Lucy Ann

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Als am Rand des Hexenkopf-Nebels, 800 Lichtjahre von der Erde entfernt, ein seltsames Schwarzes Loch auftaucht, sind sich die Forscher einig: Das ist ein Zeichen für die Anwesenheit einer extra-terrestrischen Intelligenz!

Die Menschheit schickt gemeinsam das Forschungsschiff „Ahab“ auf die Reise in ein Universum, dass sich brav an die Relativitätstheorie hält. Also sprechen wir von einer wirklich langen Reise …


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Musiktitel: „Space Oddity Hommage“ von Émilie Simon

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Die Geschichte zum Lesen

Tagebuch Captain Richard Henry Dana, Jr., Eintrag 449, Revision 4:

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie wir die erste Murmel an Bord geholt haben, drei Tage nach der Ankunft hier. „Murmel“ sagt die Crew zu den perfekt runden Kugeln aus einem uns unbekannten, steinharten, halbtransparenten Material.

Als ich endlich den Raumanzug angezogen hatte und mich der Murmel Numero Uno näherte, hatte die Crew diese schon mit Drähten fixiert und helle Scheinwerfer darauf gerichtet. Man sah etwas Längliches in der Kugel liegen.

Ungefähr zwei Meter Durchmesser hat so eine Murmel und zumindest Numero Uno war komplett mit seltsamen Schriftzeichen bedeckt. Zeichen, die fast aussehen wie Buchstaben oder Ziffern, aber eben immer nur fast. Wie ein vergessener Name, der einem auf der Zunge liegt, aber partout nicht einfallen will.

Neugierig presste ich den Helm gegen die Kugel und versuchte zu erblicken, was darin verborgen war. Wenn ich angestrengt in die milchige Transparenz starrte und mich in einen bestimmten Winkel zum Scheinwerfer stellte, konnte ich es sehen:

In der Kugel lag eine Frau!

Beim Anblick des Körpers habe ich vor Schreck gequietscht wie ein Kular! Ich bin rückwärts gestolpert, in den Drähten hängen geblieben und lag plötzlich, immer noch schreiend, wehrlos auf dem Sauerstofftank!

Dafür war ich aber auch die erste Person, die ‚Red Phoenix‘ gesehen hat. So nennt die Besatzung die wunderschöne junge Frau mit den langen roten Haaren, die wie eingefroren in dem milchigen Material der Murmel schwebt.

Völlig nackt, entspannt, mit geschlossenen Augen, als hätte sie sich erst gestern wohlbedacht in diesen High-Tech-Bernstein eingießen lassen.

Das muss man sich einmal vorstellen: Wir waren achthundert Jahre von der Erde entfernt und hatten ein außerirdisches Wesen entdeckt, das haargenau aussah wie ein Homo sapiens direkt von unserem Heimatplaneten! Die Science Fiction des zweiten Jahrtausends lag doch richtig!

Alleine dieser Fakt hätte gereicht, um die Crew zu beunruhigen. Doch da ist eine noch beunruhigendere Tatsache, die man nicht verdrängen konnte: In diesem Sonnensystem, in dem wir gelandet waren, war diese Kugel nicht die Einzige!

Um den weißen Zwerg, der einmal in dieser Ecke des Universums die Sonne gegeben hat, kreisen unzählige dieser Kugeln. Die letzten Schätzungen aus der Astrometrie gehen von sechs Milliarden Kugeln aus, die dort draußen ihren Geistertanz aufführten.

Ich hasse dieses Sonnensystem, seitdem ich mit den schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens aus dem Kryo-Schlaf aufgewacht war. Alle anderen an Bord wachten gut erholt aus ihren Tiefkühltruhen auf, nur ich hatte drei Tage Migräne vom Typ ‚Presslufthammer Komma Tunnelblick hoch drei‘.

In der Mitte dieses Friedhofs von Sonnensystem ein toter Stern, umgeben von drei Planeten in der habitablen Zone, die nach ersten Scans alle Wüstenplaneten waren.

Am Rande dann dieses seltsame schwarze Loch, das allem widerspricht, was wir über schwarze Löcher so zu wissen glauben. Es ist extrem klein und verfügt über eine geringere Gravitation, als man von einer Singularität erwarten würde, aber vor allem spuckt es in unregelmäßigen Abständen Materie aus!

Das wirklich Sensationelle war aber die Tatsache, dass es von heute auf morgen auf unseren Sensoren auftauchte. An der Türschwelle zur Erde. Wenn man 800 Lichtjahre als nah betrachtet. Astronomen tun das durchaus.

Diese Fakten führten daheim auf der Erde instantan zur Theorie, dass es sich bei diesem Phänomen am Rande des Hexenkopfnebels um kein natürliches handelt. Sondern um ein technologisches Bedingtes. Was wiederum die spannende Frage aufwirft: Hmm, wessen Technologie, bitte schön?

Zeit also, dass die zerrissene, bescheuerte Menschheit sich zum ersten Mal zu einer ersten interstellaren Mission zusammenfindet. Das wären wir, die Ahab mit ihrem schreienden Captain!

Aus dem simplen Konstruktions-Raumer wurde durch teure Umbaumaßnahmen ein interstellares Forschungsraumschiff. Die Mannschaftsquartiere wurden mit tiefgefrorenen Wissenschaftlern aufgefüllt und die Fusionsreaktoren mit 800 Tonnen Tritium.

800 Jahre waren wir unterwegs, mit immerhin 99% der Lichtgeschwindigkeit, 297.000 Kilometer in der Sekunde!

Als erste Person weckte der Computer den Mann mit der Migräne. Während ich die Medizinerin der Mission auftaute, erhielt ich die ‚neuesten‘ Nachrichten. Die waren gut abgehangene vierhundert Jahre alt und berichteten in sachlichem Ton, dass das Ganymed-System von allen Sensoren verschwunden war.

Während Amanda und ich uns darum kümmerten, auch den Rest der Crew aus dem Cryo-Schlaf zu holen, hatte der Bordcomputer die ersten Scans ausgewertet und uns auf die seltsame Perlenkette hingewiesen, die da um den weißen Zwerg inmitten des unbekannten, neuen Scheiß-Solarsystems kreiste.

Sofort waren Ganymed und das schwarze Loch sekundär. Die Anwesenheit von sechs Milliarden perfekten weißen Kugeln aus Milchglasdiamanten änderte den Zweck unserer Mission sofort!

Am dritten Tag, nachdem wir die erste Murmel an Bord geholt hatten, saßen Amanda und ich im medizinischen Labor der Ahab und betrachteten die rote Phönix. Unter Licht einer gewissen Polarisation wurde das Material der Kugel komplett transparent. Der perfekte Körper des Wesens, das einer Menschenfrau verblüffend ähnelte, schien in der Mitte des Raumes zu schweben. Immer wieder umkreisten wir die Murmel, so wie zwei Geier den Sterbenden in der Wüste.


„Du bist Dir sicher, dass sie tot ist?“

„Hm. Lass‘ mich mal die Checkliste durchgehen! Herzschlag: Null, Atmung: Null, Gehirnströme: Null – das erfüllt alle Kriterien für einen klinischen Tod. Jetzt ist ihre Temperatur genau Raumtemperatur. Wir wissen aber nicht, wie kalt sie war, als wir sie an Bord geholt haben.

Da war die Schiffsärztin zu sehr damit beschäftigt, den Kapitän der Ahab zu behandeln, der mit einer Panikattacke auf dem Rücken lag wie eine Schildkröte und wie am Spieß schrie. Wie Fay Wray in ‚King Kong‘“

„Sehr witzig!“

„War nur eine sachliche Beschreibung. Zur Steigerung hätte ich noch milden Sarkasmus im Angebot. Soll ich?“

„Nein. Danke. Ich kann also davon ausgehen, dass die rote Phoenix ein Herz hat und eine Lunge und ein Gehirn.“

„Ja. Alles genau wie ein Mensch. Nur in der Luxusausführung. Alles klasse Organe ohne jeden Fehl und Tadel, soweit das NMR die Diagnose zulässt. Am ganzen Körper hat Phoenix Haut nicht eine Narbe, nicht einen einzigen Pickel, Mitesser oder auch nur eine verstopfte Pore!“

„Die Außerirdischen sind also Hygienefreaks. Wer hätte das gedacht?“

„Das überschreitet einfache Hygiene bei weitem. Dieses junge Alien ist allem Anschein nach ohne jede Krankheit, ohne jede Infektion und ohne jedes Trauma alt geworden.“

„Genau, gute Frage: Wie alt ist denn Phoenix?“

„Das kann ich Dir nicht genau sagen. Dazu bräuchte ich irgendeine Gewebeprobe. Irgendeine Zelle, die Dihydroguanosin enthält oder ein Stück DNA, dessen Telomere ich messen kann.“

„Du willst die Murmel öffnen?“

„Kann man die Murmel öffnen? Was sagen denn Terry und seine Grobmotoriker?“

„Terry sagt, dass an dem ganzen Ding kein Gelenk, kein Schalter und keine Gussnaht ist. Nicht einmal das winzigste Löchlein oder nur ein kleiner Haarriss! Bis auf die gravierten Schriftzeichen ist die Murmel eine perfekte Kugel von durchgängig gleicher Dichte.“

„Können wir reinbohren?“

„Tja. Das ist eine gute Frage. Einer der Gründe, warum ich bei Dir bin, Amanda.“

„Wieso? Ich bin doch nicht der Bord-Ingenieur!“

„Nein. Das nicht. Aber es stellt sich die Frage, ob die Phoenix nicht vielleicht im Kryo-Schlaf liegt. Wenn ich das richtig sehe, würden wir, wenn uns Außerirdische in unseren Schlaftanks finden, auch keinen Puls und keine Atmung und keine Gehirnströme haben, oder? Und wir wären auch eiskalt. Das könnte man tot nennen, oder?“

„Ja und nein. Bei einer oberflächlichen Analyse wären Menschen in der Kältestarre wohl tot. Aber die Stoffwechselvorgänge hören nicht restlos auf, sie sind nur superlangsam. Bei Phoenix konnte der Bordcomputer in drei Tagen genau gar nichts registrieren.“

„Also ist sie tot.“

„Du willst sie unbedingt aufbohren, die Murmel?“

„Anders kommen wir wohl nicht weiter.“

„Was ist denn mit der Beschriftung? Vielleicht habe die Aliens da ja eine Warnung draufgedruckt: Nicht öffnen vor Weihnachten 4800! Lebensgefahr!“

„Nancy hat gesagt, dass es bei Linguisten durchaus Theorien gibt, die aussagen, dass wir extra-terrestrische Schriftsysteme vielleicht niemals entziffern können.“

„Aber wenn es sich doch um ein kryokonservierendes System handelt bei der Murmel und Du machst es mit Deiner Bohrung kaputt?“

„Tja. Das wäre Pech. Oder?“

„Das erste Alien, mit denen Menschen Kontakt haben und Du hast es kaputt gemacht. Was wohl ‚Oops! Tut uns echt leid!‘ auf außerirdisch heißt? Frag‘ Nancy sicherheitshalber schon einmal!“

„(Gereizt)Mein Gott, Amanda! Du weißt genau wie ich, dass wir nicht nur dieses eine Fragezeichen da draußen haben. Sondern fünf Milliarden! Und das in einem Sonnensystem mit dreimal Wüstenplanet, aber ohne Anzeichen für Leben!

Das ist die neue Heimat für den Rest unseres Lebens! Für Dich, mich und die andern 120 Wissenschaftler an Bord!

Ach! Das außerirdische schwarze Monsterloch vor unserer Haustüre, aus dem ab und zu Materie gespuckt wird, das habe ich noch nicht einmal erwähnt!“

„Also macht es nichts, wenn man die eine oder andere Murmel kaputt macht, stimmt’s? Lass uns genau so weitermachen, wie wir das auf der Erde schon gemacht haben. Ohne Respekt und Reflektion. Immer nur auf Eigennutz und Gewinn bedacht!“

„(Laut)Was würdest Du denn machen? Warten, bis sich die Murmel von selber öffnet? Das Phoenix die Augen aufmacht und uns anschaut?“

(Pause)

„Ja, komisch. Stimmt schon. Wenn man diesen perfekten Körper anschaut, dann könnte man meinen, dass sie nur schläft, stimmt’s?“

„(stöhnt) Verdammt!“

„Deine Kopfschmerzen sind noch nicht besser?“

„Nein. Kannst Du mir was geben?“

„Klar. Dein Kommunikator blinkt übrigens.“

„Oh. Danke!“

SFX: Piepsen.

Nancy: „Richard, hörst Du mich?“

„Laut und deutlich. Was gibt es, Nancy? Habt ihr die Murmel entziffert?“

„Tja. Von uns gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Ja, wir haben sie entziffert. Fast.“

„Warum ging das doch so schnell?“

„Das liegt an Dr. Huang. Dem kamen die Schriftzeichen noch vertrauter vor als uns Europäern. Was auf der Murmel verwendet wird, das ist ein Schriftsystem, das alle bekannten Schriftsysteme, die wir auf der Erde entwickelt haben, sozusagen vereinheitlicht. Viel Han, ein bisschen Lateinisch, Griechisch und Kyrillisch, aber auch eine Prise Keilschrift und ein fremdes System, das keine Parallele auf der Erde hat.“

„Wie? Die Außerirdischen schreiben Chinesisch?“

„Jetzt warte erst einmal ab, Richard. Wir haben da schon eine Theorie. Du weißt doch, dass wir 800 Jahre unterwegs waren, stimmt’s?“

„Klar weiß ich das!“

„Und die letzte Nachricht, die uns erreicht hat, ist 400 Jahre alt.“

„Klar. Die Nachricht, dass Ganymed verschwunden ist.“

„Und sonst haben wir noch keine Nachrichten bekommen.“

„Aber Nancy, Du weißt doch selber, wie schnell das Licht ist. Wir waren schließlich ziemlich nahe dran mit der Ahab.“

„Na gut. Lassen wir das. Mit dem Decoder, den wir so entwickelt haben, konnten wir anfangen, die Murmel zu entziffern. Das Erste war der Name der Frau in der Kugel. Red Phoenix heißt eigentlich ‚Lucy Ann‘“.

„Was? Das ist der denkbar amerikanischste Name, den sie nur hätte haben können! Die Außerirdischen nennen sich wie Amerikanerinnen?“

„Das Nächste, das wir entschlüsselten, war ihr Zahlensystem. Es ist dezimal, wie unseres auch. Unter dem Namen ‚Lucy Ann‘ stand eine sehr lange Ziffer. Wie eine Katalognummer. Und dann folgte ein Dreierblock mit Ziffern. Daran haben wir uns lange die Zähne ausgebissen. Dann haben wir Blade geholt, von der Astrometrie, und der hat es gleich erkannt: Es sind Koordinaten.“

„Die Murmel kommt mit einem Absender!“

„Genau. Und der Absender ist: Die Erde, Richard.“

„Jesus, Maria und Josef! Die Kugel kommt von der Erde?“

„Ja.“

„Dann ist Phoenix ein Mensch?“

„Lucy Ann ist ein Mensch.“

„Dann schweben um diesen Scheiß-Weißen-Zwerg fünf Milliarden Menschen?“

(Geflüstert) „Um den Scheiß-Weißen-Zwerg, lieber Richard, kreist die gesamte Scheiß-Menschheit!“


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