Wörter mit Flügeln


Ein „geflügeltes Wort“ ist ja schon selber ein schönes Sprachbild. Im Deutschen haben wir ganz viele dieser Ausdrücke.

Wir kennen alle die Bedeutung, wenn wir sie zitieren. Sie binden die Sprachgemeinschaft sozusagen zusammen.

Doch meistens haben wir eher keinen Schimmer, woher die stammen. Und manchmal bedeuten geflügelte Wörter sogar etwas ganz Anderes, als wir vermuten.

Eine sprachliche Schatzsuche in 28 Kapiteln.


Download der Episode hier.
Musik: „Das Wort“ von DJ Rollo / CC BY-SA 3.0
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung


Eins: Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als andere.
Ein schönes Zitat, dass beschreibt, wie gute Grundsätze mit der Zeit aufgeweicht werden. In George Orwells „Farm der Tiere“ wird erst einmal der Bauer abgesetzt und „Alle Tiere sind gleich“ in die Verfassung geschrieben. Bis die Schweine selber genauso tyrannisch werden wie der Bauer und „…einige Tiere sind gleicher“ als Zusatz formulieren.

Zwei: Alter Schwede!
Sagt man anerkennend zu jemanden, den man besser kennt. Ein alter Schwede ist der Ausdruck für die Offiziere, die in Deutschland wegen ihrer Erfahrung eingestellt wurden, um die deutschen Soldaten zu drillen. Das war so nach dem Dreißigjährigen Krieg, ist schon ein bisschen her…

Drei: Bescheidenheit ist ein Zier
So sagt man. Und schließt dann mit: Doch weiter kommt man ohne ihr. Das ist eine Verballhornung aus einem Stück von Grillparzer – „Die Ahnfrau“ – wo es heißt: „Ziert Bescheidenheit den Jüngling, Nicht verkenn’ er seinen Wert.“ Hat sich in 200 Jahren ganz schön verändert, das Zitat. Zum Gegenteil eigentlich.

Vier: Bis in die Puppen
…wachzubleiben. Sagt man. Aber welche Puppen, denn bitteschön? Schuld hat wieder einmal Kaiser Wilhelm II. Der ließ auf der Siegesallee in Berlin so viele Denkmäler von Menschen bauen, die keine Sau kannte, dass die Berliner das die „Puppenallee“ tauften. An diesen 32 Denkmälern und 64 Büsten lang zu laufen, das dauert halt einfach echt laaange…

Fünf: Das Gras wachsen hören
Klingt ein bisschen nach etwas, was einem richtige Kopfschmerzen machen kann. Bedeutet aber, dass jemand wirklich sehr, sehr feine Sinneswahrnehmungen hat. So wie eben Heimdall, der laut germanischer Sagenwelt vor Asgard Wache hält. In der Edda heißt es: „Er hört auch das Gras in der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch alles, was einen stärkeren Laut gibt.“

Sechs: Der Zweck heiligt die Mittel
Heißt: Für eine gute Sache kann man auch mal Scherben machen. Nennt man in der Philosophie „Konsequenzialismus“. Ist aber kacke. Und stammt übrigens nicht von Macchiavelli, wie jeder denkt, sondern von einem braven Jesuiten mit Namen Hermann Busenbaum. Der schrieb 1652: „…wenn der Zweck erlaubt ist, sind auch die Mittel erlaubt“ Ist aus seinem Werk „Moraltheologie“. Das diskutieren wir gerne, aber zu einem späteren Zeitpunkt…

Sieben: Die Seele baumeln lassen
Ein anderer Taufpate des „morgenradio“ außer Friedrich Nietzsche ist ja Kurt Tucholsky. Stand auch ganz am Anfang, steht immer noch im Archiv. Und der hat dieses geflügelte Wort erfunden in seinem kleinen, lockeren Liebesroman „Schloß Gripsholm“. Da steht: „Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.“ Richtig schön, oder? Wie übrigens die ganze Geschichte.

Acht: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul
Der Ratschlag ist hier: Wenn Du was umsonst bekommst, dann mäkele nicht dran rum! Ins Maul schaut man einem Gaul, wenn man wissen will, wie alt er ist. Pferde nutzen ihre Zähne ab. Das Zitat ist richtig alt. Es stammt von Hieronymus, der als erster die Bibel ins Latein übersetzte. Der philosophiert in seinem Kommentar zum Epheserbrief: „Noli equi dentes inspicere donati“ Also ungefähr: „Prüfe nicht die Zähne eines geschenkten Pferdes.“

Neun: Früh übt sich, was ein Meister werden will
Na endlich haben wir einen Klassiker! Schiller, um genau zu sein. Und „Wilhelm Tell“, um noch genauer zu sein. Tells Frau Hedwig stellt fest:
„Die Knaben fangen zeitig an zu schießen!“
Tell entgegnet ihr:
„Früh übt sich, was ein Meister werden will“
Hedwigs Antwort lautet dann:
„Ach, wollte Gott, sie lernten’s nie!“
Und recht hatt’se, die Gute! Es geht um Waffen. Zur Tötung von anderen Menschen.

Zehn: Geh hin, wo der Pfeffer wächst!
Geh‘ doch rüber! Hab‘ ich früher oft gehört. Hieß: Wenn Du schon Sozialist bist, dann ziehe doch in die DDR um, bitte. Noch früher sollte man gleich dahinziehen, wo der Pfeffer wächst. Also so teures Gewürzzeug. Gemeint war damals eigentlich Indien. Obwohl der meiste Pfeffer ja in Wirklichkeit aus Madagaskar kommt. Aber das ist ja auch nicht gerade um die Ecke…

Elf: Handwerk hat goldenen Boden
Hach – das ist ein schönes Beispiel für ein Mißverständnis. Heute meint man damit, dass Handwerker gebraucht werden und gut Geld verdienen. Was durchaus diskutabel ist. Aber eigentlich sagt das Zitat das Gegenteil: „Handwerk hat goldenen Boden, sprach der Weber, da schien ihm die Sonne in den leeren Brotbeutel.“
Stammt aus der Zeit, als die Weber kein Brot mehr hatten wegen der automatischen Webstühle. Ganz am Anfang der Industrialisierung. Ist also antik-ironisch.

Zwölf: Sich in die Büsche schlagen
Auch hübsch. Man verschwindet rucki-zucki in den Büschen. Wie die Indianer. Genauer: Wie der Hurone. Im Gedicht „Der Wilde“ von Johann Gottfried Seume. Da heißt es:
„Ruhig ernsthaft sagte der Hurone:
Seht, ihr fremden, klugen, weisen, Leute,
Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen;
Und er schlug sich seitwärts ins Gebüsche.“

Dreizehn: Ist es doch Wahnsinn, so hat es Methode
Schön, dass wir auch Herrn Shakespeare als Gast haben. Schön, auch den Hamlet zitieren zu dürfen:
Hamlet: „Verleumdungen, Herr; denn der satirische Schuft da sagt, daß alte Männer graue Bärte haben; daß ihre Gesichter runzlich sind; daß ihnen zäher Ambra und Harz aus den Augen trieft; daß sie einen überflüssigen Mangel an Witz und daneben sehr kraftlose Lenden haben. Ob ich nun gleich von allem diesem inniglich und festiglich überzeugt bin, so halte ich es doch nicht für billig, es so zu Papier zu bringen; denn ihr selbst, Herr, würdet so alt werden wie ich, wenn ihr wie ein Krebs rückwärts gehen könntet.“
Polonius: „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode. Wollt ihr nicht aus der Luft gehn, Prinz?“
Jetzt gebt zu, dass wir hier was für eure Bildung tun!

Vierzehn: Jedem Tierchen sein Pläsierchen
Edwin Bormann ist vor hundert Jahren von uns gegangen und hat gerne in Sächsisch geschrieben. Zum Beispiel ein Gedichte-Buch mit dem Namen:
Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Zoologischer Liedergarten.
Oder, einfacher, wie Thomas Lück ge-limerickt hat:
„Jedem Tierchen sein Pläsierchen,
und wenn’s keinen andern stört,
dann mein Lieber,
Schwamm darüber,
denn Toleranz ist nie verkehrt.“

Fünfzehn: Kastanien aus dem Feuer holen
Jean de la Fontaines hat eine Fabel geschrieben über den Affen namens Bertrand und die Katze Raton.
„Zu Raton sagte Bertrand alsogleich:
»Hier, Brüderlein, mach deinen Meisterstreich
Und hol sie uns. O hätte Gott mich Affen,
Kastanien aus der Glut zu scharrn, erschaffen,
So hätten wir schon unsre Freude dran!«
Raton war stolz. Er nickte und begann
Ganz sacht die Asche mit der Pfote zu entfernen.
Er zog die Krallen schnell zurück.
Ach, solche Arbeit war ein heißes Stück!
Indes, er mühte sich, die neue Kunst zu lernen,
Und legte nach und nach Kastanien frei.
Die erste flog heraus, es folgten zwei und drei,
Und Bertrand hinter ihm ergriff und knackte sie.“
Man muss nicht erwähnen, dass der Affe die Maroni verdrückt hat und die Katze keine einzige abbekommen hat. Nur verbrannte Pfoten.

Sechszehn: Krokodilstränen
Das ist ein nettes Sprachbild, das auf unser Mittelalter zurückgeht. Wo wir eigentlich keinen blassen Schimmer hatten, was denn bitte ein Krokodil oder ein Nashorn oder ein Elefant ist. Und da gab es die Idee, Krokodile würden heulen wie kleine Kinder, um ahnungslose Afrikaner anzulocken und sie dann zu fressen.
Das hat dann der Erasmus von Rotterdam als Sprachbild in ganz Europa bekannt gemacht und so gibt es diese Geflügel-Wörter auch in Englisch „crocodile tears“ oder Französisch „larmes de crocodile“.

Siebzehn: Made in Germany
Ja, auch das ist im Wortsinn ein geflügeltes Wort. Die Legende geht so: Weil deutsche Waren so kacke waren, mussten sie gekennzeichnet werden. Und dann wurden sie immer besser und aus dem Ganzen wurde ein Qualitätssiegel und heute ist es ein toller Slogan.
Stimmt aber nicht. Die Waren mussten in Großbritannien gekennzeichnet werden, damit man im Ersten Weltkrieg nicht aus Versehen Zeuch vom Feind kauft. „Made in Austria/Hungary“ war zum Beispiel genauso ein Pflicht-Aufdruck.

Achtzehn: Null problemo!
Das haben wir hier ja ein bisschen als running gag, das „Null Problemo!“ Ziemlich Eighties. Und es stammt aus dem Mund von einer „Alien Life Form“. Oder kurz: „Alf“. Ja, ist ein bisschen peinlich…

Neunzehn: Nullachtfünfzehn
Standard. Normal. Und irgendwie langweilig. Und das hat seinen Grund. Früher hatte jede Gegend in Deutschland so seine eigenen Waffen. Bis zum Ersten Weltkrieg, wo das Töten dann industriell organisiert wurde. Und da gab es eben für alle dieses eine Maschinengewehr und das hieß: „MG 08/15“ Keine schöne Geschichte, 08/15 hat viele Menschenleben gekostet.

Zwanzig: O du lieber Augustin
1679 soll es gewesen sein, da gab es einen Menschen, den wir heute Kabarettisten nennen würden. Der hieß Marx Augustin und der konnte heftig bechern. Darum lag er eines Morgens wie tot in einer Wiener Straße herum und deswegen hat man ihn als weiteren Pest-Toten in ein Massengrab geworfen. So die Legende. Aber das berühmte Liede stammt leider erst aus dem 19ten Jahrhundert. Doch wir glauben trotzdem an die coole Geschichte aus Pest-Zeiten, oder?

Einundzwanzig: Otto Normalverbraucher
Ja, auch dieser Ausdruck ist ein geflügeltes Wort. Und der Otto, der ist eine Filmfigur. Gespielt von niemand anderes als Gert Fröbe. Zaundürr damals. Im Film „Berliner Ballade“ von 1948, einem der ersten Filme nach dem Krieg, kehrt Otto zurück in das kaputte Berlin. Und muss sich da als Durchschnittsmensch den Umständen anpassen. Und vor allem den Behörden, die haben den Amtsschimmel einfach weiter geritten. Was jetzt wieder ein geflügeltes Wort wäre…

Zweiundzwanzig: Platonische Liebe
Da haben wir ja darüber diskutiert unlängst, erinnerst Du Dich? Und ich habe jetzt mal nachgeschaut. Der Plato fand Sex irgendwie primitiv. Das war nicht Liebe. Liebe konnte nur etwas sein zwischen zwei Menschen auf Augenhöhe. Ohne Sex. Zwischen Gleichberechtigten. Das hat natürlich damals die Frauen ausgeschlossen. Die kamen im alten Griechenland irgendwo hinter Sklaven und vor dem lieben Vieh. Im historischen Wortsinn können sich also nur zwei Männer platonisch lieben… hm, schade eigentlich.

Dreiundzwanzig: Schuster, bleib bei deinem Leisten!
Eine schöne, uralte Geschichte, die uns der gute Plinius erzählt hat. Sie handelt vom berühmten Maler Apelles, der an einem Bild saß, als sein Schuster reinkam. Und der bemerkte, dass die Sandale da im Bild ja völlig falsch gemalt ist! Also bessert der Meister nach. Doch dem Schuster fallen immer mehr Fehler auf. Bis dem großen Meister der Geduldsfaden reißt: „Ne sutor supra crepidam!“, deutsch: „Schuster, nicht über die Sandale hinaus!“

Vierundzwanzig: Um des Kaisers Bart streiten
Der Barbarossa sitzt als Denkmal am Kyffhäuser und ist aus Stein. Kann man nicht sagen, welche Farbe sein Bart wohl hat. Und darum streiten bei Emanuel Geibel in seinem Gedicht „Von des Kaisers Bart“ drei Studenten auch leidenschaftlich. War der Bart nun rot, grau oder blond? Am Ende ziehen sie die Säbel und tun sich echt weh. Machten die Studenten damals gerne. Sagt der Dichter: „Zankt, wenn ihr sitzt beim Weine, Nicht um des Kaisers Bart!“

Fündundzwanzig: Verflixt und zugenäht!
Gut, dass wir bei den Studenten sind, denn die haben vor mehr als hundert-fünfzig Jahren folgendes Lied geträllert:
„Ich habe eine Liebste, die ist wunderschön,
sie zeigt mir ihre Äpfelchen, da ist’s um mich gescheh’n.
Doch als mir meine Liebste der Liebe Frucht gesteht,
da hab’ ich meinen Hosenlatz verflucht und zugenäht.“
Übersetzt: Beim Anblick blanker Brust kam es zum Koitus. Und dann war die Gebrüstete schwanger und der Student schwört, fürderhin keinen Sex mehr zu haben.
Wir sollten aber das Happy End nicht weglassen:
Doch als sie dann zu sehr geflennt,
hab ich ihn wieder aufgetrennt.
Na ja, „happy“ ist vielleicht auch etwas anderes…

Sechsundzwanzig: Wem die Stunde schlägt
John Donne war im 17ten Jahrhundert in England wahrscheinlich der bedeutendste metaphysische Dichter. Das nahm man damals durchaus ernst, heute würde er wahrscheinlich Kalendersprüche dichten.
Von diesem Mann stammt also das folgende, wunderschöne Zitat:
„No Man is an Island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.“
„Kein Mensch ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands; und darum verlange nicht zu wissen, wem die Toten-Glocke schlägt; denn sie schlägt dir.“
Bisschen gruselig. So wie bei Goethe:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Siebenundzwanzig: Wissen ist Macht
Hört man ja immer wieder. Bildung ist ja mittlerweile ein Mantra und ein Allheilmittel für alle Probleme. Ich bin mir da nicht so sicher. Es sei denn, wir sprechen da über Herzensbildung, aber das ist ja, glaube ich, nicht gemeint.
Das Wort entstammt dem Werk von Francis Bacon. Der schrieb: „Wissenschaft und menschliche Potenz kommen insofern zusammen, als Unkenntnis der Ursache die Wirkung zunichte macht.“
Oder, auf Latein: Ipsa scientia potestas est. Eigentlich also: Der Wissenschaft ist Macht inne. Aber Wissen ist Macht kann man auch übersetzen, wenn man will…

Achtundzwanzig: Der Zahn der Zeit
Wie könnte eine Liste mit geflügelten Wörtern auskommen ohne den besten Theater-Autoren aller Zeiten. Tut mir leid, Sophokles oder Goethe oder Brecht, gemeint ist natürlich William Shakespeare. Hier also sein zweiter Auftritt in der Sendung. Denn von dem stammt das Bild, dass die Zeit mit ihren Zähnen an unseren Lebensfäden nagt. Was wieder ein geflügeltes Wort ist, der Lebensfaden, auch mit einer interessanten Geschichte.
Zurück aber zu Shakespeare:
„O! Solch Verdienst spricht laut; ich tät ihm Unrecht,
Schlöss ich’s in meiner Brust verschwiegne Haft,
Da es verdient, mit erzner Schrift bewahrt
Unwandelbar dem Zahn der Zeit zu trotzen.“
Stammt aus dem Stück „Maß für Maß“ – eines der sogenannten drei Problemstücke von Shakespeare. Eigentlich eine Komödie, aber doch sehr dunkel.

Und damit hätten wir diese Liste für heute erst einmal abgeschlossen. Ich dachte ja, dass wäre eine Sendung, die richtig easy zu recherchieren ist. Aber in Wirklichkeit habe ich noch nie so lange gebraucht. Außer diesen 28 Beispielen habe ich eine Liste mit noch einmal mindestens 50 geflügelten Wörtern. Deren Geschichte auch spannend ist. Und nachgeforscht habe ich an über 800 Sprachbildern. Klopf‘ mir ‚mal die Schulter!