Wo ist das Bewusstsein?


Letzte Woche wurde es im morgenradio ja schon ziemlich metaphysisch. Aber es erfolgte überraschenderweise keine Beschwerde, die wenigsten scheinen dabei eingeschlafen zu sein.

In der Metaphysik diskutieren wir, sehr aktuell, auch unsere Vorstellung davon, was denn Bewusstsein ist. Und ob es getrennt vom Materiellen existiert oder nicht.

Herrn Wunderlichs Ansatz beginnt dabei mit Studien, die sich mit Menschen beschäftigen, die eine dissoziative Identitätsstörung haben.

Denn genauso interessant wie die Frage: „Was ist denn unser Bewusstsein?“ ist auch eine andere: „Wo ist denn Bewusstsein?“

Übrigens: Wer den Ausführungen folgen kann und versteht, was Herr Wunderlich da herschwadroniert, bekommt eine Postkarte!


Download der Sendung hier.
Musik: „Symphony of Science – the Quantum World!“ Von melodysheep


Skript zur Sendung

Fangen wir also unsere Reise ins Universum, das Leben und den ganzen Rest an mit einer Krankheit. Einer psychischen Krankheit. Nämlich der sogenannten dissoziativen Identitäts-Störung. Früher auch Multiple-Persönlichkeits-Störung genannt.

In schlechten Cartoons unserer Kindheit waren psychisch Kranke ja in der Regel noch schicht „Irre“. Und ein Irrer war im Cartoon meistens jemand, der sich für Napoleon hielt. Beispiel:

Macht der Psychiater seine tägliche Visite. Liest die Krankenakte und fragt:
„Wer hat Ihnen eigentlich gesagt, dass Sie Napoleon Bonaparte sind?“
Der Patient: „Das hat mir Gott offenbart!“
Meint der Psychiater: „Kann ich mich nicht erinnern… Das soll ich gesagt haben?“

Menschen mit DIS haben oft in ihrer frühen Kindheit schwere Traumata erlitten. Die Theorie ist, dass sich dadurch Teile der Persönlichkeit abspalten und getrennt voneinander entwickeln. Einfach, weil das Trauma sonst nicht zu ertragen wäre.

Diese Theorie ist mittlerweile vielfach belegt. Denn die Spuren der verschiedenen Persönlichkeiten lassen sich bei Hirnscans genau zeigen. Man könnte laienhaft behaupten, dass sich Menschen mit DSI nicht etwa einbilden, dass sie verschiedene Persönlichkeiten sind. Sie fassen wirklich in ihrem Hirn verschiedene Menschen.

Zwei Psychologen aus München, Hans Strasburger und Bruno Waldvogel, haben 2015 einen besonders faszinierenden Fall beschrieben. Den einer Frau, bei der einige der Persönlichkeiten, die sie war, blind waren. Andere nicht.

Den Forschern gelang der Nachweis, dass ihre Patientin tatsächlich und faktisch blind war, wenn eines der blinden Alter Egos aktiv war. Keinerlei Hirnaktivitäten in den Sehzentren des Gehirns, bei geöffneten Augen. Wenn die Frau nach Stunden eine andere Persönlichkeit war, war sie völlig normalsichtig.

Es ist nicht unwissenschaftlich, wenn man behauptet, dass es sich bei solchen Extremfällen von DIS tatsächlich um verschiedene Identitäten handelt, die sich einen Körper teilen. Wir können auf jeden Fall nicht das Gegenteil beweisen.

Gut. Wenn ihr mir soweit folgen könnt, dann gehen wir jetzt langsam, Schritt für Schritt, gemeinsam einen philosophischen Weg, der uns in die Meta-Physik führt.

Diese Studien an Patienten, die ihre Identität wechseln, stellen natürlich eine wichtige Frage: Was ist unsere Identität? Was ist unser Bewusstsein? Was ist unser Ego?

Wenn unsere Persönlichkeit, unser Verständnis von uns selber, im Prinzip austauschbar ist, was ist dann eine Persönlichkeit überhaupt? Denn sichtlich ist sie ja nur zu einem geringen Teil an diesen speziellen Körper gebunden, den wir „Ich“ nennen. Sie ist scheinbar nicht einfach nur ein Produkt der Materie, die wir sind.

Vielmehr scheint sich der Verdacht zu erhärten, dass unsere Identität eher wie eine Geschichte ist, die wir uns selber erzählen. Weit entfernt von jenen rationalen Regionen des Bewusstseins, die wir überhaupt reflektieren können.

Eine Hauptaufgabe der gesunden Psyche ist es dabei, diese Geschichte ständig zu verstärken. Neue Erfahrungen in den Erfahrungshorizont dieser Geschichte einzuordnen.

Das Unbewusste wählt dabei – und auch das lässt sich in Hirnscans schön belegen – aktiv die Empfindungen aus, die gut integrierbar sind und blendet andere dafür aus, die unser Persönlichkeitsbild stören würden.

Gut. Bei unserem Ausflug in die Metaphysik von letzter Woche habe ich ja den Konflikt zwischen religiösem und naturwissenschaftlichen Denken zum Thema gehabt. Das war brutal vereinfacht und deshalb eigentlich falsch. Der Naturwissenschaft einfach den Atheismus zuzuweisen und ihr jede Meta-Physik genommen.

Heute will ich da etwas vorsichtiger sein. Denn viele Naturwissenschaftler verfolgen in ihrem Weltbild, ohne es zu wissen, einen meta-physischen Ansatz. Den nennt man dann auch passenderweise „Physikalismus“. Das wäre schon vor einer Woche der richtigere Begriff gewesen.

Der Physikalismus besagt, kurz gesagt, dass nur die Objekte, Eigenschaften oder Ereignisse real sind, die in den Theorien der Physik beschrieben werden können.

Man erkennt gleich, dass viele Gegenwartsphilosophen und viele Naturwissenschaftler diese Position vertreten. Vielleicht ohne zu wissen, dass sie das tun. Und wahrscheinlich, ohne zu wissen, dass es sich dabei schon um Metaphysik handelt.

Wichtig ist diese Position vor allem, wenn Philosophie den menschlichen Geist untersucht. Denn diese Idee lehnt ein immaterielles Bewusstsein ab. Kurz gesagt: Geistliches ist immer bestimmt von physischen Ursachen. Denn nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass Geistiges eben nicht einfach auf physische Ursachen zurückzuführen ist.

Natürlich hat der Physikalismus auch einige Probleme. Eine Frage, die er schwer beantworten kann, ist die nach der subjektiven Qualität unserer Sinneseindrücke. Darum heißt dieses Argument auch „Qualia“.

Es ist ausgesprochen schwierig rein physikalistisch zu erklären, warum manche Menschen Essig-Gurken lieben und andere sie hassen.

Dazu ein berühmtes Gedankenexperiment nach Frank Cameron Jackson: Wir bauen eine Wohnung und ein Labor, in dem es keine Fraben gibt. Alles ist nur Schwarz und Weiß.

Würde man eine Forscherin, nennen wir sie Mary, ihr Leben lang in diesem Käfig halten, wäre ihre Wahrnehmung auch nur Schwarz und Weiß. Kein Pixel Farbe in Marys Leben.

Und diese Mary lassen wie alles studieren, was die Physik zum Farbensehen weiß. Sie wird die Autorität für alle Fakten des Farbensehens. Hat aber selber nie eine Farbe gesehen.

Das bedeutet aber, dass sie, wenn sie dann Farben sieht, etwas Neues erlebt. Etwas, was außerhalb der Naturgesetze des Farbensehens existiert. Das „echte“ Farbensehen hat also Eigenschaften, die sich nicht mit der Physik erklären lassen. Das Erleben von Farben stellt also etwas Faktisches außerhalb der Fakten der Physik dar.

Für dieses Qualia-Problem des Physikalismus wurden schon einige Workarounds gebaut, aber es bleibt nicht zu leugnen, dass wir das subjektive Empfinden nicht richtig erklären können, wenn wir nur die Regeln der Physik anwenden.

Der Ekel beim Essen von Essiggurken ist ein nicht-physikalischer Fakt.

Wo aber ist der denn dann gespeichert? Wo ist der vorhanden, dieser nicht-physische Fakt? Anders ausgedrückt: Wo ist der Geist? Wo ist das Bewusstsein? Wo ist „Ich“?

Eine der möglichen Antworten auf dieses Qualia- Problem nennt man nun wieder, ganz kompliziert, den Pan-Psychismus. Das Wort „Pan“ kennt ihr vielleicht. Der „Pan“-Theismus ist eine Religiösität, die besagt, dass Gott in allem ist. Und der Pan-Psychismus sagt, rein wörtlich, dass die Seele in allem ist.

Physikalischer ausgedrückt: Bewusstsein ist ein immanenter Bestandteil jeder Materie.

Dualisten sagen, auf der einen Seite gibt es Materie und auf der anderen Seite Geist. Physikalisten behaupten, es gibt nur Materie und der Geist ist nur eine komplexe Anordnung von Materie.

Pan-Psychisten sagen: Es gibt gar keine Trennung. Jedem Atom und jeder Bakterie wohnt schon Geistiges inne. Alles hat eine geistige Dimension. Aber natürlich empfindet ein Wasserstoff-Atom keinen Schmerz. Oder macht sich eine Amöbe Gedanken über ihre Existenz.

Die geistige Dimension eines einzelnen Atoms ist eben „proto-mental“. Und Bewusstsein tritt dann als natürliche Folge einer komplexen Organisationsform auf.

Achtung! Wir befinden uns hier an einer interessanten Schwelle. Wenn man behauptet, jegliche Materie habe eine proto-mentale Dimension, dann ist man ernst zu nehmender Philosoph. Wenn man aber sagt, alles sei beseelt, dann ist man Esoteriker.

Schon diese Ebene der Diskussion ist sehr faszinierend. Wenn wir belegen könnten, dass diese These richtig ist, was hätte das für ethische Konsequenzen? Zum Beispiel in der Frage, wie bewusst denn nun bitte welches Tier ist?

Doch wir gehen hier nicht in die Tiefe. Denn wie aus dieser proto-mentalen Dimension von Materie dann Bewusstsein entsteht, das spaltet die Pan-Psychisten wiederum tief. Da liegt das Grundproblem dieser Theorie.

Wenn unser Bewusstsein also nur, vereinfacht, eine Organisationsform von den proto-mentalen Eigenschaften der Atome, aus denen wir gebaut sind ist: Wie entsteht dann plötzlich in uns diese Stimme, die dann sagt: Das bin ich. Wie entsteht unser Selbst-Bewusstsein? Ohne Feenstaub und Magie oder einen lieben Gott.

Dieses Problem hat wiederum einen eigenen Namen: Das sogenannte Kombinationsproblem. Hardcore-Pan-Psychisten haben da schon Antworten. Alfred North Whitehead zum Beispiel den „dominant or regnant nexus of personally ordered actual occasions within a spatiotemporal society of occasions“. Aber das ist genauso kompliziert, wie es klingt. Viele Worte sind in der Philosophie oft kein gutes Zeichen.

So. Jetzt wird es spannend. Und auch lustig, weil es sich um eine Art von philosophischem Treppenwitz handelt.

Um dieses Kombinationsproblem des Pan-Psychismus zu lösen, gibt es einen Ansatz, der „Kosmo-Psychismus“ genannt wird.

Was, wenn Materie tatsächlich eine geistige Dimension hat, diese aber nicht fragmentiert ist? Wenn also nicht jedes Atömchen seine kleine Menge proto-mentaler Eigenschaften hat, sondern, wenn diese mentale Ebene einfach nicht geteilt ist?

Diese sub-atomaren Proto-Einheiten von Bewusstsein sind also nicht mehr Teil des Atoms selber, sondern eine Eigenschaft des Raum-Zeit-Kontinuums selber. Und die Materie sozusagen nur an diese Eigenschaft angekoppelt.

Bewusstsein ist eine Eigenschaft der Raumzeit. Das ist deshalb so lustig, weil wir damit praktisch über den Umweg der Naturwissenschaft den Idealismus noch einmal erfunden haben. Das vertiefen wir jetzt nicht, aber Giordano Bruno oder Friedrich Schelling dürften sich ziemlich freuen, wenn sie die heutigen Meta-Physiker so diskutieren hören.

Das Grundproblem des Idealismus ist aber trotz neuer Begriffe immer noch das alte. Man muss nicht Philosphie studiert haben, um zu bemerken, dass jeder Mensch sein eigenes Bewusstsein hat. Und das auch noch recht gut abgetrennt von den anderen Menschen.

Ich kann gerade nicht die Gedanken von Frau Anders lesen. Und umgekehrt geht das wahrscheinlich auch nicht. Und die von Zaphod Beeblebrox in Betelgeuse schon gar nicht.

Noch einmal zusammengefasst. Ein rein physikalistisches Verständnis der Welt hat ein Problem mit der subjektiven Qualität menschlicher Erfahrung. Das war bei uns das Essig-Gurken-Problem.

Dieses Problem wird umgangen, wenn Bewusstsein zu einer immanenten Eigenschaft jeder Materie gemacht wird. Dieser Pan-Psychismus hat aber wieder ein Problem, das sogenannte Kombinationsproblem.

Der Idealismus nun macht das Bewusstsein zu einer Eigenschaft nicht jeder Materie, sondern der Raum-Zeit selber, kann aber das individuelle Bewusstsein, abgetrennt vom kosmischen Bewusstsein nicht erklären.

Und jetzt kommen wir wieder auf Napoleon zurück. Oder auf die Patientin mit den blinden Alter Egos. Die aufgrund ihrer dissoziativen Identitäts-Störung nicht eine Identität hat, sondern mehrere.

Dieser Fall, und wahrscheinlich jeder Fall mit einer DSI legen ja nahe, dass Individualität nicht eine automatische Folge der physikalischen Struktur des Hirns sind. Weil so ein menschlicher Körper ja durchaus auch verschiedenen Identitäten Platz bieten kann.

Was wäre, wenn diese Identitäten nun eben nicht Eigenschaften dieser Patientin sind, sondern Eigenschaften des Raum-Zeit-Kontinuums selber?

Anders ausgedrückt: Was wäre, wenn unser Bewusstsein sozusagen durch eine dissoziative Identitäts-Störung des universalen Bewusstseins entsteht? Was, wenn wir alle also, einfach ausgedrückt, nur Alter Egos des Kosmos wären?

Wenn der Einzelne einfach durch einen dissoziativen Prozess des Bewusstseins entstanden ist, das allem Materiellen inne ist?

Unser Bewusstsein entsteht als eine natürliche Konsequenz des Lebens an und für sich.

Dieser Dissoziations-Prozeß des Meta-Bewusstseins ist eine Ausdrucksweise jeglicher Form des Lebens im Universum.

Diese Theorie würde das Essig-Gurken-Problen und das Kombinationsproblem umgehen. Und gleichzeitig dem Idealismus eine Erklärung für sein eigenes Dissoziationsproblem geben.

Und vielleicht können wir das sogar, in ferner Zukunft, empirisch belegen. Wenn wir uns dazu die passenden Experimente ausdenken können. Aber vielleicht ist ja unser Leben selber das Experiment.

Meine persönliche Religiösität basiert ja auf Erfahrungen von Transzendenz.

Das sind Erfahrungen, die jeder von uns macht und die in jeder menschlichen Kultur beschrieben sind. Ich glaube wirklich, an der Wurzel jeder Religion stehen solche Erlebnisse. Die wir unter vielen Namen kennen. Entäußerungserlebnisse, Erleuchtung, Epipahnie, satori, kensho, ozeanisches Gefühl, unio mystica – jede menschliche Kultur hat dafür Beschreibungen gefunden.

Vielleicht ist Transzendenz also einfach ein natürlicher Teil des Lebens selber. Eine Erfahrung des Bewusstseins jenseits der Dissoziation. Etwas, das wir alle in uns tragen, einfach weil wir ein Teil dieses Raum-Zeit-Kontinuums sind.

Einfach die Möglichkeit, subjektiv zu erfahren, dass wir zu diesem Universum gehören.

Weil wir eben natürlich Teil etwas Größeren sind. Aber dieser Teil ist dann schon wieder nicht meta-physisch, sondern grenzwertig religiös.

So. Nach letzter Woche nun wieder ein Ausflug in die Philosophie, ich verspreche: Komplizierter wird es nicht mehr beim morgenradio!