Kamerabot 406

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„Wall-E“ von Pixar verdeutlicht, was man schon seit R2-D2 ahnen konnte: Wir Menschen sind begierig, jegliche denkbare Emotion auch in rollende Mülltonnen oder Müllmänner zu projizieren. Ein Robot ist auch nur ein Mensch! Aber auch in einen einfachen, kleinen Kamerabot, der nur dazu da ist, durch die Stadt zu rollen und Fotos zu machen? Wir werden es ja hören!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Robot“ von Munchkin Music

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Die Geschichte zum Lesen

In der Pfütze spiegelt sich ein Stückchen blauer Himmel. Ein Tropfen Öl malt einen Fleck in allen Regenbogenfarben darüber. Himmel, Pfütze, Öl.

Klick.
Dieses Foto wird Luisa gefallen. Er speichert es in seiner Datenbank, um es später herzuzeigen, wenn sie ihn darum bittet.

Er dreht sich auf seinem Reifen herum und rollt weg von der Pfütze, hinaus aus dem Park und den Gehweg entlang.

Am Maschendrahtzaun, der eine Seitenstraße absperrt wächst eine Pflanze, deren rotbraune Blätter einen schönen Kontrast bildeten zum Beton dahinter. Wand, Zaun, Blätter.

Klick.
Eine Frau in einem durchsichtigen Regencape liest etwas auf ihrem Tablet und bemerkt nicht, dass ein Schmetterling auf ihrem Kopf gelandet ist. Haare, Kapuze, Schmetterling.

Klick.
Ein Kind und eine Jugendliche teilen sich eine Tüte mit Esskastanien. Sie stopfen sich die Backen voll, schneiden Grimassen und lachen herzlich. Backe, Mund, Tüte.

Klick.
Eine Mutter hält ihre Tochter an der Hand und die beiden erzählen sich Geschichten. Das blaue Kleid des Mädchens bildet einen Komplementärkontrast zu dem orangenen Hosenanzug der Mutter. Kleid, Hosenanzug, Kontrast.
Klick.
„Nanu! Wer bist Du denn?“
406 druckt das Bild aus, das er gerade geschossen hat und hält es an seinem dünnen Teleskoparm hoch.
„Danke, Kamerabot! Das ist aber lieb! Hast Du denn keinen Besitzer?“

Die Mutter schaut sich um, ob sie nicht die Person sieht, die hier mit ihrem Kamerabot unterwegs ist. Als sie sich wieder umdreht, rollt 406 schon wieder weiter.

Weiter, immer weiter auf der Suche nach dem nächsten schönen Bild für Luisa.

Er kommt an einem Hauseingang vorbei, vor dem eine uralte Bulldogge liegt und im Schlaf Spuckefäden sabbert, die in der untergehenden Sonne glänzen. Treppe, Maul, Sabber.

Klick.

406 bemerkt, dass etwas auf seine Linse fällt, das dort verschwimmt und sein Bild von der Welt verzerrt. Er blickt nach oben. Vom Himmel tanzen weiße Flocken herab auf die Stadt und ihre Bewohner. Wolkenkratzer, Wolken, Flocken.

Klick.

Immer wieder fallen Flocken auf seine Linse und verzerren das Bild. So kann er nicht fotografieren. So kann er keine Bilder für Luisa machen.

Alle Menschen verlassen die Straße, um dem Schneeregen zu entkommen, die Wolken machen den Tag zur Nacht, es wird dunkel.

Er beschließt, nach Hause zu rollen. Zurück zu seiner Besitzerin, um ihr seine Bilder zu zeigen. Aber er hate nicht die geringste Ahnung, wo er ist.

406 hatte sich verrollt.

Luisa war der Name seiner Fotografin. 406 war einer ihrer Kamerabots. Seine Aufgabe war es, sie zu begleiten und Fotos zu machen, wenn sie das wollte. Genau nach ihren Anweisungen, genau nach ihren Wünschen.

Er kann sich genau an den Tag und die Stunde erinnern, als sie ihn zum ersten Mal angeschaltet hat. Wie sich seine Linse zum ersten Mal öffnete und in ihr Gesicht blickte.

Kurze rote Haare hat Luisa und hellblaue Augen und sie hat ihn angelächelt, als wäre er ein Lebewesen. Haare, Augen, Lächeln.

Klick.

„Weißt Du was, 406?“, sagte sie zu ihm, während sie auf einem Monitor seine Programmierung studierte. „Du bist dazu gebaut, Portraits von Deiner Besitzerin zu machen. Aber das ist ja wohl das Langweiligste, was man sich vorstellen kann, oder? Das ändern wir jetzt. Hör‘ mir genau zu!“

Und während sie mit ihm redete, spürte 406 ein Kitzeln in seiner CPU, eine Veränderung seiner Programmierung.

„Ich will, dass Du Bilder von der Welt machst. Mache einfach Fotos von Dingen, die schön sind. Dingen, die Du schön findest und bringe sie mir nach Hause! Das wird Dir Spaß machen und mir auch!“

Und so rollt 406 seitdem jeden Tag los und knipst alles, was er schön findet, bis sein Hauptspeicher voll ist. Und wenn er nach Hause kommt, schaut sich Luisa alle Bilder an und lobt ihn. Die schönsten Bilder darf er dann für sie ausdrucken.

„Oh, was für eine schönes Blau Du da gefunden hast!“

„Ich wusste gar nicht, dass es noch Rotkehlchen in der Stadt gibt!“

„Ist der Regen nicht wundervoll? Wie er das Licht auf allen Dingen streut?“

Doch manchmal hat 406 auf seinen Reisen Probleme. Heute ist er von einer Menschenmenge in eine U-Bahn gedrängelt worden. Er reicht den Menschen gerade bis zum Knie und keiner nimmt Rücksicht auf die zahllosen Droiden, die durch die Stadt rollten, um Erledigungen für ihre Besitzer zu machen.

Er ist in einem Teil der Stadt, den er nicht kennt. Die Häuser sind hier viel höher als in der Nähe von Luisas Wohnung. Hier sind viel mehr Beine, wenn man hinunter in die U-Bahn-Schächte fährt und viel weniger Beine, wenn man auf der Straße rollt.

Das Wetter war in den letzten 27 Minuten umgeschlagen. Die Temperatur war um 11,7 Grad gefallen und die Windgeschwindigkeit hatte sich auf 35 km/h erhöht. Wenn eine Böe zwischen zwei der Wolkenkratzer ihn erfasste, konnte er auf seinem Rad kaum die Richtung halten.

Er fährt an den Rändern der Häuser entlang, bis er vor einem Hauseingang stehen bleibt. Hier, an der Ampel, sind noch einige Menschen, die sich fest in ihre Jacken wickeln, vom Wetterumschwung überrascht.

Vielleicht kann ihm einer dieser Menschen helfen? Vielleicht weiß einer dieser Menschen ja, wer Luisa ist und wo sie wohnt?

406 fährt auf einen Mann zu, der an der Ampel wartet und sich seine Tasche über den Kopf hält, als Schutz vor dem Schneeregen. Er druckt das Foto von Luisa aus und hält es hoch.

Doch der Mann beachtet den kleinen Kamerabot nicht. Er würdigt 406 nicht eines Blicks und stampft leise schimpfend über die Straße, als die Ampel umsprang.

Viele Menschen kommen von der Gegenseite und er wählt sich eine Frau in einem Hosenanzug aus und rollt auf sie zu. Diese sieht ihn und verzieht missgelaunt ihr Gesicht. Dann macht sie einen kleinen Bogen und lässt ihn an der Ampel stehen.

406 versucht sein Glück bei einem Mann, der größer und breiter als die anderen Passanten. Der wird sich nicht so einfach an ihm vorbeidrücken können. Er rollt auf ihn zu. Vor sich hält er, wie einen Schild, das Foto von Luisa. Aber der Mann schimpft nur und gibt dem kleinen Kamerabot einen Tritt. 406 muss auf die Fahrbahn rollen, um nicht umzustürzen.

Da steht er, ungeschützt mitten im Fluss der automatischen Fahrzeuge, die mit Hochgeschwindigkeit durch die Stadt schießen. Er rollt, so schnell er kann, nach links, um einem Taxi auszuweichen. Und dann sofort nach rechts, um nicht unter das Müllauto zu geraten.

Der Kamerabot hat keine Chance und schon das nächste Fahrzeug erwischt ihn und schleudert ihn vier Meter durch die Luft, wo er an eine Hauswand knallt. Etwas in ihm zerbricht, die Linse bekommt einen Riss. Das letzte Bild, das 406 sieht, ist das Foto von Luisa. Es liegt im Schneematsch. Ein Auto nach dem anderen rollt darüber.

Als das Notprogramm ihn hochfährt, ist dunkle Nacht. Er war vier Stunden und 36 Minuten im Ruhezustand. Doch weil seine Batterie unter 20% Energie gesunken ist, hat das Notprogramm die wichtigsten Routinen wieder gestartet.

Mithilfe seines Teleskoparms richtet er sich wieder auf. Er rollt auf seinem Reifen in den Hinterhof des Gebäudes, an das er geschleudert wurde. Es hat keinen Sinn, weiterzusuchen, das würde zu viel Energie kosten.

Besser ist es, abzuwarten. In weiteren fünf Stunden würde die Sonne wieder aufgehen und, wenn es nicht zu bewölkt war, seine Batterie wieder laden. Solange musste er hier ausharren.

406 fährt alle nicht lebensnotwendigen Systeme herunter und balanciert geduldig auf seinem Rad, als sich ein Lebewesen nähert. Ein seltsames Wesen auf vier Beinen, das komische Geräusche macht.

Seine Energie reicht nicht für eine Netzverbindung, er kann nicht recherchieren, wie dieses Wesen genannt wird und ob es für ihn gefährlich ist. Es nähert sich ihm langsam und beginnt, um ihn herum seine Kreise zu drehen. Er kann nicht anders, er muss einfach ein Foto machen. Wesen, Reifen, Schnee.

Klick.

18% Batterie. Seine Programmierung lässt ihm keine Wahl. Er wird seine Abenteuer für Luisa aufzeichnen. Noch hat er Platz im Hauptspeicher. Das Licht, das die Autoscheinwerfer auf die Mülltonnen wirft, zeichnet dramatische Kontraste. Wunderschön. Mülltonne, Wesen, Licht.

Klick.

16% Batterie. Ein weiteres vierbeiniges Wesen nähert sich ihm und lehnt sich gemütlich unter seinen Korpus.

Klick.

14% Batterie. Die schnurrenden Tiere suchen die Wärme seiner Servomotoren. Es dauert nur zweiundvierzig Minuten, bis insgesamt vier Individuen der unbekannten Art sich um ihn sammeln.

Klick.

12% Batterie.

Um fünf Uhr 32 Minuten erreicht die Batterie 4% Ladezustand und fährt 406 herunter. Er kippt nach hinten in den Schnee. Die vier Streuner, die ihm die ganze Nacht Gesellschaft geleistet haben, legen sich auf seinen noch warmen Korpus.

Da liegt er, der kleine, freie Kamerabot mit der Typennummer 406. Alleine im Schnee. Neben einer Mülltonne und einem Recyclingcontainer, umgeben von Müll und Dreck.

Auf ihm liegen die warmen Körper von vier Straßenkatzen, die ihm nicht von der Seite weichen. Sie verhindern, dass er unter den feuchtnassen Schneemassen verschwindet.

So findet Luisa ihren Kamerabot um 9 Uhr morgens wieder. Ihr Smartphone hat ihr den Weg gewiesen.

„406! Da bist Du ja! Wach‘ auf! Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“

Er öffnet mit letzter Energie den Verschluss seiner Linse. Stolz blinkt sein LCD-Display: „127 neue Bilder“.

„Tapferer kleiner Kamerabot!“

Rote Haare, blaue Augen, Tränen in den Augen.

Klick.


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