Formatradio. Dudelfunk. Schlechte Laune.

Radio ist heute meistens Formatradio. Austauschbar, dudelig und flach. Obwohl statistisch der Mehrheitsgeschmack, mag es in Wirklichkeit kaum ein Hörer. Was ist das also wirklich und wie kam es zu dieser Eintönigkeit?

Einst war Deutschland eine Monokultur im Radio. Es gab nur öffentlich-rechtliche Sender, die sich den UKW-Kuchen aufgeteilt hatten. Das kam zwar relativ bräsig und dröge daher, aber die einzelnen Sendungen hatten ihren Charakter. Und Menschen bestimmten die Musikauswahl.

Dann wurde am 23. Juli 1988 mit Radio Dreyeckland der erste Privat-Sender zugelassen. Heute, im Jahre 2017 senden 240 private Programme gegen 60 öffentlich-rechtliche an.

Die anfängliche Erfolgswelle der Privaten war enorm. Gezielt konzentrierten sich diese auf die sogenannte werbe-relevante Zielgruppe, die 14- bis 49-Jährigen. Im Vergleich zum bisherigen Rundfunk kam das recht jung und frisch über den Äther, dort galten bisher Thomas Gottschalk und Günther Jauch schon als Rebellen.

Die Konzentration auf diese Zielgruppe und der Versuch, möglichst viele Hörer zu erreichen dienten dem Zweck, für Werbetreibende möglichst attraktiv zu sein. Denn so finanzieren sich natürlich die privaten Sender!

Um das zu erreichen, orientierte man sich am amerikanischen Rundfunk, der schon immer werbefinanziert und in einem starken Konkurrenzumfeld war.

Das Rezept hieß: Hörformate. Da Zuschneiden des Programms auf die Interessen einer genau umrissenen Zielgruppe. Und das begehrteste Format nennt sich „AC“, für „Adult Contemporary“, auf Deutsch: Nicht für Kinder, mit aktueller Hitmusik.

Nach dieser Rezeptur arbeiten praktisch alle größeren privaten Stationen und immerhin 40% der öffentlich-rechtlichen Angebote mittlerweile. Am deutlichsten wird das in den Morgenstunden von 6.00 bis 9.00 Uhr, wo die meisten Menschen zu erreichen sind.

30 Millionen Deutsche hören dann Radio. Und zu hören gibt es: Morning Shows! Das Filetstück im Programm jedes AC-Angebots.

Um den kleinsten gemeinsamen Nenner im Musikgeschmack zu finden, also möglichst viele Leute vom Abschalten abzuhalten, macht das Programm mittlerweile der Computer.

Seine Programmgestaltung basiert auf den Ergebnissen der Marktforscher. In Umfragen werden repräsentativ ausgewählte Menschen befragt. In sogenannten Call-Outs oder in Auditorium-Tests.

Sie bekommen eine Reihe von Hooks vorgespielt. Das sind Soundschnipsel von Musikstücken, zwischen 6 und maximal 20 Sekunden lang und müssen dann spontan entscheiden, wie ihnen das Gehörte zusagt.

Call-Outs sind Telefonanrufe, das werden 50 Hooks getestet. Bei Auditorium-Tests zwängt man bis zu 300 Probanden in einen Saal, die dann schon einmal an die 1000 Titel beurteilen müssen.

Die Software im Sender sortiert die Ergebnisse dann in „Power Rotation“, „Normal Rotation“ und „Casual Rotation“. Richtige A-Titel können sich dann schon einmal stündlich wiederholen, aber auch die „normale“ Rotation kann bis zu vier Wiederholungen am Tag bedeuten.

Das Repertoire übersteigt dabei meistens nicht 120 verschiedene Titel, die da rauf und runter gesendet werden. Und weil diese Methode immer zu den gleichen Ergebnissen führt, unterscheiden sich die Morning Shows musikalisch beinahe nicht.

Doch auch der Rest der Sendung unterliegt genaue ausgemessenen Schemata, die von der Marktforschung vorgegeben werden.

Alle Sender meiden Wortbeiträge über 90 Sekunden, jede Morning Show hat ein gut gelauntes Moderationsduo und möglichst flache Comedy-Elemente, die man sich auch gerne zukauft.

Wortbeiträge dürfen 90 Sekunden nicht überschreiten. Wenn sie das tun, wie z.B. bei den Nachrichten, dann muss man gleich mit Werbejingles für das eigene Programm und einem A-Titel aus der heavy rotation dagegen halten.

Alle AC-Sender folgen der Rezeptur, eben auch die Öffentlich-Rechtlichen. Nachdem zum Beispiel die ARD von der Rundfunkgebühr laut eigener Auskunft nur 2,16 Euro ins Radio steckt, dürfen die eben auch mit Werbung dazu verdienen. Ein 30-Sekunden-Spot bei Bayern 3 kostet in der Morning Show momentan Euro 3200,-

Das ist das viel geschmähte Formatradio. Der Dudelfunk. Und nicht nur Oliver Kalkofe oder Götz Alsmann hassen ihn leidenschaftlich: Keiner mag das wirklich.

Nicht zu unrecht sagen aber die Betreiber: Wir haben Umfragen gemacht, wir haben euch gefragt! Und unser Radio ist genau das Ergebnis eures Verhaltens! Wir machen das möglichst so, dass ihr uns zuhört.

Und da liegt das Problem genau: Marktforschung, Werbetreibende und Computer-Software richten sich nur an der Vermarktbarkeit des Rundfunks. Nur nach dem Bedürfnis des Anzeigenkunden für sein Geld möglichst viele Menschen zu erreichen.

Es entsteht ein Programm für den mathematisch ermittelten Durchschnittsmenschen. Der lebt in einer Kleinfamilie, hat Kinder, fährt mit dem Auto zur Arbeit, unternimmt am Wochenende Ausflüge ins Grüne. Und den interessiert unverbindliches Geratsche über Prominente viel mehr als jede Politik.

Um die Werbeblöcke herum also nur gute Laune und seichtes Geblubber. Denn das Radio hat sich längst damit abgefunden, die Menschen nur im Hintergrund zu begleiten. Qualität schadet dem Profit.

Rückt ein Sender von diesem Konzept ab, wird er gleich von den Hörern abgestraft. Ist ja klar: Sendet man speziell für Jugendliche, schalten die Erwachsenen ab. Sendet man nur für Frauen, dann interessiert das die Männer kaum.

Und unerträglich ist das, weil kein Individuum eben genau dieser Schablone entspricht. Die Sender haben es in ihrer Auswechselbarkeit geschafft, niemanden mehr anzusprechen.

Das eigentliche Problem ist aber: Das ist nicht nur nicht gut, sondern das ist schlecht. Sitzt man morgens deprimiert an seinem Kaffee, findet man im Radio nur hysterisch gut-gelaunte Moderatoren, die einen mit Oberflächlichkeiten volblubbern.

(Oder man weicht aus Sprechprogramme aus, wo am Morgen gesammelt die schlechten Nachrichten der vergangenen Nacht in nüchternem Ton vorgetragen werden. Zur Auflockerung darf dann ein Lokalpolitiker noch ein paar Worthülsen absondern. Aber das ist ein anderes Problem.)

Radio bietet morgens keine wichtige Information. Selbst Verkehrsmeldungen, Blitzer- oder Börsenberichte oder die maximal gekürzten Nachrichten helfen da nicht – denn die sollen nur Aktualität vortäuschen, Interesse daran haben nur immer ein paar Betroffene.

Radio bietet morgens keine Überraschungen. Denn egal, welchen Sender man ansteuert, überall begegnet einem das gleiche Programm.

Radio bietet morgens nichts Authentisches, Echtes und Persönliches mehr. Die Identifikationsfiguren der Morning Shows, die Moderatoren, inszenieren sich nur selber. Schon im Vorfeld wird ihnen von der Marktforschung eine Persona auf den Leib geschneidert. Sie spielen quasi sich selbst.

Doch wir Konsumenten, wir können das hören. Und wir wollen das nicht mehr. 30 Millionen Menschen hören in der Früh Radio und 30 Millionen Menschen sind damit unzufrieden. Selbst die Macher mögen das Formatradio nicht mehr.

Im Laufe der Jahre sind in den letzen Jahren wieder Angebote entstanden, die sich davon abgrenzen. Radio Eins oder Radio Fritz des RBB, der Deutschlandfunk oder zahlreiche Angebote im Internet. Auch beim Öffentlich-Rechtlichen ist erkennbar, dass ein Nachdenken eingesetzt hat.


Das morgenradio möchte das Radiohören gezielt anders machen. Wir wollen nicht komplett im Hintergrund gehört werden, wir spielen keine Musik, die in Radiosendern auch gespielt werden könnte und wir sprechen statt über tagesaktuelle Nachrichten lieber über Themen, die uns und unsere Hörer betreffen.

Klar, das bedeutet, dass unsere Zielgruppe eingeschränkt ist und eher so alt wie wir. Es bedeutet auch, dass man sein Hirn dabei nicht ganz abschalten kann. Und man muss uns auch irgendwie leiden können, denn das morgenradio ist eine sehr persönliche Sache zwischen uns und unseren Hörern.

Aber das macht nichts. Denn wir brauchen ja keine Werbung, um uns zu finanzieren. Wir können machen, was uns und unseren Mit-Mutmachern gefällt. Wir müssen nicht Millionen gefallen, sondern nur ein paar Hundert Individuen, die eben nicht Durchschnittsmenschen nach der Formatradio-Formel sind.


Quellen:

Oliver Kalkofe: Was ist Formatradio?
Götz Alsmann über das Formatradio: Ruhe, bitte!
Ard.de: Verwendung der 17,50 Euro Rundfunkbeitrag
Phonostar: Tokio Hotel als Ausschaltimpuls – So geht Top-40-Radio
Hendrik Steinkuhl: Das Formatradio sortiert sogar Robbie Williams aus
Boris Rosenkranz: Musik nur, wenn sie mau ist.
Dietz Schwiesau: 15 Thesen zur Zukunft der Radionachrichten
Theo Wurth: Dudelfunk nicht bekämpfen, sondern anpassen! Zur Kritik am Formatradio