Werthers Echte

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Oma strickt, Opa raucht eine Pfeife, im Hintergrund tickt und tockt eine Standuhr. Der Geruch von Plätzchen liegt in der Luft und die Trinkschokolade ist angenehm warm. Es ist paradiesisch in der Werbewelt von Werthers Echte – wie bei Oma. Aber ist das auch echt? Und ist diese Frau wirklich Oma?


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Musiktitel: „Les Yeux Noirs“ von MagikStudio / CC BY-NC-SA 3.0


Die Geschichte zum Lesen

„Probier‘ doch bitte von den Plätzchen, meine Liebe!“, sagt die alte Frau, während sie am Herd steht und Milch schlägt. Aus Höflichkeit nehme ich eines vom Teller. Es ist ein Doppeldecker in Blütenform, mit Marmelade dazwischen.

Weil ich nicht die geringste Ahnung habe, wo ich bin und wer diese seltsame Frau ist, nehme ich mir vor, das Plätzchen ekelhaft zu finden!

Aber meine Sinne verspotten den Plan: Das ist mit Abstand das allerbeste Plätzchen, das ich jemals gegessen habe!

Der Teig ist perfekt: Ein bisschen knusprig im Biss, aber so voller Butter, dass er auf der Zunge zerfällt. Und die Butter muss die beste Butter der Welt gewesen sein! Es war so, als könne man die Blumen schmecken, die die Kuh gegessen hat, die die Milch gegeben hat, die zu dieser Butter in diesen Plätzchen wurde!

Die Erdbeermarmelade zwischen den Teigschichten ist nicht rübenzuckersüß, sondern so fruchtig, als ob die Erdbeeren noch gestern in der prallen Sommersonne gehangen hätten.

Obwohl ich mir vorgenommen habe, alles an dieser Situation abzulehnen, ist das Glücksgefühl im Mund so überwältigend, dass ich vor Genuss die Augen schließe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schnurre wie mein Kater aus Kindheitstagen.

„Das hier, meine Liebe, ist echte Trinkschokolade!. Nicht so ein Kaba-Quatsch, nicht Kakao, sondern Schokolade! Und Milch, Sahne und ein bisschen Vanille. Echte Vanille, natürlich!“, sagt die alte Frau, als sie mir die dampfende Tasse serviert.

Sie lächelt mich an, wie meine Oma, als ich noch ein kleines Mädchen war. Und die Schokolade schmeckt wie bei Oma und die Plätzchen schmecken wie bei Oma!

Ob das vielleicht meine Oma ist? Das kann nicht sein!

„Verzeihung, wenn ich einmal eine Frage stellen dürfte, aber …“, ich zögere. Wenn ich mich irre, würde die Frage meine Verwirrtung bloßstellen.

„Aber – ich weiß, das kann nicht sein – aber sind Sie vielleicht meine Oma?“

„Oh! Warum kann das denn nicht sein?“, fragt die alte Frau und kuckte mich über den Rand ihrer Brille prüfend an.

„Weil meine Oma tot ist. Darum.“, antworte ich.

„Ich weiß doch, Kleines, ich weiß.“, meint sie, „Aber Du doch auch!“


Die Nachricht von meinem Tod hätte mich schockieren müssen. Aber sie erfüllt mich mit Erleichterung. Das erklärt so vieles! Statt von meinem Stuhl zu fallen, greife ich noch einmal nach dem Plätzchenteller.

„Ein furchtbares Wetter da draußen, oder?“, meint das, was aussieht wie meine Oma. „Ich habe heute schon vormittags eingeheizt, damit Du es schön warm hast. Es ist doch schön warm hier, oder?“

Es ist wirklich angenehm warm. Ich lasse das Butterplätzchen in meinem Mund schmelzen und blicke in die Flammen des Kaminfeuers. Ein offener Kamin, genau wie im Haus meiner Großeltern.

„Möchtest Du Dich vielleicht mit Deiner Trinkschokolade in den Ledersessel setzen? Da kannst Du die Flammen besser beobachten. Ich schiebe nur noch das nächste Blech in den Ofen, dann setze ich mich zu Dir!“, die alte Frau zeigt auf einen alten Ohrensessel, der an mehreren Stellen geflickt ist. Es ist Opas Ohrensessel.

„Ist das Opas Ohrensessel?“, frage ich.

„Oh, nein. Das tut mir leid! Aber ich habe wirklich alle Flohmärkte auf der Welt abgesucht, um etwas zu finden, das ihm nahekommt. Opas Ohrensessel ist leider nicht mehr auf dieser Welt. Ich hoffe, Dir gefällt dieses Exemplar trotzdem, meine Liebe!“

Ich setze mich. Er sieht nicht nur aus wie Opas, sondern er fühlt sich genauso an. Und mehr noch als das: Er riecht wie Opas Sessel! Nach diesem hellen, süßlichen Tabak, den er immer in seiner Pfeife rauchte. Ich liebe diesen Geruch!

Die Ofentür fällt ins Schloss und die Frau, die nicht meine Oma ist, zieht die Handschuhe mit dem Streurosenmuster aus und klatscht in die Hände.

„Gut! Eine halbe Stunde, dann wäre die nächste Lage fertig! Ich mag das hier! Ich mag Deine Oma, Liebes! Ist alles so, dass Du Dich wohlfühlst? Hm?“, fragt sie und wackelt ihren rundlichen Körper auf mich zu.

Während ich noch nach Worten suche, setzt sie sich mir gegenüber auf den Küchenstuhl mit dem Schonbezug aus Plastik und angelt im Wollkörbchen nach ihrem Strickzeug. Alles ist wie in einer Reklame für Werthers Echte.

Ich betrachte sie. Eigentlich sieht sie nicht wie meine Großmutter aus, wenn man genau hinblickt. Sie hat grüne Augen, nicht braune. Oder ist das doch eher ein Braunton? Dunkle Augen sind das. Sehr dunkel. Aber Omas Haare waren grauer! Aber, genau betrachtet, sind die Haare der Frau auch sehr grau.

„Ist alles in Ordnung, Kleines?“, fragt sie und fesselt ihren Zeigefinger mit Wolle.

„Ja, schon …“

„Aber Du erinnerst mich dauernd neu. Hast Du Deine Oma doch nicht gut in Erinnerung?“

„Doch, schon …“

Genau genommen hat meine Großmutter in meiner Erinnerung den allerbesten Platz aller Erwachsenen! Es gab in meiner Kindheit keine Person, die mir mehr Verständnis und Wärme entgegengebracht hätte. Sicher nicht meine Mutter oder mein Vater! Und sicher nicht meine Freunde!

Wenn ich als Kind Trost suchte, dann habe ich mich bei Oma und Opa versteckt. Das kleine Austragshäuschen stand mir immer, immer offen.

Es war nicht so, dass die zwei alles stehen und liegen gelassen hätten, wenn ich gekommen bin. Sie waren stets beschäftigt und hielten in ihrem Tun nicht inne, aber es war selbstverständlich: Egal, wann und wie, ich war willkommen!

Wenn mein Leid allzu groß war, war eine Trinkschokolade schnell gerührt. Oma hörte sich mein Elend an und wenn wirklich alle Tränen vergossen waren, saß ich in Opas Sessel und hörte der alten Standuhr so lange zu, bis ich nur noch der Standuhr zuhörte.

„Du bist aber eine Schweigsame, meine Liebe! Ich kann Dir sagen, alle anderen, die ich abhole, fragen mir schier ein Loch in den Bauch! Immer die gleichen Fragen! ‚Sind Sie ein Teufel?‘, ‚Wie komme ich zurück?‘. Oder, am öftesten: ‚Komme ich in den Himmel oder in die Hölle?‘. Nach so vielen tausend Jahren kommen selbst die Ungläubigsten immer noch mit der Hölle daher!“

Die alte Frau kichert in sich hinein und schüttelt den Kopf.

„Und? Sind Sie denn ein Teufel?“, frage ich, einfach, um überhaupt etwas zu sagen.
„Also, meine liebe Kleine! Das sagst Du doch nur, um überhaupt etwas zu sagen!“, antwortet die Frau, die wie meine Oma aussieht.

Und dann unterbricht sie ihr Stricken und blickt mich ganz intensiv Werthers-Echt über den Rand ihrer Brille an.

„Wie geht es Dir denn, Kleines? Das muss furchtbar für Dich gewesen sein!“

War es furchtbar für mich gewesen? Was war furchtbar gewesen? Und – gute Frage – wie fühle ich mich jetzt? Jetzt, in Opas Sessel, mit meiner warmen Trinkschokolade in der Hand?

„Ich schäme mich“, sage ich leise und spüre Tränen in meinen Augen.

„Aber, Kleines, das musst Du ganz gewiss nicht! Wofür würdest Du Dich denn schämen wollen?“

„Ich schäme mich, dass ich gegangen bin.“

„Es war Deine Zeit, meine Liebe. Daran kann kein Mensch etwas ändern.“

„Es muss furchtbar gewesen sein für meine Kinder. Für meinen Mann. Und auch für meine Eltern.“

„Das war es, meine Liebe! Das war es. Es war furchtbar für alle. Und es ist immer noch furchtbar für sie. Aber Du hattest das Recht, zu gehen.“

„Wochen, nein, Monate lag ich im Krankenhaus und konnte mich nicht bewegen und konnte nichts sagen – und sie saßen um mein Bett und konnten auch nichts sagen. Es tut mir so leid, dass ich nichts sagen konnte!“

„Ja, meine Liebe. Ich weiß, ich weiß. Das ist genau, was ich mit furchtbar meine. Ich meine nicht den Unfall und die Verletzungen. Ich meine das! Es ist wirklich schlimm, meine Kleine. Wirklich schlimm. Darum habe ich mir auch alle Mühe für Dich gegeben!“

„Obwohl ich nichts sehen konnte, sehe ich jetzt, wie Gerald an meinem Bett sitzt und meine Hand hält und wie er weint. Und wie er zu mir sagt: ‚Geh nicht! Lass mich nicht alleine hier zurück! Die Zwillinge brauchen Dich. Und ich brauche Dich doch auch so sehr‘! Und? Ich bin trotzdem gegangen!“

„Aber, meine Kleine, Du hattest doch keine Wahl! Du bist gegangen worden. Du musst Dich nicht schämen. Willst Du noch eine Trinkschokolade?“

Aber ich habe genug von meiner Oma! Ich will keine blöde Trinkschokolade! Ich will leben!

Ich springe aus dem Stuhl hoch, schleudere die Tasse in den Kamin und schreie aus voller Kehle: „Nein! Ich hasse diese Scheiß-Trinkschokolade! Ich hasse Plätzchen! Das ist alles nicht in Ordnung! Gar nicht in Ordnung! Das ist nicht fair! Das haben die Zwillinge nicht verdient! Das hat Gerald nicht verdient!“

Und ich stehe mit geballten Fäusten vor der Frau, die aussieht wie meine Oma. Wenn sie noch eine Silbe Omahaftes sagt, wenn Sie auch nur im Ansatz versucht, werthers-echt zu sein, dann werde ich ihr eine direkt in ihre Omafresse …

Sie steht auch auf. „Aber Kleines! Du bist wirklich eine Liebe! Dir ist eines noch gar nicht eingefallen: Das hast vor allen Dingen Du nicht verdient!“, sagt sie und meine Wut verraucht.

„Das Leben ist nicht fair, das tut mir sehr leid. Wirklich, meine Kleine! Das tut mir sehr, sehr leid. Ich würde am liebsten niemanden abholen. Aber das gehört dazu. Ich leide mit Deinen tapferen Zwillingen und Deinem Mann und mit Deinen Eltern. Aber vor allem gilt mein Mitleiden Dir!“

„Es ist unfair!“, plärre ich noch einmal, doch die Schlacht ist geschlagen und schmählich verloren.

„Ja, es ist unfair. Ihr lebt nur so kurz. Und das Leben ist so selten. Und so wertvoll. Aber, wenn es allen gerecht würde und es kein Ende gäbe, dann wäre Leben die Hölle. Glaube mir.“

Ich flüstere noch einmal: „Es ist so unfair“ und dann nimmt mich meine Oma in den Arm und ich heule auf ihre graue Strickjacke. Und ich rieche den Geruch von Opas Tabak. Und ich höre die Standuhr.

„Es ist in Ordnung, meine Liebe! Es ist alles in Ordnung. Willst Du nicht vielleicht doch noch eine Trinkschokolade?“, fragt meine Oma und gibt mir ein Taschentuch. Aus kariertem Stoff. Kein Tempo, sondern ein verdammtes Werthers-Echte-Taschentuch.

Ich setze mich wieder in den Opastuhl und klammere mich an meine Tasse und höre der Standuhr zu, bis ich nur noch der Standuhr zuhöre.

Dann weiß ich. Ich stehe auf, trage meine Tasse in die Küche und gebe meiner Oma einen Kuss auf ihre faltige Stirn.

„Du gehst? Kennst Du den Weg?“, fragt sie.

„Ja, kenne ich. Ich muss durch die Tür.“

„Ja, meine Liebe. Das musst Du.“

„Vielen Dank für alles, Oma!“

„Ach, das war doch nichts!“

„Vielen Dank für Deine Zeit mit mir!“

„Zeit spielt keine Rolle, meine Kleine. Alle Momente sind für die Ewigkeit.“

Und ich schaue meiner Oma noch einmal in die Augen und gehe zur Tür.

Ich nehme die Klinke in die Hand.

„Oma, was wartet hinter der Tür auf mich?“

„Meine Liebe, ich weiß es wirklich nicht. Ich würde es Dir gerne sagen, aber ich weiß es nicht. Ich weiß nur, es ist nicht nur gut. Ich weiß, es ist besser. Für alle.“

Ich nicke.
Zeit für mich, Werthers Echte zu verlassen.
Zeit, zu gehen.


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