Der blanke Horror

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Horrorfilme kann man mögen. Steve und seine Freunde mögen Horrorfilme. Darum trägt das Drehbuch, das sie geschrieben haben, den Namen: „Der blanke Horror“! Und heute darf Steve das sogar bei Paramount persönlich vorstellen!


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Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Who’s Afraid of the Big Bad Wolf?“ Von Henry Hall & the BBC Dance Big Band


Die Geschichte zum Lesen

Unsere Geschichte beginnt damit, dass Domingo in den swimming pool fällt. Eigentlich müsste ein spanischer Wasserhund prima schwimmen können, aber wegen der strikten Diät, die Frauchen ihm aufzwingt, versinkt er nach fünf Minuten erschöpft wie ein biologisch dynamischer Stein.

Obwohl … Das ist ja eigentlich Quatsch. In Wirklichkeit beginnt unser Hörspiel mit Steve. Der ist in seiner wöchentlichen Dungeons- und Dragonsrunde der Dungeon Master. Aber die jungen Menschen würfeln schon länger nicht mehr. Stattdessen experimentieren sie mit ihrer Leberfunktion und dichten dabei ein Drehbuch.

Und jetzt kommen Steve und Domingo in der Geschichte zusammen. Denn Steves Papa reinigt swimming pools und hat den Hund gerettet. Dafür hat er bei Frauchen einen Gefallen gut. Und die ist wiederum so eine Executive-Tante in einem Executive-Hosenanzug bei Paramount.

Also beginnt das Hörspiel damit, dass Frau Executive-Tante in das Besprechungszimmer kommt, in dem Steve mit seinem Drehbuch wartet.

FA: Sie sind also der Sohn von meinem Pool Boy?
HW: Ja, ich bin Steve. Hallo!
FA: Und Du hast ein Drehbuch geschrieben?
HW: Ja. Genau.

FA: (leicht verzweifelt) Warum?
HW: Wie bitte?
FA: Warum nur?
HW. Wie meinen?

FA: Ach, egal! Fass Dich sich kurz. Du hast nur einen Elevator Pitch.
HW: Ich habe was?
FA: Du. Haben. Wenig. Zeit.

HW: Die Cookies da in der Schale, kann man die essen?
FA: Natürlich!
HW: Prima! Die schauen schon fast zu perfekt aus! Kann ich einen haben?
FA: (laut) Nein!


FA: Wir haben Deinen Entwurf erhalten, Steve. Und die dicken Männer mögen es. Kann man halt nichts machen. Ich persönlich habe das Skript natürlich nicht gelesen. Keine Zeit, sorry. Können Sie mir Deine Idee und Deinen Approach noch einmal kurz vorstellen?

HW: Klar. Gar kein Problem. Cool. Echt cool. Ich muss noch einmal darauf hinweisen, dass ich hier für ein ganzes Autorenkollektive stehe. … Sitze.
FA: Aha. Na, umso besser.
HW: Ja. Bei uns hat jeder seinen Platz. Also, ich bin mehr so für den Überblick zuständig. Das große Ganze. Den Flow der Story. Und da ist Pete – Komma – der macht die Dialoge. Da ist der total darauf spezialisiert. Der macht nur die Dialoge! Wie cool ist das denn?

FA: Cool. Sehr cool.
HW: Und Daniela macht die Schock-Effekte. Die ist total gut im Erschrecken. Die hat das Drehbuch noch einmal total verschärft. Das ist so der blanke Horror jetzt!
FA: Aha. Das ist wahrscheinlich eine gute Sache, oder?

HW: Total gut! Voll der Hammer. Der blanke Horror! Und Dieter kümmert sich um die Charakterbeschreibung. Damit die Personen in unserem Stück auch authentisch sind. Verstehen Sie? Damit das Publikum sich identifizieren kann. Totaaal wichtig! Das machen ja viele Autoren gar nicht.
FA: Ach? Umso besser! Klingt vielversprechend.

HW: Und dann ist da noch Ingrid.
FA: Auch noch! Na gut. Und, was zum Teufel macht denn bloß die Ingrid? Hm?
HW: Kommas.
FA: Kommas?
HW: Ja. Und andere Satzzeichen. Aber hauptsächlich Kommas.
FA: Und das ist wichtig, weil …?
HW: Weil … Wir machen alle zu wenige Kommas. Wussten Sie das? Ingrid macht total gut Kommas! Und Kommas sind wichtig. Die sind für das Verständnis! Sie verstehen?

FA: Gut. Von mir aus! Ein perfektes Team also. Wie die fünf Freunde.
HW: Genau! Ohne den Hund.
FA: Hund?
HW: Fünf Freunde?

(Schweigen)

FA: Aber worum geht es in Ihrem Drehbuch eigentlich? Komma hin, Semikolon her …
HW: Semi … was?
FA: Du. Haben. Wenig. Zeit.

HW: Also gut. Gut, gut. Also: Ich traue mich jetzt einmal. Ich behaupte hiermit – Komma – also der Dieter hat gesagt – Komma – ich soll das sagen: Ich behaupte hiermit – Komma – wir haben den perfekten Horrorschocker entwickelt!
FA: Horror. Aha.
HW: Nicht nur irgendeinen Horror. Den blanken Horror!
FA: Blank.
HW: Blank.

(Schweigen)

HW: Also -Komma – da sind diese fünf College-Studenten. Total typische – Komma – durchschnittliche College-Studenten.
FA: Fünf.

HW: Ja – Komma – fünf. Da ist die Cheerleaderin. Blond – Komma – total geil wie die ausschaut. Und ihre Freundin. Die ist mehr so gothic. Und total zynisch. Aber witzig – Komma – total witzig!
FA: Das ist wichtig.

HW: Totaaal wichtig! Die hat total die Lacher auf ihrer Seite! Und die Cheerleaderin – Komma – die ist mit dem Quarterback von der Football-Mannschaft zusammen. Der ist total sportlich. Sixpack am Bauch – Komma – breite Schultern – Komma – Sixpack links und rechts in der Hand.

FA: Alkohol. Aha.
HW: Ja – Komma – Alkohol. Weil – Komma – der enthemmt. Und der hat seinen Freund dabei. Das ist total der Computer-Nerd. Picklig – Komma – dürr – Komma – dicke Brille – Komma – immer am Smartphone. Und zynisch. Aber auch witzig. Total witzig.

FA: Wie die Gothic-Tante.
HW: Jaaa! Ich sehe – Komma – ein Profi! Sie ahnen da schon was! Sehr gute Instinkte. Und dann ist da noch der große Bruder vom Quarterback. Den müssen sie auch mitnehmen. Der nervt alle. Fett – Komma – verschwitzt – Komma – denkt immer nur ans Essen. Wie Karl-Heinz halt.

FA: Karl-Heinz?
HW: Ach … den kennen Snie nicht. Issja auch wurst. Die Fünf auf jeden Fall – Komma – die wollen voll einen drauf machen an dem Wochenende. Na ja – Komma – vor allem der Quarterback und die Cheerleaderin. Wenn Sie verstehen – Komma – was ich meine.
FA: Ich verstehe.

HW: Und da ist diese Jagdhütte im Wald. Vom Onkel. Ganz weit weg von allen Eltern. Da wollen die alle hin. Für’s Wochenende. Heimlich. Die sagen keinem Bescheid. Und mitten im Wald. Habe ich das schon gesagt?
FA: Ja. Mitten im Wald. Alleine.
HW: Genau. Genau. Darum geht da auch kein Handy. Kein Netz. Null Connection.

FA: Echt? Aber das ist ja furchtbar!
HW: Total furchtbar. Nur ein Festnetz-Telefon.
FA: Nur Festnetz? Das ist ja wie vor fünfzig Jahren. Die Armen!
HW: Ja – Komma – total die Armen. Der blanke Horror! Weil auf einmal tobt da draußen ein Blizzard. Total hart. Voll das Unwetter. Die können die Hütte nicht mehr verlassen. Sonst werdense total weg geweht.

FA: Oh, mein Gott. Nur Festnetz und dann noch ein Unwetter?
HW: Ja. Aber warten sie. Es wird noch schlimmer.
FA: Noch schlimmer?

HW: Ja. Noch schlimmer. Plötzlich …
FA: Oh, mein Gott!
HW: Plötzlich fällt auch noch der Strom aus!
FA: Kein Strom mehr? Kein Licht mehr? Völlige Dunkelheit? Oh, mein Gott!
HW: Kein Handy- Komma – kein Licht – Komma – völlige Dunkelheit!
FA: Das ist ja zum Fürchten! Was passiert dann?

HW: Dann…
FA: Was dann?
HW: Dahannn …
FA: Was dann?

HW: Klingelt das Telefon!
FA: Nein!
HW: Doch!
FA: Nein!
HW: Doch!
FA: Nein!
HW: Doch!
FA: Nein!
HW: Doch!

HW: Was die Kids nicht wissen – Komma – im gleichen Wald ist ein … Killer unterwegs!
FA: Nein!
HW: Doch!
FA: Oh, mein Gott!
HW: Und er ist bewaffnet!
FA: Nein!
HW: Doch!

FA: Und was für eine Waffe hat er?
HW: Äh …
FA: Womit ist er bewaffnet?
HW: Na ja …
FA: Womit killt der Killer?
HW: Also …
FA: Etwa eine Axt?

HW: Ja! Genau! Eine Axt! Wir hatten das noch gar nicht so spezifiziert. Aber eine Axt ist perfekt. Man merkt gleich – Komma – Sie sind ein Profi!
FA: Der Killer hat eine Axt? Oh, mein Gott! Das ist ja schrecklich!

HW: Total schrecklich!
FA: Voll der Horror!
HW: Ja! Der blanke Horror!
FA: Was passiert dann?

HW: Der Killer sagt – Komma – er würde gleich kommen. Und dann ruft er aber noch einmal an. Und noch einmal. (sachlich) Und dann hackt er die Cheerleaderin, den Quarterback, den Nerd und den Dicken in kleine Stücke. In umgekehrter Reihenfolge.

FA: (dreht durch) Aaaaah! Das ist ja schrecklich! Hilfe! (Ins Off) Oh, mein Gott! Janet! Janet! Hilfe! Bringen Sie mir das Vicodin! (Atmet schwer)

HW: Also… Sorry… Das tut mir jetzt total leid irgendwie..

FA: Ist o.k. Ist o.k. Mein Therapeut sagt, dass kann ich wegatmen. Passiert mir manchmal.
HW: Auf jeden Fall erkennt das Gothic-Mädel – Komma – dass der Killer ihr Vater ist. Und dann bringt der sich halt folgerichtig um. Ist ja logisch – Komma – oder?

FA: Was? Oh, mein Gott! Wie das denn?

HW: Na ja – Komma – der hat ja eine … ähm … Axt? Also … Äh … Ich denke – Komma – dann wird er sich wohl selber langsam in Stücke hauen!
FA: (erbricht) Janet! Janet! Rufen Sie den Hausmeister! Ich habe… (erbricht) ein… Problem… (Atmet schwer)

HW: Ja, das war’s.
FA: (außer Atem) Das war ausgesprochen… beeindruckend. Wir sind begeistert. Die dicken Männer sowieso. Das verfilmen wir! Gratuliere! Sie sind ein ausgesprochen begabter Autor.
HW: Autorenkollektiv.
FA: Sie sind ein ausgesprochen begabter Autorenkollektiv.

HW: Wissen Sie – Komma – wie der Film heißen soll?
FA: Wie denn?
HW: „Der blanke Horror!“
FA: Mal sehen. Das entscheiden die dicken Männer. Andere Frage …

HW: Immer her mit dem Feedback! Wir können Kritik ertragen!
FA: Zu was für einem Film ist das denn jetzt eigentlich ein Sequel?

HW: Wie bitte?
FA: Dein Film ist ein Sequel in welchem Franchise?
HW: Friend Scheiß?

FA: Sequel? Franchise? Sorry, Du sprechen kein Englisch?
HW: Doch. Klar. Also – Komma – na ja. Ich meine – Komma – was bedeutet gleich noch einmal Friend Scheiß?

FA: Dein Drehbuch! Drehbuch Fortsetzung von welche Film? Fortsetzung? Verstehen?
HW: Ah! Verstehe! Friend Scheiß! Weil Friends zusammen jeden Scheiß schauen? Oder?
FA: Also? Du. Haben. Wenig. Zeit.

HW: Also … Äh … Der „Blanke Horror“ ist eigentlich gar keine Fortsetzung.
FA: Kein Sequel? Kein Teil 3, 4, oder 5 von irgendwas?
HW: Nein, das ist eine total neue – Komma – eigenständige -Komma – voll kreative Filmidee. Noch nie dagewesen – Komma – müssen Sie verstehen! Das ist der Vorgänger zu einer ganzen Reihe von Friends und Scheißfilmen!

FA: Aha. Mhm. So so. Na dann. Vielen Dank. Janet wird dann bei Zeiten ihren Agenten anrufen. Schön, Dich kennengelernt zu haben!
HW: Ihr Name war?

FA: Janet, kannst Du dem Herren Autorenkollektiv den Weg zeigen – Komma – und ihm unsere Karte geben?
HW: Das war unnötig.
FA: Das ist sehr wohl sehr nötig!
HW: Ich meine – Komma – ihr Komma war überflüssig!
FA: Wie?

HW: Kommafehler! Und Kommas sind total wichtig!
FA: Was?
HW: Und ihr Komma war überflüssig.
FA: Du bist überflüssig! Raus – Gedankenstrich – aber zackig! Ausrufezeichen!


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