Die Vorbesitzer

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Mittlerweile hat Hollywood auch schon mehr als hundert Jahre auf dem Buckel und damit eine eigene Geschichte und eigene Geschichten zuhauf.

Kein Wunder also, dass es nun auch Gebäude gibt, in denen es spukt. Und nachdem es Hollywood ist, hat der Spuk auch mit Film und Fernsehen zu tun. Klar!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Is You Is Or Is You Ain’t My Baby“ von Tom, mit Jerry

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

FA: Okay, ich gebe auf. Eigentlich wollte ich ja desinteressiert bleiben. Aber ich muss zugeben, dass ich wirklich immer davon geträumt habe, ein Schwimmbad im Keller zu haben. Aber ein cooles, nicht eines, dass so nach Chlor stinkt wie das in der Schule und nicht eines, das gefliest ist wie ein Klo.
HW: Ja, der letzte Vorbesitzer dieses Hauses hatte durchaus Geschmack. Das ist der beste Schiefer der Welt, der hier verlegt ist. Ich habe sogar ein mehrseitiges petrographisches Gutachten.
FA: Petrowas?
HW: Petrographisch. Petrographie ist die Wissenschaft von den Gesteinen.
FA: Wow. Und die Beleuchtung war einfach genial gelöst. Das war sicher auch zu Dimmen, das Licht, oder?
HW: Das kann man so sagen.

FA: Ich bin wirklich begeistert von dieser Immobilie!
HW: Wie schon ein paar Mal gesagt: Der Vorbesitzer hatte einen ausgefallenen Geschmack. Aber einen guten. War auch Europäer, so wie Sie. Warten Sie erst einmal ab, bis sie die Küche gesehen haben!
FA: Ich bin schon sehr gespannt. Ich fasse es nicht, dass jemand wirklich einen Geschmack hat, der so nahe an meinem ist. Was hat der Vorbesitzer gemacht?

HW: Der letzte Vorbesitzer hatte wie alle anderen Vorbesitzer hier mit Filmen zu tun. So wie Sie auch. Ich meine YouTube ist doch wie Film, oder?
FA: Das kann man schon so sagen. Ich bin sozusagen Drehbuchschreiber, Regisseur, Kamerafrau und Hauptdarstellerin in einer Person.
HW: Ja, der Vorbesitzer, dessen Namen ich nicht nennen darf, ist ausschließlich als Regisseur tätig.
FA: Aber den kennt man?

HW: Ja. Sicher. So! Das wäre jetzt also das Prachtstück des Hauses. Die Küche! Um diesen Raum ranken sich Legenden, kann ich Ihnen sagen. Hier haben schon Superstars gegessen, als wir beide noch in den Windeln lagen! Charlie Chaplin, ein anderer der Vorbesitzer, hat selber diesen Holzofen einbauen lassen. Und die Arbeitsflächen aus Carrara-Marmor hat sich Sophia Loren einfallen lassen, auch eine Vorbesitzerin!
FA: Wow. Das ist auf jeden Fall die größte Küche, die ich jemals gesehen habe. Soviel ist sicher. Der Kühlschrank …
HW: Das Kühlhaus, meinen Sie?

FA: Ist das dort hinten ein Wasserfall, oder bin ich betrunken?
HW: Das ist die Spüle. Und ja, das ist ein Wasserfall. Das Gebäude hat eine eigene Wasserversorgung, die von der Hauptversorgung von LA unabhängig ist. Wenn in Zukunft bei Dürren wieder das Wasser rationiert wird, dann läuft in ihrer Spüle immer noch ein Wasserfall!
FA: Das ist ja unglaublich!
HW: Das, meine junge Dame, das ist wahrer Luxus!
FA: Und das alles bei dem Preis!

HW: Der Preis ist der Wahnsinn, oder? Und ich kann Ihnen garantieren, dass ich noch niemandem sonst diese Immobilie zu diesem Preis angeboten habe!
FA: Wo ist der Haken?
HW: Wie meinen Sie das?
FA: Da muss doch irgendwo ein Problem sein!
HW: Schaue ich aus, als würde ich Ihnen etwas vorenthalten?
FA: Absolut!

HW: Ich schaue aus wie ein Lügner?
FA: Nein. Wie ein Makler. Also, raus mit der Wahrheit! Sind die Nachbarn Drogenbarone?
HW: Nein!
FA: Oder alle als Sex offender registriert?
HW: Nein, aber das haben Sie sicher schon gegoogelt.
FA: Hab‘ ich. Also?
HW: Das Problem ist Jerry.
FA: Jerry? Auch ein Vorbesitzer?
HW: Ja. Dabei ist der gar kein Problem. Den spürt man gar nicht. Ich wollte Sie noch auf die Spülmaschine …
FA: Man spürt Jerry nicht?
HW: Nein. Wenn man ein offenherziges und tolerantes Wesen hat, dann bereichert er einem das Leben sogar! Die Spülmaschine ist ein Industriemodell, dessen Leistung …
FA: Jerry bereichert mein Leben?
HW: Wenn Sie das wollen! Er ist völlig harmlos!
FA: Jerry ist harmlos?

HW: Genau. Wenn man schon einen Hausgeist haben muss, dann ist Jerry die harmloseste Version, die man sich nur ausdenken kann. Was mich direkt zu der raffinierten Vorratskammer bringt, die direkt …
FA: Jerry ist ein Geist?
HW: Ja. Aber es ist nicht so, wie sie denken. Er ist keine Bedrohung, wirklich. Er ist kein Poltergeist, er weckt einen nicht mitten in der Nacht, er versucht gar nicht erst, einen zu Tode zu erschrecken. Noch nie hat jemand behauptet, er wäre tatsächlich bösartig! Selbst als es noch lebte nicht!
FA: Hier im Haus spukt es und der Geist heißt Jerry und ist nicht „tatsächlich“ bösartig?
HW: Ja. Genau. Und weil man das heutzutage angeben muss, ist die Immobilie so günstig. Aber, um noch einmal von der Vorratskammer zu sprechen …

FA: Ach. Man muss das angeben?
HW: Ja.
FA: Warum habe ich das dann in den Unterlagen nicht gesehen?
HW: Keine Ahnung. Das steht im Text!
FA: Nein, ich habe das ganz gelesen!
HW: Seite 18.
FA: Moment. Ich habe den Prospekt gleich hier!
HW: Und?
FA: Aber da ist nicht einmal Text abgedruckt!
HW: Doch. Auf dem Foto. Im Spiegel.
FA: Wie bitte? Aber das ist ja spiegelverkehrt. Und winzig!

HW: Na ja, WIE man das angibt, das ist nicht per Gesetz vorgeschrieben!
FA: Ach so! Wenn ich nicht nachgefragt hätte, dann hätten Sie das nicht erwähnt und dann würde ich das Haus kaufen und in der ersten Nacht dann würde dieser Jerry über mich herfallen! Während Sie sich von der Provision gerade eine Weltreise leisten!
HW: (lacht) Aber nein! Jerry ist wirklich harmlos! Der hat seine brutalen Tage schon lange hinter sich!

FA: Aha! Also war er einmal brutal!
HW: Ach was! Das war spielerisch, müssen sie wissen. Das ist über sechzig Jahre her, meine Liebe! Das waren ganz andere Zeiten, das können sie nicht verstehen. Da war Gewalt noch völlig alltäglich. Heutzutage ist er einfach nur … traurig.
FA: Ach, warum ist er denn so traurig, der arme Hausgeist?
HW: Weil er seinen besten Freund verloren hat, sagt man.
FA: (sarkastisch) Ooooch! Das kann einen schon traurig machen.

HW: Die beiden haben sich geliebt und gehasst, sagt man in Hollywood. Es gibt ja solche Beziehungen. Wenn sie zusammen waren, dann gab es immer Ärger! Total auf Konflikt gebürstet, die beiden! Da konnte keiner von beiden am anderen auch nur ein gutes Haar lassen!
FA: Das klingt nicht nach einer tollen Freundschaft.
HW: Na ja, wissen Sie, auch wenn sie sich gehasst haben, am Ende waren sie auch füreinander da. Wenn es einem der beiden richtig schlecht ging und er wirklich am Ende war, dann war die Feindschaft vergessen. Da haben die beiden zusammen gehalten wie Pech und Schwefel!
FA: Klingt auch nicht gerade psychisch gesund, wenn Sie mich fragen.

HW: Na ja, das waren damals andere Zeiten, junge Frau. Da wurde noch ohne Bandagen gekämpft. Das ist nicht wie jetzt, bei der Generation YouTube, wo Leute dafür berühmt werden, dass sie nichts können, aber das besonders schlecht. Damals musste man etwas auf dem Kasten haben. Jerry war zu seiner Zeit eine Ikone, müssen Sie wissen. Und jetzt ist er vergessen.
FA: Das Komische ist, das mich irgendetwas an dem Unsinn, den Sie da erzählen, richtig berührt. Sie sagen, er spukt hier herum, aber er ist nur traurig?

HW: So ist es. Keine Belästigung. Wie übrigens auch Essensgerüche in dieser Küche keine Belästigung sind wegen der genialen Entlüfung, die …

FA: Lassen Sie es gut sein! Ich mag das Haus, wirklich! Und die Tatsache, dass Sie es zum halben marktüblichen Preis anbieten mag ich besonders. Aber das bedeutet halt auch, dass dieser Hausgeist wahrscheinlich brutaler ist, als sie zugeben wollen!
HW: Nein, ganz sicher nicht! Bei aller Brutalität, die damals üblich war und aller Rivalität mit seinem besten Freund, hat er niemals jemanden so verletzt, dass es nicht in ein paar Sekunden wieder verheilt wäre! Das war alles nur kindischer Theaterdonner!

FA: Wie ist er denn gestorben, dieser angeblich so traurige Hausgeist?
HW: Das weiß keiner so wirklich ganz genau. Was man mit Gewissheit behaupten kann, ist, dass beide nicht gerade besonderes Glück beim anderen Geschlecht hatten. Es wäre nicht so gewesen, dass es da keine Frauen gegeben hätte in ihrem Leben, aber es ist niemals etwas Ernsthaftes dabei gewesen. Da hat sich einfach nichts entwickelt. Irgendwie hingen die beiden fest.
FA: Und dann?

HW: Dann war Jerry verschwunden. Keiner weiß genau, was geschehen ist. Es gab niemanden, der bemerkt hätte, dass er weg war. Es gab keine Vermisstenanzeige. Keiner hat eine Träne geweint, es gab keine Beerdigung, nichts.
FA: Oh. Na, das ist dann schon traurig. Zugegeben. Sogar sehr traurig.
HW: Seine Zeit war einfach abgelaufen, könnte man sagen. Das passiert hier in Hollywood oft. Meistens merken es die Stars nicht einmal. Wenn man hier Immobilien verkauft, dann begegnet man vielen Zombies.

FA: Echte Zombies?
HW: Nein, natürlich nicht! Es gibt doch keine Zombies, Sie Witzboldin!
FA: Aber Geister, oder?
HW: Na klar gibt es Geister!
FA: Das soll ich ihnen glauben?
HW: Natürlich! Wenn es diesen harmlosen, traurigen Geist nicht gäbe, dann würde ich das Doppelte verdienen an diesem Schmuckstück! Sie dürfen mir gerne glauben!
FA: Das ist, zugegebenermaßen, ein wirklich gutes Argument.

HW: Kommen Sie doch einfach einmal her!
FA: Wie, da in die Ecke?
HW: Ja, sie können ja selber einen Blick auf den Hausgeist werfen!
FA: Ach, kann ich?
HW: Ja.
FA: Jetzt, am helllichten Tag?
HW: Da, wo er ist, ist es nicht hell.
FA: Und dazu muss ich mich auf den Boden legen?
HW: Klar. Kommen Sie schon. Sie müssen hier durchgucken! Sehen Sie das?
FA: Wie? Dieses Loch?
HW: Ja!
FA: Ich muss durch dieses Loch kucken, um Jerry zu sehen?
HW: Ja!

FA: Na gut. Dann lassen Sie mich einmal sehen.
HW: Und?
FA: Ich sehe nichts.
HW: Schauen Sie genauer!
FA: Da! Aber …
HW: Ja?
FA: Aber …
HW: Und?
FA: Das ist ja eine Maus?
HW: Natürlich.
FA: Jerry ist eine Maus?
HW: Ja. Hatte ich das nicht erwähnt?


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