Werbe-Figuren-Gesichter


In unserem Unbewussten ruhen die Archetypen unserer Fernseh-Kindheit. Neben Winnetou und Mister Spock sind das – fast gleichberechtigt – eben auch Klementine und Meister Proper.

Während man aber über die Schicksale der Filmdarsteller so einiges weiß, kümmert sich keiner um die Menschen hinter den Kunstfiguren.

Wer aber war denn nun die echte Klementine oder der wahre Herr Kaiser? Und was ist aus ihnen geworden? Und natürlich auch: Was haben diese Kunstfiguren aus den Schauspielenden dahinter so gemacht?


Download der Episode hier.
Musik: „It’s time!“ von SCARICÀ RICASCÀ / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Wir schreiben 1961. Wir sind in einer Werbeagentur.
„Frau Jannsen – können Sie sich vorstellen, das Gesicht des holländischen Käse zu werden?“
„Ach, im Brinssib sohn. Aber… Sachen Sie mal: Käse hat ein Gesicht?“

Da steht sie bieder in einer rudimentären Küche. Das war die gute, brave Frau Antje. Und erklärt den Deutschen, wie man so etwas völlig Ausgeflipptes und Exotisches wie Toast Hawaii macht.

Diese allererste Frau Antje war Kitty Jannsen. Die wurde dann 1963 von der etwas weniger piefigen Emilie Bouwman abgelöst. Und das ist sozusagen DIE Frau Antje schlechthin.

1973 sollte es noch etwas kesser werden und Ellen Soeters verkaufte den Käse aus Holland.

Um danach mit ihrem Käse-Leib – Achtung, Flachwitz! – im Playboy etwas dazu zu verdienen.

Also besann man sich beim niederländischen Molkereiverband und holte die erfahrene Emilie zurück. Erst 1987 durfte sie in ihre wohlverdiente Rente und Saskia Valencia übernahm.

Daraufhin gründete sie die Model-Agentur „Favourite PR-Events and Models“. Und organisierte von Amsterdam aus wichtige Mode-Events von angesehenen Designern.

Das konnte sie vor allem deshalb so leicht, weil in Holland keine Sau die Frau Antje kennt.
Ein Vorteil, den die nächste Kandidatin nicht hatte…

Aber zuerst zurück in die Werbeagentur:
„Frau König – steigen Sie doch einmal in diese Latzhose und sagen Sie: ‚Ich bin eine Waschmaschinenberaterin’“
„Ach, Waschmaschinen brauchen eine Beratung?“

In diesem Fall ist es ganz einfach: Johanna König ist Klementine. Und das war ihr erster Auftritt aus dem Jahre 1968. Eine burschikose Klempnerin in Latzhose, einem Käppi mit ihrem Namen drauf und einem frechen Lächeln.

Ihre Werbespots führten viele Werbetechniken in Deutschland ein, die alle bald nachahmten. Zum Beispiel den „Vorher-Nachher-Vergleich“. Oder aber das Bekritteln der Konkurrenz. Bei uns: „Herkömmliche Waschmittel…“ Denn vergleichende Werbung war ja nicht erlaubt.

Ob die gute Klementine nun eine positive, selbstbewusste Frauenrolle verkörpert, das kann man diskutieren. Immerhin trug sie Hosen – damals nicht selbstverständlich – und hatte eine große Klappe!

Andererseits hatte sie es als Fachfrau für’s Waschen immer nur mit Hausfrauen zu tun. Denn: Waschen ist halt Frauensache!

Johanna König war trotzdem gerne die Frau Klementine. Als sie in den 90ern in den Ruhestandstand geschickt wurde, holte man sie schnell wieder zurück. Weil sie den Fernsehzuschauern fehlte.

Von 1993 bis 1996 folgten noch einmal zahlreiche Spots. Dieses Mal ohne die Uniform mit der weißen Latzhose. Sie hat mit Procter & Gamble einen mysteriösen, lebenslangen Vertrag…

Keiner weiß genau, was da drinsteht. Auf jeden Fall bekommt sie zwei Päckchen Ariel im Monat. Ein saubere Rente!

Zurück in die Agentur. Dieses Mal in eine amerikanische.
Für einen Clip werden Profischauspielerinnen gecastet.
„Frau Miner, wie wäre es, wenn wir sie unter dem Namen „Madge“ weltbekannt machen? Sie müssen nur den Hausfrrauen Spülmittel als Kosmetik andrehen, o.k.?“
„Madge? Können das Franzosen oder Deutsche oder Dänen überhaupt aussprechen?“

Können sie nicht, wie man hört. In Frankreich wird Madge deshalb die Francoise, in Dänemark die Marisa und in Schweiz, Österreich und Deutschland eben die Tilly.

Ja, die Tilly, die wir alle kennen, ist Amerikanerin. Und die Spots sind synchronisiert. Im Original ist die Madge ein bisschen schlagfertiger und witziger. Auch ihr Werbeclaim ist schmissiger.

„You’re soaking in it“ ist griffig, doppeldeutig und kurz. „Sie baden gerade ihre Hände darin“ ist dagegen eher, na ja, seltsam.

Klar ist, dass die Tilly nicht im Verdacht steht, eine Emanze zu sein. Und ihre Kundinnen sind alle ein bisschen bescheuert. Sie klagen über trockene Hände, weil der Mann zu Hause anscheinend nie abspült.

Und dann stecken sie bei der Kosmetikerin erst einmal ihre Fingerchen in eine Schüssel mit einer unbekannten Flüssigkeit.

„Sie baden gerade ihre Hände darin.“
„In Schwefelsäure?“
„Ja, benutze ich, um die Nasenhaar-Rasierer zu desinfizieren.“

Nein, Tilly ist keine Frauenrechtlerin. Eher der Typ „Schwiegermutter“, die ihre Erfahrung mit den dummen Hausfräuchen von heute – also von 1966 – teilt.

Tilly hieß in echt Jan Miner. Und war vorher, während und nach den Spots auch in vielen anderen Rollen zu sehen. Von 1966 bis 1992 aber spielte sie die Madge. Bis zum Alter von 75 Jahren. Im Jahre 2004 ist sie leider verstorben.

Zurück in die Werbeagentur. Da ist gerade eine mittlere Krise.
„Hey, Boss. Wir haben für die Clips einfach echt niemanden casten können. Ist total schwierig, einen alten Mann zu finden, der irgendwie nicht schräg rüberkommt, während er kleinen Mädchen seinen Saft vercheckt…“
„Och, ihr Pfeifen! Muss man denn alles selber machen?“

Es stimmt. Der gute Onkel Dittmeyer ist wirklich der Onkel Dittmeyer. Rolf hieß der mit Vornamen und hatte Anglistik und Philologie studiert. Was ihn natürlich bestens qualifizierte, für die Edeka ein Netzwerk zur Versorgung mit Frischobst aufzubauen. Klar.

1960 hatte er dann die Idee, Saft gleich im Ernteland in Flaschen zu füllen. Damit und mit dem Markennamen „Valensina“ machte er sich dann erfolgreich selbstständig.

1984 erlitt er einen Hörsturz und wurde beinahe taub. Darum verkaufte er den Laden an „Procter und Gamble“. Und deren Agentur hatte dann die Idee mit dem Onkel Dittmeyer.

Als der Onkel Dittmeyer dann 77 Jahre alt ist, kauft er sich die Marke „Valensina“ zurück und gründete 1998 noch einmal eine neue Firma unter seinem Namen.
Ziemlich cool, der Onkel Dittmeyer.

Leider hat die Geschichte kein Happy End. Drei Jahre später war Onkel Dittmeyer nämlich pleite.

Onkel Dittmeyer starb 2009. Ich hoffe einmal, er hatte mit seiner Marke innerlich Frieden geschlossen.

Zurück wieder in die Werbeagentur. Dort ist man heute hoch erfreut!
Endlich hat man ein Gesicht gefunden, das zu 100% zur Marke passt!
„So so. Seid ihr euch sicher? Was hat denn dieser…. dieser…. dieser ‚Geiermann‘ sonst so gemacht, wenn er schon professioneller Schauspieler ist?“
„Ach, nicht so wichtig…
„Doch, doch. Das will ich schon wissen, wenn wir ihm so eine Marke anvertrauen!“
„Äh… 1971: „Erotik im Beruf – Was jeder Personalchef gern verschweigt“ und „Schulmädchen-Report 3. Teil: Was Eltern nicht mal ahnen“ und „Hausfrauen-Report 3. Teil. Ach, und dann war er noch in einer Hauptrolle in „Laß jucken, Kumpel 3. Teil – Maloche, Bier und Bett“
„Cool! Das ist er! Das ist das neue Gesicht für unsere Lebensversicherung!“

Und so wurde Herr Geiermann, mit Vornamen Günther zum Herrn Kaiser. Dem gepflegten, sympathischen und vertrauenswürdigen Versicherungsvertreter von der Hamburg-Mannheimer. Von einer Versicherung, deren Namen ich überhaupt nur durch ihn kenne.

Der Herr Kaiser – ich meine, der Herr Geiermann – drehte auch während seiner Kaiserjahre weiter. Aber jetzt nicht mehr so als Stecher in deutschen Pornos, sondern eher so Rollen wie die Leiche in deutschen Krimis.

Nach seiner Karriere als Herr Kaiser darbte er von einer Rente von 700 Euro. Was in München umgerechnet ungefähr einer Abstellkammer und einem Lolli pro Monat entspricht.

2013 verstarb Herr Geiermann. Seine Rolle spielten schon seit 1990 andere hübsche Gesichter.

Die Hamburg-Mannheimer gibt’s in der Form aber dafür auch nicht mehr. Die heißt jetzt „Ergo“. Vendeo ergo fui. Wenn ihr wisst, was ich meine…

Besuchen wir also noch ein letztes Mal die Werbeagentur.
Man sucht verzweifelt einen Italiener ohne Führerschein.
„Wat? Wie heißte? Maccalini? Nö. Det jeht nich. Dat klingt ja wie kleene Spaghetti. Vorname? Bruno? Det jeht auch nich! Dat issja ein deutscher Name, keen italienischer. Ab jetzt heeste Angelo, kapiert? Angelo Cappuccino!“

So fing das an, 1992. Nicht mehr so richtig in meiner Jugend, zugegeben.
Aber trotzdem noch zu Fernsehzeiten. Kein Internet in Sicht.

Aber dafür eine deutsche schlanke, hochgewachsene Blondinde und ein quirliger kleiner Italiener. Der die Gelegenheit natürlich zum Flirten benutzt. Da können die gar nicht anders, die Italiener. Das liegt denen im Blut!

Der eigentlich Skandal ist nicht, dass Blondinnen hier doof sind. Und Italiener dauerbrünftig. Oder dass die Figur wirklich „Angelo Cappucino“ getauft wurde.

Der eigentliche Skandal ist der, dass hier ein Nescafé als Cappucino vermarktet wird!

Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun! Dafür, finde ich, sollte man Bruno Maccalini seinen Geburtsnamen aberkennen und er sollte ab jetzt wirklich Angelo Cappucino heißen.

Der echte Bruno war übrigens von 2003 bis 2013 mit Jutta Speidel ein Paar.
Mit der schrieb er ein Buch und drehte zwei Filme.

Der erste hieß: „Wir haben gar kein Auto“ – kein Erfindung von uns! Das war ein ZDF-Schlagerfilm. Aber ohne Schlager. Ein Reisefilm. Aber ohne Auto. Ein Beziehungsfilm, aber ohne Beziehung. Vor allem aber eine Komödie, aber ohne Witz. Schrieb zumindes Rainer Tittelbach auf seiner Webseite tittelbach.de

Tja. Sechs Werbegesichter. Sechs Archetype. Sechs Kunstfiguren.
Und dahinter echte Menschen.

Die übrigens alle nicht viel mit ihrem Lächeln verdient haben.
Aber irgendwie haben die Schauspieler hinter der Rolle es irgendwie geschafft, einen Eindruck zu hinterlassen. Und uns – nebenbei – ihre Produkte zu verkaufen.

Ansonsten aber entsorgt man Werbegesichter einfach. So wie heutzutage zum Beispiel die deutschen Superstars, die Dieter Bohlen dauernd klont oder wie Germany’s next Top-Models, die auch alle in anderen Berufen arbeiten müssen.

Wir prangern das an!

Und setzen diese Serie mit schockierenden Beispielen bald fort. Denn der Bärenmarke-Bär ist mittlerweile crack-abhängig, der Duracell-Hase ist auf Koks und der Sarotti-Mohr ist bei der ISS.

Bleibt also dran bis nächste Woche!
Wenn’s wieder heißt…