Mein Vater hieß Tommy



Es gibt wenige Erlebnisse im Leben, wo man auf einmal von dem Gedanken überwältigt wird: „Ab jetzt ist wirklich grundsätzlich alles anders!“

Das können Bruchstellen sein, die man ahnt. Wie zum Beispiel ein Umzug, ein neuer Job oder aber der Tod eines geliebten Menschens.

Aber manchmal wird man von so einer radikalen Änderung auch überrascht. So wie Bastian in der heutigen Geschichte. Der Besuch seines Onkels verändert sein Leben mit einem Schlag nämlich komplett.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Burnin Down the House“ von Saint Anyway / CC BY 3.0


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Skript zur Sendung

HW: Ich kann mich sehr gut an den Tag erinnern, als sich mein Leben für immer verändern sollte. An den einen Tag und an die eine Nacht, ohne die ich nicht der wäre, der ich jetzt bin.

Das klingt jetzt komisch, so nach irgendeinem Fuzzi, der einem im Internet das Geheimnis zu Reichtum und Glück oder auch nur einem erfüllten Leben verkaufen will.

Aber so meine ich das nicht. Ich bin nämlich ziemlich normal. Mit einem Job und Geldsorgen, mit Frau und Kind. Hetero-Normalo-Durchschnittstyp.

Und das trotz jenem Tag oder jener Nacht. Oder deswegen. Das Urteil überlasse ich euch.

Ich wusste bis zu diesem Tag nicht viel über meinen Onkel, ich hatte ihn nur als kleines Kind gesehen, glaube ich. Wir waren eine ziemlich zurückgezogen lebende Familie, muss man sagen. Meine Eltern hatten nicht viele soziale Kontakte und waren wohl der Meinung, wir Kinder sollten das auch nicht anders halten.

Aber der Bruder meines Vaters war da anscheinend nicht so verschlossen, er wollte uns an diesem Tag besuchen. Und sogar übernachten. Ein sehr außergewöhnlicher Vorgang in unserer Familie, so viel ist sicher.

Mein Vater war auch deswegen den ganzen Tag schon auf den Beinen, um das Gästezimmer freizuräumen zum Beispiel. Ja, wir hatten ein Gästezimmer. Aber wie bei den meisten Menschen wäre „Abstellraum“ das bessere Wort.

Da stand zum Beispiel ein Trimmrad drinnen, das ich niemals in Einsatz gesehen habe. Einmal hatten mein Bruder und ich das entdeckt und versuchten, damit zu spielen, aber das machte meinen Vater sehr wütend. Man könne das noch gut verkaufen, meinte er. Und, dass wir sowieso alles kaputt machen, womit wir spielen. So in der Art.

Was ich vergessen habe, zu erzählen: An diesem Tag war meine Mutter im Krankenhaus. Sagte mein Vater. Aber wir hatten sie bisher noch nicht besucht, also wussten wir Kinder nicht, wo das ist und wie lange sie wegbleibt. Das passierte öfter einmal, darum waren wir nicht besorgt.

Als mein Onkel ankommen sollte, hatte mein Vater meinen kleinen Bruder bei einem Freund untergebracht: Auch das ein Zeichen dafür, dass dieser Besuch etwas Besonderes war, denn noch nie durfte Tobi irgendwo anders übernachten!

Um viertel nach acht sollte er ankommen und mein Vater trug mir auf, ich solle ein schönes Hemd anziehen. Mit langen Ärmeln, wie es sich gehört.

Als ich wieder in Wohnzimmer kam, knöpfte er das Hemd an den Ärmeln zu, ich hatte das nicht geschafft, und wollte, dass ich das Hemd in die Hose stopfe.

Und so saßen wir da auf der Couch und warteten darauf, dass es an der Tür klingelte.

Keine Ahnung wie lange, aber das Schweigen wurde langsam sehr, sehr langweilig.

Als es an der Tür klingelte, sprang mein Vater von der Couch und checkte noch einmal, dass ich richtig angezogen war. Wahrscheinlich war mein Onkel so ein reicher Piefke wie in den Filmen, die ich immer im Fernsehen sah, wenn ich wieder Stubenarrest hatte.

Ich überlegte mir tatsächlich kurz, ob ich einen Knicks machen soll, oder ob das nur Mädchen machen. Was machen dann Jungs? Sollte ich mich vielleicht verbeugen?

Während ich so grübelte, tauschten mein Onkel und mein Vater Grußformeln aus an der Tür. Ich konnte sie nicht sehen, nur hören.

„Hallo Bernd“ – „Hallo Tommy!“

Seltsam, wenn der eigene Vater mit dem Vornamen angesprochen wird, oder? Alle anderen Menschen, die ich kannte, nannten ihn Thomas. Aber sein Bruder nannte ihn „Tommy“. Es war, wie wenn ich auf einmal etwas Peinliches aus dem Leben meines Vaters wußte. Ein kleiner Schatz. „Tommy!“

Dann kam mein Onkel rein. Also der Bernd. Und er sah überhaupt nicht aus, wie ein reicher Mensch. Eigentlich sah er aus wie ein Sportler. Denn er hatte einen Trainingsanzug an und einer Sporttasche und er schwitzte sehr. Kam vom Tennis.

„Danke, dass ich bei euch übernachten kann!“, sagte mein Onkel.

„Hauptsache, Du gehst morgen wieder!“, meinte mein Vater.

„Klar, kein Problem! Freue mich auch, Dich zu sehen!“

Ui! Kühler Ton zwischen den beiden. Die scheinen sich nicht besonders zu mögen. Aber die Miesepetrigkeit meines Vaters war auf jeden Fall nicht ansteckend, denn mein Onkel strahlte über beide Backen, als er in unser Wohnzimmer kam.

„Und da ist ja der Bastian!“ sagte er. Bastian bin ich. Klar.

„Wie geht’s Dir, großer Junge?“ sagte er auch.

FA: „Mir geht’s prima, lieber Onkel! Schön, dass Du uns besuchst!“

HW: Ich sagte meinen auswendig gelernten Text auf. Mein Onkel schaute etwas verwirrt, aber er kniete sich hin und machte die Arme breit und sagte:

„Und wo bleibt meine Umarmung? Hm? Wir haben uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen, Basti! Komm, nimm Deinen Onkel in den Arm!“

Umarmung! Das auch noch! Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht wirklich eine Ahnung, wie man das genau macht. Aber ich ging zu meinem Onkel und er schloß mich in seine Arme und drückte mich. Das tat ein bisschen weh, besonders rechts und ich zog Luft zwischen den Zähnen ein, damit ich nicht wimmerte.

„Ich habe Dir ‚was mitgebracht!“ meinte mein Onkel, öffnete seine Sporttasche und zog einen Modellbausatz für eine Fieseler Storch heraus. Das ist ein Flugzeug. Und es fehlte mir in meiner Sammlung.

„Dein Vater meinte, Du bastelst gerne ab und zu!“

„Ab und zu“ war die Übertreibung des Jahres. Ich bastelte eigentlich nur! Ich meine, ich war damals zehn Jahre alt, aber die Decke von unserem Kinderzimmer war voller Modelle. Zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon vierzig Stück.

„Sag‘ mal, glaubst Du nicht, dass Du ein bisschen falsch angezogen bist mit Deinem feschen Hemd? Da draussen ist Sommer! Es hat, grob geschätzt, 200 Grad Celsius. Man kann auf der Straße Eier braten, wenn man keine Pfanne hat!“ sagte mein Onkel, immer noch supergut gelaunt.

Er lächelte mich so breit an, dass ich zurücklächeln musste und beinahe vergessen hätte, was ich sagen sollte:

FA: „Ich war heute noch nicht draußen, Onkel. Ich hatte so viele Dinge im Haus zu erledigen!“

HW: Kurz stockte ihm dann das Lächeln und ich bemerkte, wie er mich von oben bis unten musterte.

Mein Vater meinte aus dem Hintergrund:

„Hast Du nicht gesagt, Du musst Deine Hausaufgaben noch machen?“

Das war das ausgemachte Signal, dass ich zu gehen hatte. Auf mein Zimmer. Das war schade, denn ich wäre gerne noch geblieben. Vielleicht hätte ich noch andere Geheimnisse erfahren.

„Tommy“ – das war irgendwie lustig. Aber eigentlich klar, irgendwann war sogar mein Vater ein Kind – das hatte ich mir nur nie vorgestellt.

Ich sagte aber nur:

FA: „Ja, stimmt! Ich muss wirklich Hausaufgaben machen! War schön, Dich wiederzusehen, Onkel Bernd!“

Und ich trollte mich. Aber ich konnte genau spüren, wie mein Onkel genau jeden Schritt verfolgte, denn ich machte. Sein Blick brannte auf meinem Rücken. Ich war dann schon sehr froh in meinem Zimmer zu sein und meine Tür zu schließen.

Natürlich musste ich nicht wirklich Hausaufgaben machen. Die mussten wir ja schon immer gleich nach der Schule machen, damit wir den Mittagsschlaf meines Vaters nicht störten. Also fing ich sofort an, an der Fieseler Storch zu basteln.

In dieser Nacht konnte ich nicht gut schlafen. Wie meistens. Vielleicht, weil ich hörte, wie mein Vater und sein Bruder irgendetwas heiß diskutierten. Aber wahrscheinlich war mein Problem das gleiche wie immer: Ich konnte einfach keine Position finden, in der ich so entspannen konnte, dass ich endlich einschlief.

Irgendwann, mitten in der Nacht, wurde ich wach, weil ich sah, wie jemand kurz, ganz kurz, im Flur das Licht anmachte. Dann war alles wieder sehr still. Doch plötzlich drückte jemand die Klinke an meiner Tür runter und die Tür öffnete sich langsam.

Ich sah die Umrisse eines Mannes, wie er in mein Zimmer kam und dann die Tür wieder schloß. Etwas atmete aus, als hätte es die ganze Zeit krampfhaft die Luft angehalten.

Ich hatte keine Ahnung, wer das war und hatte wirklich Todesängste. Ich fürchtete mich sowieso im Dunklen. Vor Geistern, Zombies, Werwölfen, Vampiren – egal! Wenn ich von einem neuen Monster erfuhr, dann kam das automatisch auf die Liste.

Aber es wurde dann wieder ganz still. Wenn ich mir wirklich Mühe gab, dann könnte ich mir vielleicht einreden, dass niemand im Raum war und einfach weiterschlafen!

Klappte nicht wirklich. Stattdessen konnte ich quasi spüren, wie sich diese Figur mir näherte. Es war wahrscheinlich einfach die Wärmequelle, die so ein großer menschlicher Körper ist, aber ich spürte es genau.

Ich versteckte mich unter der Decke, kauerte mich zusammen, drückte meine Augen fest zu und betete zum lieben Gott, dass dieser Mensch wieder weggehen würde!

Doch die Decke wurde weggezogen. Ich wollte schreien, aber Schreien geht nicht. Schreien ist verboten. Man darf nicht schreien!

Es war mein Onkel mit einer kleinen Taschenlampe. Er rollte mich auf den Bauch und ich ließ, alles mit mir geschehen. Dann zog er sanft meinen Schlafanzug hoch und betastete mit seinen warmen Finger meinen Rücken.

Er studierte meinen Körper genau und ich hörte, wie er heftiger atmete. Ich hatte keine Ahnung, was genau passierte. Aber plötzlich stand er auf, löschte das Licht und sagte „Gute Nacht, Kleiner. Schlaf jetzt! Und erzähle niemandem, was hier passiert ist! Vor allem nicht Deinem Vater!“

FA (verwirrt): „Mach‘ ich! Versprochen.“

Es war seltsam, ich hatte den Eindruck gehabt, mein Onkel hätte eine Stimme gehabt, wie jemand, der ein bisschen geweint hat.

Ich war innerlich aufgewühlt und konnte nun noch schlechter schlafen. Aber irgendwann schlief ich dann doch.

Als ich um sechs Uhr aufstand, um wie immer das Frühstück für mich und meinen kleinen Bruder zu machen, war mein Onkel schon weg. Zu spät fiel mir ein, dass mein Bruder nicht da war und deshalb aß ich beide Schüsseln mit Corn Flakes alleine. Was schon einmal ein außergewöhnlich guter Start in den Schultag war!

Als ich die Wohnung verließ, war ich – wie immer – einerseits erleichtert und hatte Angst gleichzeitig. Denn draussen war es gefährlich, hatte mir mein Vater immer eingeschärft. Draussen musste man genau aufpassen, was man sagte.

Wenn ich gewusst hätte, dass das der letzte Morgen war, an dem ich diese Wohnung verlassen und zur Schule gehen würde…

Denn, als ich von der Schule wieder nach Hause gekommen war, war schon die Polizei da. Und mein Onkel. Und Leute vom Jugendamt. Ich war sehr durcheinander.

Jemand hatte auf dem Küchentisch alle leeren Whiskeyflaschen aufgebaut, die man im Haus nur finden konnte. Und mein Vater saß am Tisch und weinte und schaute mich nicht einmal mehr an.

Mein Bruder und ich hatten das verdammte Glück, dass mein Onkel und meine Tante uns aufnahmen und wir in deren kleinen Haus groß werden durften. Der Rest meiner Kindheit war dann eigentlich völlig normal.

Wir wurden auf jeden Fall nie mehr in unserem Leben geschlagen. Nicht mit den Händen, auch nicht mit dem Rohrstock. Oder Löffeln, Gürteln oder Hammern. Keiner drückte mehr Zigaretten auf unseren Körpern aus oder schnitt uns mit Glasscherben, so wie unsere Eltern das all‘ die Jahre getan hatten.

Wie schon am Anfang gesagt: An diesem Tag änderte sich alles.

Nur wegen diesem Tag bin ich heute ein so normaler Mensch.

Jetzt bin ich 35 Jahre alt, aber manchmal habe ich immer noch so Angst vor Zombies, Werwölfen oder vor allem vor Vampiren, dass ich nicht schlafen kann.

Jederzeit kann jemand kommen und Dir sehr, sehr wehtun.

Das glaubt der kleine zehnjährige Junge in mir heute noch.