Vielleicht?

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Das Spannende am Theater ist, dass da vor einem echte Menschen etwas aufführen. Und der Ausgang ist ungewiss: Das ganze Unterfangen kann auch glorios in die Hosen gehen!
So widerfährt es der armen Nina heute, als sie sich im zarten Alter von acht Jahren zum ersten Mal auf die Bühne wagt. Das kann Narben hinterlassen – oder eine Chance werden. Vielleicht beides.


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Download der Sendung hier.

Inspiriert von Jessica Lee Williamsons „Maybe“

Musiktitel: „Maybe You’ll Understand“ von THE BLACK SUNN / CC BY-SA 3.0

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Die Geschichte zum Lesen

Als achtjähriges Mädchen war Pippi Langstrumpf meine Heldin. Sie war so alt wie ich und sie war auch ‚nur‘ ein Mädchen, trotzdem lebte sie in der Welt der Erwachsenen und war ihnen überlegen.

Frech und wild und stark! Selbstbewusst und ohne eine Spur von Angst.
Also – genaugenommen – das glatte Gegenteil von mir!

Ich bewunderte sie und dachte mir:
„Vielleicht kann ich auch wie Pippi sein? Vielleicht.“

„Vielleicht … hätte ich mir das besser überlegen sollen,“ dachte ich mir, als ich vor dem Publikum stand. Auf meinen Wunsch hatte meine Mutter mich zu einem Talentwettbewerb angemeldet.
Mein Plan: Ich trage, als Pippi Langstrumpf verkleidet, das berühmte Pippi-Langstrumpf-Lied vor und gewinne – als Pippi, nicht als Nina – den Wettbewerb.

„Vielleicht … hätte ich das Lied einüben sollen,“ dachte ich mir, als ich vor dem Publikum stand. Ist ja nur ein Kinderlied, oder? Einfache Melodie, meine Stimmlage.
Trotzdem: Wenigstens einmal hätte ich das vielleicht üben sollen.
So wie zum Beispiel die graziöse Verbeugung am Ende – die hatte ich ausgiebig geübt!

„Vielleicht … hätte ich den Text auswendig lernen sollen,“ dachte ich mir. Wie war das noch? Zwei mal fünf macht acht, widdewiddewitt und drei macht neune? Ist das absichtlich falsch? Weil das macht ja eigentlich – Moment – elf? Oder zwölf?

„Vielleicht hätte ich nie zu dem Talentwettbewerb gehen sollen“, dachte ich mir, als ich vor dem Publikum stand in meiner Pippi-Langstrumpf-Verkleidung.
Stocksteif, wie vom Donner gerührt. Ich blickte auf einen Punkt weit, weit außerhalb des Theaters. Wie eine Statue stand ich auf der Bühne und die Tränen liefen stumm über mein Gesicht und meine Verkleidung.

Drei Minuten waren für meine Nummer eingeplant. Also musste ich diese drei Minuten auch auf der Bühne bleiben. Ich heulte drei endlos ewige Minuten vor mich hin, bis der Impressario auf die Bühne kam und klatschte.
Erleichtert erkannte das komplett verstörte Publikum das Zeichen und klatschte. Nur damit ich endlich aufhörte zu weinen! Ich verbeugte mich sehr graziös und verließ die Bühne.

Vielleicht würde ich ja durch diese Peinlichkeit eine Lektion lernen.
Denn was könnte demütigender sein als so eine Pleite, oder?

Meine Mutter wollte unbedingt, dass diese Erfahrung keine Narben bei mir hinterließ. Also regte sie an, dass ich es einfach noch einmal versuchen sollte.
Aber vielleicht dieses Mal mit ein bisschen mehr Übung im Vorfeld. Vielleicht.

Sie war der Meinung, dass ich mir eine neue Nummer ausdenken sollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, noch einmal einsam auf einer Bühne zu stehen. Weil aber meine Mutter nicht nachließ, brauchte ich einen Partner.
Dann würde ich das vielleicht schaffen. Vielleicht.

Ich fand einen Partner, der mit mir auf die Bühne gehen würde. Er sah genauso aus wie Stan Laurel und er war im Otto-Katalog abgebildet. Er war eine Bauchrednerpuppe für € 44,99. Man konnte die Hand in seinen Kopf stecken und den Mund bewegen. Klar, man musste natürlich selber sprechen, aber wenn ich die Lippen nicht bewegte, dann würde das Publikum vielleicht glauben, mein Stan Laurel würde reden. Vielleicht.

In der Beschreibung im Katalog stand, dass die beiden Puppen die berühmtesten Komiker der Welt waren und das Publikum auf der ganzen Welt Stan Laurel kannte und liebte. Das war ungefähr das, was auch mein Ziel war.

Ich wünschte mir zu Weihnachten diese Bauchredner-Puppe. Und wie es zu erwarten war, entschied sich der Nikolaus in Gestalt meiner ehrgeizigen Mutter dazu, meinen Wunsch zu erfüllen.

Erst als ich die Puppe ausgepackt hatte, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, wie man sprechen kann, ohne die Lippen dabei zu bewegen.
Also wünschte ich mir noch diese Weihnachten schnell vom Nikolaus in Gestalt meiner Oma „Die Kunst des Bauchredens: Technik, Vortrag, Puppenauswahl“ von Dan Ritchard und Kathleen Moloney.

Auch dieser Wunsch wurde erfüllt und ich verbrachte den Rest der Winterferien damit, vor dem Spiegel das Alphabet zu sprechen, ohne dabei die Lippen zu bewegen.
Der wichtigste Trick beim Bauchreden ist es, in den Texten, die man sich schreibt, die Buchstaben B, M, P und W komplett zu vermeiden, weil man die bei aller Übung nicht aussprechen kann, ohne die Lippen zu bewegen.

Bald dachte ich, dass ich das Bauchreden ganz gut hinbekam. Auch mein Testpublikum, bestehend aus den beiden Nikoläusen und meinem Vater, war angetan von meinen Fortschritten. Vielleicht würde ich ja den Auftritt im Sommer dieses Mal hinbekommen. Vielleicht.

Es blieb nur ein Problem: Ich brauchte noch einen spritzigen Dialog. Eine Textvorlage, die so witzig war, dass das Publikum vor lauter Lachen gar nicht bemerken würde, dass nicht wirklich Stan Laurel, redet, sondern ich.
Meine Mutter und ich liehen in der Stadtbücherei alle Witzbücher, die es zu entleihen gab. Es dauerte einige Wochen, bis ich aus den besten Witzen und einigen Eigenkreationen ein Programm geschrieben hatte, das drei Minuten dauerte und in dessen Text kein B, M, W oder P vorkamen.

Mittlerweile war die Begeisterung meiner Mutter auch auf mich übergesprungen und ich freute mich auf den Talentwettbewerb, der immer kurz vor den Sommerferien stattfand.

Der Tag der Entscheidung rückte näher. Vor der Aufführung gab es eine Generalprobe in vollem Outfit. Um meine Unsicherheit zu überdecken, ließ ich mich von meiner Mutter als Clown schminken. So würde mich das Publikum vielleicht nicht wieder erkennen. Vielleicht.

Die Generalprobe lief sehr gut, die Anwesenden klatschten nach meinem Auftritt wie verrückt und ich musste drei Mal vor den Vorhang. Ich konnte mich immer noch sehr graziös verbeugen und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Siegesgewiss freute ich mich auf den nächsten Tag.

Für den Auftritt ließ ich mich von meiner Mutter wieder als Clown schminken, aber als trauriger Clown. Auf der Autofahrt hatten wir beschlossen, dass das alles noch witziger machen würde.

Während ich geschminkt wurde, traten die Janners auf. Das waren eineiige Zwillinge, die eine Stand-Up-Nummer aufführten. Bloß, dass sie dieses Mal Lacher ernteten, wo es noch bei der Generalprobe nur Schweigen zu hören gab.
Meine Mutter wusste auch warum: Die beiden hatten sich aus meinem Programm frech die besten Gags geklaut! Und sie hatten nicht einmal den Stolz, die umzuschreiben! Im geklauten Material kamen weder B, P, M noch W vor.

Ratlos stand ich am Bühnenrand. Was sollte ich machen? Einfach die gleichen Gags noch einmal bringen? Das Publikum würde natürlich denken, ich hätte die Zwillinge beklaut und nicht umgekehrt. Ich würde ausgebuht werden und hätte meine nächste Pleite!

Während ich fieberhaft nachdachte, wurde mein Problem gelöst. Von Damian. Damian war an der Schule der Mann für’s Grobe. Hier trat er mit einer Nummer auf, in der er seine Karatekünste demonstrierte und einen ganzen Haufen Brettchen zerkleinerte.
Jetzt aber zerteilte Damian etwas Anderes. Er hatte sich für den Mechanismus von Stan Laurel interessiert. Ich musste beobachten, wie plötzlich der Unterkiefer meiner Bauchrednerpuppe frei herum baumelte, bis Damian ihn dann komplett abriss.

Damit war meine Bauchrednerpuppe nutzlos. Stan war tot.
Damit war meine ganze Nummer sinnlos. Mein Auftritt war tot.

Während ich noch fassungslos abwechselnd auf die Puppe und auf Damian starrte, griffen mich erwachsene Hände und schoben mich auf die Bühne.
Zeit für meine drei Minuten!

Wieder stand ich vor dem verstörten Publikum, die mich wieder drei Minuten beim Weinen beobachten mussten.
Genau die gleiche absurde, lächerliche und unaushaltbar peinliche Situation wie im Jahr zuvor. Könnte man ein Fragezeichen an ein Klatschen kleben, dann hätte man, glaube ich, die perfekte Beschreibung von dem Applaus, den ich erhielt.
Dieses Mal verbeugte ich mich nicht graziös, sondern ich rannte so schnell weg, wie ich nur konnte.

Vielleicht würde ich ja durch diese Peinlichkeit eine Lektion lernen.
Was könnte demütigender sein als eine Pleite?
Zwei Pleiten natürlich!

Beim ersten Mal blamierte ich mich, weil ich schlecht vorbereitet war, aber dieses Mal hatte ich alles richtig gemacht! Das hatte auch nicht geholfen!

An diesem Abend verschob sich etwas in meiner Selbstwahrnehmung. Vor diesem Auftritt war ich jemand, der das Gefühl hatte, unsichtbar zu sein. Danach war ich jemand, der sich sehnlich wünschte, unsichtbar zu sein.

Diese Erfahrung war so traumatisch für mich, dass ich die nächsten zwanzig Jahre keine Bühne mehr betreten konnte. Selbst bei Referaten oder Vorträgen, die ich halten musste, war ich immer stark medikamentiert.

Diese beiden Auftritte vor einem ratlosen Publikum hatten mich verändert. Doch sie waren nicht das Problem. Sie waren beide nur Symptome.

Wenn man etwas macht, das man liebt, das einem wichtig ist, dann steht man immer mit einem Bein im Reich der Angst. Wenn man nicht an der Grenze zur Angst arbeitet, dann arbeitet man nicht richtig.

Ich habe mittlerweile gelernt, ganz gemütlich mein Gewicht auf dieses Bein zu verlagern, auch wenn es sehr lange gedauert hat. Mittlerweile stehe ich ganz gemütlich, um ehrlich zu sein. Zwanzig Jahre Angst später.

Es gibt Schlimmeres, als gedemütigt zu werden, wenn man eine Pleite hinlegt, weil man etwas versucht hat.
Es gibt etwas, das viel schlimmer ist:
Die Demütigung, die es bedeutet, etwas nicht zu versuchen. Etwas aus lauter Angst einfach nicht zu versuchen!

Das kann ich sagen ohne jedes „Vielleicht“.
Das ist ein „Sterbens-sicher“.


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