Im Dunkeln pfeifen



Angenommen, Du sitzt bei kompletter Dunkelheit im Unterholz eines dichten Walds und musst wegen eines dummen Geländespiels darauf warten, dass Du gleich verhauen wirst. Und dann nähert sich noch ein Werwolf! Was tust Du dann? Pfeifen vielleicht?


Das Summpfeifquiz vom vom 29.12.2017, Folge 22
Download der Sendung hier.
Musiktitel: „The Coconut Song“ von Jeff Lau und Smokey Mountain


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Die Geschichte zum Lesen

Gestern hatte ich eine Epiphanie. Eine Erleuchtung, könnte man sagen. Na ja, das ist vielleicht ein bisschen zu stark. Wie erkläre ich das?

Wahrscheinlich sollte ich erst diese Geschichte erzählen, die ich erlebt habe als ich vielleicht zwölf war. Oder war ich dreizehn? Eher zwölf, glaube ich.

Ein kleiner Junge eigentlich noch. Es gab im Dorf nicht viel Interessantes zu machen für Kinder damals. Kaum einer hatte einen Fernseher, die meisten hatten nicht einmal ein Telefon.

Bei gutem Wetter spielten wir draußen, was uns gerade einfiel. Wir duellierten uns mit Stöcken, weil wir die Musketiere waren. Oder wir jagten imaginäre Verbrecher, weil wir die fünf Freunde waren.

Bei schlechtem Wetter waren wir drinnen und meistens haben wir dann gelesen. Zum Beispiel „Rasselbande“, eine Kinderzeitung. Oder „Griechische Sagen“ von Gustav Schwab. Oder „Robin Hood“. Oder Jules Verne, Jack London oder „Die fünf Freunde“, wenn es sein musste.

Natürlich waren wir auch alle in der Jungschar. So hieß das damals in der Kirche. Alle Kinder aus dem Dorf und ein paar Jugendliche. Der Höhepunkt war jedes Jahr das Jungscharlager.

Dort hatten ein paar Jugendliche das Sagen. Das waren die Jungscharleiter. Die spielten mit uns, die sangen Lieder mit uns am Lagerfeuer und die erzählten uns, wenn es dunkel war, Geistergeschichten. Bei uns waren das Martin, Boris, Katharina und Verena. Die waren so fünfzehn Jahre alt, würde ich sagen. Oder sechzehn. Höchstens sechzehn. Eigentlich waren die alle sehr nett, bloß die Verena mochte ich nicht. Die war laut und rechthaberisch und trampeltierisch.

Leider gab es da diese blöden Geländespiele. Das war für die Jungscharleiter immer toll, wir Kinder fanden das doof. Da wurden die Flaggen der anderen Gruppen gestohlen, deren Zelte sabotiert und allgemein viel gerannt und viel gehauen.

Bei einem dieser blöden Spiele brachen die Leiter und die schnellsten Jungs und Mädchen auf, um beim Nachbarlager der St-Georgs-Pfadfinder die Flagge zu klauen. Am eigenen Lagerfeuer hatten wir Wachen aufgestellt, denn es war klar, dass die sich im Gegenzug rächen würden.

Dazu mussten sie im Dunklen aber fast zwei Kilometer durch den Wald rennen. An einer Stelle im Wald hatten wir ein Seil über den Weg gelegt und mit Laub getarnt. Wenn die Pfadfinder angestürmt kämen, würden zwei von uns das Seil spannen und alle würden auf die Nase fliegen.

Das konnten auch zwei Unsportliche erledigen, also teilten die Großen mich ein, ich war ein dickes Kind, und die Verena, die war eine dicke junge Frau. Wir bekamen eine Taschenlampe in die Hand gedrückt und versteckten uns im Wald.

Wir suchten uns ein Versteck an dem Ende des Seils, dass nicht an einen Baum gebunden war. Das war nicht leicht, denn die Taschenlampe hatte schon auf dem Weg ihren Geist aufgegeben. Hier hatten wir jetzt zu warten. Und zu schweigen.

„Du, Verena, was passiert eigentlich, wenn der Plan klappt?“

„Dann haben wir die Fahne von denen und geben die nur gegen Lösegeld wieder her.“

„Nein, ich meine, wenn die angerannt kommen und wir ziehen an dem Seil?“

„Na, dann fliegen die Herren von der katholischen Fraktion auf die Nase!“

„Das meine ich nicht. Was passiert dann?“

„Dann schaffen sie es nicht, die Fahne abzufangen, bevor unsere Leute wieder im Lager sind und wir haben gewonnen.“

„Das meine ich auch nicht. Ich meine, wir ziehen am Seil, die fliegen auf die Nase. Und dann?“

„Ich verstehe nicht? Was dann? Dann hat der Plan geklappt!“

„Was machen wir dann?“

„Wir gehen auch wieder… Oh. Ich verstehe, was Du meinst.“

„Ob die uns doll verhauen werden?“

„Wir rennen einfach weg!“

„Ich bin nicht gut im Wegrennen. Du?“

„Nee. Auch nicht. Aber die werden uns schon nicht schlimm verhauen. Die haben ja auch einen Ehrenkodex!“

„Als sie Thilo erwischt haben, haben sie ihm die Hosen ausgezogen und ihn mit dem Hintern in einen Ameisenhaufen gesetzt. Das finde ich eigentlich schon schlimm genug.“

(Pause)

„Na, vielleicht laufen sie gar nicht hier lang.“

„Bisher habe ich auf jeden Fall noch nichts gehört. Ob unsere Leute schon im Lager waren?“

„Weiß nicht. Die wollten ja einmal rumschleichen, damit der Verdacht nicht gleich auf uns fällt. Das kann schon dauern.“

(Pause)

„Jetzt habe ich was gehört!“

„Was denn?“

„Ich glaube, da kommt wer!“

„Ich höre nichts.“

„War wohl nichts…“

(Pause)

„Verena, glaubst Du eigentlich, dass es hier Wölfe gibt?“

„Nee. In Deutschland gibt’s doch keine Wölfe mehr!“

„Ja, aber in Österreich.“

„Na und?“

„Na, wir sind fast in Österreich. Und denen sind Grenzen wahrscheinlich egal, oder?“

„Glaub‘ ich trotzdem nicht.“

(Pause)

„Jetzt habe ich aber wirklich was gehört!“

„Ja, ich auch! Da ist irgendetwas!“

„Da bewegt sich etwas!“

„Das sind nicht die Pfadfinder, die würden sich nicht anschleichen, oder?“

„Ich habe keine Ahnung! Ich weiß nicht, wie diese blöden Spiele funktionieren!“

„Psst! Sei leise!“

(Pause)

„Verena?“

„Was ist, Kleiner?“

„Hast Du eigentlich Angst?“

„Nein. Kein bisschen.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich!“

„Ich schon.“

„Brauchst Du nicht. Es kann Dir nichts passieren!“

(Pause)

„Glaubst Du eigentlich an Werwölfe?“

„Was? Quatsch! Spinnst Du?“

„Thorsten hat gesagt, solche Legenden haben immer einen wahren Kern.“

„So ein Unsinn! Menschen können sich nicht in Wölfe verwandeln! Das ist wissenschaftlicher Quatsch!“

„Das sagst Du. Du weißt das. Und die Wissenschaftler vielleicht auch.“

„Und?“

„Aber, wenn der Werwolf das nicht weiß?“

„Dann ist er trotzdem ein Mann und kein Wolf, Kleiner!“

„Schon. Aber ein Mann, alleine im Wald, der denkt, er ist ein Wolf, das ist fast noch schlimmer, als ob er einer wäre, oder?“

„Aber es ist trotzdem ein Mensch.“

„Aber so etwas gibt es, oder? Menschen werden geisteskrank und dann können sie sich alles Mögliche einbilden. Warum nicht auch, dass sie ein Wolf sind!“

„Kleiner, Du machst Dir nur selber Angst!“

(Pause)

(Beide erschrecken)

„Das war eindeutig ganz in der Nähe!“

„Ja, ich glaube auch!“

„Und wenn das ein Werwolf ist?“

„Kleiner, weißt Du was?“

„Nein?“

„Jetzt hab‘ ich auch Angst!“

„Ich auch!“

(Pause)

„Lass‘ uns zurück ins Lager gehen. Hier passiert eh‘ nichts mehr, heute Nacht.“

„Aber es ist stockdunkel! Ich kann überhaupt nichts sehen!“

„Ich auch nicht! Aber willst Du auf den Sonnenaufgang warten?“

„Verena?“

„Was?“

„Kannst Du mir Deine Hand geben?“

„Ja, komm! Gehen wir!“

(Pause)

„Ich habe wirklich eine Heidenangst!“

„Ich auch!“

„Mein Opa hat immer gesagt, wenn man Angst hat, soll man ein Lied pfeifen.“

„Das ist eine gute Idee!“

„Wollen wir ein Lied pfeifen?“

„Ich kann nicht pfeifen. Aber es wäre schön, wenn Du das machst!“

„Soll ich wirklich?“

„Bitte!“

(Pfeift.)

Tut mir leid. Aber mir ist wirklich nichts anderes eingefallen. Nur „Wer hat die Kokosnuss geklaut“. Und pfeifen konnte ich damals sogar noch schlechter. Es hat trotzdem gewirkt. Die blöde Verena und ich hielten Händchen. Sehr peinlich!

Für den Moment aber waren wir ein Team. Wir schritten in kompletter Dunkelheit gemeinsam voran. Schritt für Schritt. Keine Ahnung, ob das die richtige Richtung war. Schritt für Schritt. Unser bisschen Mut war, zusammengenommen, genug, Werwolf hin oder her.

Ich pfiff so falsch, Verena fing an zu kichern. Das machte mir Mut. Und ich pfiff noch lauter und wahrscheinlich noch falscher. Als wir uns dem Waldrand näherten, drang das Licht unseres Lagerfeuers durch das Unterholz. Schlagartig fiel die Angst von uns ab!

FA: „Wenn Du irgendjemandem erzählst, dass wir Händchen gehalten haben, dann vertrimme ich Dich so, dass Du in Deinem ganzen Leben nicht mehr sitzen kannst! Ist das klar, Kleiner?“

Ja. Das ist die Geschichte, die ich heute erzählen wollte. Oder? Nein. Moment. Stimmt ja gar nicht. Ich wollte von meiner Epiphanie erzählen!

Neulich war ich nachts unterwegs, auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause, als plötzlich der Strom ausfiel. Mit einem Schlag war es stockdunkel. Kein Licht mehr von den Straßenlaternen und keines mehr aus den Häusern.

Ich blieb erst einmal stehen. Ich fühlte mich wieder wie der Zwölfjährige. Wie damals im Wald. Als ich zu hören glaubte, wie sich ein Mann, der sich für einen Wolf hält, an mich anschleicht.

Jetzt bin ich 69 Jahre alt und sollte es besser wissen. Trotzdem. Sicherheitshalber habe ich lieber gepfiffen. Wenn man Angst hat im Dunklen, sollte man pfeifen!

Als ich die Lippen spitzte, überfiel mich eben diese Erkenntnis. Es wurde mir schlagartig klar: So war eigentlich mein ganzes Leben! Ich bin immer durch das Dunkle getappt. Ich hatte nie auch nur eine blasse Ahnung, wo der Weg verläuft. Eine Heidenangst hatte ich! Oft. Meistens. Immer. Da draußen, im Dunklen gibt es Dinge, die Dich bedrohen, aber Du kannst sie nicht sehen! Mein Lebensgefühl. Klingt jetzt düster, ist es aber nicht.

Denn, wenn wir unseren Mut zusammennehmen, dann gehen wir eben trotzdem los. Und pfeifen in der Dunkelheit unser Lied. Und kichern sogar auf dem Weg. Mit ein bisschen Glück können wir jemandem die Hand halten. Wichtig ist nur, nicht zu lange stehen zu bleiben und nicht aufhören zu pfeifen.

Dann ist das schon in Ordnung mit der Dunkelheit.

Wenn man pfeift, meine ich.

Pfeifen hilft wirklich!