Uri Geller


Wenn ich ein Außerirdischer wäre vom Planeten Hoova und mein Auftrag wäre es, die Menschheit auf dem Planeten Erde zu warnen, dass sie an einem Scheideweg ist und tunlichst aufpassen soll, was sie als Nächstes macht – was würde ich dann tun?

Ich würde mein Mutterschiff heimlich in eine Umlaufbahn lenken und dann, im Jahre 1950 einem dreijährigen Jungen in Tel Aviv übermenschliche Fähigkeiten geben. Superkräfte. Zum Beispiel die Kraft… Teelöffel zu verbiegen…

Klingt unglaublich, aber genau das hat Uri Geller behauptet, als er in den Siebzigern die Titelblätter europäischer Magazine schmückte. Ein Rückblick auf vergangene Tage der Parapsychologie… 😉


Bildrechte: David Parry/PA Wire / CC BY 3.0
Musik: „Uri Geller“ von UN MUNDO FELIZ / CC BY-NC-SA 3.0
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Skript zur Sendung


Unsere heutige Geschichte spielt im Jahre 1974. Und damit ein paar Monate nach der sogenannten Ölkrise. Der wir ja eine ganze Sendung gewidmet haben. Öl-Schock wäre wahrscheinlich ein passenderer Name.

Der Westen bemerkte plötzlich, dass er sich und seine Wirtschaft komplett von der OPEC, der Gemeinschaft ölproduzierender Länder, abhängig gemacht hatte. Man war erpressbar geworden.

Die westliche Wirtschaft hatte einen herben Schlag erlitten. Den völligen Kollaps konnte man nur abwenden, indem man die politischen Forderungen der OPEC erfüllte und Israels Landgewinne aus dem Sechs-Tage-Krieg nicht anerkannte.

Dieser Schock saß tief. Für Deutschland ging es zum ersten Mal nach dem Wirtschaftwunder nicht mehr nur bergauf, sondern es ging plötzlich bergab. Die Arbeitslosenzahlen stiegen, das Wachstum war negativ, Entlassungen, Streiks, autofreie Sonntage.

Irgendwie war die Illusion kaputt, dass man nun ein Modell gefunden hatte, in dem alle zu Wohlstand kommen könnten. Alles sachlich und wissenschaftlich zu lösen sei.

Mit der Mondlandung war ein Boom die Science-Fiction ausgebrochen. Es war klar, dass man spätestens 1980 eine Mondstation haben würde, in den Neunzigern den Mars besiedeln würde und im Jahr 2000 unser Planetensystem verlassen würde – to boldly go where no one has gone before!

Beim Raumschiff Enterprise übrigens, dem mit Kirk und Spock, dessen Folgen damals im ZDF liefen, war gefühlt jede zweite Zivilisation übermenschlich. Wesen zum Beispiel, die uns so weit überlegen waren, dass sie ihre körperliche Form schon lange aufgegeben hatten – purer Geist!

Selbst der Wissenschaftler Spock verfügt natürlich über die Gabe der Telepathie. Und er konnte nicht nur seinen Geist mit anderen Humanoiden verschmelzen, sondern im Notfall auch mit einer wild gewordenen Calzone im Bergwerk. Horta hieß die.

Bei Perry Rhodan holten derweit immer die Mutanten für ihn die heißen Eisen aus dem Feuer. Gucky, Tako Kakuta, Ras Tschubai oder Iwan Iwanowitsch beherrschten Telekinese, Teleportation, Telepathie und das sogenannte Mutantenkorps alle nur erdenkbaren übernatürlichen Kräfte.

Der Boden war also bereitet für einen echten Menschen, der übernatürliche Kräfte hat. Alles wartete auf ein Wunder. Alles wartete auf den ersten Homo superior. Und in unserer Bundesrepublik kam er dann auch vor die Kameras. Am 17. Januar 1974. In Wim Thoelkes Sendung „Drei mal Neun.“

Ein schüchterner, junger Israeli tritt vor die Kameras. Und behauptet, schon als Dreijähriger in der Küche seiner Mutter bemerkt zu haben, dass er über übernatürliche Fähigkeiten verfügt. Und das könne er auch vor laufenden Kameras zeigen.

Also: „Gebt dem Mann einen Löffel!“ Und das tat man dann. Er begann einen Teelöffel zärtlich am Hals zu streicheln. Zu pulsierender Hintergrundmusik. Natürlich könne er nicht garantieren, ob das klappt! Der gute Wim springt ihm rasch zu Seite.

Herr Thoelke darf denn Löffel auch mal anfassen und man sieht deutlich seine schlecht manikürten Wurstfinger im Bild.

Und da passiert es: Der Löffel bricht auseinander! Die Bruchstellen sind nicht warm. Nur mit seinen übermenschlichen Fähigkeiten hat er das gemacht. Nur weil er im Geiste immer vor sich hin sagte: „Bend! Bend! Bend!“ – „Verbiege Dich“ – hätte er die Molekulalarstruktur des Löffels verändert.

Im weiteren Verlauf der Sendung bringt er dann noch kaputte Uhren wieder zum Laufen. Bis dann plötzlich die Redaktion unterbricht.

Überall in der geplagten Republik kam es zu unerklärlichen Wundern. Löffel, Gabeln und Messer verbogen sich in den Besteckschubladen der Nation. Reihenweise funktionierten kaputte Uhren auf einmal wieder. Die Sensation war perfekt!

13 Millionen Menschen hatten Uri Geller gesehen und er landete schnurstracks auf allen Titelseiten aller Illustrierten. Titelstory im Stern – der damals noch die Nummer eins war; Titelgeschichte in der Hörzu – die größte Fernsehzeitschrift damals; Titelgeschichte im Spiegel – begleitet von Interwievs mit Wissenschaftlern. Aus dem Gebiet der Parapsychologie natürlich.

„Ist halt noch nicht erklärbar, aber das kriegen wir schon noch hin!“ Alles roger!

Der Spiegel führt übrigens auch schön Buch zu all den kleinen Wundern, die sich während der Sendung in der BRD so zutrugen.

„In Kassel, Schönfelder Straße 8, empfand Irene Grob, eine Erbuhr aus dem Ersten Weltkrieg zwischen den Fingern, plötzlich ‚ein Kribbeln in der Hand’“

„Bei der Familie Klarer in Straubing, lagen plötzlich die Löffel ‚mit einem Rückwärtsknick von etwa 45 Grad‘ in der Schublade.“

„Bei den Flinks in Nippes bog sich das Geschirr sogar, obwohl die Schublade mit dem Silber ‚zweimal abgeschlossen‘ war.“

„In München, ‚plötzlich hat’s puff gemacht‘, versagte ein Fernsehgerät und bei Adelheid Senning in Augsburg zerknackte ein Nußknacker.“

Die Bild-Zeitung bucht Geller gleich für eine ganze Serie an Artikeln und startet eine besondere Aktion: Die Leser sollen die Bildzeitung mit dem formatfüllenden Uri Geller auf der Titelseite auf einen Tisch legen und darauf einen Löffel oder eine kaputte Uhr.

Pünktlich um 17:30 h sollen alle ganz fest an Uri Geller denken! Wunder werden geschehen. Bitte gleich die Ergebnisse an die Bildzeitung schicken!

Und so geschah es und die Redaktion konnte sich über mehrere hundert Wunder freuen.

Deutschland glaubte das Unerklärliche. Deutschland wurde Geller-Land. Von Deutschland aus startet er eine Karriere, die sich in ganz vielen europäischen Ländern wiederholen würde.

Uri Geller wurde zu einem internationalen Phänomen.

Doch… hätte man damals genauer hingeschaut, hätte man schon damlas leise die ersten Zweifel haben können. Denn bevor Geller Europa eroberte, versuchte der junge Israeli sein Glück in den USA.

Er tingelte als Illusionist durch die Clubs der Staaten. Doch im Unterschied zur Konkurrenz behauptete er immer, er sei kein Magier. Er kenne nicht einen einzigen Zaubertrick! Zauberei sei ihm fremd. Mag er eigentlich nicht, diese Lügen-Gewerbe.

Nein, bei ihm handelt es sich um übernatürliche Fähigkeiten! Er sei Telekinet und Telepath. Und in die Zukunft könne er auch sehen!

Tatsächlich wird er damit so berüchtigt, dass er sich der Redaktion der Times vorstellen darf und dort sein Repertoire abspult. Klappt auch alles ganz prima und er verlässt die Redaktionsräume gut gelaunt.

Was er nicht weiß, ist, dass einer seiner Zuseher James Randi war. Ein Zauberkünstler. Aber ein Zauberkünstler mit einem Hang zum Wissenschaftlichen.

Nachdem Geller gegangen war, behauptete Randi vor der Redaktion, das sei alle nur Hokuspokus. Taschenspielertricks. Und um das auch zu belegen, wiederholt er einfach jede Nummer haargenau. Eins zu eins. Und erklärt dabei die Tricks.

Die Times nimmt dann Abstand von einer Veröffentlichung. Doch Johnny Carson war durch diese Geschichte auch auf Geller aufmerksam geworden. Der hatte damals die größte Talk-Show in den Staaten. Und, weil er selber begeisterter Hobby-Zauberer war, auch das Gefühl, dass da etwas schief läuft.

Also lud er Geller in seine Sendung ein. Zuvor hatte er sich telefonisch mit James Randi abgesprochen. Alle benötigten Requisiten für Gellers Standard-Wunder waren von Carson getestet worden und Geller hatte keine Möglichkeit, diese vorher zu sehen.

Nichts funktioniert. Nichts klappt. Kein Trick funktioniert. Geller fühlt sich unter Druck gesetzt. In dieser skeptischen Stimmung klappt das halt nicht mit dem Übernatürlichen.

Das ist eine anfällige Sache, diese Telekinese. So ein Löffel braucht schon die richtige Stimmung, um sich zu verbiegen.

Nach diesem Auftritt packt Geller gedemütigt seine Koffer und versucht es in Europa noch einmal. Und, wie wir ja schon berichtet haben, dieses Mal klappt es.

Geller wird mit seinen Tricks Millionär. Die Menschen lieben ihn. Und auch die Großen und Berühmten. Elvis Presley, Elton John, Michael Jackson, John Lennon – alle lassen ihn einfliegen und sich mit ihm fotografieren.

Scheint gut zu laufen. Auch wenn seine Psyche nicht so wirklich mitspielt. Geller beginnt jeden Tag mehr und mehr zu trainieren. Und entwickelt zusätzlich auch noch Bulimie. Sein Unbewusstes kommt wohl nicht so gut damit zurecht, dass er den ganzen lieben Tag etwas spielen muss, von dem er weiß, dass es gelogen ist.

1976 scheint sein Stern wieder zu sinken, so dass er schnell eine Autobiografie hinterher schickt. Da behauptet er, Außerirdische vom Planeten „Hoova“ hätten ihn auf sein Mutterschiff geholt und ihn mit diesen übernatürlichen Kräften ausgestattet. Um die Menscheit zu warnen! Denn: Die Menschheit befindet sich an einem kritischen Punkt ihrer Entwicklung! Schreibt Geller. Und darum gaben die Hooveraner ihm diese Kräfte.

Na ja, das ist dann doch ein bisschen harter Tobak. Außerirdische fliegen von weither nach Israel, um die Menschheit zu retten und zu warnen. Und das tun sie, indem sie einem Dreijährigen die Kraft geben, Löffel zu verbiegen? (Könnten ja auch einfach die Lichthupe an ihrem Raumschiff betätigen, das wäre überzeugender…)

Geller wird in seinen mageren Jahren Berater von Ölfirmen, behauptet er. Er kann sagen, wo Öl ist und wo nicht. Und er berät auch in Südafrika Companies, die nach Diamanten suchen. Er löscht im Auftrag des CIA Disketten in Koffern von KGB-Agenten, behauptet er.

Er beinflusst Fußballspiele für britische Vereine, behauptet er. Und da, wo der Big Ben auf einmal stehen geblieben ist, das war ich auch! Behauptet er.

2005 versucht ihn ein Journalist dazu zu bringen, zuzugeben, dass er seinen Ruhm nur dem lieben, kleinen Teelöffelchen verdankt. Da wird der Gedankenleser unruhig und zählt alle seine Meriten auf.

In Wirklichkeit will schon lange keiner mehr Uri Geller zuschauen, wie er Löffel verbiegt. Seine Profession ist da schon weiter. Die Ehrlich Brothers zum Beispiel verbiegen in ihren Shows mittlerweile ganze Stahlträger. Bei Heavy-Metal-Musik. In schicken Kostümchen. Löffel-Streicheln? Wer will das sehen?

2007 bekommt er doch noch eine Chance. Pro7 will mit ihm eine Show produzieren. Die soll „The Next Uri Geller“ heißen. Da soll er seine Wissen noch einmal ausspielen dürfen. Indem er richtet über Zaubertricks von anderen. Er ein Urteil fällt über noch unbekannten Illusionisten.

Das Konzept hat nur einen großen Haken: Wenn es bei Geller gar kein Trick war, sondern tatsächlich übernatürliche Fähigkeiten, dann kann er sich ja gar kein Urteil erlauben!

Aber die Gelegenheit, viel Geld zu verdienen, ist zu günstig. Also gibt Geller im Vorfeld der Show offen zu, dass er nie übernatürliche Fähigkeiten gehabt hat. Dass er nur Entertainer sei. Aber ein sehr guter. Klar!

Schade für eine nicht unbeträchtliche Menge an Akademikern, die ihm geglaubt haben und ihre wissenschaftlichen Karrieren an seinen angeblich parapsychologischen Fähigkeiten fest gemacht haben.

Für die kommt diese Erklärung natürlich 30 Jahre zu spät.

Aber, wie schon gesagt, die Zeichen waren da! Man hätte schon 1974 sein Spiel ganz leicht aufdecken können. Johnny Carson und James Randi hatten deutlich gezeigt, wie übernatürlich diese Fähigkeiten in Wirklichkeit waren.

Aber 1974 wollten wir halt nicht zuhören! Die Schuld trifft in diesem Fall nicht Uri Geller, sondern uns, die wir so verzweifelt an das Übermenschliche glauben wollen.

Dieser dringende Wunsch finanziert mittlerweile eine ganze Industrie an Esoterik und Lebensberatung.

Ein ganzer Wirtschaftszweig, der die wissenschaftliche Methode einfach ablehnt. Und angefangen hat das für die Bundesrepublik mit dem Massen-Verdummungs-Phänomen Uri Geller.

So hat das Ganze auf jeden Fall „Die Zeit“ getauft.
Schon im Januar 1974.
Als einziges Organ im Pressespiegel von damals.
Hut ab!

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