Wer wird Millionär?


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Es gibt eine Sendung im Fernsehen, die schon kurz nach ihren ersten Erfolgen für tot erklärt wurde, aber immer noch läuft, seit beinahe zwanzig Jahren! Ist es:
a) Wer wird Milliardär?
b) Wer wird Millionär?
c) Wer wird Unterstützer beim Morgenradio?
Oder ist es vielleicht:
d) Wer wird ausschalten?


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Money is Coming To Me“ von Karen Drucker et al.


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Die Geschichte zum Lesen

Dass ich eine große Klappe habe, wusste ich schon immer. Natürlich ist das keine gute Charaktereigenschaft, sondern eine Schwäche, auch das keine Frage. Aber ich hätte niemals gedacht, dass es mein größter Fehler ist. Denn eigentlich hätte ich einen ganzen Strauß an charakterlichen Schwächen zu bieten, aus dem der geneigte Betrachter sich das eine oder andere aussuchen könnte.

Ich persönlich hätte mich ja für meinen Jähzorn entschieden, wenn mich jemand gefragt hätte. Fragt man aber meine Frau oder meine Kinder und ganz besonders mein einziger Enkel Jonas, dann würden die sich alle für „Die große Klappe“ entscheiden.

Auf jeden Fall nach den Ereignissen vom 28. Dezember 2015.

Eine andere Schwäche, die ich habe, ist „Wer wird Millionär“. Ich kann auf praktisch alle Sendungen im Fernsehen verzichten, aber nicht auf „Wer wird Millionär“. Ich habe jede Sendung gesehen, seitdem im September 1999 die allererste ausgestrahlt wurde.

Und ich erinnere mich nicht nur an die Special-Sendungen oder die Prominenten oder die zahlreichen Skandale oder Streitfragen in 20 Jahren „Wer wird Millionär“ – ich erinnere mich auch an Tanja Ortmann, Jochen Telgenbüscher, Aaron Troschke, Leon Windscheid, Eckhard Freise, Marlene Grabherr, Maria WIenströner, Timur Hahn, Ralf Schnoor oder Thorsten Fischer, um nur die Namen einiger der interessanteren Kandidaten und Kandidatinnen zu nennen. Ich bin also ein richtiger Superfan.

Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich für die Show zu bewerben. Denn, um ehrlich zu sein, wer denkt, hier würde die Intelligenz oder die Bildung entscheiden, der irrt sich. „Wer wird Millionär“ ist ein Glücksspiel.

Klar, die ersten Fragen kann man mit einer guten Allgemeinbildung schon hinbekommen, vor allem, wenn man auch abgebrüht genug ist, im Scheinwerferlicht nicht gleich die Hälfte des IQs zu verlieren.

Mit viertausend Euro kann man da mit einer ordentlichen Bildung und einer Portion Glück da allemal rauskommen, denke ich.

Aber ab 32.000 Euro ist man in den Händen von Fortuna, so toll können die Joker gar nicht sein, so cool kann man nicht bleiben, so viel kann man nicht wissen.

Die Produktionsfirma Endemol hat sich teuer dagegen versichert, nicht durch mehrere Millionengewinne hintereinander auf einmal pleite zu sein. Bei der Produktion ist immer jemand von dieser Versicherung anwesend, der sich ausschließlich darum kümmert, dass die Million nicht zu leicht zu gewinnen ist.

Nicht nur, dass alle Fragen mit der Versicherung abgestimmt sind, es wird auch gewährleistet, dass keiner der Mitarbeiter im Vorfeld weiß, welche Frage an welchem Moment gefragt wird. Von über achtzig Fragen pro Sendung werden nur etwa zwanzig benötigt.

Anders ausgedrückt: Es wird gründlich darauf geachtet, dass nicht jemand ohne Glück, nur auf der Basis von Allgemeinwissen, überhaupt eine Chance bekommt, eine Million Euro zu verdienen.

Ich hätte mich auch nie für die Show beworben, weil mir die Art und Weise, wie das Geld verdient wird, nicht gut gefällt.

Die eigentliche Kohle wird mit uns Fans verdient. Nicht nur, dass es Eintritt kostet, Zuschauer bei „Wer wird Millionär“ zu werden – und die Warteschlange ist viele Monate lang – nein, es kostet Geld, sich zu bewerben: Ein Euro pro Bewerber pro Sendung. Das klingt nach nicht viel Geld, aber es bewerben sich Millionen Menschen, immer und immer wieder.

Dabei entscheidet natürlich nicht das Wissen oder der Zufall, ob man eingeladen wird, sondern das Aussehen, die Telegenität, interessante Lebensläufe oder Stories und die Fähigkeit zum lebendigen Dialog.

Umso erstaunter war ich, als eines Abends mein Telefon klingelt und eine freundliche Dame von Endemol am Apparat ist, um mich kennenzulernen. Denn mein Enkel Jonas hat sich und mich beworben: für das „Oma-und-Opa-Special“, ein neues Special-Format.

Tja, da hatte ich nun den Salat. Sie plauderte ein bisschen und stellte mir dann fünf Fragen am Telefon, ohne Auswahlmöglichkeiten oder ohne mirt die richtige Antwort zu sagen.

Und ich habe das schnell und gründlich verkackt. Ich war schon am Telefon so nervös, dass ich spontan alle fünf Fragen falsch beantwortet habe. Hat mir Frau Google nach dem Telefongespräch gesagt.

Enttäuscht schrieb ich also Jonas eine Nachricht: „Tolle Idee, Lieblingsenkel, aber ich habe es gerade legendär am Telefon verkackt.“ Und er antwortete: „Ich auch. Macht nichts, wäre ja auch zu lustig gewesen!“

Und so vergaßen wir beide diese Geschichte. Zwei Monate später klingelte noch einmal das Telefon und es war die gleiche Mitarbeiterin, die mir verkündete, dass wir eine Runde weiter in der Auswahl wären!

Dieses Mal sollte ich wieder fünf Fragen beantworten, hatte aber, wie in der Sendung vier Antwortmöglichkeiten. Und dieses Mal beantwortete ich alle fünf Fragen richtig. Danach unterhielten wir uns noch eine dreiviertel Stunde über mein Leben.

Zwei Monate später war in der Post die Einladung zur Show. Jonas und ich waren als mögliche Kandidaten für das „Oma-und-Opa-Special“ ausgewählt. Ich als Opa und er als Enkel.

Mit der Einladung kam ein ganzes kleines Büchlein, in dem die Macher alles erklären und ein Haufen Papierkram, der zu unterzeichnen war. Im Prinzip verkaufte man Endemol seine Seele für die Chance, Herrn Jauch gegenüber zu sitzen. So verstand ich das als juristischer Laie – doch ich wollte auch nicht meinen Bruder fragen, der Rechtsanwalt war, aus Angst, dass der uns sonst den Spaß auf den letzten Metern noch nimmt.

Zu den Unterlagen gehörte ein zwanzigseitiges Dokument, in dem genau erklärt wird, was man alles nicht machen darf. Es gibt da ziemlich viel Dinge, die man nicht machen darf, nachdem man seine Seele verkauft hat.

Zum Dreh hat man, nur ein Beispiel, drei komplette, verschieden Freizeit-Outfits mitzunehmen. Aus diesen und der Garderobe stückelt dann die Maske einem das Erscheinungsbild für die Sendung. Die Outfits dürfen nicht schwarz sein oder weiß, dürfen keine Streifen oder Karos oder kleinteilige Muster haben, nicht knallrot sein, keine Logos haben und sollten weder zu neu noch zu abgetragen sein.

Wir bekamen das Zugticket bezahlt und standen brav an einem Montag morgen auf dem Gelände der nobeo GmbH in Hürth bei Köln, zusammen mit Hunderten anderer Großeltern und Enkel und Enkelinnen.

Ein Mitarbeiter erklärte uns noch einmal, wie das Spiel funktioniert. Ihm war es wichtig, dass wir nicht zu schnell antworten, egal, wie sicher wir uns sind. Im Idealfall soll man seine Antwort mit Zusatzinformationen ausbauen oder intelligent begründen, warum die anderen drei Alternativen Unsinn sind.

Danach wurden wir durch das Studio geführt, dass viel kleiner wirkt, als man das annimmt. Es bietet 250 Zuschauern Platz, die ziemlich eng aufeinanderhocken. Jeder durfte sich einmal auf den Quizstuhl setzen und eine Probefrage beantworten.

Es gibt hinter den Kulissen einen großen Aufenthaltsraum mit Fernseher, auf der man der Show folgen kann. An einem Abend werden drei Shows aufgezeichnet, das Publikum wird nur umgesetzt, damit der Hintergrund ein bisschen anders ausschaut.

Im Aufenthaltsraum gibt es Schließfächer, wo man alles Private wegsperren muss, natürlich sind besonders Smartphones nicht erlaubt, damit nicht Videos von der Sendung schon vor der Sendung im Web auftauchen.

Als wir die Vorausscheidung geschafft hatten, weil wir am schnellsten die Frage beantworten konnten, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, war erst einmal Pause, denn erst ging ab in die Maske.

Wir wurden als erstes Duo für den Abend geschminkt, gepudert und verkabelt. Erst jetzt kam Herr Jauch in der Garderobe vorbei und schüttelte uns die Hand und war – husch husch – auch schon wieder weg.

Im Hintergrund hörten wir, wie ein sogenannter „Warmer Upper“ das Publikum zum Lachen brachte und mit ihnen das Klatschen in verschiedenen Stufen der Begeisterung übt.

Schon saßen wir auf dem Kandidatenstuhl, genauer genommen: Barhocker. Übrigens die billigen Barhocker, die man auch im Baumarkt bekommt, in unserem Fall zwei Stück.

Tja, und an dieser Stelle sollte jetzt der Teil der Erzählung kommen, wo ich detailliert von der Show berichte. Wo ich euch von einer Frage nach der anderen berichte, bis wir am Schluss die Million mit nach Hause nehmen und von da an in Frieden leben, wenn wir nicht gestorben sind.

Doch das kann ich leider nicht. Ich kann mich nämlich an nichts mehr erinnern. Man kann zwar auch heute noch auf YouTube sehen, wie wir die ersten Fragen beantworten und auch ich kann eindeutig erkennen, dass ich die Lippen bewege und Töne meinen Mund verlassen – aber Erinnerung habe ich daran nicht.

Wir segelten mit vollem Wind durch die ersten Fragen, die sinnfrei sind und dann immer noch nicht schwierig und hatten schon theoretisch 16.000 Euro im Beutel, als die einzige Frage kam, an die ich mich erinnern kann.

Nämlich die nach dem Namen des Forschungsschiffes von Charles Darwin. Ich diskutiere lange und sehr unterhaltsam mit Jonas darüber, dass es nicht „Beagle“ sein kann, weil es die Hunderasse wahrscheinlich damals noch gar nicht gab. Klingt beeindruckend, ist aber falsch.

Denn natürlich hieß das Forschungsschiff Beagle und ich hatte gerade unseren Gewinn verzockt. Bis auf 1000 Euro.

Es dauerte danach ungelogen keine fünf Minuten und wir standen plötzlich alleine auf dem Parkplatz des Firmengeländes von nobeo GmbH im Dunkeln.

Das war das antiklimaktischste Erlebnis meines Lebens und die ernüchterndste Konsequenz meines Charakterfehlers „Große Klappe“. Jonas nahm das alles auf die leichte Schulter und konnte sich vor Lachen gar nicht mehr einkriegen, jedes Mal, wenn er mein verblüfftes Gesicht betrachtete.

Wir hatten, als wir unsere Seele Endemol verkauft hatten, auch zugesichert, niemanden bis zur Ausstrahlung vom Verlauf der Sendung zu erzählen.

Am Abend der Ausstrahlung saßen also alle Familienangehörigen völlig ahnungslos bei uns im Wohnzimmer und fieberten der Sendung entgegen. Begeistert klatschten sie bei jeder richtig beantworteten Frage mit!

Nur mir wurde immer übler. Schweißperlen standen mir auf der Stirn, mein Herz schlug laut und fest gegen meine Brust. Immer wieder kuckte ich auf Jonas, der sich jedes Mal gar nicht einkriegen konnte vor Lachen, wenn er mich sah.

Nach meiner falschen Antwort war es sehr, sehr ruhig in unserem Wohnzimmer. Ich glaube, alle Blicke richteten sich auf mich. Konnte ich aber nicht sehen, weil ich mich hinter einem Sofakissen versteckte.

So viel Spott und Hohn wie an diesem Abend hatte mir meine große Klappe noch nie eingebracht. Ich schwor, mein Leben von grundauf zu ändern.

Ab jetzt würde ich erst etwas sagen, wenn ich mir der Antwort absolut sicher war!

Ich würde alle Energie aufwenden, ein weiser alter Mann zu werden, um nicht auf ewig nur der Knallkopf zu bleiben, der 32.000 Euro verzockt hat!

Ja, man kann sagen, „Wer wird Millionär“ hat mein Leben verändert.

Denn durch dieses Erlebnis lernte ich: Es bringt absolut nichts, wenn man sich Dinge vornimmt, die man nicht halten kann.

So wie zum Beispiel das mit mir und der großen Klappe. Da kann man nichts machen, mein Mund wird immer schneller sein als meine Großhirnrinde. Ist eine biologische Gegebenheit.

Ob ich die Show noch einmal mitmachen würde?

Niemals! Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke…


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