Wildrosengöttin


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Es ist wieder Frühling geworden. Bei allem, was heutzutage ungewiss erscheint, gibt es für die wahren Gläubigen eine Gewissheit: Wenn es warm genug ist und sonnig genug, dann wird Bonica vorbeischauen, um sich um ihre geliebten Rosen zu kümmern.


Download der Episode hier.
Musiktitel: “Rose Goddess” von Waterband


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Die Geschichte zum Lesen

Wenige Dinge lassen sich mit Sicherheit behaupten. Zum Beispiel weiß man nie, wann Bonica sich durch den Park treiben lässt wie ein Blütenblatt im Wind. Es ist nur wichtig, dass es warm ist und dass die Sonne scheint.

Ihr ist wichtig, dass es der junge Haselstrauch über den Winter geschafft hat, obwohl er im Schatten der Fichte keimte.

Sie zupft ihm die letzten braunen Blätter ab und streichelt sanft über die Stellen, an denen der kleine Strauch bald sprossen würde.
„Du bist ein ganz besonders tapferer, junger Strauch. Ich bin stolz auf Dich!“, flüstert sie ihm zu und es wirkt, als würde dieser sich zum ersten Mal seit dem Frost aufrichten.

In Bonicas Augen scheint Glut zu glimmen; sie blickt sich im Park um. Heute war ein Tag, wie ihn ihre Rose liebt. Kein Tag, um zu denken oder zu planen, sondern ein Tag, um zu wachsen und um glücklich zu sein.

Sie geht zu den Wildrosen und widmet jedem Zweig einzeln ihre Aufmerksamkeit. Jedes außenstehende Auge wird geprüft, denn nur hier werden neue Triebe entstehen. Wird der Zweig darunter verletzt, entsteht nur Totholz. Sie zupft die letzten Hagebutten vom Herbst ab und entfernt altes Laub unter dem Strauch, damit sich kein Schimmelpilz bildet.

„Du bist wunderschön, meine Liebe. Und Du bist groß und stark. Dieses Jahr wirst Du weiterwachsen und sogar noch größer und stärker werden. Und noch viel schöner! Du bist die schönste Rose an diesem Ende des Parks. Bis nächste Woche, meine Liebe. Nächste Woche schaue ich wieder vorbei!“

Sie schlendert ein paar Schritte auf den Rasen, um sich in der Sonne zu wärmen. Mittlerweile ist es mittags und die Luft duftet nach Blüten. Sie setzt sich ins Gras und atmet Frühling ein. Bis etwas über ihr Gesicht streichelt. Etwas, das sich anfühlt wie der Faden von Verdandi.

Es ist eine Schnur, die an einen Ballon gebunden ist, der vom Wind durch den Park getrieben wird. Sie sieht ein aufgeregtes Mädchen und hält den Ballon fest.

Sie sagt zu der Kleinen: „Hier! Ist das Dein Ballon?“
Und die Kleine antwortet außer Atem: „Ja, vielen Dank!“

„Setz Dich erst einmal hin und hole wieder Luft!“

„Gute Idee. Mach‘ ich!“

Das Mädchen mit dem rosa Herzballon setzt sich neben Bonica auf die Wiese und schöpft Atem. Sie sagt: „Meine Mama müsste bald kommen, die sucht auch den Ballon.“
„Gut“, sagt Bonica.
„Duhuuu?“
„Ja?“
„Was machst Du hier eigentlich? Sitzt Du nur hier rum?“
„Ja. Es ist ein Tag zum Wachsen. Das ist anstrengend. Da kann man nicht faul rumrennen.“
„Aber rumrennen ist doch nicht faul!“
„Rumrennen ist mit das Faulste, was man machen kann. Wachsen ist viel schwieriger.“
„Du bist ja lustig. Willst Du sagen, ein Baum ist fleißiger als ein Pferd?“
„Aber natürlich! Und stärker auch noch! Tiere sind nur kurz auf der Welt, ein Baum viel länger.“
„Hm. Bin ich ein Tier?“
„Was bist Du denn? Bist Du eine Pflanze?“
„Ich bin ein Mensch.“
„Und sind Menschen Tiere oder Pflanzen?“
„Sind das alle Möglichkeiten, die es geben tut?“
„Nein, ihr könntet auch Steine sein, oder Gase oder Licht oder Ideen.“
„Dann will ich, dass wir Ideen sind.“
„Das stimmt am ehesten. Du hast recht, Kleine. Übrigens bist Du sehr hübsch. Ich mag Deine Haare!“
„Ich finde Dich auch hübsch. Ich mag Deine Augen. Die schauen aus, als ob ein Feuer in ihnen brennen würde. Bist Du auch eine Idee?“
„Eine Idee bin ich schon, aber kein Mensch.“
„Sondern, was bist Du denn dann?“
„Ich bin Bonica.“
„Ich bin Lena.“
„Ich bin eine Göttin.“
„Eine Göttin? Das ist ja toll! Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Göttin kennengelernt!“
„Wirklich? Und ich keine Lena!“
„Hallo Bonica!“
„Hallo Lena! Schau einmal in den Himmel!“

Ohne zu zögern, blickt das Mädchen in den Himmel. Der ist hellblau und wolkenlos. Genau dort, wohin Lena schaut, bildet sich ein blutroter Punkt, der immer größer wird.

Dann regnet es rote Rosenblütenblätter. Tausende von großen, eleganten Blütenblättern. Lena jauchzt begeistert auf. Sie und Bonica springen hoch und tanzen lachend in dem Blütenblättersturm!

„Das war toll!“, sagt Lena begeistert.
„Fand ich auch!“, antwortet Bonica.
„Was für eine Göttin bist Du denn?“
„Ich bin die vergessene Göttin der wilden Rosen.“
„Wieso bist Du denn vergessen?“
„Weil kein Mensch mehr an mich glaubt.“
„Warum denn nicht? Das ist doch nicht schwer! Ich sehe Dich doch!“

Mittlerweile war Lenas Mutter angekommen. Sie spricht Bonica an: „Das mit den Blütenblättern, haben Sie das gemacht?“
„Ja. Hat Ihnen das gefallen?“
„Das hat mir sehr gefallen!“
„Hat Sie das glücklich gemacht?“
„Glücklich? Hm. Glücklich?“
Lena zögert nicht: „Natürlich! Mich hat das sehr glücklich gemacht!“

„Mich auch, wenn ich darüber nachdenke. Eigentlich hat mich das glücklicher gemacht als irgendetwas Anderes in den letzten Wochen oder Monaten!“
„Das freut mich!“

„Sagen Sie: Meine beste Freundin heiratet ihre beste Freundin. Meinen Sie, Sie könnten es bei der Hochzeit auch Blütenblätter regnen lassen?“
„Kein Problem. Ihr müsst nur an dem Tag der Hochzeit zu mir beten. Das höre ich sicher, das wäre das erste Gebet zu mir in über viertausend Jahren.“
„Beten? Im Ernst? Und, wie ist ihr Name, wenn ich fragen darf?“
„Lena weiß meinen Namen, Elisabeth. Frag einfach Deine Tochter.“

So verlassen Elisabeth und Lena mit dem Herzballon den Park, nicht ohne sich nach Bonica umzudrehen, die sich auf die Wiese gelegt hat und die Sonnenstrahlen in sich aufsaugt.

Während des Blättersturms war eine Frau mit Rollator Zeugin des Freudentanzes geworden. Sie bewegt sich langsam, Schrittchen für Schrittchen, auf Bonica zu. Als sie die Göttin der Wildrosen erreicht hat, sagt sie: „Ob ich mich wohl auch in die Sonne legen kann wie Du?“
„Natürlich kannst Du das.“
„Aber ich weiß nicht, ob ich dann wieder aufstehen kann.“
„Sicher kannst Du wieder aufstehen. Wenn Du das willst, alte Freundin.“
„Du kennst mich?“
„Natürlich.“
„Du hast die beiden Menschen gerade glücklich gemacht.“
„Schön.“
„Warum?“
„Warum nicht?“
„Die glauben doch nicht einmal mehr an Götter. Oder an Mächte der Natur. Die glauben nicht einmal mehr an die Schöpfung.“
„Du bist gekränkt?“
„Ich? Nein!“
„Gut.“
„Weißt Du, ich habe Rosen mein Leben lang geliebt.“
„Ich auch.“
„Als ich eine junge Frau war und knackig und frisch, da hatte ich einen heissblütigen Verehrer. Kannst Du Dir das vorstellen?“
„Das kann ich mir gut vorstellen!“
„Das sieht man nicht mehr unter den ganzen Falten und Altersflecken und den Fettpölsterchen an den falschen Stellen, aber früher war ich eine hübsche Frau.“
„Ach, Gefion, Du bist heute noch eine hübsche Frau!“
„Versuch‘ nicht, mir zu schmeicheln! Ich bin eine alte Schachtel. Wenn ich durch den Park rolle, bemerkt kein Mensch mehr meine Anwesenheit. Es ist, als wäre ich unsichtbar.“
„Die schönsten Dinge in der Schöpfung sind unsichtbar. Das weißt Du genauso gut wie ich, oder?“
„Na ja, was ich eigentlich erzählen wollte, war ja etwas anderes. Als ich jung war, machte mir dieser eine hübsche Mann den Hof. Als er mich eines Abends zum Tanzen abholen wollte, da hatte er etwas hinter seinem Rücken versteckt. Ich war sehr neugierig und er ließ mich raten, bis er endlich präsentierte, was er mir da schenken wollte.

Es war eine rote Rose. Eine große, volle, kräftige Rose mit blutroten Blütenblättern. Das schönste Geschenk, dass ich jemals bekommen hatte. Und ich begann, zu weinen, so schön war diese Blüte. Und mein hübscher Mann war gleich sehr besorgt und dachte, er hätte etwas falsch gemacht. Er befürchtete, er hätte mich traurig gemacht, dabei wollte er mich doch glücklich machen. Verstehst Du?“

„Ich verstehe Dich genau, Gefion.“

„So begehrt habe ich mich nie wieder gefühlt. So froh war ich nie wieder. Keinem Menschen war es je wieder so wichtig, mich glücklich zu machen wie meinem Verehrer damals.“

Und Bonica dreht sich um zu Gefion und blickt ihr ins Gesicht und in die Seele. Sie fährt der Freundin durch das dünne, graue Haar und lächelt sie an.

Dann formt sie aus ihren Händen einen Ball und bläst kurz hinein. Als sie die Handflächen aufklappt, quellen tausende von Blüttenblättern hervor und in ihren Händen hält sie eine saftige, pralle Rosenblüte.

Gefion strahlt über beide Backen wie die kleine Lena und hält die Rosenblüte in der Hand, als wäre es ein zerbrechlicher Schatz.

Bonica hilft ihr, sich auf dem Rücken auszustrecken und sich hinzulegen und endlich auszuruhen. Über ihr öffnet sich der Himmel und es beginnt Millionen von Blütenblättern zu regnen. Langsam bedecken sie den Körper von Gefion.

„Leb wohl, alte Freundin!“, flüstert Bonica und bricht auf. Es gibt noch viele Rosenbüsche und so viele – sie überlegt kurz – so viele Ideen.

Am Rande des Parks dreht sie sich um. Dort, wo Gefion liegt, ist jetzt ein Berg Blütenblätter. Bonica spitzt die Lippen und bläst sanft. Die Blütenblätter stoben auseinander.

Verlassen steht ein Rollator im Park.

Eines kann man mit Sicherheit sagen: Die vergessene Göttin der Wildrosen liebt den Frühling. Es ist wichtig, dass die Sonne scheint, es ist wichtig, dass es warm ist und es ist wichtig, glücklich zu sein.


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