Vier Jahreszeiten



Die Jahreszeiten sind eigentlich Syndrome. Ein Syndrom ist eine Sammlung bestimmter Symptome, die dazu neigen, gemeinsam oder gleichzeitig aufzutreten.

Und so widerfahren sie uns heute auch oft wie Krankheiten und nicht mehr wie die Naturgewalten, die sie eigentlich sind. Oft bekommt man den Wechsel auch gar nicht mehr mit in der Großstadt.

Doch, manchmal, wenn es Herbst ist und man an einem Baum lehnt und gerade stirbt, dann kann man – wenn man Glück hat – spüren, dass wir vom Anfang bis zum Ende immer Teil der Jahreszeiten sind und waren.

(Macht das jetzt neugierig auf die Sendung, oder nicht?)


Closer: „KRS One raps to Vivaldi“ von fitbird2007
Download der Sendung hier.
Musik: „Le quattro stagioni“ Opus #8, Antionio Vivaldi von John Harrison und das Wichita Symphony Orchestra


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Skript zur Sendung

„Wer hätte gedacht, dass ich im Herbst sterbe?“ Dachte er beim Sterben. An den Baum gelehnt. Auf den Sonnenuntergang fixiert. Der reine Kitsch!

Er war spazieren. Von der Terasse aus konnte man schon sehen, dass es ein einmaliger Sonnentuntergang werden würde. Rostrot,Magenta, Orange und Gelb. Postkartenfarben.

Also spazieren. Plötzlich sagte er: „Oh. Nein.“ Herzinfarkt. Er wusste es sofort.

Ganz sachlich sagte er das. Nur ein ganz wenig überrascht. Aber nicht panisch oder schockiert, nicht voller Furcht und nicht aus Angst. Und schon gar nicht, weil er eine religiöse Offenbarung hatte.

Einfach „Oh. Nein“. Und dann setzte er sich an den Baum und starb.

Alles, was ihn störte, war die Tatsache, dass er im Herbst sterben würde.

Warum nicht im Winter, wie es sich gehört?

Der Winter war die Jahreszeit seiner Mutter. Die hieß Gramya. Brigitte bei der Geburt, aber dann Gramya. Das hatte Bhagwan Shree Rajneesh so bestimmt. Gramya heißt Unschuld. Brigitte aus Konzerbrück an der Mosel war in Poona die Gramya. Ganz genau 8431 km von Tür zu Tür.

Zur seiner Entbindung war Brigitte 1977 wieder nach Deutschland gekommen. Nach sechs Monaten war sie wieder zurück zu Bhagwan. Ihren Sohn Kuleen hatte sie in Konz gelassen. Das war er.

Kuleen ist auch ein Bhagwan-Name und bedeutet „Gut Geborener“.
Für den Hausgebrauch war er aber sein Leben lang „Collin“.

Im März 1978 erschien im Stern eine große Reportage über Bhagwan und Poona und die Sekte und die Sannyassins und die Willenlosigkeit und vor allem über den freien Sex. Vor allem das.

Der Reporter, Jörg Andres Elten, war gleich dort geblieben. Auf zwei der Schwarz-Weiß-Fotos war auch Brigitte zu sehen. Einmal nackt und einmal angezogen.

Seine Großeltern hatten diese Ausgabe vom Stern aufgehoben und sie ihm 1995 geschenkt. Zur Volljährigkeit. Das waren die einzigen Fotos seiner Mutter, die er besaß.

Seine Mutter selber war im November geboren. „Winterkind, die Brigitte“, sagt die Oma, die eigentlich seine Mutter war. „Schneekind“, sagt der Opa. „Immer blass und immer verfroren.“

Der Winter war also die Jahreszeit von Brigitte. Von Gramya.

2002 war es, da besuchte er sie in Poona. Im Winter. Da war sie 52 und er 24, sie hatten sich nicht viel zu sagen. Poona war ein Luxus-Resort In Sachen Achtsamkeit. Für Wohlhabende aus dem Westen.

Gramya war ein „Ashram Therapist“. Nicht mehr in leuchtendem Orange, sondern in schwarzer Robe mit weißer Schärpe.

Aus Bhagwan war in den letzten Jahren Osho geworden. Und aus der freien Liebe eher Keuschheit. Aids hatte alles geändert. Und auch seine Mutter ausgemergelt.

Mitten in Indien, in der größten Hitze saßen sie im großzügigen Innenhof des Ashrams und hatten sich nichts zu sagen. Gramya war kalt und Kuleen lief die Soße in Strömen über seinen 120 Kilo-Leib.

Ein ungleiches Paar, Mutter und Sohn. Winter und Sommer. Gramya und Kuleen.

Plötzlich, mitten in Indien, sitzt er da und fragt sich: Wie bin ich hierher gekommen? Ich gehöre hier überhaupt nicht hin!

Warum also nicht im Winter sterben? Oder im Frühling?

Der Frühling war die Jahreszeit von Pia. Das war der Name seiner Frau. Rote Haare, Sommersprossen, immer im Garten am Werkeln, immer mit einem kleinen Sonnenbrand.

Sie roch schon nach Gras und Erde, als sie sich im Studium kennengelernt hatten. Mitten in der Stadt hatte sie den Balkon ihrer WG in eine Plantage verwandelt. Kräuter, Tomaten, Bohnen, Salat, alles direkt aus Berlin Mitte. Direkt von Pias Balkon.

Das Jahr 2000 roch selber nach Erde und Beton. Noch ganz frisch nach Aufbruch und nach Zukunft, als sie sich kennenlernten. Die Demokratie hatte gewonnen und die Welt war friedlich und bunt. Der eine kalte Krieg war vorbei und der andere kalte Krieg hatte noch nicht begonnen.

Zwei, drei Jahre Durchatmen. Und nach vorne kucken. Berlin war eine riesige Baustelle und die Jugend der Welt strömte in die neue, alte Hauptstadt Deutschlands.

Kuleen studierte vergleichende Religionswissenschaften, genauer: Religionstransfer und Kulturtransformation und war im Herzen zynisch. Pia studierte Botanik, genauer: Strukturelle und funktionelle Pflanzendiversität und glaubte an Gaia.

Sie hatten keinen gemeinsamen Freundeskreis und keine gemeinsamen Interessen. Alle, die sie kannten, rieten ihnen von der Beziehung ab.

Hochzeit 2007, Geburt der Zwillinge 2008, Umzug nach Hiebenburg, damit Pia dort einen neuen botanischen Garten planen und gestalten kann.

2015 die lange geplante Scheidung, Pia und die Mädchen ziehen nach Reserva Paisajistica Nor Yauyos-Cochas. Bei Lima. In Peru. Mitten im Dschungel wohnen die. „Ich komme euch bald besuchen“ hatte er versprochen. Aber er wußte, dass er lügt.

Die Ökotante und der Raver, der Spinner und die Gärtnerin, oder, weniger freundlich, aber dafür umso häufiger: Dick und Doof. Und er war zwar dick, aber Pia nicht doof.

Er kann er nicht in die Augen schauen. Weil er sie immer noch so liebt wie im Frühling des Jahres 2000. Weil er immer noch Gras und Erde riecht, wenn er an sie denkt.

Plötzlich, als er in der leeren Wohnung sitzt, überkommt ihn eine Frage wie eine Epiphanie:
Wie bin ich hierher gekommen? Ich gehöre hier überhaupt nicht hin!

Also nicht der Winter oder der Frühling. Wegen Gramya und weil Pia noch so weh tut.
Warum nicht der Sommer – war ja schießlich ganz knapp, oder?

2016 dann wurde Krebs bei ihm diagnostiziert und seitdem arbeitet er nicht mehr und ist in Behandlung. Immer wieder viele Tabletten und viel Strahlung. Begleitend dazu Psychotherapie und Meditation.

Diesen Sommer konnte man keine Tumorzelle mehr entdecken und er galt als geheilt. „Er hatte den Krebs besiegt“, so hieß es bei den Nachbarn.

Quatsch. Einen Dreck hatte er gesiegt – er hatte ja nicht einmal gekämpft.

Er hatte nicht alle Symptome gegoogelt, nicht die Beipackzettel gelesen, keine Selbsthilfegruppe gesucht. Sondern einfach nur bei jeder Diagnose genickt und bei jedem Therapievorschlag auch.

Die Wahrheit war, dass die moderne Medizin den Krebs besiegt hat, völlig alleine, ohne Kuleen.

Denn der war vollauf damit ausgelastet, nichts zu fühlen. Wie schon seit seiner Kindheit.

Der Krebs, das glaubte Kuleen, hatte sich selber besiegt, wahrscheinlich aus Langeweile. Weil er den apathischsten Patienten aller Zeiten erwischt hat. Die Tumorzellen haben einfach aufgegeben und sind gegangen.

Ausgeschieden. Ausgeschwitzt. Ausgekackt. So wie ganze 40 Kilo seines Körpers eben auch.

Es war wie bei den beschissenen Bundesjugendspielen. Den ganzen Tag hängt man am Sportplatz rum, dann macht man kurz zwei Minuten irgendetwas Sportliches und am Ende bekommt man eine Urkunde.

So war der Krebs gewesen und auf seiner Urkunde stand wahrscheinlich: „Teilnahme am Karzinom“ – der Trostpreis. Immerhin.

Er steht also im Krankenhaus und packt seine kleine Sporttasche, als er sich auf einmal hinsetzen muss. Alles strengt ihn an. „Wird schon wieder“, meinte der junge Stationsarzt. „Gehen Sie viel spazieren!“

Und wie er da so auf seinem Bett sitzt, passierte es wieder. Zum dritten Mal ins seinem Leben. Er hatte dieses Fremdkörpergefühl. Diese Fragen: Wie bin ich hierher gekommen? Ich gehöre hier überhaupt nicht hin!

Also im Sommer starb er also nicht. Er musste jetzt im Herbst sterben.

Genau in der Jahreszeit, die er immer am wenigsten mochte. Kastanien, die auf den Straßen verfaulen, weil keiner sie aufhebt. Weißkohl, der zu Sauerkraut fermentiert im Keller der Oma, die seine Mutter war.

Leichen von Wespen und Bienen auf dem Fensterbrett, die über Nacht schock gefroren sind. Bäume, die ihre nackten Äste sinnlos in den Himmel strecken und leere Äcker, die sich vor dem Winter fürchten.

Das war der Herbst, so wie er ihn kannte. Und ausgerechnet an einem Herbsttag hatte sich sein Herz spontan gedacht: Ich könnte ja aufhören zu schlagen!

Da sitzt Kuleen. Oder Collin. An einen Baum gelehnt und hält sich seinen tauben linken Arm. In der Ferne sieht er, wie sein Nachbar dem Hund geduldig einen Ball in den Acker wirft.

Bunte, bunte Blätter rieseln auf seine Beine und die Sonne strahlt ihm zum letzten Mal warm direkt ins Gesicht.

Das könnte wirklich der schönste Sonnenuntergang seines Lebens sein. Es riecht nach Erde und nach Gras, er hört in seinem Kopf seine Mädchen lachen, als ob sie im Laub Fangen spielen.

Er denkt an seine fremde Mutter, wie sie ihn in Indien schwach anlächelt. Und an Pia, wie sie beim Küssen immer die Nase gekräuselt hat. An seine Zwillinge, die am Flughafen so geweint haben. Er auch.

Es kommt ihm vor, als erlebte er alle diese Frauen in seinem Leben noch einmal. Ihm wird warm ums Herz, dass schon stockend schlägt, als ihm klar wird: Das war alles schon immer richtig so. Alles ist richtig und gut.

Das ist der Weg, den ich gegangen bin. So bin ich hierher gekommen.
Ich gehöre hier hin. Jetzt. Alles ist gut.

Die Sonne strahlt ihn an und sie wird in seinem Kopf noch einmal so unfasslich hell und groß, dass sie das ganze Universum umfasst.

Blätter decken ihn zu. Eine Reise ist gereist.