mitzugeben! Ich möchte immer mit Dir zusammenbleiben! Im Vergleich zu „Immer“ sind sieben Jahre eine Kleinigkeit, oder?

Am nächsten Tag, als sie ihren Bunker verlässt, blickt sie in den Himmel über Titan. Wegen der dichten Atmosphäre sieht sie nur wenige Sterne. Aber sie hatte ja viel Zeit und kann anhand der Position von Saturn und der anderen elf großen Monde, der Neigung des Gürtels und der angenommenen Position der Sonne den ungefähren Standort der Erde schätzen.

Wie jeden Tag zur fest ausgemachten Uhrzeit winkt sie der Erde zu. Sie winkt Richtung Südamerika. Richtung Guyana. Sie winkt dem Mann ihres Lebens durch fast unser ganzes Sonnensystem hin zu.

Und, ganz exakt in dieser Sekunde, 1,4 Milliarden Kilometer entfernt, winkt er zurück.

Doch! Es gibt solche Zufälle!

Wenn der Weltraum beinahe unendlich ist, dann ist auch beinahe alles möglich.


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