Unsichtbar wunderschön


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Wenn man sich eine Verkleidung aussuchen könnte, um in der Stadt von niemandem beachtet zu werden, dann wäre „Teenager“ eine gute Wahl.

Das hat sich auch in göttlichen Kreisen herumgesprochen. Dabei könnte man manchmal wunderschöne Geschichten hören.


Download der Sendung hier.
Musiktitel: „Avec mon coeur“ von JEREMIE BEUL / CC BY-NC-SA 3.0


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Die Geschichte zum Lesen

Abgewetzte Pants, verwaschener Hoodie, Chucks, Cap und Spiegelbrille: Der Kleine sieht aus wie eigentlich alle Vierzehnjährigen in der Stadt. Womit er doppelt unsichtbar ist. Niemand interessiert sich für ihn, niemand blickt ihn an. Er wusste genau, wie man unsichtbar ist.

Am Straßenrand kauert ein verheultes Mädchen. Schwarzer Rock, schwarze Leggings, schwarzer Sweater, weißgeschminkt, Punkfrisur. Auch eine Methode. Sie wusste genau, wie man unsichtbar ist.

Keiner schaut zu, als die beiden sich treffen. Keiner sieht, wie er sich freut und sie sich vor ihm versteckt. Keiner beobachtet, wie er trotzdem stehenbleibt und sie anspricht:

„Hey, ich habe Dich überall gesucht. Wo treibst Du Dich nur immer rum?“

„Hau ab!“

„Bist Du gestresst, oder was?“

„Ich hab‘ gesagt, Du sollst abhauen!“

„Mit mir kannst Du doch reden!“

„Will nicht reden!“

„Wir brauchen Dich.“

„Red‘ keinen Scheiß! Bitte, nicht Du!“

Der Junge verstummt. Er nimmt die Airpods aus den Ohren und verpackt sie ordentlich. Dann steckt er die Hände in die Taschen und wartet. Ihre Schultern zucken, sie heult weiter.

Er stöhnt, verdreht die Augen, nimmt seine Brille ab und setzt sich neben sie. Sie rutscht ein Stück von ihm weg. Er berührt sie vorsichtig am Arm:

„Hey, Kleine, Du kannst nicht einfach wegrennen! Die Menschen brauchen Dich!“

Sie schreit ihn an: „Du sollst keinen Scheiß reden! Du weißt, dass das nicht stimmt! Und Dich braucht auch keine Sau!“

Er lehnt sich an die Wand, schüttelt langsam seinen Kopf. Holt er halt die Airpods wieder raus. Hört er halt ein bisschen Musik. Bis sie sich wieder fängt.

Nach zwei, drei Stücken sieht er, dass sie die Lippen bewegt hat.

„Sorry, was hast Du gesagt?“

„Ich habe gesagt: ‚Ich kann nicht mehr!‘. Das ist zuviel. Das ist Pfusch. Das… Es ist keine Zeit mehr. Die Menschen haben keine Zeit!“

„Wem sagst Du das? Ich bin am anderen Ende, vergessen? Mir geht es genau wie Dir.“

„Und? Fühlst Du nicht das Gleiche?“

„Natürlich geht’s mir genauso! Ich komme auch nicht hinterher!“

Die beiden schauen sich an. Dann starren sie auf das Haus gegenüber. Auf einen Waschsalon. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag, ein Laden voller Maschinen. Kein Mensch in dem Waschsalon..

Er nimmt wieder die Airpods raus und verpackt sie umständlich. Sie holt aus ihrer Tasche ein Taschentuch. Sie tupft sich den verlaufenen Kajal ab. Als Spiegel verwendet sie ihr Smartphone. Er sagt:

„Es sind zu viele. Viel zu viele. Heute kommen die Paare per App zusammen.“

„Und sie trennen sich per Kurznachricht.“

„Die meisten wissen nicht mehr, wie es ist, sich zu verlieben.“

„Oder wie es ist, wenn eine Beziehung endet. Sie beenden sie vorher.“

„Das System hat schon früher nicht gut funktioniert, als es 20 Millionen waren.“

„Wieviel sind es jetzt? Sieben Milliarden! Ein Irrsinn!“

„Kann man sich nicht vorstellen, oder? Sieben Milliarden!“

„Das ist komplett aus dem Ruder gelaufen. Wie machen das die anderen Götter?“

„Pfft! Keine Ahnung. Ich rede nicht mit vielen.“

„Echt? Aber Du warst immer so beliebt! Aphrodites Liebling!“

„Das musst gerade Du sagen, Du und Thanatos, ihr seid doch auch unzertrennlich!“

„Ich fand eigentlich schon immer Morpheus attraktiver.“

„Und ich Athene!“

„Ach was! Du willst mich nur eifersüchtig machen.“

Auf der Straße, gegenüber des Waschsalons, sitzen zwei Teenies und kichern. Keiner beachtet die beiden. Er rückt etwas näher. Sie lächelt ihn schüchtern an und flüstert:

„Danke, dass Du nach mir geschaut hast. Das war lieb.“

„Selbstverständlich. Was wäre ich denn ohne Dich?“

„Ach, Quatsch: Auf Dich werden Gedichte geschrieben. Balladen, Filme, Bücher – jeder zweite Popsong ist Dir gewidmet!“

„Schon. Aber das meinen die Menschen nicht so. Du kannst Helene Fischer nicht mit ‚Romeo und Julia‘ vergleichen.“

„Auf Dich werden Songs geschrieben. Auf mich nicht. Punkt.“

„Du hörst nicht hin. Was ist mit ‚Famous Blue Raincoat‘?“

„Na gut. Ein Song über das Ende einer Beziehung. Und wie viele über das Frisch-Verliebtsein?“

„Du weißt genauso gut wie ich, dass das Eine nicht ohne das Andere geht!“

„Lass gut sein, Eros, dieses Gespräch haben wir schon so oft geführt.“

„Ja, Du hast recht.“

Sie rückt ihm näher und hält sich an seinem Arm fest. Sie legt den Kopf auf eine Schulter. Er sortiert ihre stacheligen Haare und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. Er flüstert: „Weißt Du, wie ich das mache mittlerweile? Soll ich Dir mein Geheimnis verraten?“

„Ja. Sag‘!“

„Ich mache fast nichts mehr.“

„Wie? Du machst fast nichts mehr?“

„Es ist mir egal, dass es so viele Menschen sind. Und so viele Pärchen. Ich suche mir zwei Menschen aus, die mir gefallen und denen schenke ich echte Liebe.“

„Und die anderen?“

„Die anderen lesen von der Liebe oder hören die Songs oder sehen die Filme. Und die denken dann, sie würden sich lieben. Aber in Wirklichkeit lieben sie nur sich selber. Oder ein Bild, dass sie sich vom anderen machen. Was genau das Gleiche ist.“

„Und das merkt keiner?“

„Kein Mensch.“

„Ist das nicht ziemlich egoistisch von Dir?“

„Wieso? Wie machst Du das denn? Sag‘ ehrlich: Wie machst Du das? Abschied für Milliarden von Beziehungen?“

„Ich versuche so viele leiden zu lassen und so viel Verzweiflung zu säen, wie ich kann. Aber der Schmerz wird dadurch flach. Es ist weniger Trauer für jeden. Eigentlich mache ich meine Arbeit genauso schlecht wie Du.“

„Und? Das merkt keiner?“

„Die Menschen merken das nicht. Die trennen sich ohne Schmerzen. Die glauben nicht mehr, dass auch eine gute Beziehung verdorren kann. Verzweiflung? Melancholie? Leiden? Trauer? Wer will das? Keiner!“

„Die beenden ihre Beziehungen einfach so? Aber, das ist ja unmenschlich!“

„Möchte man meinen. Ich habe herausbekommen, wie sie das hinkriegen: Sie beschäftigen sich nicht damit! So einfach ist das. Die glauben nicht, dass etwas einmal gut und richtig sein kann, seine Zeit hat – und trotzdem, nach dieser Zeit, beendet werden muss.“

„Was empfinden sie dann am Ende einer Liebe?“

„Die sagen sich: ‚Das war unbefriedigend‘ und ‚Das war die falsche Person!‘ Und dann fangen sie von vorne an.“

„Machen sie dann nicht die gleichen Fehler immer wieder?“

„Machen sie. Schau‘ Dich um! Kommt das nicht vor, dass Du Deine Pfeile oft auf die gleiche Person schießt?“

„Puh! Keine Ahnung. Ich habe schon lange den Überblick verloren!“

„So geht es mir auch.“

Wieder schweigen die beiden unsichtbaren Teenager. Sie sucht in ihrer Tasche nach der Flasche mit Wasser und trinkt einen Schluck. Sie bietet ihm die Flasche an und er nimmt auch einen Schluck. Agonia legt ihren Kopf wieder an die Schulter von Eros. Sie sagt:

„Wir sollten einfach ganz aufhören. Das würde auch keiner merken.“

„Ach, Agonia, sag‘ nicht so etwas! Was soll dann aus der Kunst werden?“

„Scheiß auf die Kunst!“

„Sag‘ das bitte nicht! Wenn Du mich fragst, ist Kunst der beste Grund, diese Menschen zu lieben.“

„Liebst Du denn die Menschen?“

„Ich weiß nicht.“

„Dann überleg‘ mal!“

„Und Du?“

„Ich liebe sie sehr. Sie sind so zerbrechlich. Ihre Leben sind so kurz. Und sie versuchen voller Leidenschaft, diese paar Jahre mit Sinn zu füllen. Sie tun mir so leid. Wenn ich sie anschaue, dann kommen mir die Tränen. Sie sind so wunderschön! Heute Helden und Heldinnen, morgen tot.“

„Ich liebe sie auch. Da gibt es etwas in der erotischen Erfahrung, das größer ist als das Leben selber. Nicht viele erfahren das, aber körperliche Liebe ist eine Naturgewalt. Manchmal bin ich nur dankbar, dass ich ihnen helfen kann.“

Mit einem Schmunzeln hebt sie ihren Kopf und schaut Eros ins Jungengesicht. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Backe und sagt kopfschüttelnd:

„Du bist sooo kitschig! Manchmal muss ich mich richtig zusammenreißen, um nicht zu kotzen, wenn Du so rumschmalzt!“

„Und Du bist so voller Mitleid, dass Du Dich verlierst! Wenn irgendein Gott einen Helferkomplex hat, dann Du!“

Es ist traurig, dass niemand darauf achtet, wie die zwei Teenager da an der Wand lehnen und lachen. Wie echte Menschen. Wie sie lachen! Er sagt:

„Weißt Du was, Agonia?“

„Was denn?“

„Da ist etwas, was ich Dir schon lange sagen wollte.“

„Nur raus damit.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob Du mich ernst nimmst!“

„Natürlich nehme ich Dich nicht ernst!“

„Gut. Aber vielleicht dieses eine Mal?“

„Jetzt sag‘ schon! Mach’s nicht so spannend!“

„Seit ich Dich kenne, liebe ich Dich. Jeden Tag seit Anbeginn der Schöpfung.“

„Ach. Das.“

„Wie? Was? Wusstest Du das?“

„Aber natürlich! Als ob Du jemand wärst, der Geheimnisse haben kann!“

„Und Du hast nie etwas gesagt?“

„Nein. Natürlich nicht.“

„Aber, Agonia, warum?“

„Weil nie etwas aus uns werden würde, Eros. Unsere Beziehung ist zum Scheitern verdammt. Verstehst Du das nicht?“

„Du liebst mich also auch?“

„Ach, hör‘ auf!“

„Sag‘ schon!“

„Ja. Ich liebe Dich auch.“

„Aber dann lass‘ es uns einfach versuchen!“

„Nein, das macht überhaupt keinen Sinn!“

„Aber das macht doch nichts!“

„Es wäre umsonst.“

„Du Dummkopf! Alles hört einmal auf! Du beneidest die Menschen, dass sie sich gegen die Sinnlosigkeit auflehnen, aber Dir selber räumst Du dieses Recht nicht ein!“

„Aber ich bin doch kein Mensch!“

„Agonia, wir könnten auch wunderschön sein! Heute Held und Heldin!“

„Morgen tot?“

„Dann sind wir halt nur für einen Tag menschlich! Hauptsache, wir haben es versucht!“

Die Tage der Legenden sind vorbei. Keiner schreibt mehr Hymnen auf Apollon oder stößt zu Ehren Dionysos‘ an. Kein Donner vom Himmel, keine Blitze, als sich Agonia und Eros zaghaft einen Kuss geben. Wie zwei Teenager. Wie zwei Menschen.

Kein Mensch ist im Waschsalon und sieht sie. Ich schon.

Sie sind wunderschön.

Cassette off


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