Wettervorhersagen


Wenn es nach der Bildzeitung gehen würde, dann würde das Wetter uns jedes Jahr mehrmals grillen, erfrieren lassen, Orkane uns von der Landkarte blasen und Dauerregen Deutschland weichspülen.

Auf der einen Seite bilden wir uns ein, wir könnten das Wetter berechnen wie eine Denksportaufgabe und auf der anderen Seite fürchten wir uns immer noch davor wie Kleinkinder.

Ein natürlicherer Umgang mit dem Wetter und der Verzicht auf unseriöse Prognosen würde uns allen guttun. Und vielleicht sogar Leben retten.


Download der Episode hier.
Musik: Peer-Gynt-Suite Nr. 1, op. 46 vom Warsaw Philharmonic Orchestra unter Jacek Kaspszyk
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung

(erzählerisch, wie Märchen) In diesem Frühsommer war es schon ziemlich heiß geworden. Tagelang lag die heiße Luft am gleichen Ort, es war wenn man so möchte, quälend drückend gewesen, quälend schwül. Man konnte so richtig die Lust am tiefen Durchatmen verlieren. Und wer konnte, der sparte sich körperliche Anstrengungen.

Aber dann kam eines Abends doch ein Gewitter und räumte das Wetter wieder auf. Ein heftiger Sturm reinigte die Luft und taghelle Blitze entluden die Spannung. Und obwohl der Donner bedrohlich grollte, wusste jeder Mensch und jedes Tier: Morgen wird es erträglicher sein!

Am nächsten Morgen, beim Gassigehen, war es angenehme 24 Grad warm. Keine Wolke verdeckte den tiefblauen Himmel. Als ich so über die Wiesen stapfte, betrachtete ich entspannt die letzten Wassertropfen, die von den Löwenzahnblüten fielen. Der Klatschmohn am Feldrand hatte sich erholt und setzte rote Punkte an den Rand des Weizenfelds.

Im Wald hörte man die Drosseln befreit singen und auch das Klopfen eines Buntspechts. Die Hunde tollten über’s Gras, als ob sie wieder Welpen wären. Die Luft war frisch und klar, ich hätte sie am liebsten getrunken. Ich fühlte mich so frei und geborgen, singen hätte ich wollen und hab ich dann auch gemacht!

Aus der Ferne schon sah ich unsere Nachbarin, die mit ihrem Retriever auch Gassi gehen war. Die Hunde rannten aufeinander zu, um miteinander zu spielen.

Bestgelaunt sagte ich: „Hallo! Ist das nicht ein wunderwunderschönes Wetter?
Meint die Nachbarin: „Jojo scho, aber ab Mittwoch soll’s ja wieder dauerregnen!“

(abgebrüht) Es dauerte nicht einmal eine halbe Stunde, ihre Leiche in der lockeren Erde zu verscharren. Tut mir leid. Aber ich HASSE ungewollte Wetterberichte!

Obwohl der durchschnittliche Deutsche an die 90% seiner Lebenszeit in geschlossenen Räumen verbringt, ist das Wetter trotzdem wichtig. Nicht nur, um zu wissen, ob man auf dem Weg von der Haustür zum SUV einen Schirm aufspannen muss oder nicht.

Wenn man nachstudiert, dann spielt das Wetter für wahrscheinlich 80% der Weltwirtschaft eine entscheidende Rolle. Das beginnt natürlich mit der Landwirtschaft, das liegt auf der Hand.

Aber es startet auch kein Flugzeug ohne die aktuellsten Wetterdaten. Stromanbieter müssen wissen, ob sie sich mit Gasreserven eindecken müssen, weil es kalt wird. Jedes Bauvorhaben hängt vom Wetter ab. Ingenieure planen es ein, wenn Beton wegen des Dauerregens nicht trocknet oder nicht verputzt werden kann oder die Baugrube unausgehoben bleibt wegen Dauerfrost.

Erneuerbare Energien hängen vom Wetterbericht ab. Ohne Wind keine Windkraftanlage, ohne Sonne keine Solarkraft. Denn die Banken, die das finanzieren, schauen natürlich auch auf die Wetterdaten vor Ort.

Event-Veranstaltung, Logistik, Speditionen, Versicherungen, Architektur, Stadtplanung, Energieunternehmen, Eisverkäufer und selbst die einzelne Urlaubsplanung, aaalles hängt am Wetter.

Die ganze menschliche Entwicklung war ein Versuch, sich von der Bedrohung durch die Natur zu erlösen. Wir verhungern jetzt nicht mehr bei Missernten, es gibt keine Raubtiere mehr, die uns bedrohen, durch Impfungen und Antibiotika sterben wir auch nicht mehr an kleinsten Wunden, wir müssen nicht frieren, können immer warm duschen – alles scheinen wir im Griff zu haben.

Doch das Wetter, das Elendige, das macht weiter, was es will. Die einzige Naturgewalt, der wir uns noch beugen müssen. Doch auch da haben wir gewaltig den Respekt verloren. Dank der Meteorologie und den allgegenwärtigen Wettervorhersagen.

In manchen Radiosendern können wir alle Viertelstunde eine Wettervorhersage hören, aber einmal in der Stunde müssen wir uns das Wetter dann doch prophezeien lassen. Wobei es halt seltsam unspezifisch geworden ist. Warnungen für große Räume reichen uns nicht mehr.

Hier wird getrennt zwischen Süd- und Nordbayern, zwischen Alpenraum und Oberfranken, genauer wird der Rundfunk eigentlich nicht.

Doch dafür haben wir ja Gottseidank mittlerweile Apps auf dem Smartphone. Dieser kleine Computer nimmt unsere GPS-Daten und wie von Zauberhand steht da genau der Wetterbericht von genau dem Ort, an dem wir sind.

Und dann muss das ja stimmen. Da stehen die Auskünfte zwar nicht so ausführlich drinnen wie auf Websites, aber um schnell zu entscheiden, ob man jetzt zum Joggen kurze oder lange Hosen anzieht, reicht es allemal.

Soweit wäre ja alles in Ordnung. So könnte man das ja nutzen. Und wenn meine Nachbarin das so gemacht hätte, dann würde ihr Hund jetzt nicht ohne Frauchen herrenlos durch’s Dorf laufen.

Aber wir nutzen das mittlerweile alles falsch. Wir haben mehrere grundsätzliche Probleme mit dem Wetter und mit den Wettervorhersagen.

Eins: Extremwetter

Zuerst eines vorweg. Es gibt die Klima-Erwärmung. Wir können den CO2-Gehalt in der Luft messen und die Abweichung der Durchschnittstemperaturen nach oben. Keiner kann diese Zahlen ignorieren. Nur das das mal allen klar ist…

Großes Aber: Die Wetterphänomene, die wir hier in Deutschland erleben, können nicht dadurch erklärt werden. Kein ernsthafter Meteorologe wird behaupten: Ohne die Klimaerwärmung hätte es das Sturmtief mit einem mittlerweile (seit 1998) beliebigen Vornamen nicht gegeben. Oder wäre es zu diesem Dauerregen gekommen oder zu jener Kälteperiode. Bis 1998 ich weiß nicht ob ihr euch noch daran erinnert, da waren alle Tiefs weiblich und die Hoch’s männlich. Ich bin im übrigen echt gespannt ob die bislang weiblichen und männlichen Sturmtiefs jetzt dann auch transsexuell sein dürfen…

Wer das behauptet, der schummelt. Unser Wetter hat sich durch die Klima-Erwärmung noch nicht entscheidend verändert. Das gilt für Europa, aber auch für Nordamerika. Es wird sich sicher verändern, aber noch findet das in den Wetterdaten keinen Niederschlag. Das ist der Stand der nüchternen Wissenschaft.

Die ganzen Extremwettermeldungen auf den Titelseiten solcher Schmierblätter wie der Bild oder in zahlreichen Meldungen online, sind nur billiger Sensations-Journalismus. Click-Bait. Nicht anschauen, nicht lesen, nicht ernst nehmen!

Der Klimawandel bleibt global trotzdem unser drängendstes Problem. Aber nur Angst haben hilft niemandem.

Zwei: Wetter-Apps

Weil die App scheinbar das Wetter ganz ortsgenau vorhersagt, glauben wir dem kleinen Programm mit den süßen Wettersymbolen so gerne.

Doch die meisten Wetter-Apps sind einfach nicht gut. Das liegt daran, dass eine gute Prognose gute Daten braucht. Und viele Daten. Die sehr teuer hergestellt werden. Darum kosten die etwas.

Der Deutsche Wetterdienst verfügt über 182 professionell betriebene Wetterstationen in ganz Deutschland, über 3000 qualifizierte Mitarbeiter wachen über einen Datenstrom, der jeden Tag in die Terabyte geht.

Ein Superrechner mit der modernsten Software kann daraus lokal sehr präzise Vorhersagen bauen. Kein Schiff verlässt den Hafen und kein Flieger in Deutschland hebt ab, ohne nicht vorher mit dem DWD konferiert zu haben.

Doch die meisten Wetter-Apps verwenden nicht diese Daten, die uns als Bürgern privat kostenlos zur Verfügung stehen. Denn kommerzielle Anbieter müssen zahlen.

Stattdessen greifen die meisten vorinstallierten Apps auf Yahoo-Wetter zurück und viele kostenlosen Apps auf Open-Weather. Letzteres ein Open-Source-Wetterdienst von Laien. Tolle Sache, aber das Datenmaterial ist halt noch schlecht. Und damit sind die allermeisten Wetter-Apps, die es da draußen gibt, halt auch nicht wirklich besonders gut.

Wenn ihr eine App sucht, würde ich die DWD WarnWetter-App empfehlen. Die ist vom Deutschen Wetterdienst, aber kostet halt zwei Euro.

Im Web gibt es kachelmannwetter.com Das kommt zwar wirklich nicht hübsch daher, aber ist von den kostenlosen Angeboten bei weitem das Seriöseste. Vergesst wetter.com oder wetter.de!

Drittens: Langzeitprognosen

Wenn wir schon bei den beiden sind, da gibt es ja ein besonderes Hühnchen zu rupfen. Denn die sind ja für Viele bei der Urlaubsplanung unerlässlich geworden. „Ich packe meinen Koffer, kurz vor der Abreise und dann klicke ich schnell mal vorbei und hole mir für den Urlaubsort schnell die 16-Tage-Prognose.

Und dann komme ich verschnupft und erkältet aus dem Urlaub zurück, weil das halt Unsinn war, was ich da gelesen hatte. Und damit ist es wieder einmal bewiesen: „Der Wetterbericht taugt nichts!“

Und diese Analyse ist nicht ganz falsch. Denn wie das Wetter in 16 Tagen an irgendeinem Ort der Welt ist, das kann kein Supercomputer errechnen. Meteorologie arbeitet eben mit mehr Daten als nur auf das Thermometer schauen und einmal auf Barometer klopfen.

Der DWD ist bei Prognosen für den kommenden Tag für einen spezifischen Ort bei fast 90% Genauigkeit. Um das unwissenschaftlich zu verkürzen.

Dann nimmt die Trefferwahrscheinlichkeit mit jedem Tag etwas mehr ab. Schon bei drei Tagen muß man eigentlich von einem Trend sprechen, der auf Computermodellen beruht, die die Wettersituation mit den Daten aus der Vergangenheit abgleicht.

Bei stabilen Wetterlagen ist das mal genauer, als bei starken Schwankungen.

Bei einer Woche verlassen wir dann schon den Bereich, wo man seine Koffer deswegen anders packen sollte. Bei zwei Wochen sind wir schon nur noch ganz, ganz knapp über 50% – statistisch gesehen…

Um eine Idee zu bekommen was das bedeutet: Eine Wettervorhersage die man macht, indem man eine Münze wirft, die würde, statistisch gesehen, bei 50% liegen.

Fragen wie: „Wie wird der Sommer dieses Jahr“ kann kein Mensch beantworten. Nur wetter.com und wetter.de tun so, als ob sie das könnten.

Viertens: Wetter ist Natur

Jetzt, wo das Feld Meteorologie ordentlich beackert wurde, noch eine persönliche Empfehlung. Und die ist einfach, keinen Wetterbericht zu hören und nicht auf die Wetter-App zu schielen.

Das Wetter ist immer noch die eine Naturgewalt, die wir in keinster Weise beeinflussen können. Und das so komplex ist, dass wir uns auch mit Supercomputern schwer tun, irgendetwas über die Zukunft aussagen zu können.

Die ganzen Wetterberichte und Apps und Webseiten täuschen nur eine Beherrschung, ein Wissen und eine Sicherheit vor, die wir aber gar nicht haben.

Das Wetter ist immer noch das beliebteste Thema für den Smalltalk. Das finde ich völlig in Ordnung. Schließlich ist es unbestreitbar da. Es gibt Wetter. Und alle können das riechen, sehen, fühlen. Und alle haben eine Meinung dazu. Prima. Höre ich mir auch gerne an. „Wie findest Du das Wetter?“ – ist doch eine immerhin mäßig interessante Frage.

Aber mir hängt es so richtig zum Hals raus, statt über das Wetter über den Wetterbericht zu reden. „Soll wieder kälter werden“ oder „Soll wieder wärmer werden“ – mein Gott! Na klar! Irgendwann wird es wärmer und irgendwann wird es kälter! Der August ist eher warm, der Februar eher kalt. So what?

In jedem Fall ist also das Wetter, das man da prophezeit, nach spätestens 12 Monaten da!

Ist doch egal, wie das Wetter werden soll! Es soll? Wer sagt das denn? Ist aber völlig egal! Es ist doch nur wichtig, wie das Wetter ist! Wie das morgen wird, ist mir fast völlig schnuppe! Da beschäftige ich dann morgen damit! Können wir das bitte einfach lassen? Bitteee?

Viel besser als Apps und Webseiten und Radio und Bildzeitung ist es z.B., selber Prognosen anzustellen. Wenn man das Wetter wahrnimmt und spürt, dann erkennt man schnell, welcher Wind an welchem Ort welche Art von Wetter bringt.

Und auch die Art der Wolken lässt selbst Laien einen kleinen Wetterbericht für die nächsten Stunden machen. Das muss man nur ein bisschen üben.

Und ich finde, das ist irgendwie die einzige Art, das Wetter ernst zu nehmen. Und damit auch die Natur.

Und das ist wichtig, das Wetter ist wirklich eine Naturgewalt. Beim letzten Sturmtief – Xavier oder so – sind sieben Menschen in Deutschland gestorben. Ich glaube, das müsste überhaupt nicht sein.

Diese ganzen Wettervorhersagen und die Konzentration auf das Wetter vom morgen und übermorgen, das wiegt die Menschen in falscher Sicherheit.

Wenn es gewittert, dann geht man halt nicht über’s Feld spazieren! Und spielt nicht Frisbee auf der Wiese! Man joggt auch nicht bei einem Orkan durch den Wald! Oder macht einen Bootsausflug!

Das klingt lächerlich, aber genau diese Dinge sind eben passiert. Weil wir das Wetter nicht ernst nehmen. Weil wir das Wetter nicht mehr wahrnehmen.

Wenn wir das wirklich machen würden, dann könnten wir so einen tollen Frühsommertag eher genießen. Und meine Nachbarin wäre noch am Leben.

Das Wetter ist eben nicht gut oder schlecht. Es ist wie es ist! Es kann ja gar nix anderes.