Die Pfanne & das Löwenherz


Eine der schillerndsten Figuren des Mittelalters ist in unserer Erinnerung Richard Löwenherz. Das wir wohl einem Gutteil auch Robin Hood oder Ivanhoe verdanken zu sein, zwei Figuren, die eher nicht historisch sind.

Als König des angevinischen Reichs der Planganets steht er aber auch exemplarisch für das System des Feudalismus, das wir in über siebenhundert Jahren europäischer Geschichte gerade erst mühevoll abgeschüttelt haben.

Und ganz am Anfang dieser Emanzipation von Macht als Erbrecht stand eine Bratpfanne. Eine alte Bratpfanne, die wir alle vergessen haben. Genauso wie den jungen Mann, der dahinter Schutz suchte.

Das gehört unbedingt erzählt! Und angehört!


Download der Episode hier.
Musik: „Kyrie Eleison“ von Tudor Consort / CC BY 3.0


Skript zur Sendung

Unsere Geschichte spielt zu einer Zeit, die Du aus Deinen Büchern auch gut kennst. Und es kommt eine Figur vor, die Du sehr schätzt.

Sie handelt in einer Zeit, als Frankreich noch nicht Frankreich war und England noch nicht England. Und sie handelt vom Beginn der Demokratie. Und von Essen.

Der große König, der darin vorkommt, ist der berühmte Richard Löwenherz. Und die Pfanne, die darin vorkommt, ist halt eine gewöhnliche Pfanne.

Kapitel eins spielt auf einer kleinen Burg in Limoges.

Chalus-Chabrol heißt die, ihre Ruinen kann man heute noch bewundern.
Wir schreiben den 26. März 1199.

Und die Leute in der Burg waren, naja, wie sagt man? Die waren so richtig am Arsch. Alle wußten es. Es konnte sich nur um Tage handeln oder vielleicht Wochen – aber Monate würde es sicher nicht mehr dauern! Und dann waren sie erledigt. Mann und Maus, Frau und Kind.

Auf ihrer Seite der Mauern lebten zwei Ritter. Zwei! Und 38 Zivilisten. Ein paar der Männer wußten, an welchem Ende man ein Schwert festhält. Und alle Männer hatten von den Rittern einen Crash-Kurs bekommen, wie man eine Armbrust lädt und abfeuert.

Auf der anderen Seite der Mauern und rund um die Burg waren die Zelte einer professionellen, erfahrenen Armee aufgebaut. Von einem der mächtigsten Herrscher in Europa. Der Mann, der während des Kreuzzugs angeblich die Klinge mit dem legendären Saladin gekreuzt hat. Der Mann, der König der wilden Schotten war und der Angelsachsen und Normannen und der Cornishen und der Waliser. König von England.

Der Mann, der noch dazu über mehr Land in Frankreich regierte als der König von Frankreich selber. In Okzitanien, also im Süden Frankreichs war sein Name „Oc e No“. Das bedeutet „Ja oder Nein“. Weil er kein Mann vieler Worte war. Die Franzosen nannten ihn „Coeur de Lion“, die Angelsachsen „Lionheart“ und die Deutschen „Löwenherz“.

Und er persönlich war nach Limoges gekommen, um diese kleine Burg zu erobern. Und dabei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle Menschen in der Burg zu töten. Das war damals so die Sitte.

Hinter den Zinnen der Burg steht Peter. Ein junger Mann, der auf der Burg als Knecht arbeitete. Und der schaute sich – sehr vorsichtig – von oben die ganze… Scheiße an. Es war später Nachmittag, er wusste, bald würde seine Wache beginnen.

Da unten wimmelte es nur so von Soldaten. Viele davon in teuren Rüstungen und mit großen Schildern. Mit beeindruckenden Wappen. Alle warteten nur, bis sie in die Burg stürmen könnten, um auch ihm ganz höchstpersönlich die Haut vom Fell zu ziehen!

In der Nähe der Südmauer war eine halbrunde Palisade aus Holzpfählen. Dahinter kamen und gingen Männer in einer regelmäßigen Schlange. Jeder, der hinter der Palisade wieder auftauchte, hatte einen vollen Sack auf dem Rücken. Mit Erde. Erde, die eigentlich unter die Burg gehörte.

Die Aquitanier bauten einen Tunnel. Sie unterminierten die Burg. Wörtlich.

Sie waren alle am Arsch. So ‚was von am Arsch. Nichts würde sie noch retten.

Kapitel zwei. Ein Rückblick auf den 13. Januar 1199

Richard Löwenherz hat die Schnauze voll. So richtig voll. Seit sechs Jahren hatte sich eine Riesenwut in ihm angestaut, die jetzt zum Ausbruch kommt. Man kann sagen, Richard war ein temperamentvoller Mann. Wenn man sehr höflich ist oder ein chronischer Lügner.

Man kann aber auch sagen, dass die Friedensverhandlungen mit König Philipp von Frankreich vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt für des Königs Urschrei-Therapie ist.

Aber wer will es ihm verdenken? Alles fing mit diesem blöden Kreuzzug an! Gegen den kurdischen Feldherrn der Muslime mit dem noch heute berühmten Namen Saladin. Dieser Kreuzzug war ein großer Haufen… Mist. Ein Desaster von vorne bis hinten. Ein Riesen-Reinfall.

Klar: Ein großer Image-Gewinn für Richard, der auf einmal der „edle Ritter-König“ war. Und der sich auch tatsächlich den Respekt seines Gegners verschafft hatte. Aber wen kümmert hier in Frankreich noch die Levante? Wen schert jetzt gerade Jerusalem?

Hier in Europa hatte es sich Richard nämlich auf seinem Kreuzzug mit vielen wichtigen Männern ordenlicht verschissen. Mit Philipp, dem König von Frankreich sowieso, denn Richard wollte nicht die Königshäuser durch Rumheiraten verkupeln.

Den König von Zypern hatte er auch verärgert – und der hatte mächtige Freunde. Den deutschen Kaiser hatte er – Kollateralschaden – gedemütigt und er wurde auch für den Tod von Konrad von Montferrat verantwortlich gemacht. Immerhin dem König von Jerusalem. Für drei Wochen.

In Robin Hood oder Ivanhoe mag Richard ein weiser Herrscher gewesen sein, aber hier, bei diesen Friedensverhandlungen, da wütet er wie Rumpelstilzchen. Diplomatisches Geschick war ganz sicher niemals Richards Stärke gewesen.

Nach dem Kreuzzug, auf dem Weg zurück in seine Heimat Aquitanien – Richard war mehr Franzose als Engländer – ging der Ärger weiter. Sein Schiff ging in einem Sturm unter und er musste sich zu Fuss, verkleidet als Pilger auf den Heimweg machen! Doch in Österreich fliegt seine Tarnung auf und der König landet in Geiselhaft.

Leopold der Fünfte, ein Verbündeter von Philipp, sperrt ihn ein Jahr lang ein. Und verlangt ein horrendes Lösegeld, ungefähr 23 Tonnen Silber. Das doppelte jährliche Steueraufkommen der englischen Krone!

Während man ein Jahr lang hin und her schachert, kann Richard nur aus der Ferne zusehen, wie sein unfähiger Bruder die hübschesten Burgen Frankreichs seinem Erzfeind Philipp verscherbelt. Für eben sein Lösegeld…

Auf Druck des Papstes kommt Richard dann wieder frei. Für die Hälfte des Silbers. Und fängt sofort an, sich jede einzelne Burg Frankreichs wieder zurück zu erobern. Feldzug für Feldzug, Belagerung um Belagerung.

Vier mühevolle Jahre voller kleiner, verschwitzter, blutiger Siege, bis dieser impertinente Franzosenkönig Philipp einen Friedensverhandlung vorschlägt.

Anwesend ist auch der päpstliche Legat. Aber was hatte dieser Holzkopf in Rom, dieser Innozenz III. denn schon für Richard getan? Obwohl er, Richard, ihm mit ins Amt geholfen hat?

Ihr seht schon: Der Löwenherz genannte König hat schon Gründe, warum ihn jetzt einmal alle gepflegt am Abend besuchen können. „Euch Bastarde brauche ich nicht!“ Sagt’s und geht.
Stellen wir uns wertvolle, ziselierte Türen vor, die knallend ins Schloß fallen.

Kapitel drei: Zurück auf der belagerten Burg

Unser Peter war jetzt, am frühen Abend, dran mit seiner Schicht. Viel konnte die ärmliche Besatzung der Burg ja nicht anrichten. Die beiden Ritter hatten genauestens erklärt, was da unten vor sich ging.

Die Aquitanier, also Richards Soldaten, graben einen Tunnel. Der Eingang war hinter der Palisade verborgen. Den Tunnel würden sie bis unter die große Südmauer graben. Da würden sie eine große Höhle ausheben. Diese würden sie dann mit Holz füllen und unteridisch ein großes Feuer unter der Mauer anzünden.

Dann würde die Höhle einstürzen und die Mauer obendrauf gleich mit. Somit könnten dann die Soldaten in die Burg stürmen, alle Männer gefangen nehmen und ihnen buchstäblich die Haut abziehen und die Frauen erst vergewaltigen und dann auch töten. Die Truppen Richards waren nicht für Höflichkeit und gute Manieren bekannt.

Alles, was die Verteidiger tun könnten, war, mit ihren Armbrüsten möglichst viele der Tunnelbohrer bei der Arbeit zu erledigen. Und das taten sie dann, tagaus und tagein.

Natürlich wussten das auch die Angreifer. Weswegen diese wiederum versuchten, jeden der Scharfschützen von den Zinnen zu holen. Es wartete also kein ungefährlicher Job auf Peter.

Und, als einfacher Bursche, hatte er nicht einmal eine Rüstung. Und auch keinen Schild mit schönem Wappen. Aber er hatte eine Idee. Auf dem Weg zu den Zinnen war er an der Küche vorbeigegangen und hatte der Köchin eine große Pfanne abgeschwatzt. Schnell wischte er mit einem Lappen darüber und dann lief er los.

So versteckte er sich dann hinter einer Zinne und lud die Armbrust. Dann schützte er sich mit der Bratpfanne in der einen Hand, während er ein Ziel ausfindig machte und den Abzug drückte. Dann alles wieder von vorne. Während ihm ständig die Bolzen der Gegner um die Ohren flogen

Die Pfanne roch noch nach Essen. Nach Zwiebeln, um genau zu sein.

Gerade vorhin hatte ein Bolzen der Aquitaniert genau seine Pfanne in der Mitte erwischt und sie ihm aus der Hand geschlagen, so fest war der Einschlag. Seine Hand tat ihm jetzt noch weh.

Aber was sollte er machen? Er krabbelte zu der Pfanne und setzte seinen dämlichen, nutzlosen Job fort. Dieses Mal bot sich ihm ein leichtes Ziel. Da stand ein hochgewachsener Aquitanier mit dem Schild auf dem Rücken und brüllte etwas zu ihm hoch.

Peter verstand kein Wort, denn Okzitanisch war das nicht, was dieser Adelige da quasselte.
Er duckte sich hinter die Pfanne, zielte, und drückte den Abzug

Kapitel vier: Eine Viertelstunde vorher.

Richard Löwenherz, der berühmteste König seines Zeitalters, saß in seinem Zelt und brütete vor sich hin. Die einzig sinnvolle Strategie, die er in diesem Krieg hatte finden können, basierte auf einer einzigen Vorraussetzung: Geduld.

Genau das, was er eben nicht hatte! Aber alles andere machte keinen Sinn. Vier Jahre schon raubte und plünderte er sich alles zurück, was sein bescheuerter Bruder verloren hatte. Bis auf eine Burg hatte er den Zustand von vor den Kreuzzügen wieder hergestellt.

Er musste eigentlich nur warten, bis die französischen Adeligen diesen schmierigen Philipp endlich den Wölfen zum Fraß vorwarfen.

Darum war dieser kleine Aufstand in Limoges so etwas wie eine Sommerfrische für Richard und seine Männer. Ein Ritual. Ein Spiel. Das Spiel ging so: Ein Fürst begehrt auf. Dann kommt Richard, zeigt an einem Exempel seine militärische Überlegenheit. Der Fürst gibt auf. Und es gibt dann Vergebung, Reue und ein gemeinsames Festmahl.

Und Chalus-Chabron war dieses Exempel. Eine Fingerübung für Richard und seine kampferprobte Truppe. Er saß also an diesem 26. März in seinem Zelt und versuchte. sich gepflegt zu unterhalten.

Aber das hatte er noch nie gut gekonnt. Das langweilte ihn. Also entschloss er sich, seine abendliche Runde heute früher zu drehen. Seinen Leuten zeigen, dass er da war. Dass er sich um sie kümmerte.

Als er an die Palisade kam, da zeigten seine Schützen ihm etwas Interessantes. Etwas Ungewöhnliches. Hinter einer Zinne tauchte in regelmäßigen Abständen etwas Seltsames auf. Immer wieder erschien ein schwarzes, rundes Metalldings. Was das wohl war?

Na klar, das war ein Bratpfanne! Eine Bratpfanne nahm den Kampf mit seiner überlegenen Truppe auf. Das war ja zu drollig! Das musste schon irgendwie ein Teufelskerl sein, da hinter der Zinne.

Richard kannte das. Diese plötzliche Tapferkeit. Dieses Element, dass etwas völlig Unerwartetes auf einem Schlachtfeld passiert. Diese Momente waren wichtig. Diese Momente konnten eine Schlacht auch entscheiden.

Also sprang er auf einen Erdhaufen und grüßte den tapferen Verteidiger. Und rief ihm Worte der Anerkennung in Aquitanisch zu. Wie das der ach so ritterliche Richard Löwenherz halt so tut.

Als er sich lächelnd wieder umdreht, bohrt sich von hinten ein Armbrust-Bolzen in die rechte Schulter. Zu dumm. Hätte er nur das Schild mitgenommen! Zu dumm.

Kapitel fünf. Zehn Tage später.

Die Höhle wurde fertig, das Feuer hat gebrannt, die Südmauer ist gefallen. Die Burgbesatzung hat aufgegeben. Das Exempel, das Richard gebraucht hat, war statuiert worden.

Grimmige Soldaten haben sich Peter geschnappt, gefesselt und zerren ihn nun durch das aquitanische Lager. Die Stimmung ist unheimlich ruhig. Die Eroberung, das Gemetzel, alles war in einer bedrohlichen Ruhe geschehen.

Sie schubsen Peter vor das Zelt des König. Und dann hinein. Mit einem Schlag ist er in einer anderen Welt. Das Zelt ist heiß, Feuerkörbe brennen an allen Ecken. Und es riecht intensiv nach Räucherwerk, das überall vor sich hin kokelt. Darunter der beißende Gestank von verfaulendem Fleisch.

Vor Peter baut sich auf einmal eine imposante, ältere Frau auf. Eleonore von Aquitanien. Die wahrscheinlich mächtigste und selbstbewussteste Frau ihrer Zeit. Die als Königin von Frankreich ihren Mann entgegen aller Sitten und Konventionen auf einen Kreuzzug begleitet hatte.

Nur um dann, nach ihrer Rückkehr, ihre Ehe annulieren zu lassen und den damals deutlich jüngeren Fürsten von Anjou zu heiraten. Heinrich, der spätere Heinrich II. König von England.

Sie war Königin von Frankreich gewesen und nun war sie Königinmutter von England.
Und sie war nicht gut auf Peter zu sprechen. Richard war ihr Lieblingssohn. Richard war die große Hoffnung für ihr angevinische Reich.

Doch. weiter hintem im Zelt. gab es einen noch schlimmeren Anblick. Da lag eben dieser Richard Löwenherz auf seinem Lager und starb.

Seine Hände und Füße waren schwarz, der Körper um seinen Geist starb Stück für Stück. Wundbrand ist keine schöne Art zu sterben. Sein Fleisch wurde Zentimeter für Zentimeter nekrotisch. Er verfaulte bei lebendigem Leib, bis die Organe irgendwann, bald, einfach aufgaben.

Er, Richard, hatte den Auftrag gegeben, seinen Mörder zu suchen, damit er den mutigen Armbrustschützen kennenlernen konnte.

Mit brüchiger Stimme versichert ihm Richard, dass er nichts zu befürchten habe. Und dass er, der kleine Bursche Peter, nur seine Pflicht getan habe. Und er gratulierte ihm zu seiner Schlauheit und seiner Tapferkeit. Der noble Ritter-König Richard Löwenherz.

Letztes Kapitel. Ein Tag später. 6. April 1199

Der König ist tot. Richard Plantagenet, genannt „Oc e No“ oder eben Löwenherz ist nicht mehr. Sein Bruder Johann, den man wirklich „OhneLand“ nennen wird, ist rechtmäßiger Herrscher über England. Es lebe der König.

Das europäische Großreich, das Eleonore aufgebaut hatte, wird innerhalb einiger Jahrzehnte zerfallen. Nach Richards Tod ist sie die Befehlshaberin der aquitanischen Truppen vor den Toren der Burg von Chalus-Chabron.

Und Eleonore ist nicht die Frau, die sich im Moment für die Legende mit Namen Löwenherz interessiert. Sie fühlt sich an Ehrenworte, die ihm, Fieberwahn gesprochen wurden, in keinster Weise gebunden.

Sie lässt Peter hinrichten. Wie das wahrscheinlich im Detail geschieht, schauen wir uns heute nicht mehr an. Schön war das sicher nicht.

Moral von der Geschichte

Ganz am Anfang vom Ende des Adels in Europa stand ein Bursche mit Namen Peter. Denn Richards Bruder Johann wird seine Unterschrift unter die Magna Charta setzen. Und damit den Anfang vom Ende des Feudalismus besiegeln.

Wir werden noch siebenhundert Jahre voller Blut und Leid brauchen, bis dieses ungerechte System in Europa endlich abgeschafft ist.

Aber – ganz am Anfang – stand ein Holzbolzen, der auf ein Bratpfanne schlug. Nicht auf eine noble Rüstung, nicht auf teures Kettenhemd und nicht auf ein Schild mit einem hübschen Wappen.

Sondern auf eine einfache Bratpfanne.

Die noch nach Zwiebeln roch.