Zu viel Zeit, zu viel Geld

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Es gab einmal eine Zeit, da dachten alle, Ulli und Lena wären das perfekte Paar! Meint zumindest Ulli. Am Ende aber entscheidet dann aber die Kohle! Mein zumindest Lena. Ein Doppelgespräch.


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Musiktitel: „Money Money“ von JOVI EL NEYCOM / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

HW: Wenn man das Ganze einmal realistisch betrachtet, dann dreht sich im Leben alles um die Zeit. Man muss im richtigen Zeitpunkt das Richtige machen. Wenn man nur eine Sekunde zu spät dran ist, ist es zu spät. Wie bei mir und Lena!

FA: Wenn man das Leben nüchtern analysiert, dann muss man einfach zugeben: In Wirklichkeit geht alles nur um die Kohle! Und wer das nicht glaubt, der hat einfach nie keine Kohle gehabt! Das ist genau wie bei mir und Ulli!

Intro

HW: Sie war die erste Frau in meinem Leben. Das erste weibliche Wesen außer meiner Mutter, dass mir überhaupt Aufmerksamkeit gewidmet hat. Ich habe Lena kennengelernt, da waren wir noch in der zehnten Klasse.

FA: Kennengelernt habe ich Ulli, als wir in der neunten Klasse waren. Wir mussten damals von Berlin weg, weil meine Mutter ihren Job verloren hat und beim Wunderlich-Verlag als Lektorin einen Job bekommen hat. Der war schon von Tübingen nach Hamburg umgezogen damals.

HW: Sie ist mitten im Schuljahr aus Berlin gekommen und war natürlich eine Zeit lang die Attraktion Nummer eins in der Klasse. Darum war es umso aufregender, dass sie sich nicht mit den coolen Typen wie Harry oder Pit abgab, sondern mit so einem Nerd wie mir!

FA: Die Jungs in Hamburg waren für eine Berliner Göre wie mich alle mundfaul und unterkühlt. Ulli hat auch nicht gerade viel geredet, aber, wenn er einen angeschaut hat, dann hat er so lieb gelächelt, dass man ihn liebhaben musste!

HW: Eigentlich hatte sie schon vor mir beschlossen, dass wir ein Paar sein sollten. Hat sie mir erzählt. Ich persönlich habe das erst gemerkt, als wir auf dem Handtuch lagen, bei dem Baggersee und ein Eis gegessen haben und danach hat sie mich geküsst. Da wurde mir erst alles klar.

FA: Wir waren schon in das zweite Jahr gemeinsam in der Tanzschule und natürlich haben wir immer, wenn es ging, miteinander getanzt. Und es war, glaube ich, bei einem Rumba, da hat er mich gefragt. Da hat er gestottert: „Willst Du mit mir gehen?“

HW: Ab diesem Zeitpunkt waren wir unzertrennlich. Nach dem Abi haben wir gemeinsam eine Wohnung gesucht und auch gefunden. Beide sind wir weg von Mami und Papi und haben unsere eigene kleine Familie gegründet!

FA: Dann waren wir unzertrennlich. Wir haben sogar, nach dem Abi, gemeinsam eine Wohnung gesucht. Aber die einzige, die ich mir leisten konnte, war wirklich sehr, sehr winzig. Und ziemlich kaputt.

HW: Die Wohnung war klein, die Heizung ging nur, wenn Lena ihre magischen Rituale durchgeführt hat! Zum Beispiel das Thermostat drei Mal ganz rauf und runterdrehen und dann mit dem Hammer leicht auf den Heizkörper klopfen. So war das. Eine normale Studentenbude halt!

FA: Zum Beispiel die Heizung: Die ging nur, wenn ich sie mit einem Hammer prügelte! Ich hab‘ Ulli hundert Mal gebeten, er soll sich darum kümmern, die muss man nur entlüften – aber er hat nichts gemacht. Ich hatte selber einfach keine Zeit. Ich hab‘ gejobbt, sonst hätte ich mir die Bude nie leisten können.

HW: Schon während des Studiums hat keiner mehr unsere Beziehung in Frage gestellt. Keiner hat gesagt: Mönsch, Lena und Ulli – die passen ja überhaupt nicht zusammen! Allen war klar, dass wir ein ganzes Leben miteinander verbringen würden. Und dass wir früher oder später heiraten. Das war allen klar. Mir auch.

FA: Dieser Klassenunterschied war kaum zu überbrücken. Ulli ist aus einer reichen Unternehmerfamilie und meine Mutter ist alleinerziehend und konnte mich auch nicht unterstützen. Ich schuftete jeden Tag und er hing mit seinen Kumpels ab.

HW: Aber stattdessen haben andere Freunde zuerst geheiratet. Es kommt im Leben eine Phase, da ist man jedes Jahr auf irgendwelchen Hochzeiten. Zum Beispiel bei Conny und Peter! Deren Hochzeit war wirklich einmal lustig und nicht so ein steifer Kram wie die anderen.

FA: Darum hatte ich eigentlich selber keinen nennenswerten Freundeskreis. Ich telefonierte öfter mit Anne, das war meine beste Freundin von früher, aber die war meistens damit beschäftigt, ihre blöde Hochzeit vorzubereiten. Ein Wahnsinn, wir kompliziert das ist! Ich werde niemals heiraten, das habe ich mir damals geschworen!

HW: Wir alberten alle in dem Park rum, der zu dem Burgturm gehörte, wo die Hochzeit stattfand. Ich glaube, es war Anne, die Fotos machte. Und sie wollte, dass wir uns alle zusammenstellen. Und da standen wir und feixten und ich sag: „Komm, mach schon das Foto!“ Und Anne fragte: „Warte, soll Lena nicht mit auf das Bild?“

FA: Bei der Hochzeit von Conny alberten Ulli und seine Kumpels und deren Freundinnen herum, sie spielten irgendein blödes Spiel, ich habe nur zugekuckt, wie sich die reichen Kinder amüsierten. Da gehörte ich einfach nicht dazu. Das war nicht meine Welt! Da habe ich zum ersten Mal innerlich Schluss gemacht.

HW: Da war sie! Die Sekunde! Diese eine Frage änderte mein Leben komplett. Vom Kopf auf die Füße. Denn ich zögerte kurz. Eine Sekunde. Höchstens! So wie in „Äh… Ja, doch!“ Das war alles. Diese eine Sekunde Zögern war alles!

FA: Bei dieser ganzen, steifen, blöden Feier wurde mir klar: Hier gehöre ich nicht hin! Die leben ein ganz anderes Leben. Ohne Verantwortung, ohne Anstrengung. Die würden alle noch Jahre brauchen, bis sie erwachsen werden.

HW: Mann, was habe ich mir auf der Fahrt nach Hause alles anhören müssen! Lena war richtig aufgelöst. Und es war ein blöder Zufall, dass am nächsten Tag unser Urlaub anfing. Vielleicht war auch das der Fehler in der Planung.

FA: Ich habe wirklich versucht, Ulli das schonend nahe zu bringen. Es war einfach an der Zeit, dass wir unseren eigenen Weg einschlagen mussten. Ohne immer Mama und Papa im Hintergrund zu haben, die uns immer großzügig Geld gaben, wenn wir es brauchten. So wird man halt nie selbstständig! Ich konnte das nicht aushalten!

HW: Wir waren ins Ferienhäuschen meiner Eltern eingeladen. An der Cote d’Azur. Mit eigenem Zugang zum Mittelmeer. Nun muss man wissen, dass Lena sowohl das Fliegen hasst als auch Wasser. Außer in einem Schwimmbecken. Aber, wenn Tiere unter ihr sein könnten, geht sie nicht ins Wasser.

FA: Doch Ulli hat alles vor sich hergeschoben! Alles war nicht so dringend, alles nicht so wichtig. Sein Vorschlag war: Wir würden erst einmal in die Villa seiner Eltern fahren und im Urlaub an der Cote d’Azur alles in Ruhe besprechen! Immer die gleiche Hinhalte-Taktik!

HW: Ich bin also geflogen, sie ist 20 Stunden mit dem Zug gefahren. Ich habe sie mit dem Jeep von meinem Dad abgeholt und bei dieser ruckeligen Autofahrt flogen die Fetzen. Wir haben uns richtig gegenseitig fertig gemacht!

FA: Ich konnte das einfach nicht mehr! Als er mich mit dem Auto am Bahnhof abholte, habe ich versucht, ihm alles zu erklären. Ich habe Rotz und Wasser geheult, aber er hat nur rumgebrüllt. Das ist so seine Taktik: Wenn Ulli unrecht hat, wird er einfach laut!

HW: Wenn ein Satz anfängt mit: „Und was ich Dir schon lange sagen wollte …“, dann endet er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mit: „Ich liebe Dich mehr als am ersten Tag!“. Wir hatten beide einen Katalog an Vorwürfen, die wir abarbeiteten. Es war ein Gemetzel!

FA: Die Distanz zwischen uns war von Monat zu Monat gewachsen. Wir konnten einfach nicht mehr normal miteinander reden. Jeder Satz war überlagert von dem Gefühl, dass man jede Silbe abwägen muss, um ja nicht einen Vorwurf zu äußern! Voll die Paranoia!

HW: Man kann sich vorstellen, dass die Stimmung in diesem Urlaub erst einmal im Arsch war. Als Lena in unser Zimmer kam, begann sie erst einmal ihren Koffer auszupacken. Ich sagte etwas wie „Du, es tut mir leid!“ und sie sagte etwas wie: „Ich glaube, wir sollten Schluss machen!“

FA: In der ganzen Villa gab es dann kein Zimmer, in das ich hätte alleine ziehen können. Wir wären gezwungen gewesen, die ganzen zehn Tage in einem Raum zu verbringen. Obwohl wir uns gerade getrennt hatten! Die reine Hölle!

HW: Mit diesem Satz war Lena auf einmal eine ganz Andere. Ich erkannte das Mädchen nicht wieder, dass mir meinen ersten Kuss gegeben hat. Der nach Calippo geschmeckt hat. Wie das Eis, dass sie gegessen hatte.

FA: Ich musste raus! Ich bin heulend aus dem Zimmer gerannt und bin mit dem blöden Jeep nach Cassis gerast. Da habe ich mir ein paar Campari gegönnt und habe im Suff bei einer Tauchschule unterschrieben.

HW: Zum Beispiel ging sie am nächsten Tag stumm fort, stieg in den Jeep und machte in Cassis einen Tauchkurs. Einen Tauchkurs! Das ist nicht nur Schwimmen im Meer, das ist wie Fliegen im Meer! Lena! Einen Tauchkurs!

FA: Tauchen, müsst ihr wissen, das ist eine Angstvorstellung von mir gewesen. Das ist wie Fliegen im Wasser! Und ich hasse Fliegen, aber den Ozean hasse ich noch mehr. Aber selbst Tauchen ist immer noch besser als Ulli!

HW: Drei Tage ging das Schweigen zwischen uns. Am dritten Tag war, wie immer, herrliches Wetter und wir spielten mit dem Hund, der hieß Vanille, im Meer. Es war irgendwie eine Befreiung, wir konnten zum ersten Mal seit der Scheiß-Hochzeit wieder lachen.

FA: Es hat damals, vor dem Internet, drei Tage gebraucht, bis ich die Zugverbindung zurück nach Hause zusammen hatte. Drei Tage! Die Fahrt dauerte, vor ICE und TGV glatte 20 Stunden! Drei Tage und 20 Stunden, bis ich dem Horror entkommen konnte!

HW: Als sie so im Wasser neben mir stand und den Stock zum hundertsten Mal für Vanillé ins Wasser warf, legte ich meinen Arm um sie. Und sie, sie ist richtig erschrocken! Sie hat sich umgedreht, hat mich angeschaut, als wäre ich ein Vergewaltiger und i st ins Haus gerannt.

FA: Und das Beste kam erst dann! Seine Eltern haben mich zur Seite genommen und gesagt: „Lena, Du tust dem Ulli gut! Bitte bleib‘ bei ihm, das würden wir uns wünschen!“ Und im Gegenzug, so haben sie gesagt, würden sie meine Studiumskosten übernehmen!

HW: Am nächsten Tag ist sie nach Hause gefahren. Ich blieb noch den Rest des Urlaubs an der Cote d’Azur. Als ich zurückkam, war unsere Wohnung halb leer. Lena war weg. Es sollte noch Tage dauern, bis ich rausfand, wo sie Unterschlupf gefunden hatte. Aber es war vorbei.

FA: Das war so typisch! Die Reichen denken, sie können mit genug Geld sogar Gefühle kaufen! Ich hab dann den Jeep geklaut und bin zum Bahnhof. Nur nichts wie weg aus dieser kalten, herzlosen Welt!

HW: Wegen einer Sekunde Zögern war alles vorbei! Wir waren füreinander bestimmt! Und ich habe nur eine Sekunde zu viel gebraucht! Ein kleines „Äh“! Kann man sich das ausmalen? Verrückt, oder?

FA: Meine Mutter hatte kein Problem, mich wieder aufzunehmen, als ich ausgezogen bin. Es ist traurig, aber einfach wahr. Selbst heute noch lassen sich gewisse Standesunterschiede einfach nicht überbrücken. Ich habe alles versucht. Verrückt, oder?


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