Was willst Du jetzt?

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Stell‘ Dir vor, alles was Du sagst, ist die Wahrheit? Aber nicht, weil Du nicht lügen könntest, sondern weil sie die Realität dem anpasst, was Du aussprichst! Was würde es aus Dir machen, wenn Du die „Almighty“-Version Deiner Selbst wärst? Unser Erzähler hat genau diese Fähigkeit. Oder, wie er sagen würde, dieses Problem mit seinem Ehrenkodex. Und dann kommt auch noch Elsa!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „Street Signs and White lies“ von MADELYNIRIS / CC BY 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

FA: Was willst Du jetzt?
HW: Das fragte sie mich, obwohl wir beide wussten, was die Antwort war. Ich blickte zurück auf unsere kleine Stadt. Es war der Tag unserer Abifeier. Unser Jahrgang eine Riesenparty veranstaltet und selbst hier hoch wummerten die Bässe.

Sie und ich hatten uns abgesetzt. Wir waren heimlich durch das Maisfeld geschlichen, hatten den Hügel erklommen und uns auf unsere geheime Bank gesetzt.

Von hier aus konnte alle wichtigen Gebäude überblicken. Den Friedhof natürlich, wir waren ziemlich Gothic. Unser Gymnasium, den Sportplatz, die Bücherei, das Rathaus, die Alte Post, Elsas Haus und das von mir und meinen Eltern.

Wir hatten uns eine Decke geklaut und uns abgesetzt, wie schon so oft.

Unsere Mitschüler und Mitschülerinnen feierten das Abitur so hart sie nur konnten.

Aber sowohl Elsa als auch ich hatten gemischte Gefühle. Sie war sich bewusst, dass sich wahrscheinlich heute Abend unser aller Lebenswege für immer trennen. Ab morgen sahen wir die meisten Menschen, die wir kannten, nicht automatisch jeden Tag wieder.

Ich war mir bewusst, dass wir nun erwachsen werden müssten. Ab jetzt hatten wir unsere eigenen Entscheidungen zu treffen. Unsere Eltern konnten nicht mehr entscheiden. Es hing nun von uns ab, ob wir ein glückliches Leben führen würden.

Wegen meiner Unfähigkeit die Unwahrheit zu sagen und meines Kodex hatte ich das Gefühl, ich wäre schon erwachsen. Ich hoffte, alle anderen würden folgen.

So blickte ich in die Augen von Elsa, die schon seit Jahren mein bester Mensch auf der ganzen Welt war. Vor drei Monaten hatten wir uns gegenseitig gestanden, dass wir romantische Gefühle füreinander haben. Klingt kitschig, aber in den Achtzigern kam es noch vor, dass man ungestraft kitschig sein durfte.

Während wir uns gebückt durch den Mais geschlagen hatten und während wir Hand in Hand den Hügel erklommen haben, sprachen wir kein Wort. Das war nicht nötig, wir wussten beide genau, was wir wollten.

Dann hatten wir auf der Bank eine Kerze angezündet, stumm dort gesessen, auf unsere kleine Stadt geschaut, gegrübelt und unser Bier getrunken.

Nachdem wir somit unserem Image als die Gothics unserer Stadt gerecht geworden waren, begannen wir hemmungslos und heftig miteinander zu knutschen. Wir küssten uns so lange und heftig, dass wir zwischendurch nach Luft schnappen mussten wie Ertrinkende.

Unsere Hände erkundeten den Körper des anderen und wir berührten uns ohne Tabu überall, bis alle Muskeln vor Spannung knisterten und Funken schlugen.

Das war der Moment, als Elsa mich anblickte und fragte: „Und? Was willst Du? Was wünschst Du Dir jetzt?“

Und ich seufzte: „Nichts. Ich will nichts. Diese Nacht ist gut, so wie sie ist.“

„Ach, komm! Du weißt, dass Du vor der besten Freundin der Welt keine Geheimnisse haben darfst, oder?“

„Es geht mir sicher nicht darum, Geheimnisse vor Dir zu haben.“

Sie lachte: „Ich habe durchaus das Gefühl, dass Du etwas ganz Bestimmtes willst. Sag‘ es!“

„Ich … Ich will … nichts anderes, als ich habe, Elsa.“

Sie knuffte mich heftig in den Oberarm: „Dann kuck‘ mich an und sage das noch einmal. Aber kuck‘ mich dabei an! Sonst glaube ich Dir nicht!“

Ich schaue meine Elsa an, wie sie mich gleichzeitig ernst und voller Liebe mustert. In diesem Moment ist mein Herz so voll von ihr, so übervoll mit Zuneigung, dass ich weinen möchte, so zu Hause fühle ich mich.

Warum hatte sich eine so tolle Frau so einen Looser ausgesucht wie mich? Den schweigsamen Typen in den schwarzen Klamotten, der immer froh war, wenn er keinem auffiel? Bloß, weil wir Nachbarskinder waren?

Aber ich kann nichts mehr sagen, ohne alles zu zerstören. Ich kann auch nicht nichts sagen, ohne alles zu zerstören. Das ist mir klar. Es ist ein klassisches Dilemma. Die Wahl zwischen nur zwei Möglichkeiten und beide sind scheiße!

Also zucke ich nur mit den Schultern und schaue sie treudoof an. In der Hoffnung, dass sie meine Wünsche in meinen Augen lesen kann, ohne dass ich sie aussprechen muss. Dass sie erraten kann, was ich will.

Doch Elsa ist enttäuscht. Sie sagt: „Na dann.“ Sie angelt sich die Bierflasche, nimmt einen Schluck, dreht sich weg und sagt: „Wenn die da unten noch ein einziges Mal ‚Pogo in Togo‘ spielen, dann werde ich den Berg runterrennen und mit vollem Schwung unseren Möchtegernpunker Stoffel von den Plattenspielern treten!“

Das war das Ende unserer Beziehung. Immerhin habe ich nichts geändert.

Es war immer so schwierig mit Elsa, weil ich sie so liebte. Nach dieser Nacht, als ich sie im Stich ließ, zog sie weiter und verließ mein Leben.

Danach war alles wieder einfach.

Mit Elsa war es schwierig. Mit meinen Eltern, in der Schule oder aber mit meinen Gefühlen war es einfach. Das Leben wurde sogar noch simpler, als ich wegzog aus der kleinen Stadt und in der Anonymität der Großstadt verschwinden konnte.

Es ist nicht einfach, wenn man niemals die Unwahrheit sagen kann, so wie ich. Das liegt nicht daran, dass ich nicht Dinge äußern konnte, von denen ich wüsste, dass sie unwahr sind. Es liegt daran, dass alles, was ich sage, wahr wird.

Darum brauchte ich einen Ehrenkodex. Der hatte zwei Regeln:

Nehme nichts von jemanden fort, der es verdient hat.

Lasse niemanden etwas tun, was er oder sie nicht tun möchte.

Ansonsten nahm ich mir natürlich die Scheibe vom Kuchen, die mir zustand. Eher ein bisschen mehr. Aber nur Kleinigkeiten. Wirklich.

Als mein Mitbewohner Tim bei McDonalds gekündigt wurde, habe ich ihm gesagt: „Die hat Dich nur entlassen, weil sie weiß, dass Du der Manager bist.“

Und dann war er das. Alle wussten das plötzlich.

Ich finanzierte meinen aufwendigen Lebensstil mit Lotto. Weil – Ehrenkodex – schon Pferdewetten bedeuten würden, dass ich jemanden etwas wegnehmen würde, der es verdient hätte.

Ich bin auch für die Spontanheilung meiner Mutter zuständig, nachdem sie mit Alzheimer diagnostiziert wurde.

Alles in allem führe ich ein sehr unauffälliges Leben. Ich hatte immer den Eindruck, ich dürfte meine Fähigkeit nicht benutzen, um Gott zu spielen. Schon als Kind bemerkte ich, dass jede Veränderung im Kleinen oft ungeahnte Konsequenzen im Großen hat.

Wer weiß, ob mein Vater sich vielleicht nicht umgebracht hätte, wenn ich nicht als Siebenjähriger zu ihm gesagt hätte: „Du bist friedlich und gelassen. Du kannst gar nicht schreien. Du streitest nie mit der Mama und schenkst Deinen Kindern alles, was sie sich wünschen!“

Und ich lernte bald: Es waren die Momente, auf die ich keinen Einfluss nahm, die mich erfüllten. Nur die Geschenke, die ich mir nicht gewünscht hatte, machten glücklich. Und ich konnte nur die Menschen ernst nehmen, die mir das Leben schwierig machten. Denn „Einfach“ war nicht der richtige Weg.

So ließ ich also meine Mutter dann sterben. Ich nahm ihr nicht den Krebs, der ihre Organe schneller zerfraß, als die Bestrahlungen ihren Willen zum Leben zerstören konnten.

Und ich wünschte mir nicht, dass bestimmte Personen zur Beerdigung kommen. Ich hatte absichtlich keine Vorstellung von der Zeremonie und wusste auch nicht, dass es den ganzen Tag regnen würde.

Als ich am nächsten Tag vor dem frischen Grab stand, war ich überrascht, als sich auf einmal Elsa zu mir gesellte: „Was machst Du denn hier?“

„Ich bin hier wegen der Hochzeit meiner Schwester. Die hat mir von der Beerdigung erzählt. Sven, es tut mir sehr leid!“

„Danke. Mir tatsächlich auch. Sie war am Schluss richtig menschlich geworden.“

„Das werden wir alle. Sterben ist eine sehr menschliche Angelegenheit.“

„Ja. Wenn Du das sagst. Deine Schwester heiratet?“

„Ja. Riesenveranstaltung. Morgen.“

„Schon alleine wegen der Hochzeit würde ich nicht heiraten.“

„Geht mir auch so.“

„Ich werde nicht heiraten.“

„Das klingt ja wie ein Schwur, so ernst sagst Du das.“

„Das ist ernster als ein Schwur, glaube mir.“

„Sven, wegen dieser einen Nacht. Also … Ich hoffe, Du weißt, welche Nacht ich meine.“

„Natürlich!“

„Erinnerst Du Dich an diese eine Nacht?“

„Ich erinnere mich. Ganz genau.“

„Hast Du eigentlich damals die Wahrheit gesagt?“

Und als ich ihr in die Augen blicke, ist es genau wie damals. Genau wie damals wird mein Körper von Liebe und Zuneigung zu ihr überflutet. Ich liebe jede neue Falte in ihrem Gesicht und die Tatsache, dass ihre blonden Haare nun ein bisschen grau sind. Und dass ihre sportliche Figur jetzt nicht mehr ganz so ernsthaft sportlich ist.

Ich fühle mich zurückversetzt in meinen erregten Körper von damals. In der einen wichtigen Nacht. In der Nacht meiner Abiturfeier, wo ich meinem Kodex ein viel zu großes Opfer gebracht hatte. Ein Opfer, das mein Leben überschattete.

In diesem Moment wird mir mit einem Schlag klar, dass ich mich nicht in der Anonymität versteckt habe, um mit meiner Fähigkeit nicht Gott zu spielen! Wie großherzig! Nein, ich habe mich versteckt, damit mir nicht noch einmal so eine Wunde geschlagen wird!

Und ich sage: „Wir sind auf unserer Bank, auf dem Hügel, auf dem wir bei der Abifeier gesessen haben.“

Und so ist es dann. Elsa erschrickt und schaut mich entsetzt an.

„Hab‘ keine Angst! Das ist keine Einbildung! Und ich bringe uns gleich wieder zurück! Das ist keine Entführung! Und es hat auch keiner gesehen!

Aber ich musste Dir das zeigen. Ich kann meine beste Freundin nicht weiter anlügen. Alles, was ich sage, ist wahr! Das ist so. Das ist schon immer so!

Und damals, hier auf dieser Bank, damals war mein einziger Wunsch, dass wir weitermachen. Dass wir miteinander schlafen, dass wir uns verlieben und dass wir ein Leben lang ein Paar bleiben!

Aber, wenn ich das gesagt hätte, dann wäre es wahr geworden, weil ich es gesagt habe. Weil ich es gewollt hätte. Und damit wäre es auch wertlos geworden, verstehst Du? Das ist die eine Sache, die nicht wegen mir wahr werden durfte! Verstehst Du?“

„Aber, nur mal angenommen, diese eine Sache wäre sowieso wahr? Angenommen, unsere Liebe wäre eine Tatsache, egal, ob Du sie mir gestehst, was dann?“

„Ja, was dann?“

„Das kannst Du jetzt wieder nicht sagen, oder? Dann flüstere ich es Dir ins Ohr!“

Und dann habe ich das Schönste gehört, was man nur hören kann, so viel kann ich euch verraten.

Aber natürlich kann ich es hier nicht erzählen, das versteht ihr jetzt hoffentlich!


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