Sommernachtstraum

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„Der Sommernachtstraum“ von Shakespeare ist Herrn Wunderlichs Lieblingswerk aus dessen Feder. Und der Held ist natürlich Puck, keine Frage. Sowie die anderen Wesen der Feenwelt. Äh … Was das alles aber jetzt mit Autofahren und besonders mit Trampen zu tun hat? Das musst Du im heutigen Hörspiel wohl selber hören!


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Download der Sendung hier.

Musiktitel: „King of Fairies“ von HILLARIOUS / CC BY-NC-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Erzähler: Spätsommer. Die Autobahn dampft nach dem heftigen Schauer. Es ist schwül, der Tag dämmert langsam weg. Handelsvertreter Hans Kinkel sagt zu sich: „Kuckma! Eine Tramperin! Ich dachte, die sind ausgestorben!“

Weswegen er die durchnässte, leicht heruntergekommene Gestalt mit der verfilzten Mütze großzügig in seinen BMW gelassen hat.

HW: Na, komm rein! Das war ja ein ganz schöner Wolkenbruch! Stehst Du schon lange da?

FA: Seit halb zwei. Trampen ist nicht mehr so einfach wie in den Siebzigern.

HW: Das stimmt. Damals waren überall Tramper. Aber woher willst Du das wissen? Du bist doch höchstens 16 oder 17 Jahre.

FA: Oh, ich bin viel älter als ich aussehe.

HW: Ja, aber keine 50 oder 60.

FA: Nein. Nicht 50. Und nicht 60. Sagen wir einfach: Aus Erzählungen!

HW: Ja, das waren coole Zeiten. 78 war’s, da bin ich mit meiner Freundin nach Griechenland und zurück getrampt. Unsere Eltern dachten, wir fahren mit Magic Bus, aber die Kohle haben wir uns gespart und haben in Griechenland gelebt wie die Götter. Wir waren auch nicht älter als Du. Damals ging das.

FA: Ja, die guten alten Zeiten.

(Schweigen)

HW: Was macht denn eine gutaussehende junge Frau wie Du alleine auf der Autobahn?
FA: Oh je …
HW: Wieso: ‚Oh je‘?
FA: Weil das schon anfängt wie die älteste, blödeste Anmache der Welt. Wie oft ich das schon von Menschen gehört habe!
HW: Sorry, das war nicht so gemeint. Ganz ehrlich! Ich habe eine Tochter, die 17 ist, das war echt keine Anmache!
FA: Schon gut.

HW: Also: Was machst Du denn auf der Autobahn?
FA: Trampen.
HW: Ja, schon klar. Das habe ich an dem Daumen erkannt, den Du rausgestreckt hast.
FA: Na ja, ich versuche, mithilfe williger Autofahrer von Punkt A zu Punkt B zu kommen. Ich denke einmal, letzteres Interesse teilen wir zumindest, oder?

HW: Ach, hab‘ ich ja ganz vergessen: Wo willst Du denn heute noch hin?

FA: Nach Gülpe.

HW: Wohin? Gülle?

FA: Nein. Gülpe. Bei Havelaue.

HW: Kenn‘ ich auch nicht.

FA: Bei Brandenburg?

HW: In Brandenburg, meinst Du?

FA: Bei Berlin? Kennen Sie Berlin?

HW: Haha. Ja, das hab‘ ich schon einmal gehört! Heute ist Dein Glückstag, Kleine! Ich fahre nämlich nach Potsdam!

FA: (matt) Hurra! Und würden Sie mich mitnehmen?

HW: Na klar! Kein Problem! Ich fahre und Du unterhältst Dich mit mir, damit ich nicht einschlafe.

FA: O.k. Deal!

(Schweigen)

HW: Übrigens, coole Mütze!
FA: Danke.
HW: Ist das nicht heiß unter diesem Riesen-Wolldings?
FA: Nein.
HW: Hast Du die immer an?

FA: Ja.

HW: Ist die noch von Deiner Mama?
FA: Nein.

HW: Aus der Hippie-Zeit? Rastas haben so Mützen, oder?

FA: Möglich.

HW: Mann, ist ja nicht auszuhalten, Du quasselst aber auch in einer Tour!
FA: Witzig.

HW: Du weißt, wie das geht. Dieses „Unterhalten“? Oder?

FA: Wird stark überschätzt. Aber ich muss mich ja an den Deal halten.

HW: Eben.

FA: Eben.

HW: Woher kommst Du denn?

FA: Äh. Von einem Einsatz in Frankfurt.

HW: Einsatz? Wo denn das?

FA: Bei einer… äh… Messe.

HW: Echt? Welcher denn?

FA: Der äh… äh… ach, die sind doch alle gleich, oder?

HW: Das kann man nicht behaupten. Was wurde denn da verkauft?

FA: Äh… Kosmetikartikel! Genau! Es war eine Kosmetikmesse!

HW: Die Cosmetica! Klar. Aber die ist doch schon seit 10 Tagen vorbei.

FA: Ich äh… ich habe beim Abbauen geholfen.

HW: (skeptisch) Verstehe. Hmm…

(Schweigen)

FA: Was denn?

HW: Ich habe irgendwie den Eindruck, dass Du mich anflunkerst!

FA: Echt? Wieso?

HW: Keine Ahnung. Ich kenne mich mit Messen aus. Ist mein täglich Brot. Bin Vertriebler. Abbauen dauert eigentlich immer nur zwei Tage, selbst bei der IAA und die ist wirklich aufwändig!. Auf dem Gelände in Frankfurt ist jetzt schon die nächste Messe. Die „funds excellence“.

FA: Stimmt! Da hab ich beim Aufbauen geholfen!

HW: Ha! Hab‘ ich Dich! Das ist ein Kongress der Vermögensverwalter. Da muss man nichts aufbauen!

FA: Okay, okay! Ich habe gelogen.

HW: Und die Wahrheit wäre?

FA: Die ganze Wahrheit?

HW: Ich bitte darum!

FA: Ich musste einem Kind schöne Träume bescheren. Denn ich bin eine Fee.

HW: (verblüfft) Was? Wie? Eine Fee? (lacht) Schon gut, veräppel‘ mich nur!

FA: Das ist die ganze Wahrheit. Ich bin eine Fee. Punkt. Aus. Äpfel. Amen.

HW: Das behauptest Du im Ernst? Feen sind aus dem Märchen! Frei erfunden!

FA: Schau‘ ich erfunden aus?

HW: Und Feen haben Flügel!

FA: Im Ernst? Das glaubst Du?

HW: So wie Tinkerbell!
FA: Tinker-was?

HW: Na, aus Peter Pan! Die Fee aus Peter Pan!
FA: Das war eine Pixie!

HW: Ach, echt?
FA: Ja, das wird oft verwechselt.

HW: Aber Du bist eine Fee?

FA: Genau.

HW: Sind alle Feen junge Frauen?
FA: Glaubst Du das?

HW: Klar!

FA: Woher kommen Deiner Meinung dann die kleinen Feen? Jungfernzeugung? Klonen? Oder baut man Feen auf Äckern an? Deiner Meinung nach …

HW: Schon gut. Ich kenne halt nur weibliche Feen.

FA: Ich wette, Du kennst überhaupt keine Fee.

HW: Doch, das ist die Fee Amaryllis …

FA: Das ist Deine Quellenlage? Hochwissenschaftlich! Der Räuber Hotzenplotz? Glaubst Du auch an Zauberer? Wie Petrosililus Zwackelmann?

HW: Nein, Quatsch! Aber das ist ja der Punkt: Ich glaube ja auch nicht an Feen!

FA: Auch, wenn ich hier sitze und nicht Zauberer Zwackelmann?

HW: Hast Du denn Flügel? Kannst Du nicht fliegen?

FA: Nein! Sonst würde ich ja wohl kaum freiwillig bei diesem Wetter an der Autobahn rumstehen. Im Regen. Und mich mit einem Menschen unterhalten.

HW: Und dann die gute Fee bei Pinocchio!

FA: Ja. Und vergiss‘ nicht die Feen bei Dornröschen. Mann, das sind alles Märchengeschichten! Und ich bin echt und sitze neben Dir!

HW: O.k. Ich soll also glauben, dass es Feen gibt. Gibt’s dann auch Riesen? Oder Elfen? Oder Zwerge?

FA: Klar gibt’s die. Ich persönlich z.B. habe überhaupt nichts gegen Elfen. Einige meiner besten Freunde sind …

HW: Moment, Moment! Wir leben hier in diesem dicht bevölkerten Land. Und da gibt’s Riesen und das ganze andere Märchenzeug! Behauptest Du! Wo lebt ihr denn?

FA: Du willst, dass ich Dir verrate, wo der Eingang zum Reich des Elfenkönigs ist?

HW: Na ja, ungefähr halt.

FA: Du weißt, wenn Du das nur einmal betrittst, dann kannst Du als Mensch nie mehr zurückkommen?

HW: Keine Angst, ich habe nicht vor, es zu betreten!

FA: Versprochen? Ich könnte sonst echt Ärger kriegen!

HW: Großes Indianerehrenwort!

FA: Indianer? Im Ernst? Die ihr versucht habt, auszurotten?

HW: Ich nicht.

FA: Das ist trotzdem schwach.

HW: Okay, auf was soll ich dann schwören?

FA: Wie heißt Deine Tochter?

HW: Wieso ist das denn wichtig?

FA: Namen sind mächtig.

HW: So, wie meine Frau das wollte: Isabell. Nach der Oma. Ich wollte ja Pipilotta …

FA: Gut, dann schwöre auf die Traumwelt von Isabell!

HW: Das ist mir ein bisschen unheimlich …

FA: Du glaubst doch eh‘ nicht an Feen!

HW: Stimmt auch wieder.

FA: Also?

HW: Ich schwöre auf die Traumwelt von meiner Tochter.

FA: Noch einmal. Mit Macht.

HW: Ich schwöre auf die Traumwelt von Isabell.

FA: Gut. Der Eingang zum Reich des Elfenkönigs liegt bei Gülpe.

HW: Im Havelland? Aber da lebt doch kein Mensch.

FA: Du sagst es!

(Schweigen)

HW: Ich weiß nicht. Ich glaube Dir immer noch kein Wort. Du verarschst mich doch. Irgend so ein seltsamer Scherz von einem Teenager.

FA: Ich bin kein Teenager. Ich bin 1260 Jahre alt.

HW: Du bist im achten Jahrhundert geboren?

FA: So ist es.

HW: Na, dann hast Du Dich aber gut gehalten! Und was Du alles erlebt hast! Den Untergang des Römischen Reichs …

FA: Das war früher. Aber Mama hat davon erzählt.

HW: Ach! Und Oma war mit Moses 40 Jahre in der Wüste.

FA: Das waren nur 12 Jahre. Die Schriften neigen zu Übertreibungen!

HW: Du hast auch auf alles eine Antwort!

FA: Stimmt genau!

HW: Im Ernst: Warum schaust Du so jung aus.

FA: Fee altern nicht. Bei meiner Geburt war der Eingang zum Reich des Elfenkönigs übrigens in der Bretagne. Und noch nicht in Gülpe.

HW: So so. Ob mir das bei Quizduell hilft?

(Schweigen)

HW: Weißt Du was? Ich glaube Dir, wenn Du mir das beweist! Erfülle mir doch drei Wünsche!

FA: Nein, das mache ich nicht.

HW: Dann halt einen Wunsch!

FA: Das mach‘ ich auch nicht.

HW: Warum denn? Ich wünsche mir auch nicht noch mehr Wünsche …

FA: Ich erfülle gar keine Wünsche. Ich bin doch nicht Bibi Blocksberg. Oder Gandalf. Oder Dumbledore. Ich kann keine Wünsche erfüllen.

HW: Was machst Du dann so?

FA: Alpträume vertreiben. Aber ich weiß auch alles. Ich kann Fragen beantworten. Alle Fragen beantworten.

HW: Das ist aber enttäuschend.

FA: Weißt Du ‚was. Lass‘ mich doch bitte hier ‚raus. Das Reden mit euch Menschen macht mich immer ganz fertig, das ist einfach nicht meins.

HW: Okay. Schade. War eigentlich ganz interessant, das Gespräch. Und aus irgendeinem Grund habe ich beinahe schon geglaubt, dass Du eine Fee bist.

FA: Da vorne wäre gut!

HW: Also, hier. An diesem Parkplatz?

FA: Pass‘ auf, Hans Kinkel …

HW: Wow! Hey, woher kennst Du meinen Namen?

FA: Weil ich eine Fee bin und alles weiß! Ich bin so alt und schlau und welterfahren, ich kann sogar Namensschilder auf Jacketts lesen!

HW: He? Ach so!

FA: Als Dank für Deine gute Tat, muss ich Dir einen Gefallen tun. Das ist leider so ein dummes Gesetz. Wer einer Fee hilft und so weiter. Ich beantworte Dir also drei Fragen.

HW: Cool! Ich darf Dir irgendwelche Fragen stellen?

FA: Ja, genau.

HW: Und die Antworten sind dann hundertprozentig richtig?

FA: Hundertprozentig! Eine Frage bleibt Dir noch.

HW: Was? Wieso? Hey! Willst Du mich verarschen?

FA: Ja, will ich. Das war die dritte! Aber denk‘ Dir nichts: Läuft immer so!

HW: Hey!

FA: Leb‘ wohl, Hans Kinkel!

Es wird ruhig im Auto. Ein Tropfen fällt vom durchnässten Beifahrersitz auf die Fußmatte. Man kann das hören!


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