Wie lebt man in… 01



Es ist, dank des Internets, kein Problem mehr, zu erfahren, wie es anderen Menschen geht, genau da, wo sie leben. Komisch, dass man das nicht macht, oder?

Wir haben das gemacht und im Netz Menschen die Frage gestellt: Wie ist es eigentlich so, da zu leben, wo Du lebst? Und zwar egal, ob die Angefragten von dort stammen oder dort gerne leben oder nicht.

Und wir haben viele, viele Blitzlichtaufnahmen von vielem Gegenden der Welt bekommen. Und daraus eine Serie gebastelt. Heute also die erste Folge mit Schnappschüssen aus Südafrika, Russland, Hawaii und Deutschland.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Sound of Cape Town“ von Ashur Petersen


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Skript zur Sendung

O.k. Gestern musste ich glatt mit einem Uber in die Arbeit, weil die Minibus-Taxis alle zu spät sind. Wegen Vandalismus, heißt es. Um Drogen ging’s. Heißt es. In Wirklichkeit haben irgendwelche schlauen Arschlöcher Kabel geklaut und jetzt sagt die Transport-Behörde: „Leckt uns! Entweder ihr übergebt uns die Täter, oder ihr könnt zu Fuß in die Arbeit gehen!“

Komme ich also schon zu spät in die Arbeit und muß mich erst ‚mal eine halbe Stunde mit meinem Boss rumschlagen. Wegen Vorbereitungen zur Betriebsfeier. Dann frage ich erst einmal meine Ex-Chefin per WhatsApp, wann die Kohle von dem letzten Immobiliendeal endlich ankommt, weil ich dringend einen neuen Kühlschrank brauche.

Und noch einen Laptop für die Abendschule, wo ich nebenbei Jura studiere. Nach einem Arbeitstag von 14 Stunden. Heute hatte ich Kuchen zum Frühstück und Kuchen zum Mittagessen, das ist aber eher ungewöhnlich. Dann war die Arbeit vorbei.

Dann bin ich bei einem Möbelladen vorbei und die hatten einen Kühlschrank, den ich mir leisten kann. Wenn meine Ex-Chefin endlich zahlt. Dann wollte ich mit Uber nach Hause, aber da war soviel los, dass ich ein Taxi nehmen musste.

Dann habe ich mit dem Fahrer geratscht. Der war aus Simbabwe. Wir haben hauptsächlich auf Mugabe und Zuma geschimpft, das sind nämlich beide ausgewachsene Arschlöcher. Der Fahrer sagt, er bleibt für immer in Südafrika, er hat sich hier eine Existenz aufgebaut und Simbabwe ist scheiße.

Zum Abendessen habe ich mir ‚was von KFC geholt, denn ich lebe alleine und hab‘ keinen Bock zu kochen. Mein Bruder arbeitet in Neuseeland und kommt in seinen Ferien nach Hause. Eigentlich wollte ich ihn abholen, aber sein Flug kam erst um halb zwölf an, also hat er sich ein AirBnB geholt und wir treffen uns morgen.

Heute bin ich noch gestresster als gestern, denn die Transportkrise wird immer schlimmer. Dafür regnet es endlich, denn wir hatten hier extreme Dürre in Kapstadt. Ich habe mir eine neue Hose für die Arbeit bei Zando gekauft, die wird morgen geliefert, dann schaue ich nicht so schlampig aus.

Gerade bin ich total hungrig. Und ich würde alles für eine Burenbrot mir Zwiebeln und Dhany-Chutney geben. Die gibt’s gleich hier bei so einem Imbisswagen. Aber ich bin pleite und muss warten, bis ich den Essensgutschein von der Arbeit einlösen kann. Heute wird’s stressig – aber wenigstens das Essen wird gut!

Jetzt bin ich in der Arbeit und habe erst einmal Facebook gecheckt und Quora. Und ich reg‘ mich tierisch auf, weil ich mein Handy daheim liegen gelassen habe. Mein Leben. Langweilig, oder?

Rucinde-Ann Edson, Kapstadt, FMCG-Manager


Eine typische Geschichte, noch nicht lange her. Da hab‘ ich auf dem Bau gearbeitet. In Maui. Ich selber stamme aus Oahu. Ich saß mit einem Kumpel nach der Arbeit in einer Bar. Da traf ich eine Hawaiianerin, ein ethnischer Mix, wie wir alle. Und ich versuchte. irgendwie eine Verbindung aufzubauen und habe ihr erzählt, dass ich aus Oahu bin und Hawaiianisch spreche.

Sie meinte nur, ich sei „zu städtisch“ und ich würde ihr Aina zerstören, weil ich half, auf dem letzten unbebauten Strand in Kaanapali Ferienwohnungen zu bauen. Und sie hätte die Schnauze voll jeden Abend in ihrem Luau die Touristen glücklich anzugrinsen und dauernd dämlichen Hula zu tanzen. Sie hat mich gleichzeitig angeschrien und geweint. Das kam tief aus dem Herzen.

Maui hat in den letzten Jahren viele neue Zuzüge von der Hauptinsel erlebt und ich glaube, es war schwierig für sie, sich anzupassen. Und obwohl sie auch davon lebte, den Geist von Aloha zu verkaufen und dabei zu tanzen und zu singen, war sie innerlich davon beschädigt. Es ist ja auch herzzereißend, dass es auf Maui praktisch keine Jobs gibt außer in Supermärkten, Imbißbuden oder direkt im Torismus. Alles lebt hier von den Touristen.

Auf der anderen Seite kenne ich auch eine Menge Oahus, die sehr glücklich vom Immobiliengeschäft in Hawaii leben und glauben, sie bauen ein neues Paradies auf Erden auf. Ich persönlich stecke da irgendwo in der Mitte fest.

Das Hawaii, in dem ich lebe, ist irgendwie eine Mischung. Klar, es gibt diesen entspannten, relaxten Lebensstil. Und viel Natur und mittlerweile auch viel Umweltschutz. Und leckere Sachen zu essen! Aber da ist auch viel Gewalt, Drogen, Rassismus, Hass, Trauer und viel Neid und Frustration.

Das hier ist zum einen ein Schmelztiegel und die Leute vermischen sich wirklich. Und es findet wirklich ein Austausch zwischen den Kulturen statt. Aber trotzdem gibt es eine scharfen Kontrast zwischen Reich und Arm, gebildet und ungebildet, angesagt und abgeschrieben, gesund und lebensfeindlich, zwischen einer Erfahrung, die sich wie Freiheit anfühlt und dem Gefühl, auf einer Insel eingesperrt zu sein.

Ich hatte das Glück, alle diese Facetten kennenzulerenen, weil ich auch schon in Asien und Amerika gearbeitet habe. Und diese beiden Traditionen vermischen sich hier mit der Hawaiianischen.

Also: Du kannst entweder versuchen die Leute hier zu verstehen und Dich dafür interessieren, woher ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre Philosophie kommt und hier ganz gut leben. Oder Du baust Dir eine Blase, wie die ganzen Touristen und redest Dir ein, Hawaii wäre das Paradies auf Erden.

Ich persönlich habe eine Hassliebe für meine Heimat.

Roger Dunn, geboren und aufgewachsen in Oahu


Ich bin gerade schwanger. Und wir Russen kommen in staatlichen Geburtenkliniken auf die Welt. Die Entbindung ist kostenlos und die Narkose im äußersten Notfall auch. Aber alles, was das Leben im Krankenhaus besser macht, das kostet extra. Eine Peridural-Narkose zum Beispiel 5000 Rubel, also 70 Euro. Die Sterblichkeitsrate für Neugeborene liegt bei 6,8 von 1000. Vor 20 Jahren war sie noch bei 20,3. Bei euch ist es 3,4.

In diese Krankenhäuser geht man später auch für die ersten Impfungen. Später gibt es die, staatlich verordnet, in den Schulen und am Arbeitsplatz. Klar, die Eltern können das auch verweigern. Aber dann könnte es schwierig werden einen Platz in einem Kindergarten oder einer Schule zu kriegen.

Die können das eigentlich nicht wirklich verweigern, denn das könnte anstrengend werden. Oder teuer. Russische Männer sind übrigens nicht beschnitten, so wie ihr. Und Beschneidung bei Frauen ist Verstümmelung und ein Schwerverbrechen.

Bei der Geburt bekommt ein Neugeborenes schon sein wichtigstes Dokument: Die Geburtsurkunde. Dokumente sind sehr wichtig in Russland.

Erziehungsurlaub wird 18 Monate vom Arbeitgeber bis zu 700 Euro voll bezahlt und danach nicht mehr. Die Differenz zum vollen Lohn trägt der Staat, aber das betrifft nur sehr wenige. Der Arbeitgeber muss den Job noch einmal 18 Monate obendrauf reservieren.

Und es gibt Kindergeld, das ist für das erste Kind einmalig 5000 Euro, beim zweiten und dritten gibt es noch zusätzliche Sozialleistungen.

Kinder kommen hier nach dem Mutterschaftsurlaub in den Kindergarten. Einige schicken die Kinder erst, wenn die Kinder drei sind und nur ganz Wenige gar nicht. Der Kindergarten kostet im Durchschnitt 30 Euro im Monat.

Die Gesundheitsversorgung ist für alle Bürger ab der Geburt übrigens kostenlos. Aber in Wirklichkeit deckt die Pflichtversicherung das meiste nicht ab. Einzelzimmer oder wirksame Schmerzmittel kosten extra. Man muss sich auch einen guten Platz in der Warteschlange kaufen.

Die ärztliche Versorgung ist in den großen Städten aber eigentlich sehr gut, auf dem Land aber eher schlecht. Und richtig Geld verdienen die Privatkliniken, speziell für Schönheitsoperationen oder für die Zähne. Da kommen sogar Touristen aus aller Welt für nach Russland, wenn auch nicht soviele wie in Deutschland oder Israel.

Mit sieben Jahren müssen die Kinder in die Schule. Die staatlichen Schulen kosten nichts, aber wenn Du Dein Kind auf eine andere Schule schicken willst, braucht es dafür gute Prüfungsergebnisse und die richtigen Dokumente.

Schule ist an fünf oder sechs Tagen die Woche und dauert vier bis sechs Stunden am Tag. Die Schulpflicht endet nach neun Jahren, aber die meisten Russen bleiben elf Jahre an der Schule und schließen mit einem Staatsexamen ab.

Dann bekommt man auch einen Personalausweis, denn man ab jetzt für jede Behörde braucht. Um ins Ausland zu reisen, muss man einen Reisepass beantragen, denn aber alle kriegen, außer sie sind Geheimnisträger. Für einige Länder, wie zum Beispiel China, braucht man aber ein Visum.

Ein Führerschein kostet ungefähr 500 Euro, die Fahrschule dauert ein halbes Jahr. Die theoretische Prüfung ist nicht schwierig und es gibt auch eine praktische. Im Notfall kann man den Führerschein auch wie den Personalausweis benutzen.

Mit 18 kann man Schusswaffen kaufen. Aber nur Gewehre. Man muss dazu einen Gesundheitsscheck machen und darf nicht in psychiatrischer Behandlung sein oder vorbestraft oder drogenabhängig.

Mit 21 kann man sich dann auch Pistolen kaufen, aber deren Durchschlagkkraft ist irgendwie eingeschränkt.

Armbrust und Pfeil und Bogen und Pfefferspray und Messer darf sich jeder kaufen, egal wie groß die Klinge ist. Während man Schusswaffen nicht in der Öffentlichkeit tragen darf, ist das bei Messern nicht beschränkt.

Mit 18 werden die Jungs aber auch eingezogen. Der Militärdienst dauert ein Jahr. Die Grundausbildung dauert ein paar Monate und ist sehr hart. Wer will kann auch noch ein Jahr dranhängen und wird dann deutlich besser behandelt. Für bestimmte Jobs ist es wichtig, gedient zu haben.

Aber im allgemeinen ist der Militärdienst unnötig und langweilig, im schlimmsten Fall auch noch schmerzhaft. Darum versuchen sich die meisten auch zu drücken, was aber mittlerweile richtig teuer geworden ist.

Danach sucht man sich einen Job. Die Arbeitslosenquote ist sehr niedrig, so 5% und das Durchschnittsgehalt ist bei 500 Euro, also ungefähr das Doppelte vom Existenzminimum. Aber die Löhne schwanken natürlich. Auf dem Lang gibt’s die wenigsten Jobs und am meisten verdient man in Moskau und Petersburg.

Ein Arzt verdient im Durchschnitt 640 Euro, eine Schwester die Hälfte. Ein Lehrer bekommt 340 Euro, ein Professor soviel wie ein Arzt. Ein LKW-Fahrer hat im Durschschnitt 240 Euro, genauso viel wie ein Zeitsoldat, am besten verdienen Programmierer, so um die 800 Euro.

Und das ist alles Netto, wie ihr sagt, denn die Lohnsteuer zahlt nur der Arbeitgeber.

Wieviel bekommt man aber für 500 Euro in Moskau? Ein Liter Sprit kostet 45 Cent, ein Kilo Kartoffeln 60. Hühnchen kostet 2,30 das Kilo, Schwein 3,20 und Rindfleisch 5,13.

Eine Schachtel Marlboro kostet € 1,40 eine Dose Bier 1,10 und eine Flasche Absolut neun Euro und Gras kostet 12,80 das Gramm. Ist aber verboten, mehr als sechs Gramm darf man nicht besitzen.

Ein Mantel kostet € 25, Jeans ca. 13 Euro und Schuhe fangen bei 40 Euro erst an. Eine Einzimmerwohnung in Moskau kostet 250 Euro, das ist ungefähr das Doppelte wie sonst irgendwo in Russland, mit Ausnahme von Petersburg.

Eine Internet-Flatrate mit 5 Gigabyte kostet im Monat € 3,40 und LTE gibt’s nur in Moskau. Letztes Jahr haben wir uns einen neuen Lada Granta gekauft, der hat € 3000,- gekostet, aber Gebrauchtwagen sind billiger.

Männer gehen dann mit 60 in Pension und Frauen mit 55. Die Rente ist ungefähr 150 Euro im Monat. Wenn man bedenkt, dass Medikamente selber gezahlt werden müssen, dass reicht das nicht, wenn man keine Kinder hat.

Männer werden 67 Jahre alt, Frauen leben 10 Jahre länger. Die Hälfte der Russen lassen sich verbrennen, die andere Hälfte beerdigen.

Kurz gesagt: Das Leben in Russland ist scheiße, kann ich nur davon abraten!

Danila Volodarskey, lebt seit 1987 in Moskau


Ich war unlängst in einer Moschee, ganz in der Nähe meiner Arbeit und die ist von Albaniern und das war die erste hier, die auch im Inneren wie eine Moschee augeschaut hat. Die anderen, die ich kenne, sind meisten türkisch und schauen eher wir normale Vereine aus.

Aber dank der Türken gibt es hier auch Fleisch, dass halal ist. Sonst ist man nämlich in Deutschland da aufgeschmissen. Denn die Deutschen lieben Schweinefleisch über alles. Man kann praktisch keine Pizza essen, denn in der Salami ist immer Schwein. Und keine Wurst. Und kein Hackfleisch – immer ist Schwein dabei. Das ist ein bisschen schwierig. Aber es gibt mittlerweile oft vegetarische Gerichte, da kann man nicht viel falsch machen.
Alkohol ist auch sehr verbreitet, genauso wie Limonaden und manchmal kann man das verwechseln, vor allem, wenn es gemischt wird, was sehr typisch ist in Bayern.

Hier grenzen sich die muslimischen Gemeinschaften sehr voneinander ab, und ich verstehe das nicht ganz. Die Türken, die Iraner, die Somali, die Marrokkaner, die Sudanesen, die Pakistani – es gibt hier viele Muslime, aber jeder bleibt unter sich.

Dabei gehören in der Altstadt 80% der kleinen Läden Türken oder Arabern und man kann viel Arabisch hören, wenn man hier unterwegs ist.

Und es wäre auch nicht schwierig. Wenn man alkoholfreie Getränke in einer Bar bestellt, wird man nicht dumm angekuckt, man muss hier kein Bier trinken! Deutsche sind da vorsichtig und machen keine rassistischen oder religiöse Scherze, wegen ihrer tragischen Vergangenheit. Bloß keine Hitlerwitze machen, da sind Deutsche sehr empfindlich!

Die meisten Muslime haben mittlerweile ja Angst vor Deutschland, aber ich lebe hier seit drei Jahren und habe praktisch nie etwas Anti-Muslimisches oder Rassistisches erlebt. Das ist mehr im Osten von Deutschland so, aber nicht hier in München.

2014 zum Beispiel gab es in Dresden große Demonstrationen gegen die „Islamisierung Deutschlands“, aber in München eine viel größere Demonstation gegen die Demo in Dresden.

Speziell die junge Generation ist sehr tolerant und weltoffen und denen ist es egal, was in den Medien geschrieben wird. Wenn die sich für etwas interessieren, dann fragen sie einen und haben erst einmal keine Vorurteile.

Das ist völlig anders als in Amerika, wo ich auch lange gearbeitet habe, wo die Menschen von Fox-News völlig gehirngewaschen sind.

Nach dem Attentat in Peshawar, 2014, wo 148 Menschen gestorben sind, habe ich eine Demo organisiert, eine Mahnwache. Das wurde sofort erlaubt und uns haben sogar zwei Polizisten begleitet, falls etwas passiert wäre. Viele Münchner haben sich spontan angeschlossen und haben mitgebetet und auch eine große Zahl von Menschen anderer Glaubensgemeinschaften.

Ich glaube, es ist für Muslim sehr viel einfacher in Deutschland als ins Italien, Großbritannien oder Frankreich. Nach Charlie Hebdo wurden deren Regierungen alle anti-muslimisch, aber Angela Merkel nicht.

Klar, Muslime werden angehalten, sich in die Gesellschaft zu integrieren und Deutsch zu lernen, aber ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand beklagt hätte, wenn man das nicht macht.

Hier in München ist es nicht schwierig, als Muslim zu leben und diese Stadt gilt als die konservativste und reaktionärste Stadt in Deutschland. Aber man kommt leicht mit den Menschen in Kontakt und nirgendwo sonst kann man auch Muslime aus anderen Ländern so gut kennen lernen, glaube ich.

Wahib Ul Haq, aus Pakistan, verheiratet und glücklich.