Nemo und der Tod


play_circle_filled
pause_circle_filled
volume_down
volume_up
volume_off

Sensenmann, Knochenmann, Charon, Freund Hein, Gevatter Tod, Schnitter, Todesengel, Thanatos – wir haben viele Namen für die anthropomorphe Figur, die wir am Ende des Lebens erwarten.

Aber hat einer sich einmal überlegt, was für eine Art Arbeit das ist, die da zu tun ist? Niemand! Eben. Darum heißt diese Sendung: Nemo und der Tod!


Download der Sendung hier.
Hintergrundmusik: “Waves Against The Shoreline“ von .god / CC BY-NC-SA 3.0
Musiktitel: „The House of the Rising Sun“ von Moera Errante / CC BY-NC-SA 3.0


Was denkst Du? Deine Meinung über diese Geschichte bei uns im Forum.
(Nur für Unterstützer)


Die Geschichte zum Lesen

FA: „Das ging ja viel schneller mit der Operation, als ich dachte, Herr Doktor. Ich stehe dann einmal auf. Mir tut gar nichts weh. Und ich sehe nicht einmal eine Narbe an mir! Ich dachte, Sie müssen mich richtig von oben nach unten aufschneiden. Wie einen Fisch, den man ausnimmt. Aber ich kann jetzt gar nichts sehen. Also… Das ist ja angenehm! Herr Doktor? Können Sie endlich diese Maschine ausmachen, die da so hässlich piepst? Herr Doktor? Schwester? Hören Sie mich?

HW: Willkommen, Jenny!

FA: Ah! Endlich jemand, der mich versteht. Können Sie die Maschine ausmachen, die da so piepst?

HW: Das ist nicht meine Aufgabe.

FA: Sind sie von der Verwaltung? Schicker Anzug.

HW: Danke. Und ja, das könnte man so sagen.

FA: Müssen Sie nicht steril sein?

HW: Nein, Jenny, jetzt kann nichts mehr passieren. Können wir gehen?

FA: Gehen? Wohin?

HW: Fort von hier. Vertrau‘ mir einfach.

FA: Aber ich kenne sie doch gar nicht! Und, ich habe meine Sachen noch im Krankenzimmer. Ich dachte, ich muss nach der OP erst eine Weile in der Klinik bleiben. Und ich muss noch Pit anrufen, dass alles gut gegangen ist und mein Handy ist in der Aufwachstation!

HW: Das brauchst Du nicht. Dreh‘ Dich um, Jenny. Schau‘ mal, wer da liegt, auf dem OP-Tisch.

FA: Oh. Bin das ich?

HW: Das bist Du.

FA: Was ist passiert?

HW: Überleg‘ mal.

FA: Bin ich tot?

HW: Ja, Jenny, Du bist tot. Die Operation war kein Erfolg. Das passiert.

FA: Oh, Mann! Scheiße! So eine Scheiße! Hey, das will ich nicht!

HW: Das tut mir leid. Können wir jetzt gehen?

FA: Nein! Auf keinen Fall! Vielleicht beleben die mich ja wieder! Schau‘, die machen doch da irgendwas! Vielleicht holen die mich zurück?

HW: Nein, das haben sie schon 30 Minuten lang versucht. Die räumen nur auf, Jenny. Die nähen Dich zu. Glaub‘ mir. Du bist nicht die Erste, der das passiert.

FA: Nein! Ich glaube das nicht! Ich glaube, erst wenn ich mit Dir mitgehe, bin ich tot! Das glaube ich! Das ist nur ein Trick! Du bist eine Projektion meines Unbewussten! Der Wunsch in mir, aufzugeben! Aber mit mir nicht! Ich bin eine Kämpferin!

HW: Ich weiß. Aber Du musst nicht mehr kämpfen. Hab‘ keine Angst, ich schade Dir nicht! Versprochen!

FA: Oh, mein Gott! Das kann nicht wahr sein! Schau‘ mal, wie ich da liege! War ich immer schon so … klein? Ich schau‘ so furchtbar klein aus!

HW: Du warst nie klein, Jenny. Lass‘ uns gehen!

FA: Du bist wirklich der Tod, oder? Darum trägst Du auch dieses Ding rum?

HW: Das ist eine Sense. Aber vielleicht sollte ich mir langsam etwas Anderes überlegen …

FA: Ich kann nicht gehen! Ich habe Kinder! Und einen Mann, der mich liebt! Was werden die sagen? Was werden die fühlen? Ich will nicht, dass sie leiden müssen wegen mir!

HW: Jenny, das ist jetzt nicht mehr Deine Aufgabe. Du darfst aufhören, Dir Sorgen zu machen. Vertraue mir, ich kenne das Leben. Sie ist meine kleine, nervige Schwester. Aber sie richtet das. Das Leben wird das richten!

FA: Na gut. Ich komme mit. Wohin gehen wir?

HW: Wir gehen von hier weg. Wir werden an einen weiten Strand kommen. Die Wellen werden sanft rauschen. Und auf der anderen Seite steht ein großes Tor. Und Du wirst dann einfach durch das Tor gehen. Dahinter ist es warm und hell.

FA: Woher weißt Du das?

HW: Das ist das, was ich sehe und spüre. Ich stand schon Milliarden Mal vor diesem Tor und ich stehe, jetzt, in diesem Moment, hunderte Mal vor diesem Tor.

FA: Gibt es nur dieses Tor oder kann ich auch aus Versehen das falsche Tor aufmachen.

HW: Es gibt nur dieses Tor.

FA: Aber Du warst noch nie dahinter?

HW: Nein. Das ist nicht meine Aufgabe.

FA: Du willst mir einreden, dass alles gut wird. Aber das ist nicht gut! Es ist, verdammt noch einmal, nicht gut!

HW: Doch, Jenny. Alles wird gut werden. Und alles ist gut. Verlass‘ Dich auf mich. Ich will Dir nur Gutes. Es ist Deine Zeit! Du wirst erlöst! Alles ist gut!

FA: Ich will wieder zurück!

HW: Schau‘ erst einmal! Mach Deine Augen auf und Dein Herz! Wir sind an dem Strand angekommen. Willst Du immer noch zurück?

FA: –

HW: Jenny? Willst Du wieder zurück?

FA: Nein. Ich verstehe jetzt. Danke!

HW: Dann gehen wir weiter?

FA: Ja. Lass uns gehen.

Tja. So war das mit Jenny. Und so war das Milliarden Male. Bei allen, bis auf eine. Aber die meisten waren genau wie Jenny. Und das ist mein Job. Ich bin der Tod. Und es ist wirklich sehr ermüdend!

Ich habe mir meine Arbeit nicht ausgesucht. Ich hatte gar keine Wahl, um genau zu sein. Ich BIN meine Arbeit. Das ist einfach so. Das war nicht so, dass es während der Schöpfung da eine Jobbörse gegeben hätte.

Ich und meine kleine Schwester, wir waren einfach plötzlich da. Eines Tages vor vier Millionen Jahren waren wir da. Das Leben – meine nervige kleine Schwester, die kam zuerst – und ich. Der Tod.

Als es noch keine Menschen gab, war das meistens keine besonders ermüdende Aufgabe, denn die meisten Wesen kommen ganz gerne mit, wenn ihre Zeit gekommen ist.

Aber dann kamen die Menschen und es wurde richtig anstrengend. Am Anfang habe ich viele Dinge ausprobiert. Zum Beispiel habe ich eine Zeit lang ein Boot benutzt. Und ich habe Wegzoll kassiert.

Alles, um es den Menschen leichter zu machen. Aber jetzt, mit dem Strand und den Wellen, jetzt funktioniert es eigentlich recht gut. Bis eben auf diese eine.

Ich weiß nicht, wann genau ich sie zum ersten Mal abgeholt habe. Aber schon da war es völlig anders. Sie stand völlig ruhig vor mir, stellte keine Fragen, war nicht aufgeregt und schaute mich nicht voller Angst an. Sondern beinahe zärtlich. Ich war durcheinander. Ich fragte:

HW: „Wer bist Du?“

FA: „Nenn‘ mich Nemo. Willkommen!“

HW: „Moment, das ist mein Wort! Ich sage ‚Willkommen‘!“

FA: „Oh. Tut mir leid! Ich will hier nicht alles durcheinanderbringen!“

HW: „Gut. Können wir dann gehen?“

FA: „Gehen wir!“

Das war unser erster Dialog. Ich glaube, das erste Mal war sogar vor der ganzen Nummer mit dem Boot. Aber ich bin mir nicht ganz sicher …

Beim zweiten Mal war sie ein Mann. Aber ich habe sie sofort wiedererkannt. Das war ganz sicher schon in der Zeit mit dem Kahn. Er war genauso ruhig wie beim ersten Mal und wartete auf mich. Und er stieg in den Kahn und lächelte mich nur an. Und ich legte ab. Nach dem Obolus habe ich gar nicht gefragt.

Beim dritten Mal war Nemo ein junges Mädchen. Sie sah furchtbar aus, anscheinend war sie verbrannt. Aber das eine Auge, das noch da war, war eindeutig das Auge von Nemo. So tief wie das Universum.

Immer wieder kam sie zu mir, immer wieder starb sie.

Ich begann bald, länger mit ihr zu reden und mir von ihren Leben erzählen zu lassen. Ihre Perspektive war um so Vieles gelassener und positiver als das, was mir die Menschen sonst erzählten.

Nemo liebte es, zu leben! Sie genoss die kleinen Dinge, die meine Schwester auch so liebte. Sie war niemals enttäuscht oder wütend oder verzweifelt, wenn sie mich sah.

Nemo war der einzige Mensch, mit dem ich befreundet war. Ich wusste nie, wann sie wieder bei mir ankommen würde, aber ich verließ mich auf sie. Früher oder später würde sie kommen und dann würde ich endlich eine kleine Pause von meiner Plagerei haben.

Denn, wenn man das so ernst nimmt wie ich, dann zehrt das. Bei jedem, den ich begleitete, ließ ich ein Stück von mir zurück. Jeder kostete mich etwas. Eigentlich entrichtete ich den Obolus an die Toten, das hat bloß niemals jemand bemerkt.

Bis auf Nemo. Nur mit ihr konnte ich auch über mich reden. Nur sie hat sich jemals für mich interessiert.

Ich meine, ich nehme das den Sterblichen nicht übel! Wirklich! Ich habe selber ja keine Ahnung, wie das ist, zu sterben.

FA: Willkommen!

HW: Willkommen, Nemo! Schön, Dich wieder zu sehen! Wie war es dieses Mal?

FA: Es war wunderschön, Tod! Wunderschön!

HW: Warum Dir das so gefällt, verstehe ich nicht. Alle anderen gehen durch das Tor und kommen nie mehr wieder. Ist das nicht ermüdend?

FA: Ist ja jetzt vorbei. Aber Du schaust ziemlich müde aus!

HW: Ich? Wirklich?

FA: Anstrengend?

HW: Ja. Schon.

FA: Du Armer.

HW: Danke. Ja. Ich bin müde. Du nicht?

FA: Nein. Danke der Nachfrage, alter Freund. Was ich das letzte Mal vergessen habe, zu sagen: Das mit dem Strand und den Wellen, das ist eine tolle Idee!

HW: Danke! Klappt auch ganz gut. Das tut den Sterblichen gut, glaube ich!

FA: Ja! Ich freu‘ mich schon, wenn wir da sind!

HW: Nemo, jetzt einmal ganz im Ernst: Warum kommst immer nur Du wieder?

FA: Das weiß ich nicht. Ist vielleicht, um mich auf meine neue Aufgabe vorzubereiten. Könnte ich mir vorstellen. Nur mal so angenommen, falls das alles einem Plan folgt.

HW: Das kommt mir schon so vor.

FA: Ja? Ich glaube das manchmal auch, aber manchmal bin ich mir nicht so sicher. Ich weiß nur von meiner Aufgabe.

HW: So geht es mir auch. Mit meiner Schwester habe ich ab und zu zu tun, aber die anderen sehe ich nie.

FA: Du und Deine Geschwister seid nicht besonders gesellig.

HW: Ja, es gibt niemanden, mit dem ich reden kann außer Dir.

FA: Das tut mir leid für Dich. Ich bin ja auch nur immer kurz da.

HW: Aber ich kann mich verlassen, dass ich Dich immer wieder abholen werde.

FA: Ich befürchte nicht. Auf mich wartet eine neue Aufgabe. Tut mir leid!

HW: Wie? Ach, da ist schon das Tor! Hast Du noch kurz Zeit oder musst Du gleich durchgehen?

FA: Sag‘ mal, hast Du Dich jemals gefragt, was hinter dem Tor ist?

HW: Ich weiß, da ist es warm und hell.

FA: Das stimmt. Du hast nie einen Schritt hindurch gemacht?

HW: Niemals. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich muss arbeiten. Das ist meine Aufgabe.

FA: Ist das nicht traurig?

HW: Es ist so. Ich würde schon gerne auch einmal durchgehen. Ich stelle mir so etwas vor wie Erlösung. So in der Art.

FA: Gib‘ mir Deine Sense!

HW: Wie bitte?

FA: Gib‘ mir Deine Sense!

HW: Das geht nicht. Und die ist sowieso unmodern. Da sollte ich mir etwas Anderes überlegen. Aber ich kann nicht mehr gut denken in letzter Zeit.

FA: Ich weiß! Darum sollst Du mir die Sense ja geben.

HW: Das kann ich nicht.

FA: Doch, das kannst Du, alter Freund. Dieser Spaziergang mit Dir ist anders als die davor, musst Du wissen.

HW: Warum? Du gehst durch das Tor und ich hole Dich ein Leben später wieder ab.

FA: Nein. Ich bin jetzt fertig. Dieser Spaziergang ist anders. Nicht Du hast mich begleitet, sondern ich Dich.

HW: Du? Mich?

FA: Ja, es ist an der Zeit, dass Du durch das Tor gehst.

HW: Sterben die Sterblichen nicht mehr?

FA: Oh, doch. Das geht nicht anders. Ohne Sterben kein Leben. Aber ich mache jetzt Deine Arbeit.

HW: Du?

FA: Ja. Bekomme ich jetzt Deine Sense?

HW: Ich weiß nicht. All die Millionen Jahre …

FA: Vertrau’ mir! Deine Erlösung wartet.

HW: Sicher?

FA: Sicher! Ich war schon hinter dem Tor!

HW: Hier. Gib‘ acht auf das alte Ding, ich hab’s irgendwie liebgewonnen.

FA: Gut, mach‘ ich. Jetzt musst Du das Tor aufmachen!

HW: Ich hab‘ Angst!

FA: Verstehe ich.

HW: Ich glaube nicht, dass das so richtig ist. Ich glaube nicht, dass alles gut wird!

FA: Doch, alter Freund. Alles wird gut werden. Und alles ist gut. Verlass‘ Dich auf mich. Ich will Dir nur Gutes. Es ist Deine Zeit! Du wirst erlöst! Alles ist gut!