Die erste Rose

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Heute, wegen beharrlichen Mistwetters, eine trotzdem romantische Dystopie: Als der alte Mann auf sein Dorf blickt, beschließt er, dass es an der Zeit ist, an sich zu denken und an seine Tochter. Also nimmt er seinen ganzen Reichtum und verschenkt ein Wunder!


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Musiktitel: „The First Rose of Summer“ by John McCormack

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Die Geschichte zum Lesen

Ein guter Erzähler sollte seine Geschichte nicht beginnen mit: „Es fehlen mir die Worte.“ Das macht ihn schlagartig zu einem schlechten Erzähler.

Doch das Glücksgefühl des alten Mannes, als er die Rose fand, lässt sich nicht in Worten ausdrücken. Wie wäre es mit „innerlicher Jubel“? Oder „stumme Seligkeit“? Oder sollte ich beschreiben, wie er im Wald stand und weinte vor Ehrfurcht? Wie die Schönheit der Schöpfung etwas in ihm erweichte, dass er schon lange vergessen hatte?

Und wäre das Glück weniger wert, wenn ich erzählte, dass ihn dieser Fund zum reichsten Mann in seinem Dorf machte? Zum reichsten Mann im Umkreis von hunderten von Kilometern? Vielleicht zum reichsten Mann der Welt?

An diesem Tag, es war der 19. September, aber das wusste der alte Mann nicht, fand er, zwischen zwei verfaulenden Baumstämmen, eine blühende Rose.

Der Fundort lag keine hundert Meter von seinem Dorf entfernt, trotzdem war es keiner der jungen Sammler oder Sammlerinnen, sondern einzig und allein der alte Mann, dem dieses Wunder offenbar wurde.

Das war erst das zweite Wunder, nach der Geburt seiner Tochter, dass er in seinen vierzig Jahren erlebt hatte. Darum steht am Anfang der Geschichte ein alter Mann, der unter Tränen ratlos auf sein Dorf zurückblickte.

Alle nannten das Dorf nur „das Dorf“. Keiner hatte sich einen schönen Namen für die alten Bahnwaggons überlegt, die demütig unter dem Säureregen verrosteten.

Die Gemeinschaft der Sammler hatte sich hier nur gefunden, weil der Zug zufällig genau hier zum Stehen gekommen war, genau an dem Tag, als der Strom starb.

Kein strahlender Held und keine visionäre Anführerin hatte proklamiert, dass ausgerechnet hier die menschliche Zivilisation einen erneuten Anlauf nehmen würde.

Man hatte nach der Katastrophe schlicht Tag für Tag weitergelebt. Und das Dach eines Zugabteils war der bessere Schutz vor den Unwettern als das löcherige Blätterdach, das einige wenige Bäume noch bieten konnten.

Die jungen Sammler und Sammlerinnen waren schon in der Morgendämmerung aufgebrochen, um in den Ruinen der Großstadt nach Beute zu suchen. Beim Zug bewegte sich nur die alte Leah, die versuchte, das Feuer trotz des permanenten Nieselregens am Brennen zu halten.

Auf den Feldern rangen die anderen alten Menschen mit der Erde, um ihr – gegen ihren Willen – etwas Essbares abzutrotzen. Doch die meisten Keime brachen grau aus der Erde. So grau wie die Lumpen der Verzweifelten und so grau wie der Himmel über ihnen.

Der reichste Mann der Welt drehte sich um und richtete den Blick auf den einzigen Farbfleck. Auf sein persönliches Wunder. Der Stängel der Rose war kräftig wie ein kleiner Ast. An ihm wuchsen die Dornen rundum, wie eine Leiter von der Wurzel zur Blüte. Die Blätter waren von einem satten Dunkelgrün und die Blüte leuchtete, so durchdringend war das Rot im Kontrast zum allgegenwärtigen Grau.

Was würde er nun mit seinem Fund machen?

Wenn er im Dorf von der Rose erzählen würde, dann würde der Kommunikator sein Telefon benutzen. Wahrscheinlich wären schon am nächsten Tag die Hubschrauber der Regierung hier und würden die Blume mitnehmen.

Vielleicht würde das Dorf dann eine schöne Urkunde überreicht bekommen. Wie damals, als sie die Bombe gefunden hatten. Und vielleicht würde die Regierung auch wieder Vorräte dalassen.

Wie lange würden die reichen? Wenn dann wieder die Menschen aus den anderen Dörfern kämen? Es ist ja nicht so, dass sein kleines Dorf mittlerweile wehrhafter geworden wäre! Entweder sie würden teilen oder überrannt.

Er könnte auch einfach den kleinen Handwagen nehmen und heimlich aufbrechen. Der nächste Biodom war nur drei straffe Tagesmärsche entfernt. Diese Strecke könnte er vielleicht schaffen, ohne ausgeraubt zu werden.

Im Biodom würden die Forscher wahrscheinlich auch vor Freude weinen, wenn sie die schöne Rose erblicken würden! Selbst dort waren die einzigen Blüten, die man sehen konnte, unter Epoxidharz. Für alle Zeiten erstarrt.

Hier würde er reicher belohnt werden und hätte der Menschheit wahrscheinlich auch den größeren Gefallen getan.

Doch ob er mit dem Handwagen den Rückmarsch überleben würde, ohne ausgeplündert zu werden, das war die andere Frage.

Er könnte morgens mit den Jungen in die Stadt gehen und die Rose auf dem Schwarzmarkt versteigern. Das sollte ihm und den Sammlern und Sammlerinnen ihr Gegengewicht in Konserven einbringen. Dass würde dem Dorf eine gute Weile reichen, egal, was dieser Winter an Orkanen aufbieten würde.

Jeder verantwortungsvolle Mann, der weniger alt wäre als er, würde sicher diese Möglichkeit wählen. Doch er? Er hatte wahrscheinlich nur noch eine Handvoll Sommer, bis die Geschwüre ihn umbringen.

Seine Zeit, verantwortungsvoll zu sein, war vorbei. Es war jetzt die Zeit, an sich selber zu denken und vor allem an Klara. Er würde genau das tun, was auch schon sein erster Impuls gewesen war!

Wir sehen also, an diesem 19. September, wie der vielleicht reichste Mann der Welt sich vorsichtig umsieht, sich bückt, die Rose mit den Fingern ausgräbt und in einer der vielen Taschen seines Mantels verschwinden lässt.

HW: Hallo, Klara!
FA: Hallo, Papa!

HW: Schön warm hast Du’s hier!
FA: Ja, Leah hat gerade nachgelegt.
HW: Du schaust heute besser aus als gestern! Wie geht es euch beiden denn?
FA: Ich fühle mich immer noch sehr schwach. Aber Leah sagt, man könne den Herzschlag des Babies gut hören! Ganz kräftig wäre der Herzschlag dieses Mal!

HW: Na, das ist eine gute Nachricht, meine Kleine! Vielleicht wirst Du wieder gesund?
FA: Vielleicht. Aber wichtiger ist, dass dieses Mal das Baby überlebt. Meinst Du, das das Baby überlebt, Papa?
HW: Ich bin mir sicher, dass das Baby überlebt, Klara! Du hast es doch auch geschafft! Deine Mutter und Du, ihr seid kräftige Frauen!

FA: Mutter war kräftig?
HW: Aber das habe ich Dir doch schon oft erzählt!
FA: Nein. Du hast gesagt, sie war wunderschön. Und der schlaueste Mensch, den es je im Dorf gab. Und, dass sie die Kommunikatorin war. Aber, dass sie kräftig war, das hast Du nie erwähnt.
HW: Habe ich nicht? Nun ja, sie konnte jetzt nicht Sven beim Ringen besiegen, aber, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte sie auch kein Orkan davon abhalten! Sie hat immer bekommen, was sie wollte!

FA: Und ist trotzdem bei der Geburt gestorben.
HW: Klara, das bedeutet nichts! Leah hat seitdem so viel gelernt! Sie hat schon viele Babies auf die Welt gebracht, deren Mütter auch noch leben!
FA: Fünf. Sie hat gesagt, fünf Mal wäre das so gewesen.

HW: Eben! Und vor zwanzig Jahren, in der Nacht, als Du geboren wurdest, wäre Deine Mutter die Allererste gewesen, die nicht am Kindsbettfieber gestorben wäre.
FA: Na ja. Es wird so kommen, wie es kommen wird. Wie geht es Dir denn? Du strahlst ja über beide Backen!

HW: Ich bin der reichste Mann der Welt!
FA: So. Na, das ist ja schön. Ich bin also die Tochter des reichsten Manns der Welt?
HW: Ja! Und das kann man riechen!
FA: Reichtum stinkt?
HW: Nein! Er duftet! Mach einmal Deine Augen zu!
FA: Wieso? Kann man Reichtum nicht sehen?
HW: Mach‘ schon!

(Pause)

HW: Und? Was riechst Du?
FA: (schnüffelt) Hm. Keine Ahnung! So was habe ich noch nie gerochen! Das riecht …
HW: Riecht gut, oder?
FA: Ja! Das riecht sehr gut!
HW: So riecht Leben, Klara! Das ist mein Geschenk an Dich!

FA: Der Geruch?
HW: Nein. Mach Deine Augen wieder auf!
FA: Was ist das denn?
HW: Davon habe ich Dir doch schon erzählt! Das ist das, was auch in Deinem Bilderbuch vorkommt!
FA: Aber das ist ja gar nicht gelb!

HW: Diese Blume ist die Blume, von der ich Dir immer erzählt habe! Das hatten meine Eltern; einen riesigen Busch im Garten! So viele Blüten!
FA: Ist das eine Sonnenblume?
HW: Nein. Sonnenblumen sind gelb. Damals war die Sonne gelb und nicht rot. Und damals, weißt Du, da waren mir Rosen völlig egal!
FA: So etwas Wunderschönes? Das war Dir egal?
HW: Damals war der ganze Garten voller Blumen! Und alle anderen Gärten auch! Ich hätte eine ganze Kindheit lang mit Staunen verbringen können! Jede Ecke des Gartens war voller Leben! Überall blühte es im Frühling!

FA: Das ist also eine Rose. Sie ist wunderwunderschön, Papa! Danke!
HW: Ja! So schön kann die Natur sein, wenn sie will!
FA: Das ist das schönste Geschenk, das ich in meinem ganzen Leben bekommen habe!
HW: Ja. Mein Geschenk an Dich und an das Kleine in Deinem Bauch! Nur für Dich!
FA: Aber …

FA: Papa, wo hast Du die Rose gefunden?
HW: Das ist das Beste! Keine hundert Meter von der Lok im Wald! Zwischen zwei verfaulenden Baumstämmen! Wahrscheinlich haben die der Rose die nötige Kraft gegeben, um zu blühen!
FA: Papa, jetzt, wo die Blume ausgegraben ist, wird sie denn überleben?
HW: Ich … Äh … Also … Klara, ich musste Dir doch die Rose zeigen!
FA: Sie stirbt jetzt, oder?

HW: Klara. Schau … Also … Ich weiß gar nicht, wie ich’s Dir sagen soll. Aber, wenn ich die Blume nicht ausgrabe, dann würde sie jemand anders ausgraben. Und dann wäre sie für immer weg. Und wenn sie keiner ausgräbt, dann schafft sie den Winter sicher nicht. Die Rose stirbt, so oder so.

FA: Papa, ich möchte, dass Du die Rose wieder eingräbst, wo Du sie gefunden hast.
HW: Aber, Klara …
FA: Das ist mir sehr wichtig, Papa!
HW: Und, wenn sie dann jemand anderes …
FA: Spielt überhaupt keine Rolle. Dafür sind wir dann nicht verantwortlich. Aber nur dort, wo Du sie gefunden hast, hat sie die Chance, zu überleben. Verstehst Du?

HW: Klara, das ist doch nur eine einzige Rose!
FA: Eine einzige Rose ist aber alles, Papa! Eine einzige Rose ist alles, was wir haben! Und am Ende war es vielleicht diese einzige Rose, die den Anfang gemacht hat!

HW: Na gut. Ich muss schon sagen … Du bist genauso schlau wie Deine Mutter.
FA: Und, wenn dann die Zeit gekommen ist, dann gehst Du mit Deinem Enkelchen zu den beiden Bäumen und erklärst ihm, dass diese Rose das letzte Wunder war, dass seine Mutter gesehen hat. Und dass für es eine ganze Welt von Wundern wartet!

HW: Hör‘ auf! Das machst Du gefälligst selber!
FA: Versprochen?
HW: Versprochen.

HW: Ich komm‘ dann abends noch einmal rein, oder?
FA: Aber nur, wenn Du die Rose wieder eingräbst.
HW: Mach‘ ich. Die einzige Rose.
FA: Nein, Papa. Die erste Rose. Es ist nur die erste Rose.


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