Ich hasse Kunst!

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An einem Sommertag in der Großstadt wird unser Erzähler von einem Wolkenbruch überrascht und flüchtet in ein Kunstmuseum. Was er dort erleben wird, lässt ihn pauschal die Kunst hassen. Ob er das wirklich so meint?


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „South Of France“ von THE SWING NINJAS / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Warum herrscht in Kunstmuseen diese angestrengte Form der Ehrfürchtigkeit? Die Besucher schleichen von Gemälde zu Gemälde und schweigen andächtig. Falls sie reden, flüstern sie.

Diese gleiche gespielte Ergriffenheit ist wie in alten Kirchen. Die Verehrung der Meister ist Frömmigkeit. Was ist so ein Bild von Van Gogh? Ein Stück Leinwand, mittelprächtig auf einen Holzrahmen gespannt und mit Pigmenten beschmiert, die in Öl gelöst waren. Warenwert vielleicht 10 Euro.

Ich hasse Kunst.


Fünf Schritte war ich von der Eisdiele weg, als es zum ersten Mal donnerte. Zehn vielleicht beim zweiten Mal und keine fünf Schritte später entleert sich der Himmel über der Großstadt.

Wir Städter hatten uns einer Sommerlohnmacht hingegeben und das Gewitter hat uns eine Backpfeife gegeben, damit wir wieder so hektisch werden, wie es sich gehört.

Als ich zum Museum renne, steigt vom erhitzten Asphalt Dampf auf. Die Autofahrer schalten die Scheinwerfer ein und drücken auf die Hupe. Radfahrer fluchen durchnässt an mir vorbei. Ich betrete das Museum. Mit einem Schlag bin ich von der Stadt getrennt.

Ich reiche mein Geldopfer dar, über die Stapel von mäßigen Kunstdrucken hinweg und erhalte ein Stück Papier. Der Mann in der Phantasieuniform mustert das Ticket, als hätte er den Erwerb nicht beobachtet. Als wäre diese das erste Ticket, das er sieht. Dann zerreißt er es. Der Initiationsritus ist beendet. Ich bin Eingeweihter. Ich habe Anbetungserlaubnis.

Ich laufe durch eine Ausstellung, deren Riesenleinwände mich kaltlassen. Dann nehme ich die Abkürzung durch die Expressionisten. Bei den Impressionisten bekommt eine Schulklasse eine Messe gelesen vor einem Motiv von Degas. Ein Mädchen macht eine beeindruckende Kaugummiblase.

Dann bin ich in einem menschenleeren Saal. Unbekannte Bilder aus einer Zeit, die ein blinder Fleck auf der Netzhaut der Kunstgeschichte ist.

Da hängt ein Bild unter vielen, dass mich sofort in Beschlag nimmt. Eine Landschaft. Einfach eine südfranzösische Landschaft. Gelbe Sonne, grünes Gras, blauer Himmel, Frühling.

Jemand hat im Vordergrund eine rotkarierte Decke ausgebreitet, um sich dem Anblick der Landschaft zu widmen. Doch diese Person blickt nicht auf die ländliche Szenerie, sondern über die Schulter aus dem Bild heraus.

Eine Frau, die vielleicht nach ihrem Begleiter schaut oder nach dem Unbekannten, der sich gerade nähert.

Ich, der Unbekannte, schaue ihr schamlos mitten ins Gesicht. Ihre Lippen sind zu einem Lächeln geformt.

Das hat nichts Frivoles oder Erheitertes. Es ist ein Lächeln, wie es eine Mutter haben mag, wenn sie von ihrem Nachwuchs stolz einen Strauß mit Löwenzahn gepflückt bekommen hat.

So voller Wärme und bedingungsloser Zuneigung ist es, dass ich unwillkürlich zurücklächeln möchte. Wenn ich mich auf die Decke setzen könnte, dann würde ich mich nicht vorstellen müssen. Die Frau auf dem Bild kennt mich.

Ich gehe einen Schritt näher und blicke ihr in die Augen. Viele verschiedene Farben scheint die Iris zu haben, als ob der Maler sich seiner Erinnerung nicht sicher war. Sind sie grau oder grün oder ist das ein Schatten von Blau?

Halbtransparent wirken diese Augen und so lebendig, als wäre die Farbe feucht. Reflexe und der Schatten des Strohhutes machen sie so wahr, dass ich ein Blinzeln erwarte.

Ohne zu zwinkern, schenkt mir die Frau ihre ganze Aufmerksamkeit. Als ob sie weiß, dass ich da bin, um sie zu betrachten. Hinter diesen Pupillen liegt ein unendliches Meer von Geduld und Vergeben.

Beinahe beschämt richte ich meinen Blick wieder auf die Landschaft. Jetzt bemerke ich, wie federleicht die Wolken über den Himmel segeln. Dass in der Wiese vor uns Löwenzahnblüten leuchten wie kleine Sonnen. Auf einem Acker, weit von unserer Decke entfernt, zieht ein mächtiger Gaul einen Pflug und einen Bauern durch die schwarze Krume.

Schüchtern blicke ich ihr wieder in die Augen. Sie versteht meine Verlegenheit und hat gewartet, bis ich den Frühlingstag in mich aufgesogen habe. Ich kann nicht anders, als mich ihrem Lächeln zu beugen. Mein hartes Herz schreckt auf, als auch ich tatsächlich zurücklächele.

Ich atme den Frühling ein, ein Geruch wie Bergamotte, Zitrone und Waldmeister. Sie hat gewartet, dass auch ich endlich auf der karierten Decke ankomme. Sie hat hier auf mich gewartet. Nur auf mich.

Kann es sein, dass dieses Bild nur für mich gewartet hat? Dass es nur gemalt wurde, um diesen einen, speziellen Moment in der Geschichte festzuhalten, in der sie für mich gelächelt hat? Will ich das glauben?

Ich sitze stumm neben ihr. Wir reden nicht. Teil des Frühlings werden wir und genießen, wie die Sonne ihr Licht in alle dunklen Ecken zwingt. Hier ist Raum für mich und hier ist Zeit für mich.

Nach einiger Zeit schauen wir uns an. Sie blickt in meine Augen und ich blicke in ihre. Weil wir so lange aufeinander gewartet haben, gibt es mehr zu sagen, als man reden kann.

Die Wärme ihrer Anwesenheit und die Nähe ihrer Haut zu meiner sind flüchtige, kleine Wahrnehmungen, aber sie treffen mich voller Wucht. Es schmerzt, als die Narben auf meiner Seele gedehnt werden. Ich atme so tief ein, dass es meinen krummen Rücken streckt. Ich atme aus und die Erleichterung, die meinen Körper durchflutet, treibt mir Tränen in die Augen.n

Ihr Blick belegt, dass sie nicht überrascht ist. Sie wartet. Sie ist da, falls ich aus meinem Panzer kriechen werde. Wenn ich wieder verletzbar bin – kein Grund, mich zu beeilen.

Sie stimmt ein Lied an. Ein einfaches Tanzlied, ihr Französisch ist so okzitanisch wie die Landschaft vor unserer Decke. Während ich mir die Schuhe ausziehe, vibrieren die Noten an meinem Schädel und ich springe auf und bitte sie zum Tanz.

Ich summe eine zweite Stimme zu der Melodie, während wir uns noch zögerlich im Kreise drehen. Dann singe ich aus Leibeskräften mit, ohne eine Silbe des Textes zu kennen.

Ihr Lachen bringt unsere Drehungen aus der Harmonie und ich stolpere. Als ich falle, greift sie nach mir und wir rollen beide ohne Kontrolle den Hang hinab.

Unsere Beine sind verknotet, als wir die Ebene erreichen. Atemlos bleiben wir liegen, unsere Körper noch erhitzt vom Tanzen.

Als wir wieder zu Luft gekommen sind, blicken wir in den blauen Himmel und folgen mit den Augen den Wolken. Sie zeigt mir den Hasen, den sie in den erkannt hat und ich sage nichts. Kurz war mir mein Sarkasmus aufgestoßen und eine unausgesprochene Bemerkung lässt einen metallischen Geschmack im Mund zurück.

Dann entdecke ich auf einmal eine Wolke, die wie der Schattenriss einer Schnecke geformt ist und der Geschmack ist weg. Sie krabbelt zu mir, legt ihren Kopf auf meinen Arm und erzählt mir die Geschichte vom Wettrennen zwischen Hase und Schildkröte. Wie eine Fabel von Aesop beginnt die Erzählung und endet in einem aberwitzigen Wettritt auf Kanonenkugeln ins Land, in dem der Pfeffer wächst.

Ich bin nicht keineswegs überrascht von ihrem Erfindungsreichtum und lache wie ein Kind über jede neue Volte, die ihr Märchen schlägt.

Ihre Nähe zu mir erfüllt mich mit einem Gefühl von so tiefer Vertrautheit, dass es ist, als ob meine Schwermut von mir abperlt und in der Erde unter uns versickert. Wieso kennen wir uns schon so lange, obwohl wir uns heute zum ersten Mal sehen? Warum habe ich mein Leben lang auf diese Liebe warten müssen?

Wenn ich meinen Kopf drehe und angestrengt nach unten blicke, sehe ich ihre Lippen, wie sie sich bewegen, während sie Worte bilden. Selbstvergessen spielen ihre Finger mit einem Knopf meines Hemds, während sich eines ihrer Beine auf meines legt.

Ich weiß, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich ihr meine Liebe gestehen kann. Denn es wird ein Geständnis sein. Das Geständnis eines verhärmten Mannes, der jede Hoffnung aufgegeben hat. Der vergessen hat, frei zu atmen. Oder zu tanzen und zu lachen und zu singen.

Ich richte mich auf und suche nach den Worten, die meiner Sehnsucht gerecht werden, daheim anzukommen. In der Ferne sehe ich den Bauern mit dem Pflug und dem Ackergaul. Haben die beiden sich in den ganzen Stunden nicht bewegt?


Dann reißt mich ein Schrillen zurück. Ich werde aus dem Bild gerissen und lande in meinem Körper. In dem verbogenen Skelett mit den Muskeln, die sich anspannen müssen, damit ich aufrecht stehe.

Der Mann in Phantasieuniform betritt den Raum und schaut mich strafend an. Ich habe mich dem Gemälde zu sehr genähert, meint er und betätigt einen Schalter. Er weiß nicht, wie recht er hat.

Ich stehe vor dem Bild, wieder in dem Panzer, den ich trug, als ich das Museum betrat. Seine Last drückt auf meine Schultern, meine Gestalt verbiegt sich zurück. So intensiv ist der altgewohnte Schmerz, wieder Ich zu sein, dass mich eine kalte Wut erfasst.

Eine Wut auf den Alarm und auf den Museumswärter. Wärter! Das sagt alles, was man zu einem Museum wissen muss! Die Wut macht nicht vor dem Gemälde halt. Und nicht vor ihr.

Habe ich das erfahren wollen? Musste ich daran erinnert werden, dass ich unfrei bin? Wäre es nicht leichter gewesen, niemals diese Liebe zu erfahren?

Ich habe nicht nach dieser Lektion verlangt! Ich hatte mich eingerichtet in meinem Zynismus und meiner Bitterkeit. Mir war der Schmerz gewohnt.

Musstest Du mir das beibringen? Wollte ich diesen Tag in Südfrankreich verbringen? Wollte ich mich verlieben? Du hast mich gewählt, um Dein Spiel mit mir zu treiben! Deine blinde Liebe zu verschenken ist nicht gnädig!

Wer hat Dich gezwungen, mir dieses neue Gefühl zu lehren? Nimm es zurück, ich will es nicht! Ich brauche diese Sehnsucht nicht! Ich hasse Dich!

Ich hasse Kunst!


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