Viva la sauna Svedese!


Die Recherche für das morgenradio ist so wie jede Recherche. Manchmal kann man sich stundenlang in etwas vertiefen, was am Ende nur eine flache, kleine, unbedeutende Story ist. Das frustriert.

Seltener passiert es, dass man von einer Geschichte angesprungen wird. Weil sie so unbekannt ist und so seltsam. Und weil sie sich mit etwas verbindet, was wir alle kennen.

So ist das mit der heutigen Sendung gewesen. Wir stellen euch die Geschichte eines wirklich auf der ganzen Welt geliebten Lieds vor. Schritt für Schritt, wie es sich historisch abgespielt hat.

Und ihr dürft mitraten, welchen Welthit wir da beschreiben. Viel Spaß beim Rätseln!


Download der Episode hier.
Musik: „Le sauna“ von EGON / CC BY-NC-SA 3.0


Skript zur Sendung

Diese Sendung ist eine kleine, recht unbekannte Geschichte aus der Vergangenheit. Es geht um einen Musiktitel, den wirklich jeder kennt. Aber den ich erst ganz am Schluss verrate. Wer zuerst errät, um welchen Titel es wirklich geht… äh… der darf sich freuen!

Unsere Geschichte beginnt im Jahre 1968. Einer Zeit sozialer Umbrüche in Europa und auch in den USA. Während der Held unserer Geschichte in seinem Studio schwitzt, läuft natürlich kein Radio. Aber, wenn Radio laufen würde, dann würde früher oder später das hier laufen

Seit Mai war „La Bambola“ auf der Nummer eins. Es sollte die bestverkaufte Single Italiens werden dieses Jahr. Die Künstlerin, die ihr da hört, heißt Patty Pravo. In Italien eine bekannte Künstlerin seit 1966. In den Videos zu „La Bambola“ gibt ist sie praktisch die italienische Version von Nancy Sinatra.

Geboren wurde sie aber als Nicoletta Strambelli und ihr schneeblondes Haar, das ihr Markenzeichen ist, ist natürlich nicht echt. Blond musste man als Frau schon sein damals. Blond bedeutete damals nicht blöd, so wie heute. Blond bedeutete: Offen für sexuelle Phantasien jeder Art…

Anita Ekberg oder Brit Ekland, so hießen die feuchten Träume der Männer in Europa. Schlanke, blonde Schwedinnen mit üppiger Oberweite. Sexbomben nannte man das damals. Und Schweden war das Gütesiegel für Frauen, die frei und offen mit ihrer Sexualität umgehen. Oder, ehrlicher ausgedrückt: Die leicht zu haben waren.

Also wurde auch das Kino überflutet mit Filmen, in denen man viele nackte, blonde Schwedinnen sehen konnte. Softpornos kamen damals gerne im Gewande von Pseudo-Dokumentationen. Einfach aus dem Grunde, dass es 1968 in jedem europäischen Land ganz selbstverständlich Zensur gab.

Bei uns in Deutschland wäre das zum Beispiel eine ganze Reihe von Filmen mit „Oswald Kolle“ im Titel. Das wirkte wissenschaftlich. Etwas eindeutigerer war dann der „Schulmädchenreport“.

Der Film basierte lose auf einer sehr grenzwertig wissenschaftlichen Arbeit über das Sexualverhalten von Schülerinnen. Der Film war dann als Dokumentation gestaltet, mit einer sonoren Sprecherstimme, aber in Wirklichkeit ging es natürlich nur darum, nackte Schülerinnen zu zeigen.

Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Das würde einen Sturm der Entrüstung produzieren, dass man hier vorgeblich Minderjährige in sexuell eindeutigen Stellungen zeigt.

Damals war das mit sechs Millionen Zuschauern der erfolgreichste deutsche Film. Ist auch heute noch in den Top 5. In nicht einmal 10 Jahren wurden dann 13 Teile produziert. Die hatten dann Untertitel wie: „Was Eltern nicht für möglich halten, Was Eltern den Schlaf raubt, Was Eltern nicht mal ahnen, Was Eltern oft verzweifeln läßt, Was Eltern wirklich wissen sollten, Was Eltern gern vertuschen möchten“.

Gut, jetzt hätten wir also zwei Komponenten zusammen für den Film, der uns eigentlich wichtig ist. Da wären heiße Schwedinnen und die Gattung „Pseudo-Dokumentation“. Ach, und natürlich müssen wir in den Mix auch Italien einbringen.

Denn 1968 war Cinecitta bei Rom das Hollywood Europas. Ein nicht endender Strom von oft nicht gerade aufwendig produzierten Filmen überflutete die Kinos in der Welt. Berühmte Beispiele von 1968 wären natürlich „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone oder „Romeo und Julia“ von Zefirelli oder „Vier für ein Ave Maria“ ein früher Terence Hill & Bud Spencer-Film oder „Adriano, der Schürzenjäger“ mit Adriano Celentano.

So. Jetzt aber haben wir alle Komponenten fertig, um euch „Schweden – Hölle oder Paradies“ verständlich zu machen. Es ging dabei natürlich hauptsächlich um das Sexualverhalten der Schwedinnen. Hauptsächlich darum, junge schwedische Blondinnen nackt zu zeigen.

Gezeigt wurden Nachtclubs für Lesbierinnen, Ehepaare in Swinger-Clubs, die Sexualerziehung von Teenagern oder die Produktion von Pornofilmen. Das kontrastierte man dann mit Gewalt und Drogen, mit Rockergängs und Alkoholismus. Fertig war der Film.

1968 war es noch eine Selbstverständlichkeit, dass jeder Film einen eigenen Soundtrack hatte. Damit man eine Platte pressen konnte, die man extra dazu kaufen kann. Denn den Film zuhause kucken war ja nicht möglich. Es gab keine Bluray oder DVD oder auch nur wenigstens VHS oder Betamax.

Man kaufte sich die Platte, wenn man die Bilder wieder im Kopf sehen wollte.

Aber einen Ennio Morricone, Riz Ortoliani oder Henri Mancini konnte sich „Schweden – Hölle oder Paradies“ natürlich nicht leisten. Da musste man sich einen anderen Komponisten suchen. Und so ging der Regisseur Luigi Scattini mit dem fertig gedrehten Film zu Piero Umiliani ins Studio.

Ein hart arbeitender Komponist, der fleißig tagaus und tagein Filmmusik produzierte. Für die Spaghetti-Western oder die Agentenfilme oder die Softpornos, für die der italienische Film so berühmt geworden ist.

Sein Stil war dabei sehr vom Jazz beeinflusst und obwohl ihn heute kein Mensch mehr kennt, hat er diesen speziell jazzigen Stil der Filmmusik, der so typisch ist für die Sechziger stark mitgeprägt.

Quentin Tarantino hat zum Beispiel für „Kill Bill“ Stücke von ihm wieder ausgegraben. Aber auch in „Leben und Sterben in L.A.“ oder in „Ocean’s Twelve“ ist er zu hören, ohne dass es jemand weiß.

Piero Umiliano ist das Paradebeispiel für jemanden, der seinen Traum verfolgt, Musiker zu sein. Statt Rechtsanwalt, wie es sich Mamma und Pappa gewünscht hatten. Er bricht sein Jurastudium ab und produzierte nur noch ununterbrochen Musik.

Ein Paradebeispiel für einen wirklich hart arbeitenden Künstler. Der seine Arbeit auch sehr ernst nahm, egal wie billig der Film dazu produziert war. Schließlich könnte jeder einzelne Soundtrack ja der Durchbruch sein.

Und so feilte er Tage und oft Wochen an seinen Stücken. Für jeden Film produziert er mehr als zwei Stunden neue Musik, so dass die Regisseure freie Auswahl haben.

150 verschiedene Filme hat er so mit einem anspruchsvollen Soundtrack ausgestattet. Aber weil das hauptsächlich wirklich richtige Mistfilme waren, kam nie etwas nennenswertes an Tantiemen rein. Hier ein paar Auszüge seiner Werksammlung. Ich verwende extra die blöden deutschen Titel – die italienischen sind in diesem Fall auch nicht viel besser:

„Die Stunde der harten Männer“, „Lotosblüten für Miss Quon“, „Warteliste zur Hölle“, „Blonde Köder für den Mörder“, „Mondo perverso – Diese wundervolle und kaputte Welt“, „Foltergarten der Sinnlichkeit“, „Zehn Cowboys und ein Indianerboy“, „Die Puppe des Gangsters“ oder: „Nackte Eva“.

Nie gehört von diesen Filmen?? Ich auch nicht. Macht auch wahrscheinlich nichts. Das klingt jetzt nach Horror, Thriller oder Suspense. So ist das aber nicht ganz. Ich spiele euch ein Stück vor zu „Mondo Perverso“. Das gibt den typischen Piero Umiliano-Sound sehr gut wieder:

Ach, dieser Siebziger-Sound ist doch nett, oder? Ich habe auf einmal den Geschmack von Brause-Ufo im Mund!

Piero gibt sich also auch bei „Schweden – Hölle oder Paradies“ jegliche Mühe. Und sitzt mit Luigi Scattini an einem sehr heißen Junitag mit einem Dutzend Profimusiker in seinem Studio und sie stellen ihm den Soundtrack vor.

Mit ein bisschen Glück kommt es zur Freigabe und die zweite Tranche der Vorrauszahlung wird fällig. Das würde auch die Musiker freuen, die live für Piero und Luigi nach dessen Partitur spielen.

Wir stellen uns also eine Gruppe von verschwitzten Männern in einem dunklen Raum vor, die alle Schlaghosen aus Polyester und billige Polo-Shirts tragen und natürlich beim Arbeiten alle qualmen wie die Schlote.

Als der Film so abgespielt wird, kommt es zu einer Szene, in der man ein gutes Dutzend hochgeachsener schwedischer Blondinnen durch den Schnee in eine Saune stapfen sieht. Dann Cut und in der nächsten Einstellung sieht man alle albern kichernd, nur mit einem Handtuch bekleidet in der Sauna. Dampf gibt es keinen, der würde die ondulierten Fönfrisuren ruinieren.

Ja, das geht in Italien 1968 als Softporno durch. Es ist eine Szene von etwas mehr als einer Minute. Doch sie hat einen Haken: Sie besitzt keinen Soundtrack! Die Sauna hatte Piero irgendwie übersehen! Der Scheck ist in Gefahr!

Allgemeine Panik greift um sich, die Musiker sind nicht gerade begeistert davon, ohne Lohn nach Hause zu gehen. Doch unser Piero ist ein Profi. In weniger als einer Minute skizziert er einen Song und spielt ihn mit den Musikern ein. Den Gesangspart übernimmt er selber.

„Viva la Sauna Svedese“ nennt er den kleinen Song. So unbedeutend und unwichtig, dass er in Europa gar nicht erst auf die LP zum Film kommen wird.

Luigi findet den Song aber ganz nett und stimmt zu. Der Soundtrack ist abgenommen und kann so produziert werden. Mit dem neuen Stück. Der Scheck wird unterschrieben und die Musiker werden bezahlt.

Als der Film dann in Italien erscheint hat, wird er ein Überraschungs-Hit. Kein Blockbuster, klar, aber doch leidlich rentabel. Und weil es nur einen Sprecher braucht, um den Film in andere Sprachen zu lokalisieren, verkaufen sich die Schwedinnen aus Italien auch nach Amerika. Mit der Musik dazu.

Die Avco Embassy Pictures sichert sich die Rechte. „Sweden – Heaven or Hell“ wird der Film heißen. Und der Untertitel wird sein: „Sweden: Where the facts of life are stranger than fiction!“

Swingerclubs und Lesbenbars können sich die Amerikaner nicht richtig erklären. Und die Sexualerziehung ist bis heute nicht so richtig in den mittleren Westen den bible belt vorgedrungen.

Mit dem Film kommt auch der Soundtrack. Der wird von der „Edvard B. Marks Music“ produziert. Für den amerikanischen Markt will man eventuell andere Titel verwenden. Und so schickt Piero die Bänder mit mehr als zwei Stunden Material nach New York.

Und tatsächlich suchen die Amis andere Stücke raus. Denn besonders der kleine, unprätentiöse Titel mit dem Namen „Viva la Sauna Svedese“ hat es dem künstlerischen Leiter Joseph Aulander angetan. Alle im Studio summen ständig DIESES Lied, schreibt er Piero zurück.

Und darum produziert man die Schwedensauna als Single. Mit einem neuen, griffigeren Namen. Man verlängert die Spieldauer auf zwei Minuten zwölf, damit auch Radiostationen ihn spielen.

Und er wird sofort zu einem Hit. Viele Radiostationen spielen ihn immer wieder, weil sie von ungeduldigen Hörern danach gefragt werden. Als Hintergrund für einen running gag in der Red-Skelton-Show landet das schnell improvisierte Stückchen sogar im Fernsehen.

Bis auf Platz fünf in den Billboard-Charts schafft es der Titel im Jahre 1969. Das ist etwas, was europäische Titel selten schaffen und italienische praktisch nie.

Doch dann ist „Sauna Svedese“ unter ihrem amerikanischen Kurznamen erst einmal wieder vergessen. Das entgeht Piero nicht, dass merkt er an den versiegenden Tantiemen. Doch ganz kurz hat eines seiner Lieder ständig im Radio gedudelt und das in Amerika!

So nahe war er dem Ruhm noch nie! So könnte das sein, tja, das ist alles möglich.

Aber zu mehr als sein Haus abzuzahlen reichen die Zahlungen aus den USA erst einmal nicht und so begibt er sich wieder in sein Studio, um weiter hart zu arbeiten, ohne dass jemand außerhalb von Cinecitta das zu würdigen weiß.

Und so war das auch noch neun Jahre später. 1976. Im Radio, das immer noch nicht lief, hätte jetzt Umberto Tozzi gespielt. Mit seinem Superhit „Ti Amo“. Bei uns der Hit von Howard Carpendale. Den brauche ich jetzt nicht anspielen. Und dieser Song ist auch nicht die Lösung des Rätsels.

In Amerika sorgte eine neues Fernsehshow für Furore. Eigentlich nur eine kleine Sketchshow, die eine halbe Stunde nur oberflächlich um einen Star-Gast kreiste. Der Stand-Up-Act der Show war richtig lausig. Und ständig beschwerten sich zwei alte Säcke von der Loge über die schlechte Qualität der Show. Kein Wunder, der Moderator war schließlich ein Frosch.

Die Rede ist natürlich von der Muppets Show. Die nahm sich im Jahre 1977 dieses kleine Stück von Piero Umiliano und machte daraus einen kleinen Sketch. In ihrer allerersten Sendung.

Zwei wahrscheinlich außerirdische Sängerinnen im Background und ein Höhlenmensch als Solo-Sänger. Könnte verwandt sein mit Animal von der Begleitband.

Und dieser kleine Sketch machte dann den Song wieder zu einem Hit. Und dieses Mal nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen Welt.

Man findet auch noch heute von diesem Song auf YouTube Versionen in Russisch, Finnisch, Hebräisch, Arabisch, Japanisch, Chinesisch und in jeder Spache, die es auf der Welt gibt.

Das mag daran liegen, dass dieses Stück überhaupt keinen Text hat. Der einzige Text, der darin vorkommt, besteht aus zwei Silben. Die dann übrigens auch der Titel von dem Song sind, den die Amis im gegeben haben.

Und diese Silben sind… jetzt müsst ihr den Song doch schon erraten haben, oder?
Ich meine, das mit der Muppets-Show müsste alles klar gemacht haben. In den Staaten denkt heute noch jeder, das wäre eine Komposition extra für die Muppets-Show gewesen.

Sollte ich erwähnen, dass er auch in der Sesamstrasse vorkam? Oder in der Bennie-Hill-Show? Das Giorgio Moroder davon eine Version aufgenommen hat?

Was ich auf jeden Fall erwähnen sollte, das ist ja die Sache, die ich eigentlich erzählen wollte…

Als der Rubel so richtig rollte, als die Tantiemen aus aller Welt flossen, als dieser kleine Song, der laut mehrerer Augenzeugen in unter einer Minute entstand, Piero zu einem reichen Mann machte…

Was machte der dann? Er hörte auf zu arbeiten. Beinahe sofort. Nach diesem Erfolg schrieb er nur noch für fünf Filme den Soundtrack. Jedes Jahr einen. Und dann ging er in den Ruhestand.

2001 ist Piero Umiliano gestorben. Der Komponist eines Songs, den jeder kennt. Der sein Leben lang hart gearbeitet hat und dessen Vermächtnis etwas ist, dass er in weniger als 60 Sekunden aus dem Ärmel geschüttelt hat.

Und die Rede ist natürlich von:

Eigentlich geschrieben für einen Softporno. Eigentlich betitelt mit „Viva la sauna svedese“. Entstanden aber, innerhalb weniger Augenblicke als ein grandioses Werk eines wahren Künstlers!