Victoria’s Secret


Queen Victoria, das ist diese große Matrone mit der schwarzen Trauerkluft. Die immer verbissen in die Kamera schaut..

Und das Zeitalter, das nach ihr benannt ist, das war extrem lustfeindlich und lächerlich prüde. Wie die Königin eben.

Wir lesen heute aus ihrem Tagebuch vor und aus Briefen ihres Mannes. Um das zu überprüfen, ob es da so sauber und aufgeräumt zuging…


Download der Episode hier.
Musik: „Nichts Schöneres“ von Prince Albert
Die morgenradio-Playlist auf jamendo


Skript zur Sendung

Diese Geschichte beginnt im Jahre 1836. Victoria war noch nicht Königin und feierte ihren siebzehnten Geburtstag. Dazu lud sie die Verwandtschaft ein. Und so wie heute auch, war schon damals der europäische Adel komplett verschwistert und verschwägert.

Bei den Feierlichkeiten stellte ihr Onkel, König Leopold von Belgien, ihr einen ihrer zahlreichen Cousins vor. Dieser hieß Albert und war Prinz von Sachsenburg-Coburg und Gotha. Ein Oberfranke.

Sie war 17 und er war 16. Am 7. Juni 1836 bedankt sich die junge Victoria in einem stürmischen Brief bei ihrem Onkel:

„Liebster Onkel,

Ich muss mich bei Dir bedanken, liebster Onkel, für die Aussicht auf größtes Glück, dessen Du mich teilhaftig sein ließt in der Person des lieben Albert.

Erlaube mit, mein allerliebster Onkel, dass ich Dir erzähle, wie entzückt ich von ihm bin und wie ich ihn auf alle erdenkliche Art mag. Er besitzt jede Eigenschaft, die ich mir nur ausmalen kann, um mich umfassend glücklich zu machen.

Er ist so einfühlsam, so freundlich und so gut und liebenswert. Nebenbei erwähnt, besitzt er auch das ansprechendste und reizvollste Äußere, das man sich nur vorstellen kann.

Victoria“

Doch es sollte drei Jahre dauern, bis sich die beiden wiedersehen konnten. Victoria wurde gekrönt und Albert hat ihr zu dieser Gelegenheit einen Brief geschrieben, wie es sich gehört. Am 1. Oktober 1839 aber kommt er zu Besuch ins Windsor Castle…

Am selben Abend schreibt Victoria in ihr Tagebuch:

„Ich war sehr ergriffen, als ich Albert betrachtete, der einfach nur wunderschön ist. Er ist recht charmant und so maßlos attraktiv, mit seinen herrlichen blauen Augen, seiner feinen Nase und seinem zarten Mund mit dem feinen Schnurrbärtchen und der Andeutung von Koteletten. Eine herrliche Statur, breit in den Schultern und mit einer schmalen Taille. Mein Herz pocht so heftig.“

Wir sehen schon, der jungen Frau, die das schreibt, geht es nicht so unbedingt… naja… um die inneren Werte. Oder die Intelligenz. (ironisch) So wie es zum Beispiel Männern heutzutage bei Frauen ja so wichtig ist…

Und weil Victoria kriegt, was sie will, läßt sie den zwanzigjährigen Prinzen vier Tage später in ihre Gemächer rufen. Und dann macht SIE ihm einen Antrag. Eigentlich ungehörig… Wir lesen weiter im Tagebuch:

„Ich sagte ihm, es würde mich überglücklich machen, wenn er meinen Wunsch erfüllen könnte, mich zu heiraten. Sofort umarmten wir uns heftig und wieder und wieder und er was so freundlich und so zärtlich.

Ach, das zu fühlen, das ich von so einem Engelwesen wie Albert geliebt werde, war eine zu große Freude, um das zu beschreiben. Ich sagte ihm, dass ich seiner unwürdig sei und küsste seine lieben Hände. Ach, wie ich ihn verehre und liebe – ich kann es nicht ausdrücken!“

Tja. Wer immer noch glaubt, die Queen sei prüde, dem sei aus diesen Tagen noch ein anderes Stückchen empfohlen, wo Victoria schreibt:

„Als er heute eine Militärparade abnahm, konnte ich ihn sehen. In seinen Reithosen aus Kaschmir, mit sichtlich nichts darunter.“

Die Hochzeit war beschlossen. Albert musste erst einmal nach Hause, um seine Geschäfte zu regeln und das frisch verliebte Paar war erst einmal drei Monate getrennt. Und beide schmachteten sich in Briefen an…

„Allerliebste, zutiefst geliebte Victoria!

Ich brauche Dir nicht erzähle, dass all meine Gedanken, seitdem ich mit Dir in Windsor weilte, nur Dir gelten, alle Bilder, die meine Seele erfüllen, nur Bilder von Dir sind!

In meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht zu hoffen gewagt, dass es so viel Liebe auf Erden überhaupt gibt! Wie dieser Moment vor mir erstrahlt, als ich Dir nah war, Deine Hand in meiner.

Diese Tage sind so schnell verflogen, aber auch unsere Trennung wird so schnell verfliegen.
Der Himmel hat mir einen Engel gesendet, dessen Strahlen mein Leben erhellt!

Mit Geist und Körper, für immer Dein Sklave, Albert.“

Victoria hält sich in ihrem Tagebuch etwas knapper:

„Ach, wie ich ihn liebe. Wie intensiv. Wie hingebungsvoll. Wie inbrünstig. Ich bin so traurig.
Ich weine. Ich spaziere etwas. Und ich weine.“

Am 7. Februar 1840 ist Albert zurück. Und weil das Feuer so brennt, muss drei Tage später geheiratet werden. Damit das auch alle verstehen: Kein Sex bis jetzt! Händchenhalten, Umarmen und Küssen – so gehört sich das für Königinnen damals. Darum: Schnell heiraten!

Jetzt könnte natürlich noch einiges schief gehen, so beim ersten Mal…
Aber in der Hochzeitsnacht hat Albert wohl alle Erwartungen erfüllt oder sogar übertroffen, wie Victoria ihrem Tagebuch anvertraut:

„Es war eine so befriedigende und neuartige Erfahrung – noch nie habe ich so einen Abend erlebt! Seine überschwängliche Liebe und Zuwendung erfüllten mich mit himmlischer Liebe und Glückseligkeit.

Er umschlang mich mit seinen Armen und wir küssten uns wieder und wieder…
Seine Schönheit, seine Anmut und seine Güte – wie kann ich nur jemals dankbar genug dafür sein, so einen Gatten zu haben!

Seite an Seite zu liegen oder aber in seinen Armen oder auf seiner Brust und mit Kosewörtern bedacht zu werden, die ich vorher nie gehört hatte und die mir nie jemand gewidmet hat, das war der glücklichste Tag meines Lebens! Das war Seligkeit jenseits alles Denkbaren!

Als der Tag anbrach – wir hatten nicht viel geschlafen – und ich seines wunderbaren Gesichts an meiner Seite gewahr wurde, empfand ich tiefer, als ich es nur ausdrücken kann. Ach, möge doch jede Frau so gesegnet sein wie ich!“

Eine Woche lang war von den beiden nicht viel zu sehen im Palast, sie verließen kaum ihre Gemächer. Eine kleine Notiz aus diesen Tagen:

„Heute hat Albert mir meine Strümpfe angezogen. Als ich morgens ins Bad kam und ihn beim Rasieren überraschte, verschaffte mir das große Lust.“

Man muss nicht erwähnen, dass Victoria nach dieser Liebeswoche natürlich sofort schwanger war. Empfängnisverhütung war damals wahrscheinlich als Vokabel noch nicht erfunden. Geschweige denn als Methode im heutigen Sinn.

Vier Jahre später haben die beiden bereits vier Kinder. Das tat der Leidenschaft aber keinen Abbruch. Albert hatte London gerade vor einem halben Tag verlassen, als er seiner Geliebten schon einen Brief schickte:

„Mein Liebling!

Du wirst, während ich das schreibe, dabei sein, Dich für das Mittagessen fertig zu machen. Dort wirst Du meinen Platz, an dem ich noch gestern saß, leer vorfinden. Ich hoffe, dass mein Platz in Deinem Herzen aber noch besetzt ist.

Ich habe Dich zumindest in meinem Geiste bei mir. Ständig wiederholt sich in mir dieses Flehen. Halte aus und sei nicht niedergeschlagen. Versuche Dich, abzulenken, so gut Du nur kannst!

Unser Wiedersehen ist bereits einen halben Tag näher, wenn Dich dieser Brief erreicht, sogar einen ganzen. Nur noch 13 Tage und ich liege wieder in Deinen Armen!“

Das mit dem Kinderkriegen wird nicht so schnell aufhören. Neun Kinder wird sie gebären, das letzte davon unter Narkose – als eine der ersten Frauen der Welt. Narkosemitteln waren sie generell nicht abgeneigt, aber „Laudanum“ hat auch einmal eine Extra-Sendung verdient.
Sagen wir einfach, dass eine Flasche Bordeaux am Tag eher die Regel war.

Doch eigentlich kann sie mit den Kindern gar nichts anfangen. Es gibt mehr als ein Zitat von ihr, dass das Schwangersein nur eine Nebenwirkung des Geschlechtsverkehrs ist.

1857 sind die beiden siebzehn Jahre verheiratet und Victoria schreibt ihrem Onkel Leopold:

„Du kannst Dir nicht ausmalen, wie aufgelöst ich bin, wenn er nicht hier ist.
Ich zähle meine Kinder durch und sie bedeuten mir gar nichts ohne ihn.“

Natürlich hatten die beiden auch Probleme in ihrer langen Ehe. Wie jedes Paar. Albert schreibt seinem Freund, Baron Stockmayer:

„Victoria ist manchmal zu leidenschaftlich und gehetzt, um mit ihr sprechen zu können. Sie hört mir dann nicht zu, sondern wird wütend und überwältigt mich mit ihren Vorhaltungen und ihrem Mißtrauen, ihrem Ehrgeiz und ihrem Neid.“

Und seiner Frau, die er mittlerweile „Meine liebe Kleine“ nennt, schreibt er in solchen Fällen lieber, als mit ihr zu diskutieren. Zum Beispiel:

„Auch wenn unser Leben von Liebe und Harmonie geprägt sein sollte, aber manchmal durch solche „Szenen“ vergiftet wird, will ich Dir die Treue halten. Ich unterziehe mich diesen Prüfungen mit aller Geduld, aber Du verletzt mich absichtlich und Du tust Dir dabei selber keinen Gefallen.“

Sie selber gesteht selbem Stockmeyer, der beiden ein Mediator ist:
„Manchmal bin ich von einer Reizbarkeit erfüllt, die mich bösartige und abscheuliche Dinge sagen lässt, die ich mir selber nicht glaube und die, wie ich befürchte, Albert sehr verletzen.“

Ganz normale Ehe, die die Blaublütigen da führen, kann man sagen. Letzten Endes haben sie den Weg zueinander anscheinend gefunden, wie sowohl Albert in Briefen erwähnt, als auch Victoria in ihrem Tagebuch.

1861 schreibt er dem gemeinsamen Freund Stockmayer:

„Wie viele Stürme unsere Ehe doch aushalten musste. Doch immer noch wächst sie, frisch und grün, mit kräftigen Wurzeln. Von diesen wird, Gott sei es gedankt, noch viel Gutes wachsen für die ganze Welt“

Heute wissen wir, dass die meisten der heftigeren Auseinandersetzungen der beiden einen Grund hatten, den man damals noch nicht kannte. Denn, wenn man sie in einen Kalender sortiert, dann traten sie kurz nach den Entbindungen auf.

Postnatale Depression nennen wir das heute. Das ist mehr als nur der sogenannte Babyblues und sicher einer der Gründe für die Selbstmedikation mit Opium.

Alberts Brief an Stockmayer von oben bleibt leider sein letzter. Albert verstirbt noch im selben Jahr an Typhus. An seinem Bett, an seiner Seite, seine Frau, die in ihr Tagebuch schreibt:

„Ich nahm seine linke Hand, die bereits eiskalt war. Dreimal atmete er noch sanft, aber tief ein, dann drückte er noch einmal meine Hand und alles war vorbei. Alles war vorbei.

Ich stand auf, küsste seine wunderschöne Stirn und konnte nicht anders als vor Schmerzen aufschreien! „Mein geliebter Schatz!“ Dann fiel ich auf die Knie in stummer Verzweiflung, völlig unfähig zu reden oder zu weinen.“

In den kommenden drei Monaten wird Victoria rund um die Uhr von ihrem Personal bewacht, um sie immer wieder von Selbstmordplänen abzubringen. Zeit ihres Lebens wird sie schwarz tragen und immer wieder betonen, dass sie so eine Liebe nie wieder erfahren wird.

Doch auch, wenn es Monate braucht, bevor Victoria wieder Kraft findet. Sie wird nie wieder heiraten. (Pause!) Was.. aber.. nicht.. bedeutet, dass sie nie wieder Sex haben wird…

Zumindest von drei Affären wissen wir, eine davon liegt sogar neben ihr begraben.

Aber das ist auch eine Extra-Sendung.

Der Film „In guten Händen“ vom Anfang der Sendung übrigens endet mit einer Szene, in der der Buckingham Palace einen Stromausfall erleidet. Die Queen hatte, man bekommt das nebenbei mit, beim Protagonisten des Films einen Luxus-Vibrator bestellt. Also vermutet man bei dieser Szene: Den hat sie wohl gerade eben, das erste Mal an den Strom angeschlossen.

Aber das ist natürlich völlig unhistorisch!
Das Detail mit dem Stromausfall, meine ich – der Buckingham Palace war bestens elektrifiziert!