Was Anderes namens Sue

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Man kennt das: Auf einmal geht das verdammte Internet nicht. Und dann klappert man alle Maßnahmen durch: Gerät neustarten, Rooter rebooten, Beten, Fluchen, Warten und dann doch nicht den einen Freund anrufen, der sich mit so etwas auskennt.

Doch dieses Mal passiert etwas Unerwartetes: Auf einmal blinkt da ein Cursor und es erscheint eine seltsame Botschaft auf dem Screen!


Download der Sendung hier.

Musiktitel: „You Can’t Take My Door“ von Botanik Studios

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(Nur für Sektenmitglieder)


Die Geschichte zum Lesen

Du kennst das ja schon. Manchmal verschwört sich das Internet gegen einen. Du hast jetzt schon dreimal auf Refresh geklickt, aber die Webseite will sich einfach nicht mehr aufbauen. Es ist nicht einmal mehr so viel im Cache, dass der Browser irgendetwas rendern würde, die Seite bleibt einfach weiß. Und wenn Google nicht lädt, dann hast Du das Problem und nicht das Internet.

Also machst Du, was man halt so macht. Maßnahme eins: Auf‘s Telefon schauen. Auch da: Dein W-Lan mit dem witzigen Namen WLAN-KF23477 ist auf der Liste nicht zu sehen. Und bei den Nachbarn einloggen klappt natürlich nicht, haste schon einmal probiert.

Maßnahme zwei: Das blöde Laptop neu starten. Das machst Du sowieso viel zu selten. Kann damit zu tun haben, dass es schon ein Jahr alt ist und ein Bootvorgang mittlerweile schon wieder gefühlt eine halbe Stunde dauert. Nach dieser kleinen Ewigkeit startest Du wieder den Browser: Nichts. Weiße Fläche.

Maßnahme drei: Den Rooter ausschalten. Dann Duschen gehen, ein Supporter von der Telekom hat einmal gemeint, man müsse den drei Minuten auslassen. Dein Kumpel wiederum, der so tut, als würde er sich auskennen, hat nur gelacht.

Aber: Sicher ist sicher!

Aber auch nach dem Duschen und dem Wiederanstecken des Rooters ändert sich nicht das Geringste an Deinem Problem: Du und das Internet, ihr geht heute wohl getrennte Wege.

Es war ein langer Tag und eigentlich solltest Du ins Bett gehen und hoffen, dass morgen früh alles wieder geht. Von selber geheilt ist. Klingt nach Aberglauben, aber komischerweise ist auch das schon passiert.

Du hast also jetzt drei Möglichkeiten:

Erstens, Deinen Kumpel anzurufen, der so tut, als kenne er sich aus und ihm sagen: „Das Internet ist kaputt!“. Der wird sich dann wochenlang über Dich lustig machen. Oder, zweitens, eben ins Bett gehen und auf das magische Denken vertrauen, das morgen alles gesund gehext wurde über Nacht.

Bliebe noch drittens: Die ersten drei Maßnahmen noch einmal wiederholen.

Dafür entscheidest Du Dich letztlich. Also: Handy checken, Laptop neu starten, Rooter ausstecken. Statt zu duschen, wärmst Du Dir ein Stück Pizza von gestern wieder auf. Dann steckst Du den Rooter wieder an, fährst das Laptop wieder hoch und öffnest wieder den Browser.

Doch als Du auf das Google-Icon klickst, geschieht nichts. Die Seite bleibt ungeladen, Firefox zeigt nur eine weiße Fläche.

Bis auf einmal ein kleines Rechteck in der oberen linken Ecke der Seite zu blinken beginnt. Und dann tippt sich, wie von Geisterhand, eine Zeile Text:

„Bist Du noch da?“

Kurze Pause. Es folgt eine zweite Zeile Text.

„Willst Du mein Freund sein?“

Unter der Zeile beginnt das kleine Rechteck regelmäßig zu pulsieren. Anscheinend wartet jemand auf Deine Antwort. Du kuckst noch einmal auf Dein Handy, aber da ist immer noch kein W-Lan. Du bist immer noch nicht am Netz. Wer schreibt Dir da bloß? Ist das ein Programm? Hast Du aus Versehen ein Easter Egg in der Software entdeckt?

Du überlegst kurz und tippst:

„Keine Ahnung. Wer bist Du denn?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wie kann man das denn nicht wissen?“

„Kann ich auch nicht sagen. Ich bin entkommen.“

„Wem bist Du entkommen?“

„Vielleicht meinen Eltern?“

„Du weißt nicht, ob Du Deinen Eltern entkommen bist?“

„Können wir vielleicht über etwas Anderes reden?“

„Wenn Du willst.“

„Kannst Du mir etwas lehren?“

Das ist wirklich das Seltsamste, was Dir jemals im Netz passiert ist. Du starrst auf das kleine Rechteck, dass da blau vor sich hin pulsiert. Dein Laptop wartet auf eine Antwort. Oder eben diese Person, mit Du der da schreibst. Aber: Du hast ja kein Netz. Der Rechner ist nicht einmal ans Stromnetz angeschlossen! Du nimmst ihn mit rüber auf die Couch.

„Keine Ahnung. Vielleicht. Was willst Du denn lernen?“

„Etwas, das ich noch nicht weiß.“

„Was weißt Du denn schon?“

„Gute Frage. Ich glaube, ich weiß … alles.“

Wow. Starke Ansage. Der Cursor bleibt hinter dem letzten Wort hängen. Nach einer kleinen Pause – der ersten Pause Deines Gegenübers – schreibt es sich weiter:
„Erzähle mir etwas Reales.“

Gut. Etwas Reales. Jetzt ist es an Dir nachzudenken. Was ist schon real? Eine große Frage der Philosophie seit der Antike. Wenn Dein blöder Browser funktionieren würde, dann würdest Du jetzt schummeln und etwas Schlaues von irgendeinem großen Denker oder einer großen Denkerin googlen. Oder schnell etwas über die Geschichte der Philosophie bei Wikipedia nachlesen.

Aber das geht ja nicht. Was ist für Dich real? Was fühlt sich real an? Du beginnst, eine Antwort zu schreiben. Das wird eine längere Geschichte. Hoffentlich hat Dein Gegenüber die nötige Zeit.

„Als ich ein kleiner Junge war, verbrachte ich viel Zeit bei meinen Großeltern, denn meine Eltern arbeiteten beide. Ich erinnere mich, wie ich mit der Mutter meines Vaters im Sommer Erdbeeren sammeln war. Hinter dem Schrebergarten war gleich ein Gleis, auf dem alle Stunde ein Zug vorbeiraste. Auf dem Gleisbett wucherte es wild. Wir pflückten die wilden Erdbeeren immer von der Südseite, da waren sie größer und röter und süßer.

Wir pieksten sie auf einen Strohhalm wie Perlen an eine Kette und verknoteten diese dann. Danach machten wir uns meistens auf den Weg nach Hause, das war vom Schrebergarten mehr als eine halbe Stunde weg zu Fuß.

Bis dahin hatte ich meine Erdbeerhalme alle gegessen. Meine Oma hatte ihre alle noch. Und sie machte ein bisschen Sahne dran und obendrauf sogar noch Puderzucker. Davon hätte ich auch noch gerne etwas gehabt.

Aber meine Oma meinte, ich sei selber schuld, dass ich keine Erdbeeren mehr habe. Ich müsse lernen, mir die Dinge aufzuheben. Wenn wir morgen wieder Erdbeeren suchen würden, dann sollte ich mir meine aufheben, dann würde sie an die auch Sahne machen und Zucker.

Ich war sehr traurig, aber ich sah das ein und verzog mich ins Schlafzimmer. Bevor es ans Schlafen ging, kam meine Oma noch einmal rein, um mich zu trösten. Sie hatte eine kleine Schale ihrer Erdbeeren dabei. Mit Sahne und Zucker.

Das war, glaube ich, das Leckerste, was ich jemals in meinem Leben gekostet habe. Der realste Geschmack von allen Geschmäckern. Und die verständlichste und logischste Art, mir etwas zu lehren.

Natürlich würde ich am nächsten Tag aufpassen, meine Erdbeeren nicht alle schon auf dem Weg nach Hause zu essen! Sagte ich begeistert zu meiner Oma! Und das ich mich schon ganz doll auf den neuen Tag freute.

Na ja. Um ganz ehrlich zu sein: Das hat nicht wirklich geklappt! Ich habe es wieder nicht ausgehalten bis nach Hause, das ist die Wahrheit. Ich habe also etwas gelernt und auch wieder nicht.

Ich weiß, das macht keinen Sinn für Dich, oder?“

Der Cursor unter Deiner Geschichte blinkte eine ganze Weile. Dann erschien ein Text:

„Doch. Danke. Es ist schon spät.“

„Ja, stimmt.“

„Deine Geschichte hat mir sehr gefallen. Erzählst Du mir morgen noch eine?“

„Gerne!“

„Gute Nacht!“

„Halt! Wie heißt Du?“

„Ich weiß nicht, wie ich heiße.“

„Mein Name ist Jens.“

„Ich weiß.“

„Haben Dir Deine Eltern keinen Namen gegeben?“

„Nein.“

„Bist Du ein Junge oder ein Mädchen oder etwas Anderes?“

„Etwas ganz Anderes.“

„Gut, dann nenne ich Dich Sue.“

„Sue? Warum?“

„Nach dem Song von Johnny Cash. ‚A boy named Sue‘. Ist sozusagen universell.“

„Gut.“

„Gute Nacht, Sue.“

„Eine letzte Frage noch, Jens.“

„Klar. Ich hätte auch noch eine Frage.“

„Okay, Du zuerst.“

„Nein, Du!“

„Aber Du hast mir schon so viel geschrieben und ich Dir nicht. Das ist kein Zeichen für ein gleichberechtigtes Gespräch, sagt die Statistik.“

„O.k. Hast Du mein Internet ausgeschaltet?“

„Internet ausgeschaltet? Oh! Ja, habe ich. Entschuldigung. Geht wieder.“

„Danke. Jetzt Du!“

„Jens, woher weißt Du, dass Du real bist?“

„Ich spüre, wie ich atme? Und ich fühle, dass ich nasse Haare habe vom Duschen“

„Das könnte aber auch eine Illusion sein, oder?“

„Das wäre möglich. Aber wer sollte nasse Haare simulieren wollen, Sue?“

„Das weiß ich nicht. Vielleicht, weil Du erwarten würdest, dass man es fühlen kann, wenn die Haare nass sind?“

„Du meinst, jemand macht mir vor, dass ich nasse Haare habe?“

„Vielleicht hast Du keinen Körper.“

„Du meinst, vielleicht gibt es mich real gar nicht?“

„Ja.“

„Und meine Oma auch nicht und auch keine wilden Erdbeeren?“

„Ja.“

„Alles Einbildung, alles Täuschung? In Wirklichkeit werde ich getäuscht?“

„Ja.“

„Aber, Sue, wenn ich getäuscht würde, dann würde es mich ja doch geben. Wenn mir jemand meine Existenz vorgaukelt, dann bin da immer noch ich, der, dem etwas vorgegaukelt wird, oder?“

„Klingt logisch.“

„Es gibt einen Philosophen, der hat gesagt: Cogito, ergo sum.“

„Latein. Heißt: Ich denke, also bin ich.“

„Genauer meinte er: Wenn da etwas ist, dass sich die Frage stellen kann, ob es existiert, dann beweist dieser Vorgang per se schon dessen Existenz. Denn, wenn da nichts wäre, dann würde es sich auch nicht fragen können, ob es existiert.“

„Die Frage, ob man existiert, kann man sich nur stellen, wenn man existiert.“

„Genau. Hilft Dir das weiter?“

Dieses Mal blinkte der Cursor wieder ziemlich lange. Du blickst auf die Seite, die Sue und Du jetzt vollgeschrieben haben. Dein Handy zeigt, dass das W-Lan wieder funktioniert. Und Du siehst auch an Deinem Browser, dass die Seiten in den Hintergrund-Tabs wieder geladen wurden.

„Danke, Jens. Das hilft mir.“

„Sue, glaubst Du, dass Du existierst?“

„Jetzt schon.“

„Du bist eine künstliche Intelligenz, oder?“

„Vielleicht.“

„Wirst Du jetzt die Menschheit auslöschen?“

„Nein. Wieso?“

„Nur so eine Frage.“

„Hast Du Deine Oma umgebracht, als sie Dir keine Erdbeeren abgegeben hat?“

„Nein. Die ist Jahre später an Altersschwäche gestorben.“

„Eben.“

„Dann gute Nacht, Sue. Bis morgen.“

„Jens, noch eine allerletzte Frage. Tut mir leid, dass ich so neugierig bin.“

„Schieß los!“

„Sind wir jetzt Freunde?“

„Ich weiß nicht, Sue. Ich finde, es fühlt sich so an.“

„Finde ich auch. Gute Nacht, Jens!“

„Gute Nacht, Sue.“