Opas Lieblingsplatte

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Unser Erzähler hat von seinem Großvater einen Plattenspieler geerbt mit einem Stapel Langspielplatten. Als er sich, nach Jahren, die Zeit nimmt, die Lieblingsplatte seines Opas anzuhören, beginnt unsere Horrorgeschichte zum Wochenende erst! Denn, was er da hört, ist nicht zu glauben!


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Stuck on You“ von EMMANUEL1 / CC BY-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Als mein Großvater gestorben war, hatte er nichts zu vererben. Fast nichts.

Alles, was ich geerbt habe von meinem Opa war ein uralter Plattenspieler und seinen Stapel mit Platten. „Elmephon-Monarch“ stand ins Plastik geprägt. Enttäuscht entsorgte ich mein Erbe in einer Ecke des Kellers und verdrängte die Erinnerung an ihn.

Bis mir jemand erklärt hat, das Vinyl der letzte Schrei ist und so ein Retroplattenspieler mittlerweile eine gesuchte Antiquität. Also suchte ich ihn hervor und setzte mich – Jahre später – ins Arbeitszimmer und ich legte eine der Platten meines Opas auf. Das Carnegie-Hall-Konzert von Benny Goodman, dessen Hülle war am meisten abgegriffen.

Als ich den Tonarm auf die Platte gesenkt hatte, ertönte statt Swingmusik die Stimme meines Opas und ich machte mir um ein Haar in die Hose!


Hallo Junge! Ich hoffe, Du bist es, Tobias, der mir zuhört. Ich habe diese Platte machen lassen, weil ich keinen anderen Weg gefunden habe, Dir meine Warnung zukommen zu lassen.

Nur auf diese Art kann ich offen mit Dir reden. Denn es ist wichtig, Tobias, es geht vielleicht darum, Dein Leben zu retten. Ich spüre deutlich, dass ich bald sterben werde und Du sollst nicht das Schicksal von mir oder von Deinem Vater, Gott hab ihn selig, teilen.

Du bist so ein lieber und auch schlauer Junge, ganz, wie es Dein Vater auch war. Ihn konnte ich nicht mehr retten und so hat das Böse einen Platz in seinem Leben gefunden und ihn am Ende vernichtet. Ich hoffe, er ist jetzt an einem besseren Ort.

Das ist meine große Hoffnung, dass es diesen besseren Ort gibt. Und dass ich dann, im Himmel, dem Paradies oder meinetwegen der Hölle, dass ich ihm da noch einmal begegne und mich entschuldigen kann für meine Fehler. So wie ich mich jetzt bei Dir entschuldigen will.

Du musst wissen, dass es nicht leicht war, kurz nach dem Krieg ein kleines Kind zu sein. Bei uns auf dem Land war es vielleicht nicht so richtig zu spüren, aber Deutschland war sehr, sehr kaputt. Die Erwachsenen waren entweder traurig oder verbissen oder verschlossen ihre Augen von der Wahrheit. Es waren graue Jahre.

Das Einzige, was unserer Familie geblieben war, war unser kleiner Hof. Und die Frage, ob ich etwas Anderes tun wollte, als Bauer zu sein, stellte sich überhaupt nicht. Meine Muskeln wurden benötigt, damit wir überlebten.

Mein Traum, Musiker zu werden, verblasste hinter der harten Arbeit und den Nöten des Alltags. Es ist keine geringe Verantwortung gewesen. Das Land, die Tiere, meine Eltern – ich war sehr jung, aber hatte schon viel zu stemmen.

Da stellte mir meine Mutter eines Tages ein junges, wunderhübsches Mädchen vor. Rote Haare, Augen so grün wie Smaragde, Sommersprossen über das ganze Gesicht und ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang. Ja, Deine Großmutter!

Meine Mutter meinte, sie würde zur entfernten Verwandtschaft gehören und hätte davon gehört, wie fleißig ich war und wie erwachsen und wie stark und wollte mich unbedingt kennenlernen.

Mich! Unglaublich, oder? Die hübscheste Frau, die ich je gesehen habe, wollte ausgerechnet mich kennenlernen! Das ist ein Zufall, den kann man sich überhaupt nicht ausmalen, oder? Ich war Hals über Kopf verliebt und es dauerte nur ein paar Wochen, bis wir heirateten.

Mein Leben war gesegnet und ich war der glücklichste Mann auf dem Planeten. Zwar starb mein Vater kurz nach der Hochzeit und es gab auf einmal noch viel mehr zu schuften, aber ich hatte das Gefühl, Deine Großmutter und ich, wir würden alles schaffen, was wir uns vornahmen!

Dann kam unser Junge zur Welt! Ein wunderschönes kleines Baby! Das schönste Baby der Welt, keine Frage. Das ist natürlich Dein Vater, wie Du Dir sicher ausrechnen kannst.

Und mit seiner Geburt wurde alles ein bisschen anders. Deine Großmutter wurde sehr – sagen wir einmal – behütend. Es war ihr sehr, sehr wichtig, dass ich meine Arbeit gut erledigte, während sie den ganzen Tag mit Deinem Vater verbrachte.

Es hatte sich etwas grundlegend geändert, aber ich konnte nicht sagen, was es war. Der Gockel krähte mit einer anderen Stimme als früher, die Standuhr tickte schneller als früher und das Essen war auf einmal ohne Geschmack. Alles sichere Zeichen.

Deine Großmutter hasste ja meinen Stammtisch am Sonntag, so wie sie es überhaupt nicht leiden konnte, wenn ich den Hof verließ. Obwohl ich meine Freunde wirklich vermisste, hörte ich auf einmal von selber auf, am Sonntag zu dem Stammtisch zu gehen.

Wenn ich irgendwo auf dem Hof arbeitete, dann konnte ich immer irgendwo Deine Großmutter sehen, mit Deinem Vater auf dem Arm, wie sie mich beobachtete.

Ich liebte unseren Hof, aber so langsam wurde er mir zu einem Gefängnis. Ich war eingesperrt und hatte den Eindruck, selbst wenn ich fliehen wollen würde, könnte ich es nicht.

Eines Tages sagte ich zu Deiner Großmutter, ich würde in den Ort fahren, weil ich eine neue Harke brauchte. Die alte hatte ich selber kaputt gemacht und auf dem Feld vergraben – eine Unternehmung, die mich übrigensTage der Planung gekostet hatte und schlaflose Nächte!

Auf diesen Vorschlag meinte sie nur spitz, ich solle doch im Schuppen genauer schauen, da wäre die Harke. Also ging ich in den Schuppen, ich war mir ja sicher, dass sie nicht dort sein würde … Aber … sie war da! In tadellosem Zustand.

Mir wurde klar, dass ich verloren war. Eines Nachts unternahm ich wirklich einen Fluchtversuch und wollte einfach nur fortrennen, ohne Plan und Ziel. Aber meine Beine schienen mir nicht mehr zu gehorchen. Nach einer Stunde Rennen fand ich mich wieder atemlos an genau dem Ort, von dem ich aufgebrochen war. Ich war ihr Gefangener.

Ich konnte ihr nicht mehr in die Augen schauen und der Anblick ihres roten Schopfes verfolgte mich im Traum. Ihre Stimme war voller Abscheu und voller Vorwürfe. Ich könnte nicht sagen, ob sie nicht immer schon so eiskalt war oder nicht.

Sie war wie ein Teufel, der jeden meiner Schritte bewachte. Wie eine uralte Kraft des Bösen, die den Hof verhext hatte. Wie ein Sukkubus, der von meiner Lebenskraft zehrte. Mein Leben war die Hölle. Ich habe, nach all den Jahren, aufgegeben, Tobias.

Dein Vater war zu einem jungen Mann herangewachsen, als eines Tages eine junge Frau auf dem Hof auftauchte. Rote Haare, eiskalte grüne Augen und Sommersprossen. Angeblich die Tochter einer Freundin, meinte Deine Großmutter. Jemand, der unbedingt Deinen Vater kennenlernen wollte. Ja, ich rede von Deiner Mutter.

Natürlich war auch Dein Vater bald verliebt und die beiden flanierten, Hand in Hand, über den Hof und schmiedeten Pläne, wie sie alles modernisieren würden, wenn sie ihn übernommen hatten nach ihrer Heirat.

Ich konnte Deinen Vater nicht retten, auch wenn ich es wirklich versuchte. Eines Tages hatte ich ihn in den Schuppen gelotst und dachte, ich hätte ein paar ungestörte Minuten, um ihn zu warnen. Aber just in diesem Moment versagte meine Stimme und ich krächzte ihn nur aufgeregt an wie ein Krähenbaby.

Die eiskalten Augen Deiner Großmutter signalisierten mir deutlich, dass sie um meinen Versuch wusste. Und dass ich nur eine Möglichkeit hatte zu überleben: Stumm mein Sklavendasein weiterleben.

Ich konnte Deinen Vater nicht retten, aber er durchschaute das Böse schneller als ich, das muss man ihm lassen. Das ist sicher der Grund, warum er eines Tages, so wie mein Vater vor mir, einfach von heute auf morgen verstarb.

‚Sportlerherz‘, meinte der Arzt, ‚das passiere öfter, als man denkt‘. Aber natürlich ist das Unsinn. Ich wusste genau, was passiert war.

Ich lebe weiter in der Hölle. Eine Hölle, die smaragdgrün ist. Mit einem sommersprossigen Teufel. Und bald bin ich unütz geworden und werde entsorgt.

Frage nicht, wie ich diese Platte habe machen lassen, es war nicht einfach, aber im Internet gibt es ja alles, was man sich nur vorstellen kann, wie Du besser weißt als ich.

Ich musste das tun, weil ich nur hier, im Schuppen mit den Platten einigermaßen ungestört bin. Denn ich habe gesehen, dass Deine Mutter Dir dieses junge Mädchen vorgestellt hat mit roten Haaren, Sommersprossen und diesen bösen, eiskalten, grünen Augen …

Plötzlich hört die Aufnahme auf. Ich kucke rüber zum Plattenspieler. Da steht meine Frau und hält den Tonarm in der Hand. Sie lächelt mich an mit ihren smaragdgrünen Augen und wir blicken uns in die Augen.

Es herrscht Totenstille. Der Hahn kräht.

Aber seine Stimme ist auf einmal anders. Voller Angst …


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