Der verlorene Koffer



„Das absurde Theater ist eine Richtung des Theaters des 20. Jahrhunderts, die die Sinnfreiheit der Welt und den darin orientierungslosen Menschen darstellen will“ – schreibt die Wikipedia. Und ich halte diese Definition schon immer für nicht ganz zutreffend.

Denn zum einen bin ich mir ziemlich sicher, dass Beckett, Ionesco oder Genet tierischen Spaß an ihren Werken hatten. Und zum anderen kann man diese Definition auf jedes kreative, menschliche Werk anwenden. Oder auf den Drang zu Schöpfen selber.

Doch das stört weder die möglich Finderin, noch den möglichen Finder des verlorenen Koffers im heutigen Hörspiel. Und ich weiß auch gar nicht, wie ich auf „absurdes Theater“ gekommen bin…


Download der Sendung hier.
Musik: „Four Short Pieces“ von Frank Bridge – London Symphony Orchestra


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Skript zur Sendung

FA:
Ich gehöre hierher. Ganz klar.
Ich bin extra hierher gekommen. Absichtlich.
Ich hätte auch woanders hingehen können, keiner hätte mir das verbieten können.
Aber ich habe mir das hier selber ausgesucht und dann bin ich einfach gekommen.

Weil ich da, wo ich herkomme, einfach nicht mehr sein wollte.
Weil ich woanders sein wollte.

Denn, da wo ich herkomme, da kucken alle immer.
Andauernd glotzen die, was man macht.
Wie man sich anzieht.
Wo man hingeht. Was man tut.

Und alle denken sich ‚was.
Ständig denken sie sich ‚was.
Machen sich so Vorstellungen, warum man was tut.
Und was man beabsichtigt damit.

Die haben ganz viel Platz in ihren Gehirnen für solche Gedanken.
Und wenn die solche Gedanken über mich denken, dann bin ich in ihren Gehirnen.
Das ist fast so, als würden die mich anfassen.
Mit ihren Gehirnen berühren… oder aber ihren Gedanken.
Und das finde ich wirklich ätzend.

Ich möchte wo wohnen, wo alle, alle Leute nicht glotzen.
Nicht danach schauen, was ich mache.
Keiner muss wissen, wo ich bin und wo ich hingehöre.

Keiner soll mich mit seinem Gehirn berühren.
Das ist eklig. Und gehört eigentlich verboten.

Man müsste verbieten können, das Leute ohne Erlaubnis nach einem glotzen, finde ich.

Aber dann bin ich hierher gezogen und hier kucken die Leute gar nicht.
Die kucken überhaupt nicht, was ich mache. Oder irgendwer macht.
Oder was ich anziehe. Oder irgendwer anzieht!

Das ist den Leuten hier völlig egal.
Ich kann hier durch die Stadt laufen und keiner glotzt. Keiner kuckt mich richtig an.
Keiner berührt mich mit seinem Gehirn.
Es ist genau so, als wäre ich überhaupt gar nicht da.

Bis ich eines Tages den blöden Koffer gefunden habe.
Ein Koffer, genau vor dem Haus, in dem meine Wohnung ist.
Stand da einfach.
Keiner hat nach dem gekuckt.

Und weil ich nicht will, dass die Leute auf mich kucken, da kucke ich halt auch nicht.
Vier Tage habe ich nicht gekuckt, aber der Koffer war immer noch da.
Es war klar, dass jemand den vermissen würde.

Man vergisst ja einen Koffer nicht, oder?
Man kuckt doch nach seinem Koffer, oder?
Und lässt ihn nicht vor einem Geschäft stehen.
Oder einer Tanzschule.

Vier Tage lang!

Also habe ich auf Ebay-Kleinanzeigen geschrieben:
„Lederkoffer gefunden. Schaut alt aus.
Ungefähr 500 mm × 360 mm × 180 mm (BxHxT)
Griff. Schloss. Noppen zum Abstellen.“

HW:
Immer auf der Jagd.
Immer muss ich einen Schritt voraus sein.
Nichts ist gefährlicher als stehenbleiben.
Sich nicht bewegen.

Dann setzt man Moos an.
Und gewöhnt sich. An Dinge.
Oder gewöhnt sich an Orte.
Man findet sich ab.

Aber man sollte sich nicht abfinden.
Niemals sollte man sich abfinden.
Niemals! Das ist der größte Verlust!

Wenn man aufwacht, dann muss man erst einmal kucken müssen, wo man ist.
Und man muss sich wundern, wonach es riecht.
Diese zehn Sekunden Ungewissheit am Morgen, die sind Leben.

Dafür sind wir gebaut!
Denn um die Ecke könnte schon die nächste Gefahr lauern.
Wir sind im Kern unseres Wesens alle Raubtiere.

Immer auf der Hut.
Innerlich in Hab-Acht-Stellung.
Denn die Nahrung, die wir brauchen, ist vielleicht hinter der nächsten Ecke.
Oder aber das Raubtier, das noch größer ist als wir.
Und dessen Nahrung wir dann sind.

Gewöhnung ist das Ende des Raubtiers.
Bloß, weil man die eine Straßenecke schon 100 Mal gesehen hat, denkt man, dahinter könne sich keine Nahrung verstecken oder kein Raubtier.
Aber das stimmt nicht.

Als wir uns niedergelassen haben, begannen die Probleme.
Immer die gleichen Felder, das gleiche Haus, die gleiche Tätigkeit.
Die gleichen Menschen und das gleiche Fressen.
Das macht uns innerlich kaputt.
Wir stumpfen ab.

Am Anfang wehren wir uns, aber dann kommt der Beruf.
Und mit dem Beruf wird dann unsere Natur ganz allmählich zermahlen.
Bis aus jedem Jäger ein Ackerbauer geworden ist.

Gerade eben hatte ich Moos angesetzt.
Hatte ich mich gewöhnt.
Also muss ich weg.
Bloß nicht stehenbleiben.

Ich kaufe mir einen neuen Satz Koffer und ziehe um.
Mit dem Bus fahre ich los, einfach in die nächste Stadt.
Neu anfangen.

Aber ich hatte acht Koffer und nicht nur sieben.

Also gebe ich eine Anzeige bei eBay-Kleinanzeigen auf:

„Koffer verloren. Ca. 50 mal 30 cm.
Ohne Rollen. Schaut alt aus. Ist abgesperrt.“

HW: Bist Du „Lederkoffer gefunden. Schaut alt aus.“
FA: Und Du „Koffer verloren. Ca. 50 mal 30 cm“?

HW: Hast Du den Koffer?
FA: Klar habe ich den Koffer.
HW: Wo denn? Ich kann ihn nicht sehen!
FA: Na, ich habe ihn nicht hier. Ist doch klar!
HW: Warum? Was macht das für einen Sinn?
FA: Du könntest den Koffer klauen.
HW: Ach so. Aber es ist doch meiner!
FA: Wer weiß?
HW: Wo ist denn der Koffer?
FA: Im Damenklo.
HW: „Im“ Damenklo?
FA: Na, nicht im Klo direkt, aber halt in dem Raum mit den Klos.
HW: Hier?
FA: Ja, gleich hier.
HW: Warum?
FA: Damit er sicher ist!
HW: Wieso ist er denn da sicher?
FA: Na, Du kannst ja nicht auf’s Damenklo, oder?
HW: Warum sollte ich das nicht können?
FA: Na, weil Du ein Mann bist!
HW: Ach, und Du denkst, wenn ich auf’s Damenklo gehe, trifft mich ein Blitz?
FA: Nein, aber die Menschen würden kucken.
HW: Und? Tut ja auch nicht weh.
FA: Und sie würden sich fragen, was ein Mann auf dem Damenklo macht.
HW: Und was, wenn ich eine Frau wäre?
FA: Aber Du bist keine Frau.
HW: Aber das konntest Du ja nicht wissen!
FA: Wie meinst Du das?
HW: Na, ich habe Dir ja auf Kleinanzeigen geantwortet, wir kennen uns ja nicht.
FA: Aber „Dirk83“ klingt nicht sehr feminin, oder?
HW: Pah. Ich könnte ja eine Transfrau sein oder ein Transvestit.
FA: Bist Du eine Transfrau?
HW: Nein.
FA: Oder ein Transvestit?
HW: Nein, bin ich auch nicht.
FA: Na also.
HW: Das bringt doch nichts, das Gerede hier. Hol‘ bitte meinen Koffer!
FA: Nein.
HW: Wie bitte?
FA: Ich hole den Koffer, wenn Du mir ein paar Fragen beantwortest.
HW: Ein paar Fragen? Spinnst Du? Das ist wahrscheinlich mein Scheißkoffer!
FA: Ich kann ihn Dir auch gar nicht geben, wenn Du so anstrengend wirst.
HW: Ich werde anstrengend? Du bist anstrengend!
FA: Gut. Lassen wir das. Das ist mir schon zuviel! Ich gehe!
HW: Halt! Warte! Was für Fragen willst Du mir denn stellen?
FA: Na, zum Beispiel könnten wir damit anfangen, dass Du mir erzählst, was da drinnen ist.
HW: Könnte ich nicht einfach einen Blick drauf werfen? Wenn’s nicht meiner ist, dann muss ich Dir ja auch keine Vorträge über den Inhalt halten, oder?
FA: Aber Du hast gesagt, es wäre Dein Scheißkoffer!
HW: Wahrscheinlich, habe ich gesagt. Wahrscheinlich mein Scheißkoffer!
FA: Und warum sollte er’s nicht sein?
HW: Was weiß ich? Falsche Farbe? Du hast ja nichts über die Farbe geschrieben.
FA: Er ist braun.
HW: Pah! Das kann jeder behaupten! Was für ein braun? Eierschale, Beige, Erdbraun, Curry, Zimtbraun, Mandelbraun, Nougatbraun…
FA: Der Koffer ist Mittelbraun.
HW: Mittelbraun?
FA: Ja, genau mittelbraun.
HW: Mittelbraun ist doch keine Farbe!
FA: Mittelbraun ist immerhin nicht grün oder rot oder gelb oder blau!
HW: Sind auf dem Koffer Aufkleber? Oder Anhänger?
FA: Nein, keine Aufkleber oder Anhänger!
HW: Da! Siehste! Auf meinem Koffer sind auch keine Aufkleber und auch keine Anhänger!
FA: Das beweist gar nichts!
HW: Was willst Du denn noch wissen?
FA: Du hast mich die ganze Zeit abgelenkt, aber nicht erzählt, was in dem Koffer drinnen ist!
HW: Gut. Stimmt. Ich geb’s zu.
FA: Gut. Dann mach‘ mal!
HW: Tja, da gibt’s nur ein Problem…
FA: (flüstert) Ist da ‚was Illegales drinnen?
HW: (flüstert auch) Keine Ahnung?
FA: Keine Ahnung, ob es illegal ist? Na, eine Transfrau zu sein, ist eigentlich nicht illegal…
HW: Das meine ich nicht.
FA: Sondern?
HW: Ich weiß es nicht.
FA: Ob Du eine Transfrau bist?
HW: Nein, was im Koffer ist!
FA: Wie bitte?
HW: Noch einmal, in drei kurzen Wörtern: Ich. Habe. Keinen. Schimmer.
FA: Das stimmt nicht!
HW: Doch, das stimmt!
FA: Nein, das sind vier Wörter!
HW: Oh, mein Gott! Musst Du jedes Wort auf die Waagschale legen?
FA: Nein, aber ob es drei oder vier Wörter sind, das macht für den Satz immerhin 25% aus. Das ist viel. Für „Krieg und Frieden“ bedeuet das schließlich einen Unterschied von fast 300 Seiten.
HW: Aber es geht doch nicht um Literatur hier, sondern nur um meinen Scheißkoffer!
FA: Trotzdem sollten wir da keine Fehler machen!
HW: Na gut. Ich gebe auf.
FA: Wie meinst Du das? Du hast keine Schimmer, was in dem Koffer ist?
HW: So, wie ich’s sag!
FA: Aber es ist doch Dein Koffer!
HW: Ja. Und?
FA: Dann musst Du doch wissen, was drin ist!
HW: Ich weiß es aber nicht!
FA: Aber Du musst ihn doch gepackt haben!
HW: Ich habe ihn nie gepackt!
FA: Wie, dann ist der leer?
HW: Fühlt er sich denn leer an?
FA: Ich weiß nicht so genau…
HW: Wie bitte? Du weißt nicht, ob mein Koffer vielleicht voll oder leer ist?
FA: Nein, weiß ich nicht. Vielleicht ist er ja weder voll oder leer!
HW: Na, was denn sonst?
FA: Vielleicht ist er halbleer. Oder halbvoll.
HW: Oder vielleicht ist etwas sehr, sehr Schweres drinnen. Dann fühlt sich der Koffer voll an, ist aber in Wirklichkeit fast leer!
FA: So ein Quatsch! Dann würde man ja das Scheppern hören!
HW: Nicht, wenn das Schwere an den Deckel geklebt wäre!
FA: Wieso denn an den Deckel?
HW: Warum denn nicht an den Deckel?
FA: Aus keinem Grund, eigentlich…
HW: Hat der Koffer denn gescheppert, als Du ihn hoch gehoben hast?
FA: Nein. Kein bisschen.
HW: Vielleicht ist er ja brechend voll mit ganz leichten Sachen? Schon mal darüber nachgedacht?
FA: Über so ‚was denke ich nicht gerne nach.
HW: Warum das denn?
FA: Das macht mir Angst.
HW: Und wieso das?
FA: Ist er denn voll mit ganz leichten Sachen?
HW: Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht, was in dem Koffer ist.
FA: Hast Du das vergessen, oder was?
HW: Nein, ich hab’s nie gewusst…
FA: Das ist aber echt schräg!
HW: Ach, jetzt bin ich hier der Schräge, oder was? Du hast doch Angst vor’m Nachdenken!
FA: Ich habe nicht gesagt, Du bist schräg, sondern die Tatsache, dass Du nicht weißt, was in Deinem eigenen Koffer ist!
HW: Wie wäre es, wenn Du mir den Koffer einfach bringst und dann sag‘ ich Dir schon, ob es meiner ist?
FA: Wie denn das? Du weißt ja nicht einmal, was drinnen ist!
HW: Oh, ich werde das schon wissen! Keine Angst.
FA: Ich habe keine Angst.
HW: Dann hol‘ doch einfach den Koffer.
FA: Und woher willst Du das dann wissen?
HW: Wieso denn nicht? Ist das ein generischer Koffer, oder was?
FA: Generisch?
HW: Ja, Normalo-Durchschnitts-Jedermann-Koffer!
FA: Nein. Ein Lederkoffer.
HW: Er schaut alt aus, hast Du geschrieben.
FA: Ja, aber auf seine Art ist er ein sehr, sehr normaler Koffer.
HW: So normal, dass er von allen anderen Koffern nicht zu unterscheiden ist?
FA: Ja. Schon. Normal.
HW: Das ist der Koffer, den ich meine…
FA: Hatte er denn irgendwelche Erkennungszeichen?
HW: Na ja. So einen Koffer hatte ich vorher noch nie.
FA: Unterscheidungsmerkmale.
HW: Mein Gott, man kann normale Kinder haben, aber das bedeutet doch nicht, dass man sie nicht von anderen Kindern unterscheiden kann!
FA: Das ist nicht das Gleiche.
HW: Aber ähnlich.
FA: Kinder und Koffer meine ich. Das kann man nicht vergleichen.
HW: Abgeschlossen, man weiß nicht, was drinnen ist und wer es reingetan hat.
FA: Kinder? Oder Koffer?
HW: Beides.
FA: Hast Du denn Kinder?
HW: Nein. Du?
FA: Nein.
HW: Ist ja noch Zeit.
FA: Für Kinder oder für Koffer?
HW: Beides.
FA: Oder für mich?
HW: Auch. Bitte hol‘ jetzt den Koffer!
FA: Na gut!

HW: Aha. Das ist er also.
FA: Ist das denn Deiner?
HW: Könnte sein.
FA: Könnte?
HW: Ist schwieriger zu sagen, als ich dachte…
FA: Bis auf Dich hat sich keiner auf die Anzeige gerührt.
HW: Na ja, das muss ja nichts heißen.
FA: Wieso sollte das nichts heißen?
HW: Der Koffer könnte ja jemandem gehören, der ihn loswerden will.
FA: Wieso das denn?
HW: Na, weil er den Inhalt loswerden will!
FA: Was für einen Inhalt denn?
HW: Na, vielleicht einen Körper!
FA: In diesem Koffer? Ein Körper?
HW: Könnte doch sein!
FA: (schnüffelt) Riecht nicht, als wäre da ein Körper drin!
HW: Ein Körper in einer Plastiktüte!
FA: Müsste schon ein sehr, sehr kleiner Körper sein!
HW: Vielleicht eine Katze?
FA: Oder ein Hund?
HW: Oder ein Arm!
FA: Oder ein Bein!
HW: Für einen Rumpf ist es wieder nicht schwer genug.
FA: Sind Köpfe eigentlich schwer?
HW: Glaube schon!
FA: Vielleicht ist ja auch Geld drinnen!
HW: Was für Geld denn?
FA: Das Geld, für das er sie umgebracht hat!
HW: Wer? Wer hat wen umgebracht?
FA: Na, den Körper in dem Koffer!
HW: Wieso eine Frau? Könnte auch sein, dass sie hinter seinem Geld her war!
FA: Aber sie würde nicht das Geld und den Körper in einen Koffer tun!
HW: Nein! Und er würde das auch nicht machen!
FA: Ist eh‘ nicht groß genug!
HW: Sie würden ja auch Geld nicht loswerden wollen. Den Körper schon, aber nicht das Geld.
FA: Es sei denn, sie sind in den Urlaub gefahren!
HW: Wie bitte?
FA: Aber dann hätten sie den Koffer ja mitgenommen!
HW: Die Leiche? Mit in den Urlaub?
FA: Schade, dass wir den Koffer nicht öffnen können…
HW: Wieso können wir den Koffer nicht öffnen?
FA: Weil er abgeschlossen ist!
HW: Aber ich habe einen Schlüssel.
FA: Warum hast Du das nicht gesagt?
HW: Hat keiner danach gefragt!
FA: Woher weißt Du, dass der Schlüssel passt?
HW: Na, das ist der einzige, den ich zu dem Koffer habe!
FA: Das ist doch keine Antwort!
HW: Na, der Schlüssel kam mit dem Koffer.
FA: Aber vielleicht passt er trotzdem nicht.
HW: Doch, der wird schon passen.
FA: Hast Du’s schon einmal versucht?
HW: Nein.
FA: Und wenn’s der falsche Schlüssel ist?
HW: Die werden mir schon nicht den falschen Schlüssel zu dem Koffer gegeben haben!
FA: Vielleicht doch. Aus Versehen.
HW: Solche Versehen passieren heute doch nicht mehr.
FA: Ach. Heute nicht mehr.
HW: Nein.
FA: Niemals.
HW: Niemals.
FA: Das heißt, Kofferhersteller sind heute unfehlbar.
HW: Niemand ist unfehlbar.
FA: Außer der Papst.
HW: Außer der Papst.
FA: Also könnte es doch der falsche Schlüssel sein!
HW: Ach was. Heutzutage sind die beinahe unfehlbar.
FA: Aber nicht komplett unfehlbar.
HW: Es ist ausgesprochen unwahrscheinlich, dass sie den Koffer mit dem falschen Schlüssel ausliefern.
FA: Könnte aber sein!
HW: Rein theoretisch!
FA: Das bedeutet?
HW: Was bedeutet das?
FA: Das es Dein Koffer sein könnte, selbst wenn der Schlüssel nicht passt.
HW: Ja, das bedeutet es.
FA: Und das wiederum bedeutet im Umkehrschluss…
HW: Was denn?
FA: Das es nicht Dein Koffer sein muss, selbst wenn der Schlüssel passt.
HW: Stimmt. Das leuchtet ein.
FA: Hast Du den Schlüssel irgendwann ‚mal verlegt?
HW: Nein. Niemals.
FA: Also können wir davon ausgehen, dass es sich um Deinen Schlüssel handelt.
HW: Ja, das ist mein Schlüssel.
FA: Aber bei dem Koffer können wir nicht sicher sein, egal ob der Schlüssel passt oder nicht!
HW: Ja, scheint so zu sein.
FA: Du musst entscheiden.
HW: Ich?
FA: Na, ich weiß ja nicht, wem der Koffer gehört!
HW: Und, wenn ich mir nicht sicher bin?
FA: Wie unsicher bist Du Dir denn?
HW: Na, schaut schon so aus wie einer von meinen neuen Koffern…
FA: Aber Du bist Dir nicht sicher?
HW: Ja, schaut schon so aus.
FA: Die schauen alle gleich aus.
HW: Nicht alle.
FA: Koffer wie dieser. Die schauen alle gleich aus.
HW: Fühlt sich an wie meiner.
FA: Wie? Fühlt sich an?
HW: Ich fühle mich mit dem Koffer vertraut…
FA: Wie? Ihr zwei seid füreinander gemacht?
HW: Ich habe ihn nicht lange besessen.
FA: Lange genug, um ihn zu verlieren.
HW: Hey, keinen Tadel hier! Das war der Busfahrer!
FA: Hat er alle Koffer verloren?
HW: Nein, nur den.
FA: Hast Du auf die anderen Koffer achtgegeben?
HW: Ja.
FA: Warum nicht auf diesen?
HW: Hey, da standen beim Ein- uns Aussteigen hunderte von Koffern!
FA: Du hast also nicht aufgepasst auf diesen Koffer!
HW: In einem Moment war er noch hier, dann war er schon fort!
FA: Passiert dauernd!
HW: Laptops in der U-Bahn!
FA: Geigenkästen im Zug.
HW: Drehbücher im Bus.
FA: Mich hat mal jemand vor der Tanzschule vergessen…
HW: Im Ernst?
FA: Ja.
HW: Und haben sie Dich wieder gefunden?
FA: Ich glaube, die haben mich gar nicht vermisst.
HW: Kann doch nicht sein. Ich hätte auf jeden Fall nach Dir gekuckt.
FA: Danke. Auf Dich hätte ich vielleicht auch echt ewig gewartet.
HW: Du vertraust mir.
FA: Ja. Komischerweise schon. Du darfst nach mir kucken.
HW: Das dürfen nicht alle, oder?
FA: Das darf niemand. Das ist eklig.
HW: Ok. Kann ich verstehen. Das löst Deinen Fluchtinstinkt aus.
FA: Was? Nein.
HW: Egal. Traust Du mir auch mit dem Koffer?
FA: Selbst, wenn es gar nicht Deiner ist?
HW: Ja. Genau. Besonders, wenn es nicht meiner ist.
FA: Passt Du denn ab jetzt gut auf den Koffer auf?
HW: Ja. Ich lasse ihn niemals mehr irgendwo stehen.
FA: Auch nicht vor einer Tanzschule.
HW: Besonders nicht vor einer Tanzschule.
FA: Du lässt ihn nie mehr aus den Augen?
HW: Na, das ist vielleicht ein bisschen viel!
FA: Nein.
HW: Du hast ihn auch aus den Augen gelassen. Auf dem Damenklo!
FA: Es ist ja auch nicht mein Koffer, sondern Deiner.
HW: Das konntest Du ja nicht wissen.
FA: Stimmt.
HW: Aber darf ich ihn jetzt aufmachen? Zu meinem machen?
FA: Willst DU das denn?
HW: Ja.
FA: Willst Du das sehr?
HW: Ja, sehr!
FA: Gut! Dann mach‘ ihn auf. Dann ist das ab jetzt Dein Koffer!
HW: Und wen jemand anderes auf Deine Anzeige antwortet?
FA: Dann sage ich, der Koffer hat schon ein Zuhause gefunden.
HW: Ich schau‘ nach dem Koffer.
FA: Ich glaube Dir.
HW: Gut.
FA: Na dann. Mach ihn auf!
HW: Wie bitte?
FA: Na, Deinen Koffer, mach ihn auf!
HW: Aber, wenn da was Intimes drinnen ist?
FA: Komm schon! Ich habe vier Tage auf ihn aufgepasst!
HW: O.k. Du hast recht. Du hast Dir das verdient.
FA: Und? Passt der Schlüssel?
HW: Ja, mein Schlüssel passt genau.
FA: Und? Was ist drinnen?
HW: Mein Gott!
FA: Was denn? Lass mich sehen!
HW: Gibt’s ja nicht!
FA: Noch ein Koffer! Im Koffer ist ein Koffer!