Zehn Minuten Freiheit

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Autofahren hat viel mit Emotionen zu tun, aber Motorradfahren umso mehr. Motorräder stehen für eine ganz andere Art von Freiheit, findet auch unser Erzähler, der schon seit Kindheitstagen von einer Harley Davidson träumt.

Aber ihr wisst ja, wie das ist mit den Träumen: Zu oft gerät einem dabei – im Positiven wie im Negativen – das Leben in die Quere, oder?


Download der Sendung hier.

Inspiriert durch das Leben von Mike Destefano: Drugs, Disease, Death

Hintergrund: „Finishing the Race“ von Clocks & Clouds

Abbinder: “Clowns und Motorräder” von Valentina Vale

Musiktitel: „Requiem For A Dream“ von Clocks & Clouds

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Ich glaube, ich war noch nicht einmal sieben Jahre alt. Wir sind irgendwo hingefahren, wie alle anderen und standen im Stau wie alle anderen. Damals waren wir Kinder noch nicht auf der Rückbank gefesselt und ich habe hinten rausgekuckt.

Und da kam eine Motorradgang an uns vorbei auf ihren Harleys. Die hatten lange Haare und keine Helme und Jeansjacken mit Nieten. Und die Autos haben eine Gasse gebildet, um die durchzulassen.

Ich dachte mir: So will ich auch sein! So frei will ich eines Tages sein. Und so cool! Auf so einem Motorrad. Meine Eltern waren total entsetzt. Noch besser: Mein Vater, der Arsch, der hatte richtig Angst vor den Typen auf dem Motorrad!

Doch ich hatte bald ganz andere Sorgen, denn ich wurde heroinabhängig. Wenn man jeden Pfennig für Stoff braucht, dann kommt man nicht auf die Idee, für ein Motorrad zu sparen. Schon Zahnpasta kaufen war für mich eine Herausforderung.

Ich war gerade zwanzig, als meine Mutter mich in der WG besuchte und mich in meinem Bett fand, im Koma. Ich hatte eine Überdosis erwischt.


Also kam ich erst in eine Klinik zur Behandlung meines kaputten Körpers. Da musste ich der Psychologin fünfzehn Mal erklären, dass ich mich nicht umbringen wollte.

Aber sicher war ich mir eigentlich selber nicht. Klar, mit dieser einen Überdosis wollte ich mich nicht wegschießen, aber so alles in allem …

Na ja, es ging dann mit einer Rehabilitation im Lago weiter. Da muss man zuerst einmal clean sein und ein Vorstellungsgespräch führen, aber dann kostet einen das keinen Pfennig, das zahlen die Kassen. Das ist echt gut, das hat mir den Arsch gerettet.

So eine Therapie am Lago dauert ein halbes Jahr, denn es ist kein Kinderspiel, das Leben ohne Betäubung auszuhalten.

Dort habe ich Conny kennengelernt. Die war so alt wie ich und sie sah echt supergut aus. Ich war richtig überrascht, dass man als Junkie so gut aussehen kann. Ich hatte mich schon mit der Idee angefreundet, mein Leben im Zombielook zu verbringen.

Wir hingen also immer gemeinsam rum und wir verstanden uns echt gut. Wir waren uns gegenseitig Stütze und Ansporn. Und machten echt viel Scheiß miteinander, wir hatten denselben Humor und denselben Traum: Einmal im Leben auf dem Motorrad um die Welt!

Wenn es jemanden gibt, für den es sich lohnt, wieder normal zu werden, dann ist es viel leichter. Glaube ich. Für Conny auf jeden Fall wollte ich so fucking normal werden, dass es wehtat. So mit Hochzeit in weiß und dem ganzen Scheiß!

Sie kam zuerst raus, aber sie besuchte mich dann jede Woche, während sie eine Wohnung suchte und einen Job und so.

Als ich dann rauskam, machte ich erst einmal mein Abitur fertig und wollte anfangen zu studieren. Ich wollte Sozialarbeiter werden, um Jugendlichen zu helfen, nicht komplett abzurutschen. Ich dachte, das könnte ich vielleicht ganz glaubwürdig hinkriegen.

Auf jeden Fall wurden Conny und ich außerhalb des Lago auch ein Paar. Das ist nicht selbstverständlich: Viele Krankenhausbeziehungen packen es im echten Leben dann nicht.

Aber in unserem Fall war das anders. Wir waren ein Herz und eine Seele und verbrachten so viel Zeit wie nur möglich miteinander. Gott sei Dank. Wir mochten auch ungefähr die gleichen Filme und ähnliche Musik und wir rauchten die gleiche Marke Zigaretten.

Oft stellten wir uns vor, wie wir als Neunzigjährige auf der Bank saßen und über die jungen Leute den Kopf schüttelten. Aber eigentlich war es uns als Oma und Opa auch wurst, weil wir schon so viel miteinander erlebt hatten. Das machte das Spiel so schön.

Bis Conny nicht mehr rauchen konnte, weil sie soviel am Husten war. Als sie kaum Luft bekam, sind wir zum Arzt und der hat sie untersucht und eine Pneumonie durch Pneumocystis diagnostiziert.

Das heißt, eine Lungenentzündung durch Bakterienbefall. Diese Lungenentzündung kriegen praktisch nur Menschen mit AIDS. So wie Conny eben.


Tja, als ich das hörte, da wusste ich auch nicht … Was kann man da machen? In den Neunzigern war AIDS noch nicht so gut behandelbar wie heute. Es war glasklar, dass wir nicht miteinander neunzig werden würden.

Conny war sehr kurzatmig und hatte ständig Bronchitis. Wir brauchten Reizklima und zogen kurzerhand an die Nordsee. In einen Ort namens Elpersbüttel, hundert Meter zum Deich und dann den Mückenweg lang, auf eine Landzunge fast in die Nordsee selber.

Tatsächlich fiel ihr das Atmen da leichter. Ich bekam einen Job in Friedrichstadt in einem Hotel, das war ungefähr 45 Kilometer von Tür zu Tür. Das Studium gab ich auf.


Dort, an der Nordsee haben wir geheiratet. Ganz heimlich, nur meine Mutter und ihre Mutter waren da. Superkleine Hochzeit.

In der Lago hatten wir immer von einem Riesenfest geträumt zu unserer Hochzeit. Wir wollten alle, alle Menschen einladen, die wir in unserem Leben jemals kennengelernt haben. Wir verbrachten Tage damit, lange Listen zu schreiben und uns gegenseitig davon zu erzählen, wer jetzt der Fips war und warum die Caro so arrogant ist.

Aber zu unserer Hochzeit wären alle gekommen. Denn wir hätten das Leben selber gefeiert! Wir hätten gefeiert, dass wir dem Heroin entkommen sind und dem sicheren Tod. So war der Plan. Noch ein Jahr vor unserer echten Hochzeit in Itzehoe.

Nachdem es besser wurde, wurde es wieder schlechter. In Itzehoe gab es nicht nur unser Standesamt, sondern eines der größten Krankenhäuser in Schleswig-Holstein.

Die Pneumonie war wieder zurück und die junge Assistenzärztin war sehr ehrlich. Sie meinte, wir sollten uns darauf einstellen, dass Conny noch zwei Wochen zu leben hatte.

Also ging es vom Krankenhaus gleich in die Johannis-Hospiz nach Elmshorn. 80 Kilometer von unserer Wohnung und 130 von dem Hotel, in dem ich arbeitete.

Vier Wochen verbrachte sie da, bevor sie rausgeworfen wurde. Weil sie noch nicht sterben wollte. Klar, keiner hat so richtig Bock auf Leiden und Sterben, aber Conny wollte besonders intensiv nichts davon hören und hatte bald alle Mitarbeiter im Hospiz gegen sich aufgebracht.

Also kam sie nach Hause. Unsere Mütter wurden gleich sehr optimistisch und erträumten sich eine Spontanheilung, aber wir wussten natürlich, wie diese Geschichte enden würde. Wir machten uns nicht wirklich Hoffnungen, dass ein Wunder geschehen würde.

Bisher gab es in unserem Leben nur das Wunder, das wir uns gefunden hatten. Das war keine Kleinigkeit, aber ein Wunder macht halt noch keine glaubwürdige Statistik.

Eines Tages wurde ihre Atemnot so groß, dass ich sie wieder nach Itzehoe in die Klinik fahren musste.

Unser Auto gab bald den Geist auf und so plante ich eine Überraschung für Conny und kaufte uns ein Motorrad. Keine Harley, das ist mit dem Gehalt eines männlichen Zimmermädchens nicht drinnen.

Eine Suzuki GS1000S, Jahrgang 79. Auch ein Wahnsinnsbike, keine 3 Sekunden auf 100 km/h. Bisschen alt und kaputt, aber trotzdem war ich stolz wie Oskar, als ich im Krankenhaus vorfuhr. Ich parkte das Motorrad stolz im Hof und band eine Schleife darum, die ich aus einem alten Bettlaken gebastelt hatte.

Dann ging ich in ihr Zimmer und ließ sie die Augen schließen, führte sie zum Fenster und präsentierte stolz unser neues Fahrzeug. Ich dachte, das würde sie glücklich machen, aber … Sie war sehr wütend.

Sie machte flippte völlig aus! Da stand sie, in einem Morgenmantel mit einem Ständer für ihre Infusion und einer Sauerstoffmaske und haute mich mit der anderen Hand wie ein Profiboxer mitten ins Gesicht und schrie mich an, was mir den einfällt!


Ich konnte bald nicht mehr und ergriff die Flucht. Ich wollte ihr doch nur eine Freude machen! Weil das doch unser Scheiß-Traum war mit dem Scheiß-Motorrad!

Und jetzt das!

Als ich wieder zuhause war, klingelte das Telefon. Es war Conny und es tat ihr so leid.

Sie hatte das Motorrad gesehen und dachte, ich würde schon anfangen, mein Leben ohne sie zu planen. Mich darauf vorbereiten, wieder Spaß zu haben, wenn sie endlich tot war. Und ich sollte sie unbedingt am nächsten Tag besuchen, damit wir uns wieder versöhnen konnten.

Ich versuchte am nächsten Morgen, meinen Chef davon zu überzeugen, dass es dieses Mal wirklich superwichtig war, dass ich mir freinahm, aber das hatte ich wohl schon zu oft gesagt. Trotzdem fuhr ich los.


Als ich im Krankenhaus ankam, ging es Conny richtig gut. Sie lief im Zimmer rum und räumte auf. Als ich zur Tür reinkam, fragte sie: „Hast Du unser Bike dabei?“

Sie war so voller Enthusiasmus, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. Mann, so ein bisschen Morphium kann einen Riesenunterschied machen, das kann ich euch sagen!

So gehen wir also auf den Parkplatz, sie mit Morgenmantel und Infusion und wir stehen bei leichtem Niesel vor dem Bike. Und sie lächelt mich an und fragt: „Meinst Du, ich kann mich draufsetzen?“

Und so setzt sie sich auf unser Motorrad. Und sagt: „Kannst Du den Motor anmachen?“ Und ich mache den Motor an. Und er rumpelt vor sich hin. Nicht so wie eine Harley, klar, aber wenn man ein bisschen Gas gibt, ist auch unser Bike laut, irgendwas am Auspuff ist im Arsch.

„Meinst Du, wir können eine kleine Runde auf dem Parkplatz drehen?“, fragt sie. Und ich weiß nicht, ob das in Ordnung ist, aber ich möchte ihr einfach jeden Wunsch erfüllen. Also steige ich auf und wir fahren Minikreise auf dem Parkplatz, so langsam es nur geht, denn sie hält ja immer noch mit der einen Hand den Infusionsständer fest.

Und ich will echt nicht, dass das, was von meiner Conny noch übrig ist, hier auf dem Parkplatz stirbt. Dann müsste ich ihrer Mutter erklären: „Ja, beinahe wäre sie an AIDS gestorben, aber dann kam ich …“

Da sind wir, zwei Ex-Junkies mit einer Scheiß-Vergangenheit, einer mittelmäßigen Gegenwart und einer noch beschisseneren Zukunft und aus den Fenstern des Krankenhauses feuern uns die anderen Patienten an.

Es klappert auf einmal laut und ich habe schon Angst, Conny wäre vom Motorrad gefallen, aber sie hat sich den Butterfly gezogen und den Ständer losgelassen, der daraufhin umgefallen ist.

Und sie sagt zu mir: „Lass uns kurz hier rausfahren!“. Während also die Schwestern, Pfleger und die anderen Patienten uns nachjohlen, fahre ich mit ihr raus aus dem Krankenhaus, raus aus dem Ort.

Sie beugt sich vor und fasst mir mit beiden Armen um die Brust und lacht und ruft mir zu: „Und jetzt zeig‘ mir mal, wie schnell unser Motorrad ist!“

Und ich fahre auf die A23 und ich gebe voll Gas. 250 km/h kann unser Motorrad! Conny jauchzt vor Begeisterung!


Keine zehn Minuten waren wir weg, keine zehn Minuten dauert unser Ausbruchsversuch, aber in diesen zehn Minuten hat der Fahrtwind alles weggeblasen, was traurig und schwer war.

Die ganze Krankheit und den Scheiß-Tod.

In diesen paar Minuten waren wir wirklich, wirklich cool.

Und wir waren frei! So frei, wie man nur auf einem Motorrad sein kann.

Zwei Wochen später war Conny tot und ich alleine. Das ist jetzt alles mehr als zwanzig Jahre her. Mittlerweile habe ich mit meinen Büchern Erfolg. Zu Hause steht in der Garage eine Harley Davidson.

Aber niemals in meinem Leben werde ich wieder so glücklich sein wie bei unserem geglückten Fluchtversuch. Mit meiner Conny auf dem Motorrad.

Wie in diesen zehn Minuten Freiheit.


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