Wir sind das Rudel


Frau Anders ist Jahrgang 1965, Herr Wunderlich 1964. Wir sind ganz eindeutig Babyboomer. Die geburtenstarken Jahrgänge.

Zeit unseres Lebens waren wir zuviele. Und sind es auch jetzt wieder – denen vor uns und denen nach uns immer ein Dorn im Auge.

Aber das macht uns nichts. Denn dafür haben wir den Vorteil, Rudeltiere zu sein. Und nicht wie die vor uns Krieger oder wie die nach uns Individualisten sein zu müssen.


Download der Episode hier.
Musik: Good Old Times von Alex Cohen / CC BY-NC-SA 3.0
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Skript zur Sendung

Ich bin ja Jahrgang 1964. Ein Babyboomer. Ein geburtenstarker Jahrgang. Der geburtenstärkste in der Geschichte Deutschlands überhaupt. Es gibt aus diesem Jahrgang in Deutschland 1,36 Millionen Menschen. Das ist ungefähr doppelt so viel, wie ein Jahrgang heute so ausmacht.

Wenn wir 1964er beschließen würden, alle gleichzeitig Fußball kucken zu wollen, dann würden wir alle Bundesliga-Stadien füllen. Und zwar die der ersten und die der zweiten Liga. Wenn wir alle in einen Ort zusammenziehen würden, dann wäre der sofort die drittgrößte Stadt Deutschlands. Knapp vor München.

Und das ist schon immer unser Schicksal gewesen. Wir Babyboomer, wir sind die Vielen. Darum, so wurde uns immer gesagt, darum sind wir ein Problem. Wir waren für die Hebammen ein Problem, als wir auf die Welt kamen, wir waren ein Problem für die Lehrer, für die Professoren, für die Universitäten und den Arbeitsmarkt.

Und jetzt werden wir ein Problem für die Rentenkassen. Die nachrückenden Generationen schauen und mit genauso vorwurfsvollem Blick an wie die Generationen vor uns das schon immer getan haben.

Und uns. Was macht das mit uns? Eigentlich erstaunlich wenig. Wir, die Babyboomer, wir sind die Rudelgeneration. Die vor uns haben das nicht verstanden und die nach uns werden das auch nicht verstehen.

Die vor uns, das waren unsere Eltern. Die Generation Menschen, die im Krieg Kinder waren. Denen die Kindheit komplett genommen wurde. Die, deren Eltern es waren, die für den ganzen Schlamassel verantwortlich waren. Die Kinder der Täter, das sind unsere Eltern. Da ist noch Stoff für Millionen Psychotherapien in den Testamenten dieser Generation vor uns versteckt.

Gott sei Dank waren die aber so sehr mit sich selber beschäftigt und mit der Verdrängung ihrer Traumata und ihrer Alpträume und – nicht zuletzt – mit dem guten, stressfreien Leben in den Siebzigern, dass sie lieber ihre Zigaretten geraucht haben und uns in Ruhe gelassen haben.
Wir waren eher lästig.

So fing das alles an mit dem Egal. Das Egal, das ist die erste typische Eigenschaft unserer Rudelgeneration.

Wir lernten, dass wir unseren Eltern egal waren, also waren die uns auch egal. Wer brauchte die auch, wir hatten ja das Rudel! Für uns war immer jemand da zum Spielen. Wir mussten nur rausgehen auf die Strasse, da waren immer welche von uns.

Und so ging es weiter. Als nächstes in der Grundschule. Natürlich gab es nicht wirklich Platz für uns alle. Die Politik hätte ja wissen können, dass wir alle einmal sechs Jahre alt werden würden, aber die waren irgendwie überrascht. Ist wie jetzt auch. Demografie überfordert die Legislaturperiode.

Unsere Klassen waren 35 bis 42 Kinder stark. Unsere Lehrbücher waren hoffnungslos veraltet. Wir sollten die Lateinische Ausgangsschrift lernen und der Kasperl in der Fibel war noch in der Kurrentschrift. Wir sollten Mengenlehre betreiben und unsere Lehrer hielten das für Unsinn.

Und wir wurden aufgeklärt in der Grundschule, ohne jegliches Lehrmaterial, von verunsicherten Lehrern und Lehrerinnen, die Geschlechtsorgane selber an die Tafel malen mussten.

Und immer wieder gab es die Entschuldigung: Ihr seid halt so viele! Das ist alles so neu! Das muss alles erst fertig werden! Das wird extra für euch gebaut! Jetzt ist es noch schlecht, aber das wird mal ganz toll!

Nie war etwas fertig für uns. Immer lebten wir mit dem Provisorium. Immer waren die Schulen noch nicht fertig.

War uns aber egal. Die Schule war uns auch nicht besonders wichtig. Wichtig war, was nach der Schule kam! Wenn wir frei spielen durften. Mit unserem Rudel. Unter uns. Man kann gar nicht zu sehr betonen, wie toll das war.

Eine ganze Generation sich selbst überlassen! In den Siebzigern, in einer Zeit vor Mobiltelefonen, vor Babysitzen, vor Frühförderung, vor zweisprachiger Erziehung, vor Beipackzetteln, vor Sicherheitsgurten. Als alle Erwachsenen vor sich hin gequarzt haben und wir unsere Ruhe hatten. Wir, das Rudel.

Und wir hatten unsere ganz eigene Kultur und Sprache und unsere Vorbilder und Idole. Wir waren die erste Generation, die mit dem Fernsehen aufgewachsen war. Jeder aus unserem Rudel kannte und kennt Hoss und Little Joe. Oder Adam oder Ben Cartright. Von der Ponderosa. Jeder kann sofort die Titelmelodie demdemdemmen.

Oder die vom Raumschiff Enterprise, von Daktari, von Lassie, von Skippy, dem Buschkängaruh oder Tarzan oder Bonnie oder natürlich Flipper.

Wir wurden nicht so sehr von den Eltern erzogen oder den Großeltern, es waren eher Captain Kirk und Clarence, der schielende Löwe.

In den amerikanischen Fernsehserien, da ging es schon spannend zu. Da war es schon einmal knapp. Da stand es Spitz auf Knopf. Aber nie hat jemand aufgegeben. Und immer gab es am Ende ein Happy End.

Eigentlich, wenn man genau hinschaute: Nichts hatte sich wirklich verändert. Wenn, dann hatte man höchstens einen neuen Freund gefunden.

Unsere Helden waren noch nicht gebrochen, sie waren noch bunt. Sie haben sich schon nicht mehr so ernst genommen, wie vielleicht noch Errol Flynn oder Douglas Fairbanks, aber sie waren auch noch nicht so kaputt wie ein Dr House oder ein Walter White.

Das prägte uns. Die zweite Eigenschaft unseres Rudels außer dem Egal ist das Happy End.

Als wir an die Berufsschulen kamen oder an die Fachhochschulen oder an die Universitäten, da war es so wie vorher schon auch. Wieder waren die Schulen und Vorlesungssäle nicht fertig, wieder waren wir viel zu viele. Für uns erfand man den Numerus Clausus, damit nicht alle von uns studieren konnten, die eigentlich studieren durften.

Für jeden Studienplatz gab es eine ganze Reihe an Bewerbern. An der Akademie in München gab es für jeden freien Platz 3000 Bewerber. So wurde uns gesagt.

Wir würden niemals alle einen Ausbildungsplatz bekommen. Niemals alle einen Studienplatz bekommen. Wir werden die Akademikerschwemme, die Lehrerschwemme.

Wir werden alle einmal arbeitslos. Wir kriegen nie alle einen Job. Unter uns werden die Sozialkassen gesprengt, die Krankenkassen werden pleite gehen und Rente werden wir dann, mit 67, auch nicht kriegen. Kämpfen sollten wir. Gegeneinander.

Aber das war uns: Eigenschaft eins: Egal. Denn, Eigenschaft zwei: Happy End.

Und so studierten wir halt doch vor uns hin. Und feierten unsere Feste, unter uns. Wir, die Martins, die mit den Sabines schmusten; die Christians und Stefans, die Sex mit den Christinas und Brigitten versuchten, aber auch schon die ersten Thomasse, die eher auf Andreasse standen.

Im Sommer waren tagsüber die Cafes voll und zwischen zwei Vorlesungen musste man selbst für eine Tüte Kakao anstehen. Abends waren die Discos überfüllt, die Partykeller voll, alle Kneipen verstopft. War aber, Eigenschaft eins: Egal. War unser Rudel.

Wir kamen miteinander aus. Unsere Musik zum Beispiel war einfach jede Musik. Die Generation vor uns hatte irgendwie den Rock’n Roll kaputt gemacht. Also haben wir alles neu gehabt. Es gab gleichzeitig Punk und Reggae, New Wave und Ska, Folk und Gothic. Alles in Ordnung.

Wir waren gleichzeitig Juppies und Hippies, Teds und Ökos, Friedensbewegte und Punker, Skinheads und Normalos. Alles nebeneinander. Immer wieder wurde uns angedichtet, wir würden uns bekriegen, in Wirklichkeit sind wir in unserer Diversität prima miteinander ausgekommen.

Nur wer aus dem Rudel stammt, kann verstehen, wie wichtig es ist, dass jeder irgendwie sein Ding versucht. Dass jeder ‚mal seinen eigenen Weg geht und innerhalb des Rudels mal mit der einen Gang rumhängt und mal mit der anderen.

Wir hatten ja eh‘ keine Chancen, so sagte man uns. Aufregen hätten wir uns sollen. Sagten auf jeden Fall die selbstgefälligen Lehrer und Jungprofessoren zu uns. Die 68er, die es auf ihrem Marsch durch die Institutionen gerade einmal auf eine Beamtenstelle im Lehrdienst geschafft hatten und uns jetzt vorwarfen, dass wir unpolitisch waren.

Stimmt ja irgendwie. Wenn wer das Ruder hätte politisch rumreissen können, dann wir. Die Vielen, die Mehrheit. Aber die Generation vor uns hatte uns schon an die Neoliberalen verkauft. Der seltene Glücksfall der Siebziger endete mit Reagan, Thatcher und Kohl. Wie wir politisch wach wurden, war es schon zu spät.

Aber Ideologien waren nicht unser Ding. Nicht einmal der Kapitalismus – lasst euch da bloß nicht täuschen! Wir brauchen den viel weniger, als ihr glaubt – wir haben ja das Rudel.

Unsere Aufgabe war es nicht, schon wieder zu rebellieren. Schon wieder zu kämpfen. Wir mussten die Ideen, die als Reaktion auf die schlimmste bisherige Katastrophe der Menschheit entstanden, leben. Wir sollten nicht schon wieder kämpfen, unser Rudel war dazu da, dass auszuprobieren.

Von Gleichberechtigung kann man viel reden, aber das in einer Partnerschaft zu leben versuchen, das ist etwas ganz anderes. Man kann von pazifistischer und unautoritärer Erziehung viel monologisieren, aber wir haben das halt einfach versucht. Hat alles nicht immer geklappt – was sind wir alle auf die Schnauze geflogen – aber wir haben es versucht.

Das Private ist politisch haben die Hetzer in der Generation vor uns gepredigt, aber wir haben das gelebt. Wir bekommen sicher keinen Sonderplatz in den Geschichtsbüchern, der ist für Krieger und Revolutionäre reserviert.

Unsere Leistung war aber der Frieden. Wir sind das Rudel und wir haben allen genau zugehört.

Nicht nur den Alpträumen der Omas, sondern auch den Utopien unserer 68er-Deutschlehrern. Nicht nur den unterdrückten Emotionen unserer Eltern, sondern auch dem Peace-Gruppengesang unserer Hippie-Vorgänger.

Und das Rudel hat gelernt. Wir haben den Frieden gehalten. Obwohl sie uns von Anfang an gegeneinander aufhetzen wollten. Obwohl uns immer wieder gesagt wurde, wir seien zu viele und wir hätten keine Chance.

Wenn unsere Generation eines war, dann eigentlich, wenn man heute so ins Internet kuckt, unaufgeregt. Wir sind keiner Ideologie gefolgt, wir haben nicht die Klappe aufgerissen und wir haben uns auch nicht verweigert. Es klingt ziemlich spießig, aber wir haben uns einfach auch gereicht. Schon immer.

Wie keine Generation vorher, mussten wir lernen miteinander auszukommen. Der dumme Spontispruch passt auf uns genau: Wir hatten keine Chance und die haben wir genutzt.

Auch jetzt sind wir nicht Menschen, die die Gesellschaft tragen, sondern jetzt, jetzt sind wir dann bald die Rentnerblase. Wieder wird man uns erklären, dass wir viel zu viele sind.

Dann wird man uns erklären, dass das mit der Rente leider so nicht klappt. Und mit der Pflege. Schon klar. Das wissen wir doch alles schon längst.

Aber auch das ist uns egal. Weil wir immer noch Rudeltiere sind. Wir werden da auch Lösungen finden, wie bis jetzt immer.

Es findet sich ein Weg, egal, was die Statistik sagt. Und die Eltern. Und die Politik. Und die Lehrer.

Eigentlich, wenn man genau hinschaute: Nichts hatte sich wirklich verändert. Wenn, dann hatte man höchstens einen neuen Freund gefunden.

Leben und leben lassen. Ist nicht die schlechteste Philosophie.