Die lange Reise

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Rund um die Ferienzeit taucht immer wieder die Frage auf: Wohin fahrt ihr denn? Dabei war es noch für die Generation vor uns in keiner Weise selbstverständlich, jedes Jahr an einen anderen Ort der Welt zu verreisen.
Das berichtet uns auch die heutige Erzählerin, die mit ihrem Partner ein Leben lang von Reisen nach Spanien, Frankreich und London geträumt hat. Es kam dann anders. Und wunderlich. Wie immer bei uns.


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „The Rain in Spain“ von My Fair Lady (Lincoln Theatre)

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Die Geschichte zum Lesen

Heute wird sicher wieder einer der schlechten Tage. Wenigstens schläft er jetzt noch, da kann er mich noch nicht rumkommandieren.

Gestern war ein richtig guter Tag. Ich würde wirklich viel geben, wenn ich wissen könnte, woran das nur liegt. Das muss doch Gründe haben, oder?

Gestern war alles wie immer. Die altbewährte Routine. Ich stehe als Erste auf und mache mir erst einmal in Ruhe einen Kaffee in der Küche. Esse in Ruhe eine Scheibe Brot. Manchmal mache ich mir auch ein Müsli. Katharina sagt, das wäre gesund.

Diese zehn Minuten oder zwanzig Minuten oder dreißig Minuten, die sind mir heilig am Morgen. Ganz leise bin ich in der Küche, um ihn nicht zu wecken. Er macht immer so spät das Licht aus; er schläft nachts sehr schlecht.

Ich gebe es ja ungern zu, aber in dieser geheimen Zeit in der Küche, da stehe ich gerne am Fenster und denke an vergessene Zeiten zurück. Wie ihr Kinder noch bei uns gelebt habt und durch das Wohnzimmer gerast seid. Oder wie Bob noch lebte, unser Pudel.

Heute hätte ich gar nicht mehr die Kraft und die Nerven für Kinder oder Haustiere. Gassi gehen, das würde mir gerade noch fehlen! So funktioniert das Leben nicht. Aber ich gebe zu, ich denke gerne darüber nach, wie es wäre, wieder ein Haustier zu haben. Einen Kanarienvogel vielleicht?

Neulich habe ich mich in der geheimen Zeit wieder an diesen einen Freitag erinnert, als Michael mit einer Überraschung nach Hause kam. Er sagte: „Zieh‘ Dir was Hübsches an. Heute führe ich Dich aus, weil ich eine Überraschung habe!“

Und ich lächelte nur und sagte: „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Du mich noch überraschen kannst!“ Aber das war falsch, denn eigentlich war das mit dem Ausführen schon eine Überraschung, um ehrlich zu sein.

In der Wirtschaft kam er heraus mit der Überraschung. Er hatte sich für die Frührente beworben bei seiner Firma. Das war damals noch etwas richtig Neues. Wenige machten das, die meisten hatten Angst, als faul zu gelten.

Die Wahl war tatsächlich auf ihn gefallen. Er bekam noch einmal 15.000 Mark Ablösung und durfte dann in Rente gehen, obwohl er erst 62 Jahre alt war! Das war eine tolle Nachricht, denn wir mochten beide unsere Arbeiten nicht.

Es war, als würde uns Lebenszeit geschenkt. Wir waren doch noch so jung! Ich war damals noch nicht einmal sechzig! Wir tranken die Flasche Wein zu Ende, bevor wir nach Hause gingen, obwohl Michael immer Kopfschmerzen bekam.

Wir würden um die Welt reisen, so wie wir uns das erträumten, bevor die Kinder kamen! Ich flüsterte ihm zu, ich würde so gerne einmal nach Spanien, wo es immer warm ist. Und dort auf einer Terrasse sitzen und Wein trinken und warten, bis die Nacht abkühlt. Im Dunkeln, beim Schein einer Kerze und während die Zikaden singen.

Und er wollte unbedingt nach Frankreich, nach Paris. Und London stand auch auf unserem Reiseplan. Wir wollten uns schon einmal erkundigen, wie man das macht, dass man die Queen sehen kann!

In dieser Nacht machten wir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder leidenschaftlich Liebe.

Pläne macht man, aber es kommt immer anders, als man plant. Das ist leider auch so eine Altersweisheit. Aber nach Spanien sind wir immerhin gekommen.

Aber nicht gleich. Mit der Ablöse bedienten wir noch die Hypothek auf unser Häuschen und mit der Rente hatten wir ja nun eher weniger zum täglichen Leben. Also arbeitete ich noch zwei Jahre Vollzeit und wir legten Geld beiseite, um uns Spanien leisten zu können.

Wir lebten sehr bescheiden und sparten an allem, sogar an Heizung oder Wasser. Aber wenn die Kinder zu Besuch kamen, dann stellten wir etwas Ordentliches auf den Tisch, damit die sich keine Sorgen machten. Aber das kam ja eh nicht oft vor.

Spanien war zu heiß. Muss ich wirklich zugeben. Das war eine Enttäuschung. Es ist das Eine, hier im Mistwetter von 40 Grad zu träumen und das Andere mit Sechzig eine Woche bei 40 Grad zu leben.

Aber wir hatten es geschafft! Wir hatten die Arbeit überlebt und hatten die Rente vor uns! Wir saßen in Spanien auf einer Terrasse und tranken Wein! Die Zikaden sangen auch wirklich. Und Michael tat so, als würde er vom Rotwein keine Kopfschmerzen bekommen.

Wir hatten jeder fast vierzig Jahre lang gearbeitet und hatten uns unsere Rente verdient. Vierzig Jahre lang nebeneinander gekämpft und nicht einmal ans Aufgeben gedacht. Also damals noch nicht, meine ich.

Heute ist es schwieriger, nicht ans Aufgeben zu denken. Irgendwann am Morgen höre ich Michael husten und dann kann man einen Countdown runterzählen. Nach zehn Sekunden ruft er mich, weil er Hilfe braucht!

Braucht irgendetwas. Muss irgendwohin. Braucht Hilfe und das sofort, sonst ist er den ganzen Tag mies drauf!

Also schütte ich den Kaffee in mich hinein, um ihn nicht zu verschwenden. Denn kalten Kaffee trinke ich nicht und ich weiß, er würde kalt werden, bis ich wieder in die Küche komme.

Ich tauche also im Schlafzimmer auf. Ich ziehe die Rollladen hoch und lüfte erst einmal. Er erteilt Kommandos, wenn er fit ist. Manchmal ist er aber auch einfach nur am Schimpfen. Dann beruhige ich ihn und nach einiger Zeit ist dann auch gut.

Heute aber ist es anders. Ich habe Husten gehört, aber er hat nicht meinen Namen gerufen. Er ist selber auf das Klo gegangen und ohne Hilfe wieder ins Bett ist. Ich will ihn lieber nicht stören.

Nach Spanien haben wir wieder das Sparen angefangen. Aber das war jetzt einfacher, denn die Zahlungen für das Haus fielen weg.

Und dann hat hier ja auch der große Aldi aufgemacht, das sind wir dann zu zweit einmal die Woche zum Einkaufen hin, das hat auch Geld gespart. Obwohl ich schon immer sehr gerne zum Bäcker und zum Metzger gegangen bin, muss ich sagen.

Wir sind niemals nach Frankreich gefahren und natürlich auch nicht nach London. Und die Queen haben wir auch nicht gesehen. Und das Weintrinken haben wir auch aufgegeben, das verträgt sich nicht mit Michaels Tabletten.

Er war ja schon lange vergesslich geworden. Die Vorbereitung für den Spanienurlaub machte ich fast alleine.

Nachdem wir zurückgekommen waren, im Frühling, fragte er mich, ob ich schon nervös sei wegen unserer Reise.

Und ich sagte, ja, das wäre ich. Aber es würde wohl noch vier Jahre Sparen bedeuten, bevor wir nach Frankreich kommen.

Er wurde richtig böse und schrie rum: „Frankreich, wer redet von Frankreich? Willst Du mich für dumm verkaufen? Ich rede von Spanien!“

Ich bat unseren Hausarzt, ihn kopfmäßig zu untersuchen, aber ich wusste das Ergebnis schon vorher.

Er hat uns Tabletten gegeben, die das Ganze verlangsamen. Aber wer weiß schon, ob das gut ist, oder? Vielleicht sollte man dem auch einfach seinen Lauf lassen.

Es ist manchmal sehr anstrengend. Michael ist oft so wütend. Ich muss immer alles, was er will, sofort erledigen. Weil er sonst vergisst, was er wollte und das macht ihn unglücklich.

Nachts kann er nicht mehr durchschlafen, also liest er die Zeitung. Aber wenn er eine Seite gelesen hat und umblättert, dann kann er sich schon an den Anfang des Artikels nicht mehr erinnern. Dann fängt er von vorne an, merkt das irgendwann und wird erst richtig sauer auf sein Gehirn.

Wenn ich ihn morgens wecken muss, wegen der Tabletten, dann ist er auch immer böse. Denn, wenn man ihn weckt, dann weiß er immer gar nicht, wo er ist und wer er ist. Das kann man schon auch verstehen, oder?

Ich schaue also schließlich doch hoch, obwohl er nicht gerufen hat. Aber er ist ja schon neun Uhr und er mag es nicht, den ganzen Tag zu verschlafen. Schon im Flur höre ich, dass er weint.

Es würde also so ein Tag werden. Schlagartig möchte ich dann auch weinen. Irgendwann hören die Antidepressiva immer auf zu wirken. Ich reiße mich zusammen und weine nicht und gehe ins Schlafzimmer.

Er hat sich eingekugelt wie ein Baby, aber er dreht sich um zu mir, als ich ins Zimmer komme. Seine Augen sind ganz rot und er hat die Bettwäsche ganz nass geheult.

Ich schaue ihn an und dann muss ich doch weinen. Er hat hier mindestens eine Stunde geheult. Ich hätte schon vor einer Stunde hier sein können, aber mir war meine geheime Zeit in der Küche wichtiger.

Es tut mir leid, sagt er. Es tut mir so leid, sagt er immer wieder. Und er vergräbt sein Gesicht in meinen Schoß, als ich mich ans Bett setze.

Was tut Dir leid, frage ich ihn. Tut es ihm leid, dass ich mich um ihn kümmern muss? Tut es ihm leid, dass ich ihn immer noch liebe?

Michael beichtet mir, dass er mich betrogen hat. Nach all den Ehejahren hat er mich betrogen. Er hatte eine andere Frau, eine junge, kräftige Frau mit blonden Haaren. Er hat alles Geld von der Ablöse genommen und ist mit der jungen, blonden Frau nach Spanien gefahren.

Er hat mit ihr die lange Reise gemacht, die wir immer machen wollten. Und er hat ihr zugesehen, wie sie Wein getrunken hat auf einer Terrasse. Und er hat ihr nicht gesagt, dass er immer Kopfschmerzen bekommt. Und er hat es genossen, sie zu beobachten, weil sie so hübsch war und so jung und so glücklich.

Ein kleines Lächeln in den Tränen.

Ich streichele ihm über den Kopf und sage ihm, er braucht sich keine Sorgen zu machen. Ich sage ihm, dass ich die blonde junge Frau war. Ich sage ihm, dass er mit mir in den Urlaub gefahren ist.

Er ist verwirrt, aber er vertraut mir immer noch. Und er glaubt mir. Und das beruhigt ihn. Er versteht es nicht wirklich, aber er hört mir zu. Ob es wirklich ich gewesen bin, will er wissen.

Und ich streiche die dünnen, grauen Haare von der nassen Stirne des Mannes, mit dem ich mein Leben verbracht habe. Damals waren sie noch schwarz. Und ich sehe die Falten um seine Augen. Lachfalten nennt man die. Die waren schon damals da, in Spanien. Fein, aber doch deutlich zu sehen. Jetzt sind es kleine Schluchten.

Und ich flüstere ihm zu:

Wir waren das, Michael. Du und ich.

Du und ich haben diese lange Reise miteinander gemacht!


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